{"id":673,"date":"2019-02-13T19:20:12","date_gmt":"2019-02-13T18:20:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www2.altenbergtrio.at\/?p=673"},"modified":"2019-02-13T19:20:19","modified_gmt":"2019-02-13T18:20:19","slug":"shostakovitch-sonate-g-dur-op-134","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/shostakovitch-sonate-g-dur-op-134\/","title":{"rendered":"Shostakovitch: Sonate G-Dur op.134"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Dmitrij Shostakovitch<\/h3>\n\n\n\n<p>* 12. September 1906<br>\u2020 09. August 1975<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Sonate G-Dur op.134<\/h3>\n\n\n\n<table class=\"wp-block-table\"><tbody><tr><td>Komponiert:<\/td><td>Repino \/ Zukovka, 26. August &#8211; 23. Oktober 1968<\/td><\/tr><tr><td>Widmung:<\/td><td>David Oistrach zum sechzigsten Geburtstag (30. September 1968)<\/td><\/tr><tr><td>Urauff\u00fchrung:<\/td><td>geschlossen: Moskau, Haus des Komponistenbundes, 8. J\u00e4nner 1969<br>\nDavid Oistrach (1908-1974), Violine<br>\nMoisej Vajnberg (1919-1996), Klavier<br>\n\u00f6ffentlich: Moskau, Gro\u00dfer Saal des Konservatoriums, 3. Mai 1969<br>\nDavid Oistrach, Violine<br>\nSvjatoslav Richter (1915-1997), Klavier<br>\n<\/td><\/tr><tr><td>Erstausgabe:<\/td><td>Boosey &amp; Hawkes (Anglo-Soviet Music Press), London, 1969<\/td><\/tr><\/tbody><\/table>\n\n\n\n<p>Im April 1935, wenige Monate nach der Urauff\u00fchrung der Cellosonate,  reiste Schostakowitsch mit einer gro\u00dfen Musikerdelegation im Auftrag  Stalins in die T\u00fcrkei. Bei dieser Gelegenheit kam es zur ersten n\u00e4heren  Begegnung mit dem um zwei Jahre j\u00fcngeren David Oistrach, der ebenso wie  Schostakowitschs guter Freund Lev Oborin die Tournee mitmachte. Obwohl  Schostakowitsch Oistrach bewunderte \u2013 und au\u00dferdem mit ihm die  Leidenschaft f\u00fcr das Schachspiel teilte, kam es in den n\u00e4chsten Jahren  zu keiner engeren Zusammenarbeit. Als Oistrach mit seinen Triopartnern  Oborin und Knu\u0161evickij das Trio op.67 urauff\u00fchren wollte, verweigerte  der Komponist ihnen das mit R\u00fccksicht auf seine Freunde vom  Beethoven-Quartett. Gegen Ende seiner Herrschaft schickte Stalin die  prestigetr\u00e4chtige Troika \u2013 Schostakowitsch, Oistrach, Oborin \u2013 noch  einmal auf eine wichtige Auslandsmission: Im M\u00e4rz 1952 reisten die drei  Musiker aus Anla\u00df des 125. Todestages von Ludwig van Beethoven in  offizieller Mission nach Deutschland. In diesen Jahren, vor allem aber  nach Stalins Tod, intensivierte sich der Kontakt zwischen Oistrach und  Schostakowitsch. Nach au\u00dfen hin sichtbares Zeichen dieser Ann\u00e4herung war  die Widmung des w\u00e4hrend des Terrorregimes in die Schublade verbannt  gebliebenen ersten Violinkonzertes (op.77, 1947\/48) an Oistrach, der das  Werk zusammen mit Mravinskij und seinem Orchester am 29. Oktober 1955  in Petersburg aus der Taufe hob. Als einige Jahre sp\u00e4ter Oistrach auch  zu dirigieren begann, nahm er Schostakowitschs IX. und X. Symphonie in  sein Repertoire auf. W\u00e4hrend im Falle des ersten Violinkonzertes der  amerikanische Agent Oistrachs den mittelbaren Ansto\u00df f\u00fcr das  Zustandekommen der Urauff\u00fchrung gegeben hatte, fand die k\u00fcnstlerische  Zusammenarbeit zwischen dem Komponisten und seinem Interpreten  schlie\u00dflich