{"id":667,"date":"2019-02-13T19:18:24","date_gmt":"2019-02-13T18:18:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www2.altenbergtrio.at\/?p=667"},"modified":"2019-02-13T19:18:31","modified_gmt":"2019-02-13T18:18:31","slug":"pfitzner-sonate-fuer-violine-und-pianoforte-e-moll-op-27","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/pfitzner-sonate-fuer-violine-und-pianoforte-e-moll-op-27\/","title":{"rendered":"Pfitzner: Sonate f\u00fcr Violine und Pianoforte, E-moll, op.27"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Hans Pfitzner<\/h3>\n\n\n\n<p>* 05. Mai 1869<br>\u2020 22. Mai 1949<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Sonate f\u00fcr Violine und Pianoforte, E-moll, op.27<\/h3>\n\n\n\n<table class=\"wp-block-table\"><tbody><tr><td>Komponiert:<\/td><td>Strasbourg, Anfang J\u00e4nner &#8211; 25. Mai 1918<\/td><\/tr><tr><td>Widmung:<\/td><td>Kongl. Svenska Musikaliska Akademien (Kgl. Schwedische Akademie der Musik)<\/td><\/tr><tr><td>Urauff\u00fchrung:<\/td><td>M\u00fcnchen, Konzertsaal des Hotels \u201eVier Jahreszeiten\u201c, 25. September 1918<br>\nFelix Berber (1871-1930), Violine<br>\nHans Pfitzner, Klavier<br>\n<\/td><\/tr><tr><td>Erstausgabe:<\/td><td>Peters, Leipzig, 1918<\/td><\/tr><\/tbody><\/table>\n\n\n\n<p>Nach seinem Fortgang aus Berlin hatte Pfitzner &#8211; nach einem kurzen  M\u00fcnchener Intermezzo &#8211; mit Beginn der Saison 1907\/08 die Leitung der  Konzerte des St\u00e4dtischen Orchesters von Stra\u00dfburg (heute Orchestre  Philharmonique de Strasbourg) \u00fcbernommen. Im April 1908 war die ganze  Familie &#8211; das Ehepaar Pfitzner, der f\u00fcnfj\u00e4hrige Sohn Paul und der  eineinhalbj\u00e4hrige Sohn Peter &#8211; in die els\u00e4ssische Hauptstadt  \u00fcbersiedelt, die damals knapp 200.000 Einwohner z\u00e4hlte. <br> Das Musikleben der Stadt war mit demjenigen Berlins nat\u00fcrlich nicht zu  vergleichen; aber Stra\u00dfburg bot Pfitzner Perspektiven, von denen er in  Berlin nicht tr\u00e4umen konnte. Obwohl er dazu keine wirkliche Berufung  empfand, \u00fcbernahm er zus\u00e4tzlich zur Leitung des Orchesters auch die  Direktion des st\u00e4dtischen Konservatoriums, was ihm die M\u00f6glichkeit gab,  das Musikleben der Stadt weitgehend nach seinen k\u00fcnstlerischen  Vorstellungen zu gestalten. Was er hier in den elf Jahren seiner  T\u00e4tigkeit leistete, ist in jeder Hinsicht bemerkenswert &#8211; und widerlegt  eindrucksvoll die primitiven Klischees vom geltungss\u00fcchtigen  Egozentriker und verblendeten Nationalisten Pfitzner: W\u00e4hrend er sein  eigenes Werk \u00fcberaus stiefm\u00fctterlich behandelte, brachte er eine  Vielzahl franz\u00f6sischer Werke sowie Kompositionen seiner \u201eKonkurrenten\u201c  Mahler, Strauss, Reger und Busoni zur Auff\u00fchrung. Unter den jungen  Dirigenten, die er nach Stra\u00dfburg holte, waren Wilhelm Furtw\u00e4ngler, Otto  Klemperer und George Szell. Nat\u00fcrlich n\u00fctzte er die sich ihm jetzt  er\u00f6ffnenden M\u00f6glichkeiten aber auch, um alte Dankesschulden abzutragen &#8211;  zu den ersten Solisten, die er verpflichtete, geh\u00f6rte sein Jugendfreund  Heinrich Kiefer&#8230;<br> <br> Niemals zuvor und niemehr danach war Pfitzners Leben so erf\u00fcllt. Die  Vielzahl seiner organisatorischen und interpretatorischen Aufgaben und  Pflichten wirkte sich dabei auf sein Schaffen nicht hemmend, sondern  anregend aus: Zwar ist die Anzahl der in Stra\u00dfburg entstandenen Werke  deutlich geringer als die seines Berliner Jahrzehnts, aber ohne Zweifel  bildet die Ernte dieser Jahre den H\u00f6hepunkt des Pfitznerschen Schaffens.  