{"id":649,"date":"2019-02-13T19:12:39","date_gmt":"2019-02-13T18:12:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www2.altenbergtrio.at\/?p=649"},"modified":"2019-02-13T19:12:45","modified_gmt":"2019-02-13T18:12:45","slug":"hindemith-sonate-nr-2-fuer-violoncello-und-klavier-e-dur-1948","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/hindemith-sonate-nr-2-fuer-violoncello-und-klavier-e-dur-1948\/","title":{"rendered":"Hindemith: Sonate [Nr.2] f\u00fcr Violoncello und Klavier, E-Dur (1948)"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Paul Hindemith<\/h3>\n\n\n\n<p>* 16. November 1895<br>\u2020 28. Dezember 1963<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Sonate [Nr.2] f\u00fcr Violoncello und Klavier, E-Dur (1948)<\/h3>\n\n\n\n<table class=\"wp-block-table\"><tbody><tr><td>Komponiert:<\/td><td>New Haven, CT, , Februar &#8211; 8. M\u00e4rz 1948<\/td><\/tr><tr><td>Erstausgabe:<\/td><td>Schott, Mainz, 1948<\/td><\/tr><\/tbody><\/table>\n\n\n\n<p>Neben \u201eseiner\u201c Bratsche lag Hindemith das Cello ganz besonders am \nHerzen: nicht zuf\u00e4llig ist sein erstes gro\u00dfformatiges Werk ein Konzert \nf\u00fcr Violoncello und Orchester (op.3, komponiert 1916), dem er sp\u00e4ter \n(1925 und 1940) noch zwei Werke der selben Gattung folgen lie\u00df. \nHindemiths erste ver\u00f6ffentlichte Komposition waren Drei St\u00fccke f\u00fcr \nVioloncello und Klavier (op.8, 1917). Das Violoncello war das Instrument\n des Bruders und Quartettkollegen Rudolf ebenso wie von Hindemiths Frau \nGertrude. F\u00fcr sie schrieb der Komponist neben den gro\u00dfen repr\u00e4sentativen\n Cellowerken zwischendurch auch Hausmusikalisches, wie etwa die Drei \nleichten St\u00fccke (1938), die Variationen \u00fcber &#8220;A frog he went a courting&#8221;\n (1941) oder die Kleine Sonate (1942). <br>\n<br>\nVon der Lekt\u00fcre mit Walt Whitman angeregt hatte Hindemith im Sommer 1919\n eine dreis\u00e4tzige Sonate f\u00fcr Violoncello und Klavier (op.11 Nr.3) \ngeschrieben, die er zwei Jahre sp\u00e4ter radikal umarbeitete und in dieser \nneuen, zweis\u00e4tzigen Form 1922 drucken lie\u00df. War 1919 mit der Erstfassung\n dieses Werkes in Hindemiths kompositorischer Entwicklung ein Punkt \nkritischer Labilit\u00e4t erreicht, so wird nun, fast drei Jahrzehnte sp\u00e4ter,\n mit einem Werk der selben Gattung ein Punkt letzter und reifster \nKlarheit markiert. Mit Recht gilt die zweite Cellosonate als das \nbedeutendste kammermusikalische Sp\u00e4twerk des Komponisten.<br>\n<br>\nDer erste Satz l\u00e4\u00dft uns mit der Bezeichnung Pastorale (in E) ein \nlyrisches Vorspiel erwarten. Zun\u00e4chst scheint diese Erwartung auch \nerf\u00fcllt zu werden: in freiem Dialog zwischen den beiden Instrumenten \nwird eine schier endlose Melodie ausgesponnen, deren Reiz vor allem in \nihrem ungezwungenen Parlando liegt. Von subtilen metrischen Raffinessen \nimmer weiter gelockt, durchschreiten wir drei Tonr\u00e4ume, die gleichzeitig\n thematischen Abschnitten entsprechen und sich \u00fcber teils real \nklingenden, teils auch nur angedeuteten Orgelpunkten (\u00fcber E, Gis und \nDes) entfalten. Das darauffolgende Fugato, in dessen Themenkopf man ein \n\u201eamerikanisches\u201c Zitat, n\u00e4mlich den Anfang des Spirituals \u201eOh, when the \nSaints&#8230;\u201c h\u00f6ren kann, bringt fast unmerklich eine dynamische Bewegung \nin Flu\u00df, die den pastoralen Ausgangscharakter des St\u00fcckes bald weit \nhinter sich l\u00e4\u00dft und in der Satzmitte schlie\u00dflich in einem wuchtigen \nAkkord-Duell kulminiert. Auf dem H\u00f6hepunkt dieser Entwicklung l\u00e4\u00dft \nHindemith unvermittelt den letzten Abschnitt der Exposition anklingen, \nder uns dann in einem j\u00e4hen Decrescendo zur eigentlichen Reprise \nzur\u00fcckf\u00fchrt. Wie nach diesem Vorgang schon zu erwarten war, erscheinen \nnun die einzelnen Formglieder wesentlich ver\u00e4ndert und in neuer Reihung.