in drei ganz ohne fremde Vermittlung zustandegekommenen  Premieren ihre Kr\u00f6nung: Am 13. September 1967 f\u00fchrte Oistrach mit  Kondra\u0161in und den Moskauer Philharmonikern das ihm gewidmete zweite  Violinkonzert (cis moll, op.129) auf, und schon wenige Wochen sp\u00e4ter, am  28. Oktober 1967, wirkte er an der Urauff\u00fchrung der f\u00fcr Galina  Vi\u0161nevskaja geschriebenen Suite op.127 (f\u00fcr Sopran und Klaviertrio, nach  Gedichten von Aleksandr Blok) mit; am 8. J\u00e4nner und am 3. Mai 1969  endlich hob Oistrach die Violinsonate aus der Taufe, die Schostakowitsch  als Geschenk zu Oistrachs sechzigstem Geburtstag gedacht hatte: das  erste dieser beiden Konzerte fand als geschlossene Veranstaltung im  Moskauer Haus des Komponistenbundes statt, wobei der Komponist Moisej  Vajnberg Oistrachs Partner war; die \u00f6ffentliche Urauff\u00fchrung, die zum  Gl\u00fcck als Tonaufnahme verewigt wurde, bestritt Oistrach mit Svjatoslav  Richter.<br> <br> \u00dcber die Widmung des zweiten Violinkonzertes und der Violinsonate  berichtet Oistrach in einem kurz vor seinem Tode verfa\u00dften Aufsatz, der  ein Jahr nach Schostakowitschs Tod in einem Erinnerungsband zum  siebzigsten Geburtstag des Meisters erschien:<br> <br> <em>\u201eDmitrij Dmitrievic hatte beschlossen, mir ein Geschenk zu machen und  f\u00fcr mich ein neues, zweites Violinkonzert zu schreiben, das er mir zu  meinem Sechziger \u00fcberreichen wollte. Aber er hatte sich um ein Jahr  geirrt. Das Konzert war gerade rechtzeitig zu meinem neunundf\u00fcnfzigsten  Geburtstag fertig. [&#8230;] Offenbar meinte Dmitrij Dmitrievic, da\u00df er, da  er sich nun einmal geirrt hatte, diesen Fehler unbedingt ausbessern  m\u00fcsse. So entstand die Sonate f\u00fcr Violine und Klavier&#8230; Ich hatte  nichts dergleichen erwartet, obwohl ich schon seit langem davon tr\u00e4umte,  da\u00df Schostakowitsch einmal eine Geigensonate schreiben w\u00fcrde. Das war  ein pr\u00e4chtiges Geschenk, nicht nur f\u00fcr mich, sondern nat\u00fcrlich f\u00fcr  unsere ganze Musikwelt. [&#8230;] \u00dcberall wurde die Sonate warm  aufgenommen&#8230; Der dritte Satz war \u00fcbrigens sowjetisches Pflichtst\u00fcck  f\u00fcr die Geiger, die 1970 am Tschaikovskij-Wettbewerb teilnahmen.\u201c<\/em><br> <br> Hatte sich Schostakowitsch mit seinem ersten Geburtstagsgeschenk  verfr\u00fcht, so wurde er mit dem zweiten nicht rechtzeitig fertig: Die  Sonate wurde erst etwas mehr als drei Wochen nach Oistrachs sechzigstem  Geburtstag beendet.<br> <br> Was nun die warme Aufnahme des Werkes betrifft, von der Oistrach zu  berichten wei\u00df, so scheint sie sich in den drei Jahrzehnten seit der  Urauff\u00fchrung merklich abgek\u00fchlt zu haben. Der deutsche Kritikernestor  Alfred Beaujean nennt das Werk \u201esperrig\u201c und \u201eseltsam abstrakt\u201c, und der  einf\u00fchlsame Schostakowitsch-Biograph (und sein hervorragender Sch\u00fcler)  Krzysztof Meyer stellt bedauernd fest, die Sonate sei \u201eweniger gelungen\u201c  und habe \u201eeine gewisse intellektuelle K\u00fchle\u201c. Obwohl das Zustandekommen  dieser gewi\u00df nicht leichtfertig gef\u00e4llten Urteile durchaus  nachvollziehbar ist, sollte man doch nicht die M\u00fche scheuen, sie mit  aller gebotenen Sorgfalt nachzupr\u00fcfen. Mir will scheinen, da\u00df es sich  hier um