Und wenn man nicht w\u00fc\u00dfte, da\u00df dem Genie schematische \u00dcberlegungen  dieser Art fremd sind, k\u00f6nnte man auf den Gedanken kommen, Pfitzner habe  seine kompositorische Produktion \u201edramaturgisch\u201c geplant: Genau wie in  den Jahren 1890-1896 umrahmen n\u00e4mlich zwei programmatische und  gedankentiefe gro\u00dfe Kammermusikwerke die in jeder Hinsicht im Zentrum  stehende Oper  &#8211; dem Opus 1 entspricht gleich zu Beginn des Stra\u00dfburger  Aufenthaltes das monumentale, dem Freund Bruno Walter gewidmete  Klavierquintett op.23 (1908), dem Opus 8 die den Abschlu\u00df dieses  Lebensabschnittes bezeichnende Violinsonate op.27 (1918), und dem  jugendlichen Geniestreich des Armen Heinrichs steht hier das opus summum  des reifen Meisters, der unsterbliche Palestrina gegen\u00fcber.<br> <br> Die Konzeption dieser Meisteroper geht allerdings wirklich auf die  Mainzer Jahre Pfitzners zur\u00fcck: 1895 war der junge Komponist beim  Studium der (unvollendet gebliebenen) Musikgeschichte des Prager  Davidb\u00fcndlers August Wilhelm Ambros (1816-1876) auf das ihn seither  nicht mehr loslassende Sujet gesto\u00dfen. (Zwischen dem Autor und seinem  empf\u00e4nglichen Leser scheint eine gewisse Affinit\u00e4t bestanden zu haben:  Ambros, dessen Leistung als Kulturhistoriker die seines ber\u00fchmteren  j\u00fcngeren Freundes Eduard Hanslick bei weitem \u00fcbertrifft, hat als  Komponist nicht nur &#8211; wie Pfitzners Idol Schumann &#8211; eine Oper auf die  Tiecksche \u201eGenoveva\u201c geschrieben, sondern auch, wie sp\u00e4ter sein  aufmerksamer Adept, Musik zu Kleists \u201eK\u00e4thchen von Heilbronn\u201c.) <br> Nach mehreren gescheiterten Versuchen, sich ein Libretto zu beschaffen,  wagte sich Pfitzner 1909 selbst an die Dichtung. In frappanter  \u00dcbereinstimmung mit seinen programmatischen Schriften \u00fcber das Wesen des  \u201eEinfalls\u201c bildeten dabei Palestrinas Schlu\u00dfworte:<br> <br> Nun schmiede mich, den letzten Stein<br> An einem deiner tausend Ringe,<br> Du Gott &#8211; und ich will guter Dinge<br> Und friedvoll sein.<br> <br> die Keimzelle, aus der und um die sich die dichterische Gestalt des  Werkes nach und nach entwickelte. Das 1911 nach intensivem  Quellenstudium vollendete Textbuch hat so unbestreitbare literarische  Qualit\u00e4ten, da\u00df es sogar den kritischen Otto Klemperer &#8211; dessen  Verh\u00e4ltnis zu Pfitzner einigerma\u00dfen im Dunklen liegt &#8211; an Goethe  erinnerte, und Thomas Mann, der mit diesem Adelspr\u00e4dikat nicht eben  freigiebig war, es als \u201eDichtung\u201c anerkannte.<br> <br> Am 1. J\u00e4nner 1912 begann Pfitzner mit der Niederschrift der Musik:<br> <br> \u201eDu sagtest fr\u00fcher einmal, man sollte das, was in genialen oder  erleuchteten besonderen Momenten man erkennt, in anderen, gew\u00f6hnlichen  eben durchf\u00fchren; darin bestehe eben die vern\u00fcnftige Richtschnur des  Lebens. Dem stimme ich sehr bei. Wenn ich das machen will, mu\u00df ich mich  von Mimi trennen, das mu\u00df die Ausbeute aus dem furchtbaren Zusammenbruch  sein, den ich jetzt erlebe &#8211; er soll nicht umsonst sein. [&#8230;] Ich bin  k\u00f6rperlich so schwach und geistig so entschlossen, wie ich es nie war.  Gestern, am 1. Januar, schrieb ich die ersten ernstlichen Noten am  Palestrina. Ich will ihn schreiben. Daran m\u00f6chte ich mich nicht hindern  lassen.