{"id":665,"date":"2019-02-13T19:17:45","date_gmt":"2019-02-13T18:17:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www2.altenbergtrio.at\/?p=665"},"modified":"2019-02-13T19:17:52","modified_gmt":"2019-02-13T18:17:52","slug":"hindemith-sonate-nr-4-c-dur-1939","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/hindemith-sonate-nr-4-c-dur-1939\/","title":{"rendered":"Hindemith: Sonate Nr.4, C-Dur (1939)"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Paul Hindemith<\/h3>\n\n\n\n<p>* 16. November 1895<br>\u2020 28. Dezember 1963<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Sonate Nr.4, C-Dur (1939)<\/h3>\n\n\n\n<table class=\"wp-block-table\"><tbody><tr><td>Komponiert:<\/td><td>Bluche (Kanton Wallis), 3.-9. September 1939<\/td><\/tr><tr><td>Erstausgabe:<\/td><td>Schott, Mainz, 1939<\/td><\/tr><\/tbody><\/table>\n\n\n\n<p>Im August 1938 &#8211; die Lage des Komponisten im nationalsozialistischen \nDeutschland war nach Auff\u00fchrungsverboten und Diffamierungskampagnen \ng\u00e4nzlich unhaltbar geworden &#8211; l\u00f6sten die Hindemiths endlich ihren \nBerliner Haushalt auf und reisten in die Schweiz aus.<br>\n<br>\n\u201eEs gibt nur zwei Dinge, die anzustreben sind: Anst\u00e4ndige Musik und ein sauberes Gewissen&#8230;\u201c<br>\n<br>\nschreibt Hindemith am 20. September 1938 seinem Verleger. Noch immer \nwill er nicht wahr haben, da\u00df er eine Entscheidung f\u00fcr den Rest seines \nLebens getroffen hat. Mit der Genies eigenen &#8211; und niemandem so wie \nihnen verzeihlichen &#8211; Kurzsichtigkeit geht es ihm wohl zun\u00e4chst nur \ndarum, seine Arbeit ungest\u00f6rt fortsetzen zu k\u00f6nnen. In Bluche bei Sierre\n ( &#8211; Hindemith schreibt \u00fcbrigens, gar nicht kosmopolitisch, beharrlich \n\u201eBl\u00fcsch\u201c, \u201eSij\u00e4r\u201c und \u201eLozan\u201c &#8211; ) findet man schlie\u00dflich ein Tusculum:<br>\n<br>\n\u201e&#8230; das H\u00e4uschen ist so, als w\u00e4re es uns auf den Leib geschneidert, und\n die Gegend ist das Sch\u00f6nste, was man sich w\u00fcnschen kann, eine liebliche\n Matten- und Baumlandschaft, rings umgeben von den gro\u00dfartigsten Dingen.\n Hinter uns die s\u00fcdlichste Kette der Berner Alpen, gegen\u00fcber die \nWalliser Schneeriesen (Wei\u00dfhorn usw.) und vor uns tief unten das \nRh\u00f4netal, das man etwa 40 Kilometer weit aufw\u00e4rts verfolgen kann. Dazu \ndie Abgeschiedenheit in einem winzigen Bauernd\u00f6rfchen voller K\u00fche mit \nst\u00e4ndigem Gebimmel, das H\u00e4uschen mit Sommerveranda und Garten mit \nObstb\u00e4umen, was will man mehr?&#8230;\u201c<br>\n(an den Schott-Verlag, 2. Oktober 1938)<br>\n<br>\nWie schon bei der Komposition des Mathis, den Hindemith fern von der \nHektik Berlins in Lenzkirch im Schwarzwald geschrieben hatte, \nbewahrheitete sich auch diesmal das Ovidsche \u201esilva placet musis, urbs \ninimica poetis\u201c: In den wenigen Monaten, die Hindemith vor seiner \nEmigration in die USA (Februar 1940) zwischen seinen ausgedehnten \nKonzertreisen in seinem Walliser Idyll verg\u00f6nnt waren, entstanden \ninsgesamt elf Werke, darunter neben dem Violinkonzert nicht weniger als \nf\u00fcnf Sonaten, die allesamt zu den gelungensten Werken des Komponisten \nz\u00e4hlen. W\u00e4hrend die anderen vier Sonaten Unikate in Hindemiths Oeuvre \nsind, kr\u00f6nt und