\n Besonders originell ist die rhythmische Bereicherung, die der Komponist\n aus einer dem ersten Thema neu unterlegten Begleitfigur gewinnt \n(\u00dcberlagerung von Drei- und Zweihalbentakten). Dazwischen dr\u00e4ngt sich \naber immer wieder das Fugatothema vor, das schlie\u00dflich auch das letzte \nWort beh\u00e4lt. Der ganze Satz ist also eine durch die dynamische Verve des\n Fugatos monumentalisierte Pastorale, die schon auf die \nSchlu\u00dfpassacaglia hinzuweisen scheint.<br>\n<br>\nDer marschartige Unterton, der sich mit dem Fugatothema in die \nmelodienselige Grundstimmung des Kopfsatzes eingeschlichen hat, gewinnt \nim nun folgenden Satz (M\u00e4\u00dfig schnell &#8211; Langsam &#8211; Tempo I, in Cis) die \nOberhand. Aber nat\u00fcrlich verabs\u00e4umt der listenreiche Komponist nicht, \nuns immer wieder einmal \u00fcber eingeschmuggelte F\u00fcnfvierteltakte stolpern \nzu lassen. Doch auch hier erwarten uns viel wesentlichere \n\u00dcberraschungen: urpl\u00f6tzlich verebbt die burschikose Heiterkeit des \nSatzes &#8211; der Stimmungswechsel vollzieht sich \u00fcber der Umkehrung des \nselben, durch Dehnung markierten Tonschrittes (g-as), der im ersten Satz\n den Eintritt des Fugatos bezeichnet hatte. Der jetzt folgende \nMittelteil vertritt die Stelle des langsamen Satzes; die Zusammenziehung\n der beiden traditionellen Mittels\u00e4tze in einen einzigen Satz erfolgt \nalso spiegelbildlich analog dem im Mittelsatz der letzten Violinsonate \nangewandten Verfahren. Reminiszenzen an diesen Satz werden auch in der \nverfremdeten Reprise des Scherzoteiles geweckt: diesmal ist es das \nKlavier, das mit gespenstisch dahinhuschenden Chromatismen das frische \nAusschreiten des Marschthemas desavouiert.<br>\n<br>\nAls Schlu\u00dfstein einer gro\u00dfen musikalischen Architektur eignet sich wohl \nkeine andere Form besser als die Passacaglia; und obwohl Hindemith hier,\n anders als Brahms im Finalsatz seiner IV. Symphonie, ja nur ein \nindividuelles Werk und nicht eine ganze Werkgruppe beschlie\u00dft, erscheint\n die Monumentalit\u00e4t dieser Kr\u00f6nung durchaus gerechtfertigt. Das Thema \ndieser Passacaglia (in E) steht zun\u00e4chst in schroffem Gegensatz zum \nMaterial der vorangegangenen S\u00e4tze. Von der Kantabilit\u00e4t der Pastorale \noder der beschwingten Elastizit\u00e4t des Scherzos ist hier nichts zu \nsp\u00fcren: die fast tyrannisch dominierenden Septimspr\u00fcnge geben ihm ein \nerratisch-wuchtiges Aussehen. Den weit-gespannten Intervallen \nentsprechen extreme dynamische Kontraste und harsche Dissonanzen. \nVierundzwanzig mal wird dieses siebentaktige Modell variiert, wobei die \nLinie des Passacaglienbasses manchmal bis an den Rand der \nUnkenntlichkeit in Figurationen aufgel\u00f6st erscheint und auch die ganze \nAmplitude charakterlicher Ver\u00e4nderungen ausgesch\u00f6pft wird. Dann \nunterbricht ein kurzes Fugato, in dem sich auch die unregelm\u00e4\u00dfigen \nMetren der vorangegangenen S\u00e4tze wieder zu Wort melden, den Ablauf. \nAnstelle des erwarteten fugierten Schlusses setzt aber schon nach \nwenigen Takten das unerbittliche Passacagliathema sein Recht durch und \ntreibt das St\u00fcck, aufgeheizt durch den motorischen Eigensinn des \nFugatomotivs, zu einem gleichsam mit Ingrimm triumphierenden Ende.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\">\u00a9 by Claus-Christian Schuster<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Paul Hindemith * 16. November 1895\u2020 28. 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