\u201c<br> (an Paul Nikolaus Cossmann, 2. J\u00e4nner 1912)<br> <br> Mimi verl\u00e4\u00dft mit den Kindern &#8211; Pauli, Peti, und der 1908 geborenen  Agnes, genannt Agi &#8211; das Haus; die Krise ist zwar nicht von langer  Dauer, aber die Komposition belastet den Meister und seine Familie auch  weiterhin bis zum \u00c4u\u00dfersten. Um das Werk, in dem er schon lange vor der  Realisierung sein Hauptwerk erkannt hat,  fertigstellen zu k\u00f6nnen, l\u00e4\u00dft  Pfitzner sich in der Spielzeit 1914\/15 von Oper und Konservatorium  dispensieren; am 17. Juni 1915 kann er dann endlich den Schlu\u00dfstrich  unter den Palestrina setzen. <br> Die ungeheure Willensanspannung, die f\u00fcr diese Leistung notwendig war,  hinterl\u00e4\u00dft ihre Spuren: In den zwei Jahren bis zur Urauff\u00fchrung des  Werkes, die am 12. Juni 1917 zu Beginn einer Pfitzner-Woche am M\u00fcnchner  Prinzregententheater unter der musikalischen Leitung von Bruno Walter   stattfindet, schreibt Pfitzner nur einige wenige Lieder (op. 25-26).<br> F\u00fcr Thomas Mann wird Palestrina zum Schl\u00fcsselerlebnis. Das Bekenntnis zu  Pfitzner, dem er einen eigenen Abschnitt in den \u201eBetrachtungen eines  Unpolitischen\u201c (1918) widmet, ist der Ausgangspunkt einer ebenso  intensiven wie ephemeren  Freundschaft. Als der M\u00fcnchner Pfitzner-Freund  Otto Deiglmayr im September 1917 unter dem Eindruck des Palestrina den  Plan zur Gr\u00fcndung eines Pfitzner-Vereines fa\u00dft, geh\u00f6rt Thomas Mann bald  zu seinen Verb\u00fcndeten: Der Aufruf, mit dem der \u201eHans-Pfitzner-Verein f\u00fcr  deutsche Tonkunst\u201c wenig sp\u00e4ter an die \u00d6ffentlichkeit tritt, stammt aus  seiner Feder.<br> <br> Aber auch au\u00dferhalb Deutschlands wird Pfitzners Meisteroper als ein  Manifest jener Humanit\u00e4t begriffen, die auch die w\u00fcstesten Verirrungen  einer im Vernichtungskrieg versinkenden Welt \u00fcberdauern kann. Unter  Bruno Walters Leitung unternimmt die M\u00fcnchner Oper im vierten Kriegsjahr  eine Tournee in die neutrale Schweiz, wo das Werk in Z\u00fcrich, Basel und  Bern mit \u00fcberw\u00e4ltigendem Erfolg aufgef\u00fchrt wird. Wenige Monate nach der  M\u00fcnchner Urauff\u00fchrung ernennt die K\u00f6nigliche Schwedische Akademie f\u00fcr  Musik (mit Dekret vom 30. Oktober 1917) Pfitzner zu ihrem Ehrenmitglied.  (Die Pfitzner \u00fcberreichte Urkunde tr\u00e4gt die Unterschriften von Karl  Silverstolpe, einem Vertreter jener kulturhistorisch illustren Familie,  der auch der mit Haydn in dessen letzten Lebensjahren befreundete  Diplomat Frederik Samuel Silverstolpe angeh\u00f6rte, und des Sekret\u00e4rs der  Akademie, eines au\u00dferhalb Schwedens so gut wie unbekannten Komponisten,  dessen Name den k\u00fcnftigen Wahlm\u00fcnchner sp\u00e4ter vielleicht einmal  heimatlich anmuten sollte: Karl Valentin&#8230;)<br> <br> Und so finden wir Pfitzner am ersten Tag des Jahres 1918, wie sechs  Jahre zuvor, wieder \u00fcber dem Beginn eines neuen Werkes: einer als  Dankesgabe f\u00fcr die Schwedische Akademie bestimmten Kammermusik. Da\u00df er  mit diesem neuen Werk bewu\u00dft eine Entwicklungslinie weiterf\u00fchrt, die an  das Quintett von 1908 ankn\u00fcpft, \u00e4u\u00dfert sich auch darin, da\u00df er es vom  Anfang an dem Verlag Peters zugedacht hat, wo auch das Opus 23  erschienen war: Schon wenige Tage nach Kompositionsbeginn schreibt er an  Henri Hinrichsen (1868-1942), seit 1900 Alleininhaber des  Traditionsverlages (der fast gleichzeitig mit Pfitzners bestem Freund  Paul Nikolaus Cossmann in