ein Paradebeispiel f\u00fcr einen <em>circulus vitiosus<\/em> der  Rezeptionsgeschichte handelt. Die von Schostakowitsch offenbar als  Geschwisterwerk zur Geigensonate konzipierte Bratschensonate erscheint  wohl nur deswegen \u201eeing\u00e4ngiger\u201c und \u201eweniger sperrig\u201c weil sie \u2013  angesichts der viel geringeren Zahl repr\u00e4sentativer Werke dieses Genres \u2013  ungleich \u00f6fter aufgef\u00fchrt wird und daher weit besser assimiliert werden  kann. Die beiden Sp\u00e4twerke, die in vielen melodischen und rhythmischen  Details aufeinander Bezug nehmen und auch in der Textur einander \u00e4hneln,  teilen auch die ungew\u00f6hnliche Sonderform der Dreis\u00e4tzigkeit, bei der  ein Scherzo von zwei relativ ruhigen, kontemplativen S\u00e4tzen umrahmt  wird.<br> <br> In dem etwa ein halbes Jahr vor Beginn der Arbeit an der Violinsonate  ebenfalls in Repino (einem Ferienort in der N\u00e4he von St. Petersburg)  geschriebenen Streichquartett Nr.12 (op.133) hatte Schostakowitsch das  erste Mal mit einer gewissen Konsequenz dodekaphone Elemente in seine  nach wie vor tonal definierte Musiksprache einflie\u00dfen lassen. Die  Violinsonate bezeichnet einen weiteren experimentellen Schritt auf  diesem Wege. Da\u00df das Werk aber trotz dieser Neuerungen tief in  Schostakowitschs davorliegendem Schaffen wurzelt, beweist schon die  Existenz eines einige Grundideen der Sonate festhaltenden  Skizzenblattes, das das Datum \u201e26. Juni 1945\u201c tr\u00e4gt.<br> <br> Dem er\u00f6ffnenden <em>Andante<\/em> (urspr\u00fcnglich: <em>Pastorale<\/em>) liegt  eine dreitaktige Zw\u00f6lftonreihe zugrunde, die durch einen \u00fcberz\u00e4hligen  Takt \u201eregelwidrig\u201c erweitert wird; der Sinn dieser Erweiterung ist \u2013 <em>horribile dictu<\/em>  \u2013 die tonale Verankerung der Reihe auf dem Ausgangston G. Der so  entstandene Viertakter wird dann notengetreu umgekehrt. Eine zus\u00e4tzliche  Freiheit nimmt sich Schostakowitsch im zweiten Takt noch dadurch, da\u00df  er die Tonfolge, die in orthodoxer Darstellung \u201ee-f-h-a\u201c (oder, Gipfel  dodekaphoner Liberalit\u00e4t, etwa auch \u201ee-e-f-h-h-a\u201c etc.) lauten m\u00fc\u00dfte,  \u00fcber einem daktylischen Metrum als spielerisch schwingendes  \u201ee-f-e-h-a-h\u201c erscheinen l\u00e4\u00dft. Da\u00df ein solches Vergehen mit der \u201eroten  Karte\u201c geahndet werden w\u00fcrde, war ja vorauszusehen:<br> <br> <em>\u201eCes formules st\u00e9r\u00e9otyp\u00e9es et creuses dont Chostakovitch aura us\u00e9 et  abus\u00e9 tout au long de sa vie, resurgissent ici comme des vestiges  indestructibles d\u00b4une \u00bblangue de bois\u00ab musicale rebelle \u00e0 toute  d\u00e9stalinisation. Elles rompent non seulement le syst\u00e8me, mais aussi une  logique dans la progression de la phrase, qui aurait \u00e9t\u00e9, sans ces  r\u00e9p\u00e9titions, incontestablement plus belle dans son \u00e9l\u00e9vation abstraite  et d\u00e9pouill\u00e9e.\u201c<\/em><br> (Andr\u00e9 Lischke, Pr\u00e9sence et n\u00e9gation du dod\u00e9caphonisme dans les derni\u00e8res \u0153uvres de Chostakovitch, Paris, 1989)<br> <br> (Die zum Gl\u00fcck ungeschrieben gebliebene Violinsonate von Monsieur  Lischke, die dem \u201eSystem\u201c und dessen \u201eLogik\u201c widerspruchslos folgt,  stelle ich mir als ideale Hintergrundsmusik f\u00fcr den neunten Kreis des  Infernos vor, wo man den verhinderten Komponisten sicher schon erwartet \u2013  und wo er auch sicher sein kann, da\u00df er Schostakowitsch nicht begegnet.  