beschlie\u00dft die Violinsonate eine ganze Werkgruppe. <br>\n<br>\nMit einem Blick auf das Entstehungsdatum des Werkes kann man schwer \numhin, in dieser letzten und ambitioniertesten der Hindemithschen \nViolinsonaten die unmittelbare Antwort des Komponisten auf das \nHitlersche Kriegsgebell, das zwei Tage vor Beginn der Niederschrift \ndurch den \u00c4ther gegellt hatte, zu sehen. Dem Fanal der kraftmeiernden \nBarbarei wird hier eine aus gedanklicher Ordnung und Klarheit \nentspringende Kraft entgegengesetzt, die Hindemiths Postulat von der \nEinfachheit als \u201eletzter Reduktion hoher Ideen auf die klarste Form\u201c \nentspricht. Der kurze, monothematische erste Satz (Lebhaft, in C) hat \nOuverturencharakter; die Bauform ist ABCBA, wobei die Differenzierung \nder einzelnen Architekturglieder bei gleichbleibender Motivik durch \ndynamische, artikulatorische und metrische Variation erzielt wird. <br>\n<br>\nIm zweiten Satz (Langsam &#8211; Lebhaft &#8211; Langsam, in E) werden in bew\u00e4hrter \nWeise die Charakteristika der Mittels\u00e4tze einer viers\u00e4tzigen Sonate in \neine dreiteilige Form zusammengezogen; die Eckteile vertreten dabei die \nStelle des langsamen Satzes, w\u00e4hrend der Mittelteil im aparten \nF\u00fcnfachteltakt die Funktion eines Scherzos \u00fcbernimmt. Der thematische \nZusammenhalt mit dem Er\u00f6ffnungssatz ist in den langsamen Teilen eher \nlose durch die \u00dcbernahme einzelner charakteristischer Motivelemente \nhergestellt, wohingegen das Thema des raschen Mittelteils unmittelbar \naus der Umkehrung des Incipits von dort gewonnen wird. In der Reprise \nweckt die Geige mit ihren spielerisch-motorischen Skalenornamenten \nErinnerungen an \u00e4hnlich lautende Stellen aus den Sonaten op.11. <br>\n<br>\nZiel und Kr\u00f6nung des Werkes ist aber ohne Zweifel die abschlie\u00dfende \nTripelfuge (Ruhig bewegt, in C), einer der kontrapunktisch und formal \neindrucksvollsten S\u00e4tze Hindemiths. Die gestische Charakterisierung der \ndrei Themen ist von gro\u00dfer Einfachheit, was der Transparenz des Satzes \nsehr zugute kommt. Auch bei der Gliederung verliert Hindemith niemals \ndas Ziel gr\u00f6\u00dftm\u00f6glicher Klarheit aus den Augen. Drei kadenzartige \nZ\u00e4suren (C-Dur &#8211; Cis-Dur &#8211; H-Dur) ordnen den Flu\u00df des Geschehens. Die so\n gebildeten vier Abschnitte der Fuge verarbeiten der Reihe nach:<br>\n1.) Thema 1,  <br>\n2.) Thema 2 und Kombination der Themen 1 und 2  <br>\n3.) Thema 3<br>\n4.) Kombination aller drei Themen.<br>\nDieser gro\u00dfr\u00e4umige Bauplan ist ohne alle \u00e4u\u00dferliche Rhetorik und mit \nlakonischer \u00d6konomie ausgef\u00fchrt. Indem Hindemith die kontrapunktische \nArtistik Regers aufnimmt und weiterf\u00fchrt, versteht er es doch, ihr neuen\n Inhalt und Sinn zu geben. In ihrer gewisserma\u00dfen leidenschaftlichen \nSachlichkeit stellt die letzte Violinsonate Hindemiths in ihrem Genre \neine der \u00fcberzeugendsten Leistungen unseres Jahrhunderts dar.<br>\n<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\">\u00a9 by Claus-Christian Schuster<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Paul Hindemith * 16. November 1895\u2020 28. Dezember 1963 Sonate Nr.4, C-Dur (1939) Komponiert: Bluche (Kanton Wallis), 3.-9. 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