Theresienstadt  umkommen sollte), er sei \u201edas  erste Mal seit dem Klavierquintett wieder mit einem Kammermusikwerk  besch\u00e4ftigt bin und zwar mit einer Violinsonate\u201c (10. J\u00e4nner 1918). Aber  erst einige Monate sp\u00e4ter kann er dem selben Adressaten den Abschlu\u00df  des ersten Satzes melden und f\u00e4hrt dann fort: <br> <br> Was die Sonate selbst anbetrifft, so kann ich nat\u00fcrlich \u00fcber die Musik  selber nichts sagen. Es werden drei S\u00e4tze werden; vermutlich, da der  erste Satz ziemlich umfangreich ist, von betr\u00e4chtlicher Ausdehnung.<br> Wenn Sie es f\u00fcr praktisch halten, m\u00f6chte ich den ersten Satz gleich nach  evtl. Vertragsabschlu\u00df gesondert einschicken, damit er wom\u00f6glich sofort  in Druck kommt und nachher die Drucklegung nicht \u00fcberst\u00fcrzt zu werden  braucht. Ich m\u00f6chte aber gerne vorher den Satz, wie auch nachher die  andern S\u00e4tze[,] erst mit Professor Berber einmal durchspielen, um die  Violinm\u00e4\u00dfigkeit voll zu erproben und die Bezeichnung m\u00f6glichst genau zu  machen. Ich werde dazu wahrscheinlich Ende April in M\u00fcnchen Gelegenheit  haben.<br> (an Henri Hinrichsen, 5. April 1918)<br> <br> Zu diesem Zwecke h\u00e4lt sich Pfitzner vom 21. bis zum 25. April 1918 in  M\u00fcnchen auf &#8211; er steigt dabei im Nobelhotel \u201eVier Jahreszeiten\u201c ab, wo  f\u00fcnf Monate sp\u00e4ter auch die Urauff\u00fchrung des Werkes stattfinden sollte.  Nach Stra\u00dfburg zur\u00fcckgekehrt, schlie\u00dft er die Arbeit z\u00fcgig ab; die  Komposition ist am 19., die Reinschrift am 25. Mai 1918 beendet, wie wir  aus einem Brief an seinen M\u00fcnchner \u201ePropagandisten\u201c (und &#8211; was in der  Mangelwirtschaft der Kriegs- und Nachkriegszeit wohl nicht weniger  verdienstvoll war &#8211; Lebensmittellieferanten) Otto Deiglmayr erfahren:<br> <br> Gestern ist die Violinsonate fertig geworden; sie hat mich die ganze Zeit seit meiner R\u00fcckkunft von M\u00fcnchen in Atem gehalten&#8230;<br> (26. Mai 1918)<br> <br> Der Adressat ist zu diesem Zeitpunkt ganz mit seiner Lieblingsidee, dem  \u201eHans-Pfitzner-Verein f\u00fcr deutsche Tonkunst\u201c ausgef\u00fcllt; am Nachmittag  des 31. Mai findet im M\u00fcnchner K\u00fcnstlerhaus die Gr\u00fcndungsversammlung  statt. Wie jedem rechten Eiferer fehlt Deiglmayr bei seinen Bem\u00fchungen  das Augenma\u00df &#8211; auf das ihm nicht unbekannte Konkurrenzverh\u00e4ltnis  zwischen \u201eseinem\u201c Pfitzner und Richard Strauss reagierend, schreibt er  letzterem einen ebenso undiplomatischen wie instinktlosen Brief, in  welchem er Strauss auffordert, sich dem Verein anzuschlie\u00dfen, \u201eum  m\u00fc\u00dfigem Gerede entgegenzutreten\u201c. Als Freund Busching versucht, die  peinliche Situation zu bereinigen, antwortet ihm Richard Strauss, der  Deiglmayr nicht einmal einer Absage gew\u00fcrdigt hat, mit einem Schreiben,  das ein Deutlichkeit nun wirklich nichts zu w\u00fcnschen \u00fcbrigl\u00e4\u00dft: <br> <br> \u201e&#8230; Da\u00df es mir nach reiflicher \u00dcberlegung nicht m\u00f6glich ist, in die  Mitte des Kreises \u00bbf\u00fchrender Musiker\u00ab einzutreten, ebensowenig als es  wohl Franz Liszt oder gar dem Richard Wagner in den Sinn gekommen w\u00e4re,  im Ehrenausschu\u00df eines Cornelius- oder Draeseke- oder Bruckner-Vereins  zu sitzen, blo\u00df um \u00bbm\u00fc\u00dfigem Gerede entgegenzutreten\u00ab&#8230;\u201c<br> (Juni 1918)<br> <br> Kein Wunder, da\u00df der Meister, den die Vereinsgr\u00fcndung ehren sollte,  wenig Freude an der ganzen Angelegenheit hat: \u201eMir macht die T\u00e4tigkeit  des Hans-Pfitzner-Vereins bisher nur schlaflose N\u00e4chte.