{"id":659,"date":"2019-02-13T19:15:56","date_gmt":"2019-02-13T18:15:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www2.altenbergtrio.at\/?p=659"},"modified":"2019-02-13T19:16:01","modified_gmt":"2019-02-13T18:16:01","slug":"brahms-sonate-nr-2-a-dur-op-100","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/brahms-sonate-nr-2-a-dur-op-100\/","title":{"rendered":"Brahms: Sonate Nr.2, A-Dur, op.100"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Johannes Brahms<\/h3>\n\n\n\n<p>* 7. Mai 1833<br>\u2020 3. April 1897<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Sonate Nr.2, A-Dur, op.100<\/h3>\n\n\n\n<table class=\"wp-block-table\"><tbody><tr><td>Komponiert:<\/td><td>Thun, Sommer 1886<\/td><\/tr><tr><td>Urauff\u00fchrung:<\/td><td>Wien, Musikverein, Kleiner Saal (Brahms-Saal),<br>\n2. Dezember 1886<br>\nJohannes Brahms, Klavier<br>\nJoseph Hellmesberger sen. (1828-1893), Violine<\/td><\/tr><tr><td>Erstausgabe:<\/td><td>Simrock, Berlin, 1887<\/td><\/tr><\/tbody><\/table>\n\n\n\n<p>KOMPONIEREN NACH BEETHOVEN<br> DIE DREI SONATEN F\u00dcR KLAVIER UND VIOLINE VON JOHANNES BRAHMS<br> <br> Die drei Violinsonaten von Johannes Brahms (1833-1897) geh\u00f6ren so sehr  zum Allgemeingut der Kammermusikgemeinde der ganzen Welt, da\u00df nichts  \u00fcberfl\u00fcssiger erscheint, als sie im \u00fcblichen Sinne \u201evorzustellen\u201c. Sie  regen aber in besonderer Weise zum Nachdenken \u00fcber den  musikgeschichtlichen Proze\u00df, in dem sie entstanden sind, an. Freilich  ist das Feld, das sich hier auftut, f\u00fcr den hier gebotenen Rahmen viel  zu weit. Daher bitte ich Sie, mit den folgenden Gedankenskizzen  vorliebzunehmen.<br> Wie in fast allen Genres der Musik l\u00e4\u00dft sich auch an der Gattung \u201eSonate  f\u00fcr Violine und Klavier\u201c (die bis an das Ende des XIX. Jahrhunderts  fast immer unter der Bezeichnung \u201eSonate f\u00fcr Klavier und Violine\u201c  figurierte) \u00fcber den Zeitraum der letzten zweihundert Jahre hinweg eine  stetige quantitative Abnahme der Produktion feststellen. So stehen den  insgesamt 38 Violinsonaten Mozarts (von denen immerhin 19 in den  g\u00e4ngigen Ausgaben ber\u00fccksichtigt werden) und 10 Werken von Beethoven nur  mehr je drei Sonaten von Schumann und Brahms gegen\u00fcber, w\u00e4hrend die  meisten bedeutenden Komponisten unseres Jahrhunderts \u00fcberhaupt nur ein  bis  zwei Kompositionen dieser Art hinterlassen haben (Ravel, Bart\u00f2k,  Prokofiev, Shostakovitch usw.). Es ist bezeichnend, da\u00df die Ausnahmen  (etwa Max Reger mit seinen 9 Violinsonaten) sofort in den Verdacht  geraten, \u201eVielschreiber\u201c zu sein, und im Konzertleben zu einem  Schattendasein verurteilt werden. <br> Nat\u00fcrlich spiegelt sich in diesem Ph\u00e4nomen nicht etwa ein Versiegen  menschlicher Kreativit\u00e4t wider &#8211; wenn auch zugestanden werden mu\u00df, da\u00df  die technisch-industrielle Revolution einen nicht unbedeutenden Teil des  sch\u00f6pferischen Potentials der Menschheit in anderen Schaffensgebieten  gebunden hat. Doch die indirekten Folgen dieser Revolution erwiesen sich  f\u00fcr die musikalische Produktion als viel folgenschwerer: Einerseits  entwuchs die Musik ihrem sozialen Selbstverst\u00e4ndnis als  \u201eGebrauchsmusik\u201c, deren gedachter Wirkungshorizont kaum mehr als einige  Jahre betrug, und emanzipierte sich als eine autonome Kunstleistung,  deren Anspruch das hic et nunc weit hinter sich lie\u00df; daraus ergibt sich  wiederum die Forderung nach der \u201eEinmaligkeit\u201c des einzelnen Werkes,  durch die sich die fr\u00fcher \u00fcbliche \u201eSerienproduktion\u201c sozusagen von  selbst verbot. (Charakteristisch in diesem Zusammenhang ist etwa, da\u00df  Beethovens op.12 und op.30 noch je drei Sonaten umfa\u00dft und op.23-24  immerhin noch als Diptychon konzipiert ist, w\u00e4hrend die letzten beiden  Sonaten einzeln erschienen &#8211; eine Erscheinung, die sich im wesentlichen  bei allen vergleichbaren Werkkategorien Beethovens wiederfindet.)  