All das nur als vielleicht \u00fcberfl\u00fcssige Illustration f\u00fcr die  Grenzenlosigkeit der Anma\u00dfung, die unter Fachleuten \u2013 und ein solcher  ist Lischke ohne jeden Zweifel \u2013 die <em>r\u00e8gle du jeu<\/em> ist.)<br> <br> Der aus der erweiterten Reihe und ihrer Umkehrung zusammengesetzte  Achttakter fungiert in der Folge als weitgespanntes Passacaglienthema,  zwischen dem die Geige in engen Intervallen ihren Klagegesang beginnt  (der \u00fcbrigens, untr\u00fcgliches Zeichen f\u00fcr die Bekenntnishaftigkeit des  ganzen Werkes, wieder einmal mit den ber\u00fchmten Initialen <strong>D<\/strong>-e<strong>S<\/strong>  einsetzt). Doch in eben dem Augenblick, als sich der Zuh\u00f6rer in der  Gewi\u00dfheit wiegt, wirklich einer Passacaglia zu folgen, zerbricht das  kunstvoll aufgebaute Thema: es ger\u00e4t ins Stocken, eine zweite,  recitativische Reihe taucht ein einziges Mal auf, der Versuch zur  Wiederherstellung des so raffiniert konstruierten Kunstgebildes  scheitert, und zuletzt ergeben sich die willenlosen Bruchst\u00fccke des  Passacaglienthemas ohne weiteren Widerstand einem zwischen kindlicher  Scheu und durchtriebener Bosheit irisierenden Scherzando-Gedanken. Auch  dieses Thema beginnt mit einer neuen Zw\u00f6lftonformel, die aber  unverarbeitet bleibt. Eine vierte herrenlose Reihe verstellt emphatisch  den Weg, und das Scherzando-Motiv erstarrt zu einem mechanisch vor sich  hintickenden Uhrwerk. Eine verfremdete Wiederkehr des  Passacaglienbeginns f\u00fchrt unversehens in eine irreale Zauberwelt: Wie im  Innern einer Kristalldruse sind hier r\u00e4tselhafte Glockent\u00f6ne und ein  irreales Liniengespinst gefangen \u2013 dem Ablauf der Zeit entzogen und dem  betretbaren Raum entr\u00fcckt. Die R\u00fcckkehr aus diesem Reich f\u00fchrt uns, wie  den Siebenschl\u00e4fer im M\u00e4rchen, in eine gealterte Welt. Die letzte Reihe  erscheint nun ebenso im tiefen Register wie das beh\u00e4big gewodene  Scherzando. Ein zweites Mal versinkt alles in der geronnenen  Zeitlosigkeit, in der jetzt eine auf <strong>D<\/strong> und e<strong>S<\/strong> gestimmte  Totenglocke zu vernehmen ist. Beim Erwachen empf\u00e4ngt uns der unger\u00fchrte  Oktavrhythmus der Uhr. In dem kahlen und entzauberten Raum wiederholen  beide Instrumente noch den letzten, wirkungslosen Zw\u00f6lftonspruch, bevor  der ferne Glockenklang und das beengend nahe mechanische Ticken in ein  einziges Symbol der verrinnenden Zeit verschmelzen.<br> <br> Der Mittelsatz (<em>Allegretto<\/em>, urspr\u00fcnglich: <em>Allegro furioso<\/em>)  transformiert die an\u00e4mische Mechanik dieses Motivs in einen  unaufhaltsamen Marsch von rauher Vitalit\u00e4t. Es ist klar, da\u00df die  elementare und ungeb\u00e4ndigte Kraft, die hier nach Darstellung dr\u00e4ngte,  sich unm\u00f6glich in das Betonbett einer formalen Regulierung zw\u00e4ngen lie\u00df.  