\u201c, schreibt er  dem unerm\u00fcdlichen Deiglmayr am 9. September 1918 aus Stra\u00dfburg. Da stand  die Urauff\u00fchrung des Opus 27 im Rahmen des ersten Vereinskonzertes &#8211;  auch das eine Idee Deiglmayrs &#8211; schon unmittelbar bevor. Auch die  Drucklegung des Werkes war schon lange geregelt &#8211; am 30. Juni hatte  Pfitzner die letzten Korrekturb\u00f6gen an Hinrichsen zur\u00fcckgeschickt und  gleichzeitig die \u00dcbersendung von Widmungsexemplaren an Felix Berber und  Hermann Grevesm\u00fchl (Pfitzners Partner in den ersten Auff\u00fchrungen der  Sonate), seinen &#8211; als Kammermusiker besonders aktiven und kompetenten &#8211;  Komponistenkollegen Hermann Zilcher und, last not least, an das ilustre  Duo Artur Schnabel\/Carl Flesch veranla\u00dft. Auch \u00fcber das Honorar hatte  man sich ohne Diskussionen geeinigt: Hinrichsen zahlte die von Pfitzner  verlangten 10.000 Mark &#8211; der Autor des Palestrina hatte offensichtlich  einen h\u00f6heren Marktwert als der Komponist des Armen Heinrich.<br> <br> Am 13. September reist Pfitzner \u00fcber Frankfurt, wo er sich drei Tage  aufh\u00e4lt, nach M\u00fcnchen. Er nimmt wieder im Hotel \u201eVier Jahreszeiten\u201c  Quartier. Die r\u00fchrige M\u00fcnchner Pfitzner-Gemeinde umsorgt ihn. Zu diesen  von Richard Strauss mit ironischen G\u00e4nsef\u00fc\u00dfchen versehenen \u201ef\u00fchrenden  Musikern\u201c geh\u00f6ren &#8211; neben Generalmusikdirektor Bruno Walter &#8211; so  achtbare Erscheinungen wie der komponierende Altphilologe Otto Crusius  (1857-1918), aber auch einige \u201erichtige\u201c Komponisten, sicher nicht  zuf\u00e4lligerweise alle Sch\u00fcler von Iwan Knorr in Frankfurt oder Ludwig  Thuille in M\u00fcnchen: etwa Bruno Walters Kollege als Generalintendant der  M\u00fcnchner Theater, Clemens von Franckenstein (1875-1942), der Schweizer  Walter Courvoisier (1875-1931), Pfitzners Nachfolger als Leiter der  M\u00fcnchner Kaim-Konzerte (1907) und Thuilles Schwiegersohn, oder Pfitzners  Landsleute Hermann Zilcher (1881-1948) und Walter Braunfels  (1882-1954), beides Sch\u00fcler von Pfitzners Schwiegervater James Kwast.  Braunfels ist es auch, auf dessen Vorschlag am Vorabend der Urauff\u00fchrung  im Konzertsaal der Klavierhandlung Alfred Schmid Nachfolger vor 150  geladenen Vereinsmitgliedern eine inoffizielle Vorauff\u00fchrung  stattfindet. Das von Pfitzner gew\u00e4hlte Programm besteht, wie bei der  \u00f6ffentlichen Urauff\u00fchrung, aus einer Mozart-Sonate, der Schumannschen  D-moll-Sonate und Pfitzners Opus 27. Die offizielle Premiere des Werkes  findet am 25. September 1918 im Konzertsaal von Pfitzners Hotel \u201eVier  Jahreszeiten\u201c statt &#8211; es ist die erste \u00f6ffentliche Veranstaltung des  \u201eHans-Pfitzner-Vereins f\u00fcr deutsche Tonkunst\u201c. Wenn man bedenkt, da\u00df  sich in diesen Wochen der Kriegsausgang schon \u00fcberdeutlich abzeichnet,  und die Mehrzahl der Proponenten das \u201eDeutsche\u201c des Vereinsnamens als  eine trotzige Kampfansage an die von den Feindesm\u00e4chten ausgehende  \u201eBedrohung der deutschen Kultur\u201c verstanden haben mag (aktuelle  Reizw\u00f6rter: \u201eBolschewismus\u201c, \u201eInternationalismus\u201c, \u201eFuturismus\u201c, \u201eJazz\u201c  usw.), so kann man das Datum dieses Ereignisses auch als eine subtile  Ironie des Schicksals deuten: Es war Schostakowitschs zw\u00f6lfter und der  Vorabend von Gershwins zwanzigstem Geburtstag&#8230; <br> <br> \u00dcber die Urauff\u00fchrung wei\u00df der Pfitzner-Biograph Walter Abendroth (1935)  zu berichten: \u201eDas frisch erfundene, meisterlich-unproblematische Werk  drang ohne Widerstand durch und wurde mit starkem Beifall belohnt.