Andererseits f\u00fchrte die &#8211; ebenfalls technisch und wirtschaftlich  bedingte &#8211; Entwicklung des Musiklebens (Konzertorganisation,  Verlagswesen usw.) zu einer allm\u00e4hlichen \u201eHistorisierung\u201c oder  \u201eMusealisierung\u201c der Rezeption, so da\u00df der Komponist der zweiten H\u00e4lfte  des XIX. Jahrhunderts viel f\u00fchlbarer sup specie aeternitatis komponierte  als seine Kollegen der vorangegangenen Generationen: Der Bezugspunkt  war nicht mehr das rezente Musikangebot einer \u00fcberschaubaren Region,  sondern das gesamte Musikschaffen innerhalb eines sich kontinuierlich  erweiternden historischen und geographischen Horizontes. Analog dem  Goetheschen Begriff der \u201eWeltliteratur\u201c nahm so &#8211; eigentlich  unausgesprochen &#8211; die Idee einer \u201eWeltmusik\u201c allm\u00e4hlich Gestalt an. Es  liegt auf der Hand, da\u00df (parallel der Entwicklung in den anderen  K\u00fcnsten) angesichts der sich so anbahnenden Omnipr\u00e4senz alles schon  Dagewesenen &#8211; eine Entwicklung, die sich in unserer Zeit noch um ein  Vielfaches beschleunigt hat &#8211; Originalit\u00e4t und Neuheit auch in der Musik  zu selbst\u00e4ndigen und schlie\u00dflich alle anderen Beurteilungskategorien in  den Schatten stellenden Werten wurden. Da\u00df diese Perspektive vieles  objektiv Gro\u00dfe klein und unbedeutend erschienen lie\u00df, w\u00e4hrend manche  Belanglosigkeit im Schlagschatten dieser Beleuchtung epochale  Dimensionen zu besitzen schien, war unvermeidlich. Ohne allen  Kulturpessimismus darf man aber dar\u00fcber hinaus feststellen, da\u00df ganz  allgemein die Situation des k\u00fcnstlerisch sch\u00f6pferischen Menschen im  Laufe des XIX. Jahrhunderts zunehmend schwieriger wurde. Das in dieser  Form eigentlich neue Ph\u00e4nomen des \u201eSp\u00e4tbrufenen\u201c (Theodor Fontane,  Conrad Ferdinand Meyer, Anton Bruckner u.v.a.) ist nur eines der vielen  Symptome, an denen sich diese Komplikation ablesen l\u00e4\u00dft. Das Neue und  Problematische der Situation haben nur wenige unter den Gro\u00dfen so klar  und so schmerzlich erkannt und empfunden wie Johannes Brahms.<br>  Immer wieder wird an die Hypothek erinnert, die Schumanns Artikel \u201eNeue  Bahnen\u201c f\u00fcr den jungen Brahms bedeutet haben mu\u00df. Und in der Tat mu\u00df  man zugeben, da\u00df es f\u00fcr den zwanzigj\u00e4hrigen Komponisten sicher nicht  leicht war, sich gewisserma\u00dfen als Erben Beethovens proklamiert zu  sehen. Doch eigentlich dr\u00fcckt sich in diesem individuellen  biographischen \u201eZufall\u201c die neue Qualit\u00e4t der allgemeinen  Schaffensbedingungen nur in besonders symbolischer Sinnf\u00e4lligkeit aus.  Mit einem Seitenblick auf die weniger problematischen Naturen unter  seinen Kollegen schreibt Brahms seinem Verleger einmal: \u201eF\u00fcr gew\u00f6hnlich  wundere ich mich stets weniger, da\u00df ich so faul, als da\u00df die anderen so  flei\u00dfig sein k\u00f6nnen.