Dennoch l\u00e4\u00dft sich, was zun\u00e4chst wie ein unberechenbares \u00dcberquellen  ungez\u00fcgelter Energie wirkt, durchaus als Rondo deuten \u2013 freilich nur als  ein Rondo, in dessen konkreter Gestaltung sich der frenetische Inhalt  \u00fcberdeutlich widerspiegelt. Unter dieser Pr\u00e4misse k\u00f6nnte man das  Formschema etwa mit ABACABCA umschreiben. Daf\u00fcr, da\u00df diese biedere  Formel garantiert unh\u00f6rbar bleibt, und das Gef\u00e4\u00df nicht die eruptive  Irrationalit\u00e4t der Aussage behindert, ist auf drei Gestaltungsebenen  gesorgt: <br> Auf der Ebene der Gro\u00dfform entspricht schon die \u00dcberzahl an Formgliedern  (und die sich daraus ergebende Unm\u00f6glichkeit, spontan \u00dcberblick zu  gewinnen oder zu behalten) dem \u00fcberbordenden Inhalt; auf der Ebene der  Proportionen verhindert die radikale Ungleichgewichtung der Abschnitte \u2013  das Verh\u00e4ltnis des l\u00e4ngsten zum k\u00fcrzesten Formteil betr\u00e4gt etwa zehn zu  eins \u2013 jeden unerw\u00fcnschten Einblick in das konstruktive Satzganze; und  schlie\u00dflich operiert Schostakowitsch unabl\u00e4ssig mit extremen Dehnungen,  Verk\u00fcrzungen, mit einem Wort: mit allen Deformationsstrategien, die ihm  zu Gebote stehen, um das Regelwerk der Zivilisation in diesem Satz au\u00dfer  Kraft zu setzen.<br> <br> Dieser archaische Urzustand klingt noch im Incipit der abschlie\u00dfenden <em>Passacaglia (Largo \u2013 Andante<\/em>, urspr\u00fcnglich als <em>\u201eVariationen\u201c<\/em>  bezeichnet) nach \u2013 einer majest\u00e4tischen Er\u00f6ffnungsgeste, die mit  dissonanter Vehemenz das Recht der Grundtonart wiederherstellt.<br> Mit der Exposition des Passacaglienthemas (Pizzicato) kehren wir zur  besonnenen Linearit\u00e4t des ersten Satzes zur\u00fcck. Der Zuh\u00f6rer, der dort  den vergeblichen Anlauf zu einer Passacaglia miterlebt und -erlitten  hat, wird das allm\u00e4hliche Gedeihen dieses erneuten Versuches mit einiger  Bangigkeit mitverfolgen. <br> Das tonale Thema ist elftaktig und schlie\u00dft unter Aussparung des  Leittones Fis alle anderen elf T\u00f6ne ein. Mit den ersten sechs  Variationen ist es, ganz so, wie man das aus der Klassik kennt, durch  stetige Verdichtung der Notenwerte zu einer dramaturgischen Einheit  verschmolzen. Variation VII ist durch Ritardandi, Fermaten und einen  recitativisch-improvisatorischen Gestus wie eine kleine Kadenz  gestaltet, nach der die Urgestalt des Themas, jetzt aber artikulatorisch  verdoppelt (Klavierlegato gegen synkopiertes Geigenpizzicato),  wiederkehrt (VIII). In der folgenden Variation (IX) erscheint aber nun  parallel zu dem bisherigen Passacaglienthema ein zweites, zw\u00f6lft\u00f6niges,  das von jetzt an als Comes des ersten fungiert. Da die beiden Themen von  sehr unterschiedlicher L\u00e4nge sind (das tonale Thema umfa\u00dft drei\u00dfig  T\u00f6ne), mu\u00df das zw\u00f6lft\u00f6nige Thema mit verschiedenen Kunstgriffen gedehnt  werden \u2013 Schostakowitsch n\u00fctzt von der \u201eunerlaubten\u201c Wiederholung des  zehnten Tones als einer Art \u201eEnjambement\u201c am Ende der Reihe bis hin zur  frei permutierenden Fortspinnung alle sich bietenden M\u00f6glichkeiten.  Gleichzeitig, also gewisserma\u00dfen unter dem Druck dieser Ereignisse,  verl\u00e4\u00dft die Passacaglia die bis hierher beibehaltene Bindung an das  tonale Zentrum G. Nach den beiden in Gis stehenden Variationen IX und X  f\u00fchrt uns Variation XI chromatisch weiter nach A, von wo wir in  Terzmodulationen \u00fcber F (XII) und Cis (XIII) nach B (XIV) gelangen.  