\u201c In  der Vorauff\u00fchrung mu\u00dfte der zweite Satz sogar wiederholt werden. Die  Abwesenheit von Problemen und Widerst\u00e4nden zu konstatieren, d\u00fcrfte  allerdings doch etwas voreilig gewesen sein: Pfitzners Violinsonate  geh\u00f6rt unter den bedeutenden Werken dieser Gattung sicher zu den am  seltensten gespielten.<br> Das Opus 27 ist Pfitzners vorletzte Kammermusik mit Klavier; erst 1945  sollte er mit dem Sextett op.55 ein letztes Mal auf diese Werkkategorie  zur\u00fcckkommen, mit der er sein Schaffen begonnen hatte &#8211; aber da war er  schon ein ganz anderer geworden. Die Sonate schlie\u00dft somit einen sich  \u00fcber fast drei Jahrzehnte spannenden Entwicklungsbogen ab, der in seiner  inneren Stringenz und seiner kompromi\u00dflosen Kraft ein faszinierendes  Detail an der gro\u00dfen Kathedrale der Musik darstellt. <br> Das ganze Werk ist durchweht vom Nachhall des Palestrina; freilich nicht  in der simplen Weise, da\u00df man Motive und Bilder der Oper hier wieder  finden w\u00fcrde &#8211; es ist vielmehr die Haltung eines Menschen, der Schweres  und Wichtiges vollendet hat, die sich im Duktus dieser Musik  niederschl\u00e4gt. Palestrina\/Pfitzner, der hier am Wort ist,  steht noch  ganz unter dem Eindruck der ihm auferlegten Aufgabe. Das  weitausschwingende Hauptthema des ersten Satzes (Bewegt, mit  Empfindung), das von einer entfernt an Bachsche Pr\u00e4ludien erinnernden  Begleittextur getragen wird, bricht immer wieder sinnend und tr\u00e4umend  ab. Der rhapsodische \u00dcbergang zum kindlich-zuversichtlichen Seitenthema  wird von energischeren T\u00f6nen gepr\u00e4gt &#8211; die dabei entfaltete Kraft hat  aber nichts K\u00e4mpferisches, sondern vermittelt das Bild gesammelter und  bed\u00e4chtiger Schwere. Die kontemplative Vielschichtigkeit, die in diesem  Expositionsverlauf angelegt erscheint, erforderte f\u00fcr die Weiterf\u00fchrung  des Satzes ganz besondere L\u00f6sungen: Pfitzner findet sie, indem er der  Exposition drei ann\u00e4hernd gleichlange, jeweils emblematisch mit dem  Hauptthema beginnende Abschnitte folgen l\u00e4\u00dft, die sich zwar unschwer als  Durchf\u00fchrung, Reprise und Coda benennen lassen, die aber dieses  vertraute Schema doch auf sehr spezifische Weise variieren. \u00c4uff\u00e4llig  ist vor allem, da\u00df mit jedem neuen Abschnitt die Entfernung von der  \u201eUrgestalt\u201c des Hauptthemas zunimmt. Im Zentrum der Durchf\u00fchrung steht &#8211;  anstelle des hier ausgesparten Seitenthemas &#8211; ein ausgedehnter Exkurs,  der um das ferne As-Dur kreist und in dem die flie\u00dfende Grundbewegung zu  zeitloser Ruhe gerinnt. In der Coda sind dagegen die klassischen  Durchf\u00fchrungscharakteristika &#8211; Abspaltung, Umreihung, dramatische  Zuspitzung &#8211; am deutlichsten ausgepr\u00e4gt: auch das eine durchaus nicht  willk\u00fcrliche, sondern in der Physiognomie des Satzes gut begr\u00fcndete  Umkehrung des gewohnten dramaturgischen Ablaufes.<br> Der zweite Satz (Sehr breit und ausdrucksvoll, C-Dur) ist seinem Wesen  nach ein feierlicher Hymnus; doch die breit und majest\u00e4tisch  dahinstr\u00f6mende Cantilene, die sich schon bald in das As-Dur der  Durchf\u00fchrungsepisode aus dem ersten Satz wendet, ver\u00e4stelt und verirrt  sich nach und nach: unversehens wird aus dem Dankgesang ein Klagelied.  