\u201c (an Fritz Simrock, April 1870). Im Schatten des  \u201eRiesen\u201c Beethoven wird er mehr als zwei Jahrzehnte um seine Erste  Symphonie ringen m\u00fcssen, die dann schon die Zeitgenossen  als die  \u201eZehnte\u201c empfanden. Obwohl das Schaffen Brahms\u00b4 nur einem sehr  oberfl\u00e4chlichen Betrachter konservativ im Sinne von \u201er\u00fcckw\u00e4rtsgewandt\u201c  erscheinen wird, ist doch die verinnerlichte Gegenwart des gro\u00dfen  Vorg\u00e4ngers immer wieder deutlich zu sp\u00fcren.<br> In \u00e4hnlicher Wiese wie in seinen Symphonien bezieht sich Brahms auch in  seiner Kammermusik auf dieses Erbe. Wie er in seiner ersten Sonate f\u00fcr  Klavier und Violoncello (e-moll, op.38) das in Beethovens letzter  Cellosonate (op.102 Nr.2) entwickelte Modell zum Ausgangspunkt nimmt, so  kn\u00fcpft seine erste Violinsonate (G-Dur, op.78) unmittelbar an  Beethovens letztes Werk dieser Gattung (G-Dur, op.96) an. Der Bezug ist  hier noch um einiges offensichtlicher: Brahms verwendet die selbe  Tonartenfolge wie Beethoven (G-Dur &#8211; Es-Dur &#8211; g-moll &#8211; G-Dur), und auch  in Aufbau und Textur finden sich einige un\u00fcberh\u00f6rbare Parallelen. Noch  auff\u00e4lliger sind aber die prononcierten Unterschiede zu Beethovens  Partitur: das Wegfallen des Scherzos, die konsequente Weiterentwicklung  der motivischen \u00d6konomie und die noch weiter gehende \u201ePoetisierung\u201c des  Textes &#8211; der letzte Satz ist sogar ganz explizit eine Meditation \u00fcber  zwei, schon 1873 komponierte Lieder (\u201eRegenlied\u201c op.59 Nr.3, und  \u201eNachklang\u201c op.59 Nr.4, beide auf Texte von Brahms\u00b4 Freund und Landsmann  Klaus Groth [1819-1899]), worauf sich der manchmal f\u00fcr das Werk  verwendete Name \u201eRegenliedsonate\u201c bezieht. Das Werk, das \u00fcbrigens &#8211;  zus\u00e4tzliches Indiz f\u00fcr die oben skizzierte Problematik &#8211; wahrscheinlich  schon den vierten Versuch des Komponisten in diesem Genre darstellt,  entstand in den Sommern der Jahre 1878 und 1879 in P\u00f6rtschach am  W\u00f6rthersee und wurde schon am 8. November 1879 in Bonn von dem Ehepaar  Marie Heckmann-Hertwig (1843-1890), Klavier, und Robert Heckmann  (1848-1891), Violine, uraufgef\u00fchrt. <br> Die anderen beiden Sonaten sind Zwillingsschwestern: Brahms schuf beide  Werke in dem so \u00fcberaus ertragreichen Sommer 1886, den er am Thuner See  in der Schweiz verbrachte und der ganz der Instrumententrias  Klavier-Violine-Violoncello geh\u00f6rte. Neben den beiden Violinsonaten  entstanden zur gleichen Zeit das 3. Klaviertrio (c-moll, op.101), die  zweite Cellosonate (F-Dur, op.99) und das Doppelkonzert f\u00fcr Violine,  Cello und Orchester (a-moll, op.102). Die eine der beiden Sonaten,  n\u00e4mlich die zweite Violinsonate (A-Dur, op.100), wurde noch im selben  Jahr aus der Taufe gehoben: Der Komponist selbst spielte sie mit Joseph  Hellmesberger sen. (1828-1893) am 2. Dezember 1886 im Kleinen Saal  (jetzt Brahms-Saal) des Wiener Musikvereins. (Eben dieser Hellmesberger  hatte ja schon im November 1862, wenige Wochen nach Brahms\u00b4 Ankunft in  Wien, die Schumannsche Prophezeiung von 1853 erst auf die griffige  Formel \u201eDas ist der Erbe Beethovens!\u201c gebracht, ein Urteil, das er in  sp\u00e4teren Jahren, als er darum bem\u00fcht war, im Streit zwischen  \u201eBrahmsianern\u201c und \u201eWagnerianern\u201c neutral zu erscheinen, damit zu  entschuldigen pflegte, da\u00df er vorher \u201ezu viel kroatischen Wein\u201c  getrunken habe.) Die \u201eWagnerianer\u201c bem\u00e4chtigten sich der neuen Sonate  sofort, indem sie ihr den Namen \u201eMeistersinger-Sonate\u201c anhefteten &#8211; mit  keiner besseren Begr\u00fcndung als der wirklich l\u00e4ppischen \u00dcbereinstimmung  der ersten beiden Intervalle mit dem Beginn der Stolzing-Arie  \u201eMorgenlich