Damit ist die Kulmination des Satzes erreicht. Schon ab Variation XI  wird das zweite Passacaglienthema immer wieder von Figurationen  \u00fcberwuchert, unter denen seine urspr\u00fcngliche Gestalt manchmal nur mehr  zu erahnen ist. In den Variationen XIV (in B, Klaviersolo) und XV (in D,  Geigensolo) nimmt die \u00dcberlagerung der beiden ins Monumentale  \u00fcberh\u00f6hten Themen die \u00e4u\u00dfere Gestalt von Solokadenzen an, in denen  ungeheure Klangmassen bewegt werden. An diesem Punkt m\u00fcndet die  Doppelpassacaglia in die Reprise des wuchtigen Incipits, an die sich als  Variation XVI, unter gleichzeitiger R\u00fcckkehr zur Tonika G, die einzige  zeitversetzte Exposition der beiden Themen anschlie\u00dft (erstes Thema in  der Geige, gefolgt vom zweiten Thema im Klavier). Am Beginn der Coda,  die, den Dimensionen des Satzes entsprechend, von ungew\u00f6hnlicher L\u00e4nge  ist, steht eine letzte Doppelvariation, die als Reprise von Variation IX  konzipiert ist. Der dort durch die chromatische R\u00fcckung nach Gis  ausgel\u00f6ste Entwicklungsbogen findet hier in der Bekr\u00e4ftigung der Tonika  das architektonisch notwendige Widerlager. Der folgende Codaabschnitt  paraphrasiert die kadenzartige Variation VII und m\u00fcndet in eine  erinnernde Beschw\u00f6rung der Verzauberung aus dem ersten Satz, in der man  wieder die fernen Glocken auf D und eS vernehmen kann. Das Werk schlie\u00dft  mit der echoartigen Gegen\u00fcberstellung von Beginn des letzten und Ende  des ersten Satzes \u2013 ein architektonischer Chiasmus, der zur kunstreichen  Gedankentiefe der ganzen Anlage durchaus pa\u00dft. Unmittelbar vor diesem  Epilog taucht aber mit einem Terzostinato in der Geige noch eine Wendung  auf, an deren Zitatcharakter man nur dann zweifeln k\u00f6nnte, wenn man  nicht w\u00fc\u00dfte, wie innig Schostakowitsch Mahlers \u201eLied von der Erde\u201c  liebte \u2013 dort begleitet dieses Motiv die Worte: \u201eIch wandle nach der  Heimat\u201c&#8230;<br> <br> Das Wagnis der Doppelpassacaglia, mit der Schostakowitsch sein Schaffen  auf dem Gebiete der Klavierkammermusik kr\u00f6nt und beschlie\u00dft, ist ebenso  wie die Gesamtkonzeption dieser Sonate in jeder erdenklichen Hinsicht  eine <em>tour de force<\/em>. Die Entschl\u00fcsselung all jener hermeneutischen  Details, die das gedankliche Kr\u00e4ftespiel in diesem gewaltigen Bau  lenken und von denen hier nur einige wenige fl\u00fcchtig zur Sprache  gebracht worden sind, ist eine Herausforderung, der sich bis jetzt noch  niemand gestellt hat; und vielleicht wird der Gedanke daran das  vorschnelle Achselzucken \u00fcber das \u201eweniger gelungene\u201c Werk doch ein  wenig verz\u00f6gern.<br><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\">\u00a9 by Claus-Christian Schuster<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dmitrij Shostakovitch * 12. September 1906\u2020 09. August 1975 Sonate G-Dur op.134 Komponiert: Repino \/ Zukovka, 26. August &#8211; 23. Oktober 1968 Widmung: David Oistrach zum sechzigsten Geburtstag (30. September 1968) Urauff\u00fchrung: geschlossen: Moskau, Haus des Komponistenbundes, 8. J\u00e4nner 1969 David Oistrach (1908-1974), Violine Moisej Vajnberg (1919-1996), Klavier \u00f6ffentlich: Moskau, Gro\u00dfer Saal des Konservatoriums, 3. 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