Der zweite Teil des Satzes ist eine erweiterte und sieghaft gesteigerte  Wiederholung, in der das tr\u00e4umerische As-Dur durch ein strahlendes A-Dur  ersetzt wird, so als wollte schon hier der Jubel des Schlu\u00dfsatzes  durchbrechen; aber ein kurzer Abgesang beschlie\u00dft den Satz in der  Stimmung und den Tonarten des Anfangs.<br> Das sich unmittelbar an den Mittelsatz anschlie\u00dfende Finale (\u00c4u\u00dferst  schwungvoll und feurig) hielt Wilhelm Furtw\u00e4ngler f\u00fcr den  beeindruckendsten, aber auch am leichtesten zu mi\u00dfdeutenden Versuch  Pfitzners, \u201egemeinverst\u00e4ndlich\u201c zu schreiben. In der Tat ist der  freudige \u00dcberschwang, der den ganzen Satz durchpulst, nicht nur eine bei  Pfitzner selten anzutreffende Stimmung &#8211; er scheint auch in nicht  leicht erkl\u00e4rbarer Spannung zu den doch wesentlich ged\u00e4mpfteren T\u00f6nen  der ersten beiden S\u00e4tze zu stehen. Die einfachste &#8211; und ohne Zweifel  unrichtigste &#8211; Deutung, der einige von Pfitzners kritischen Zeitgenossen  zuneigten, w\u00e4re es, den Komponisten hier auf der Suche nach dem  \u201ez\u00fcndenden Effekt\u201c zu w\u00e4hnen. Ein Blick auf die Schlu\u00dftakte sollte  gen\u00fcgen, um eine solche Hypothese zu widerlegen: Pfitzner f\u00fchrt hier die  Geige in ihre tiefste Lage, ja er spart sie bei dem dunklen und  wuchtigen Schlu\u00dfakkord \u00fcberhaupt aus &#8211; der Kunstverstand jedes blutigen  Anf\u00e4ngers h\u00e4tte ausgereicht, hier einen \u201ewirkungsvollen\u201c Schlu\u00df mit  strahlender E-Saite, untermalt von pianistischer E-Dur-Euphorie,  herzusetzen. Offensichtlich ging es dem Komponisten nicht um ein  luxuri\u00f6ses Klanggewand im Sinne von Richard Strauss, auch wenn die  Textur dieses Finales alles andere als schlicht ist. Vielleicht liegt  der Schl\u00fcssel zum tieferen Verst\u00e4ndnis dieses Satzes in dem als  verz\u00f6gerndes Element zwischen Reprisenende und Strettabeginn tretenden  G-Dur-Choral: Wird hier etwa, mitten im Euryanthe-Jubel, der sp\u00e4te  Schumann beschworen? Eine (weit unterhalb der Zitatebene liegende)  generische Verwandtschaft zu jenem Choralthema, mit dem Schumann in  seiner D-moll-Sonate (op.121) die Mittels\u00e4tze aneinander bindet, ist  jedenfalls nicht zu leugnen. Und da\u00df Pfitzner bei der Premiere gerade  diese Sonate seinem eigenen Werk gegen\u00fcberstellte, k\u00f6nnte diese  Vermutung st\u00fctzen. Der alternde Meister schreibt \u00fcber die  Sternenfreundschaft zwischen Schumann und Wagner, den beiden Leitsternen  seiner Jugend &#8211; warum sollte es uns nicht erlaubt sein, den Bogen von  Pfitzners Opus 1 (in der Tonart des Schumannschen Opus 11 und mit einem  Heine\/Schumann-Zitat als Motto) bis zu seinem Opus 27 auch im Lichte  einer solchen Sternenfreundschaft zu sehen?<br> <br> Nach der Urauff\u00fchrung kehrt Pfitzner wieder nach Stra\u00dfburg zur\u00fcck. Am 4.  Oktober, dem Tag des deutschen Waffenstillstandsangebotes an Pr\u00e4sident  Wilson, stellt er das neue Werk auch hier vor &#8211; sein Partner ist diesmal  Hermann Grevesm\u00fchl, mit dem er die Sonate am darauffolgenden Tag noch  in Colmar spielt. Es sollte sein vorletzter Konzertauftritt in Stra\u00dfburg  sein. Nach dem letzten noch planm\u00e4\u00dfig abgehaltenen Abonnementkonzert  mit seinem Orchester, reist er zu Konzerten nach M\u00fcnchen. Dort aber wird  der erste Jahrestag der \u201eGro\u00dfen Sozialistischen Oktoberrevolution\u201c auf  ganz besondere Weise begangen: In der Nacht vom 7. zum 8. November 1918  besetzt Kurt Eisner mit seinen sozialistischen Parteifreunden den  Landtag, am n\u00e4chsten Tag wird K\u00f6nig Ludwig III f\u00fcr abgesetzt erkl\u00e4rt und  flieht aus M\u00fcnchen.