leuchtend\u201c. Brahms selbst hat bei anderer Gelegenheit einem  Reminiszenzen-J\u00e4ger geantwortet, noch viel merkw\u00fcrdiger als das \u201eZitat\u201c  selbst sei doch wohl der Umstand, da\u00df es jedem Esel auffalle. Wer  ernsthaftere und erhellendere Bez\u00fcge in dem Werk sucht, wird sie in  zahlreichen Selbstzitaten des Meisters finden: Da er die Sonate nach dem  Zeugnis seines Biographen Max Kalbeck \u201ein Erwartung der Ankunft einer  geliebten Freundin\u201c, n\u00e4mlich der Altistin Hermine Spies (1857-1893)  schrieb, k\u00f6nnte man aus den zitierten Liedern so etwas wie einen \u201eBrief  in T\u00f6nen\u201c herauslesen; und es ist sicher kein Zufall, da\u00df der Dichter,  der Brahms dazu seine Worte leiht, wieder Klaus Groth ist (\u201eWie Melodien  zieht es&#8230;\u201c op.105 Nr.1 und \u201eKomm bald!\u201c op.97 Nr.5).<br> Mit dem Schwesterwerk, der dritten Violinsonate (d-moll, op.108) lie\u00df  der Meister sich mehr Zeit. Erst im Oktober 1888 schickte Brahms das  Manuskript den Herzogenbergs nach Berlin. Elisabet von Herzogenberg  (1847-1892), deren Briefwechsel mit Brahms zu den ber\u00fchrendsten  Dokumenten der deutschen Musikgeschichte z\u00e4hlt, regte den Komponisten  dann noch zu einigen \u00c4nderungen an. In dieser definitiven Fassung wurde  das Werk am 21. Dezember 1888 in Budapest von Brahms mit dem ungarischen  Geiger und Joachim-Sch\u00fcler Jen\u00f6 Hubay (1858-1937) uraufgef\u00fchrt. Wie oft  bei unmittelbar benachbarten Werken der gleichen Gattung f\u00e4llt  zuallererst die antithetische Stimmung des Sonatenpaares auf: der  sonnig-tr\u00e4umerischen Welt der A-Dur-Sonate steht hier eine  wildzerkl\u00fcftete, wetterdurchleuchtete Landschaft gegen\u00fcber. Da\u00df die  Dramatik dieses Werkes auch einen bestimmten Interpretentyp verlangt,  deutete Brahms in der Widmung an &#8211; \u00fcbrigens der einzigen \u201eoffiziellen\u201c  Dedikation, die er einer Violinsonate angedeihen lie\u00df: die Sonate ist  Hans von B\u00fclow (1830-1894) zugeeignet, der 1854 (nach dem Komponisten)  der erste Pianist gewesen war, der ein Brahms-Werk \u00f6ffentlich aufgef\u00fchrt  hatte.<br> Auch in dieser Geste manifestiert sich, da\u00df Brahms keine prinzipielle  Ber\u00fchrungsscheu gegen\u00fcber dem Wagner-Kreis hatte &#8211; der \u201eKrieg\u201c wurde von  den Aposteln sehr viel heftiger gef\u00fchrt als von den Meistern selbst.  Dennoch sollte man die historische Bedeutung dieses Konfliktes nicht  untersch\u00e4tzen: zum ersten Mal in der Musikgeschichte stehen wir hier  zwei fundamental unterschiedlichen Idiomen und Ideologien gegen\u00fcber, die  sich beide explizit auf das klassische Erbe und im besonderen auf  Beethoven berufen. Im Unterschied zu den national, sozial oder  pers\u00f6nlich bedingten Konflikten, die bis dahin die \u00e4sthetische  Diskussion \u00fcber die Musik weitgehend bestimmt hatten, haben wir es nun  mit einem tieferreichenden und folgenschwereren Streit zu tun, von dem  man den Ausgang jenes Ph\u00e4nomens herleiten kann, das vielen Menschen  unseres Jahrhunderts dann als die \u201ebabylonische Sprachenverwirrung\u201c der  Musik erscheinen mu\u00dfte.<br><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\">\u00a9 by Claus-Christian Schuster<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Johannes Brahms * 7. Mai 1833\u2020 3. April 1897 Sonate Nr.2, A-Dur, op.100 Komponiert: Thun, Sommer 1886 Urauff\u00fchrung: Wien, Musikverein, Kleiner Saal (Brahms-Saal), 2. Dezember 1886 Johannes Brahms, Klavier Joseph Hellmesberger sen. 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