<br> \u201ePfitzners seltsames Schicksal wollte es, da\u00df er gerade am Abend des  achten November ein Konzert hatte, bei dem die wenigen mutigen Besucher  auf die immer neuen, in den Saal dringenden Schreckensnachrichten und  fernen Sch\u00fcsse hin sich allm\u00e4hlich davonmachten &#8211; er stand unter dem  Eindruck, da\u00df nur ihm eine solche revolution\u00e4re Unanehmlichkeit  passieren k\u00f6nne &#8211; und, erinnere ich mich recht, kam danach noch zu mir  ins Haus, wo wir besorgt die Lage besprachen, ohne das geschichtliche  Ereignis zu ahnen, von dem uns die Zeitung am n\u00e4chsten Morgen  berichtete.\u201c<br> (Bruno Walter, Thema und Variationen)<br> <br> F\u00fcr die n\u00e4chsten Wochen sitzt Pfitzner in den \u201eVier Jahreszeiten\u201c fest.  Das schon mit dem Waffenstillstand vom 11. November 1918 de facto wieder  franz\u00f6sisch gewordene Stra\u00dfburg, wo er sein wichtigstes  Schaffensjahrzehnt verbracht hat, sollte er nicht wiedersehen. Die  Palestrina-Stadt hat ihn m\u00fchelos vergessen. Im gro\u00dfz\u00fcgigen Musik- und  Kongre\u00dfpalast der Europastadt hei\u00dfen die S\u00e4le nach Erasmus von  Rotterdam, dem Pfitzner-Bewunderer Albert Schweitzer, dem Lokalmatador  und Johann-Strau\u00df-Konkurrenten Emil Waldteufel und nach Charles M\u00fcnch,  dem Sohn von Pfitzners erstem Chorleiter. \u201eIch werde es immer schwer  haben, aber ich werde auch immer das sein.\u201c, hat Pfitzner einmal gesagt.  Es scheint, als habe sich an der St\u00e4tte seiner wichtigsten Leistung  diese Prophezeiung nur zum Teil erf\u00fcllt. <br><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\">\u00a9 by Claus-Christian Schuster<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hans Pfitzner * 05. Mai 1869\u2020 22. Mai 1949 Sonate f\u00fcr Violine und Pianoforte, E-moll, op.27 Komponiert: Strasbourg, Anfang J\u00e4nner &#8211; 25. Mai 1918 Widmung: Kongl. Svenska Musikaliska Akademien (Kgl. Schwedische Akademie der Musik) Urauff\u00fchrung: M\u00fcnchen, Konzertsaal des Hotels \u201eVier Jahreszeiten\u201c, 25. September 1918 Felix Berber (1871-1930), Violine Hans Pfitzner, Klavier Erstausgabe: Peters, Leipzig, 1918 [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[13],"tags":[],"class_list":{"0":"post-667","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","6":"category-duos-klavier-violine","7":"entry"},"translation":{"provider":"WPGlobus","version":"3.0.1","language":"en","enabled_languages":["de","en"],"languages":{"de":{"title":true,"content":true,"excerpt":false},"en":{"title":false,"content":false,"excerpt":false}}},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/667","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=667"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/667\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":668,"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/667\/revisions\/668"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=667"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=667"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=667"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}