{"id":645,"date":"2019-02-13T19:11:27","date_gmt":"2019-02-13T18:11:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www2.altenbergtrio.at\/?p=645"},"modified":"2019-02-13T19:11:33","modified_gmt":"2019-02-13T18:11:33","slug":"beethoven-sonate-nr-5-d-dur-op-102-nr-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/beethoven-sonate-nr-5-d-dur-op-102-nr-2\/","title":{"rendered":"Beethoven: Sonate Nr.5, D-Dur, op.102 Nr.2"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ludwig van Beethoven<\/h3>\n\n\n\n<p>* 16. Dezember 1770<br>\u2020 26. M\u00e4rz 1827<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Sonate Nr.5, D-Dur, op.102 Nr.2<\/h3>\n\n\n\n<table class=\"wp-block-table\"><tbody><tr><td>Komponiert:<\/td><td>Wien, 1815<\/td><\/tr><tr><td>Widmung:<\/td><td>Anna Maria von Erd\u00f6dy<\/td><\/tr><tr><td>Urauff\u00fchrung:<\/td><td>nicht dokumentiert, privat wahrscheinlich Sommer 1815,<br>\nWien, Jedlesee, Landgut Erd\u00f6dy (21., Jeneweingasse 17)<br>\nLudwig van Beethoven, Klavier<br>\nJoseph Linke (1783-1837), Violoncello<br>\n<\/td><\/tr><tr><td>Erstausgabe:<\/td><td>Simrock, Bonn, 1817<\/td><\/tr><\/tbody><\/table>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend Beethoven in allen anderen bedeutenden Genres seines Werkes \ngeniale Vorg\u00e4nger hatte, betritt er mit seinen f\u00fcnf Sonaten f\u00fcr Klavier \nund Violoncello wirkliches Neuland: diese Sonaten sind die ersten \nernstzunehmenden Beitr\u00e4ge zu dieser Kammermusikform. Als entfernten \nAnkn\u00fcpfungspunkt k\u00f6nnte man nur vielleicht die drei um 1720 entstandenen\n Sonaten f\u00fcr Cembalo und Viola da Gamba von J. S. Bach (BWV 1027-1029) \nnennen, die allerdings sowohl instrumental als auch stilistisch und \nformal v\u00f6llig anderen Prinzipien folgen. Somit kann man Beethoven mit \nFug und Recht als den Sch\u00f6pfer dieser in der Folge von fast allen \nbedeutenden Komponisten mit so gewichtigen Werken bedachten Musizierform\n betrachten. <br>\nDieser Umstand ist auch der Grund daf\u00fcr, da\u00df wir zumindest ein Werk dieser Gattung in unseren Zyklus aufnehmen wollten. <br>\n<br>\nF\u00fcr alle f\u00fcnf Sonaten ist eine selbst bei Beethoven nicht allt\u00e4gliche \nFreiheit im Umgang mit dem \u00fcberlieferten Formenkanon bezeichnend: in \ndieser Hinsicht sind sie durchwegs wesentlich &#8220;revolution\u00e4rer&#8221; als die \nSchwesterwerke f\u00fcr Klavier und Violine. Gleich die ersten beiden Werke \nder Serie, die Beethoven im Juni 1796 in Berlin f\u00fcr K\u00f6nig Friedrich \nWilhelm II und dessen Cellisten Duport schrieb, sind ein Kompendium \ngenialischer &#8220;Sturm und Drang&#8221;-Ideen &#8211; und man t\u00e4te Beethoven wohl \nunrecht, wenn man diese Experimentierlust nur dem Wunsch zuschriebe, den\n k\u00f6niglichen Widmungstr\u00e4ger recht nachhaltig zu beeindrucken. \nUnangefochtener Gipfelpunkt dieser einzigartigen Werkreihe ist aber \ntrotz allem die letzte Sonate op.102 Nr.2. Es d\u00fcrfte nicht leicht sein, \nin der gesamten Kammermusikliteratur ein Werk zu finden, das diesen \nGeniestreich an K\u00fchnheit, Konzentration und Klarheit, an \nEmpfindungstiefe und Geistessch\u00e4rfe \u00fcbertr\u00e4fe. <br>\n<br>\nDas er\u00f6ffnende Allegro con brio (D-Dur) weckt gleich mit seinem \nenergisch-stolzen Inzipit, das en passant auch schon in den ersten \nbeiden Takten die heilige metrische Ordnung unbk\u00fcmmert \u00fcber den Haufen \nwirft, die Erwartung nach einer fugierenden Antwort, die erst im letzten\n Satz &#8211; aber wie! &#8211; erf\u00fcllt wird. Dieser kraftvolle Impuls zieht eine \nEntwicklung nach sich, die auf ganz ungek\u00fcnstelte und organische Weise \ndas paradoxe Kunstst\u00fcck zustande bringt, gleichzeitig kleingliedrig und \ngro\u00dfr\u00e4umig zu sein. Der Motor dieser Entwicklung ist eine atemberaubend \nkunstvolle motivische Verflechtung \u00fcber schroffe Charaktergegens\u00e4tze \nhinweg. Der ganze Satz ist zudem ein Exze\u00df an Verknappung, der sicher \nauch einen Gro\u00dfmeister der Komprimierung wie etwa Anton von Webern mit \nBewunderung erf\u00fcllt hat &#8211; einen solchen Kosmos an Ideen und Stimmungen \nauf gerade 147 Takten hat es wohl nicht oft in der Musikgeschichte \ngegeben. <br>\n<br>\nDas &#8220;Herzst\u00fcck&#8221; des Satzes &#8211; in der engeren Bedeutung des Wortes &#8211; ist \ndas folgende Adagio con molto sentimento d&#8217;affetto (d-moll). Gl\u00e4ubige \nHingabe und verhaltener Zweifel, schmerzliche Beklommenheit und \nbeseligende Gel\u00f6stheit sind hier innigst verwoben und in ein auf \nunnennbare Weise ber\u00fchrendes Gleichgewicht gebracht. Mit k\u00fchnen, aber \nnahezu absichtslos anmutenden Modulationen \u00f6ffnet sich der Satz zur \nunmittelbar anschlie\u00dfenden Schlu\u00dffuge (Allegro fugato, D-Dur), die man \nin Analogie das &#8220;Kopfst\u00fcck&#8221; der Sonate nennen k\u00f6nnte. \u00dcber Generationen \nhinweg hat dieser Satz gleicherma\u00dfen bewunderndes wie verst\u00e4ndnisloses \nkopfsch\u00fctteln ausgel\u00f6st &#8211; Beethovens Zuversicht, da\u00df die Zeit auch f\u00fcr \nsolch einen Satz einmal reif sein w\u00fcrde, hat sich nur sehr unvollkommen \nbest\u00e4tigt. Gewi\u00df, das Ohr des modernen H\u00f6rers ist durch ein Stahlbad an \nH\u00e4rten gegangen, das es ihm erm\u00f6glicht, die K\u00fchnheiten Beethovens \nunger\u00fchrt zu \u00fcberstehen. Aber Verst\u00e4ndnis? Wieviele heutige H\u00f6rer w\u00fcrden\n sich nicht der Meinung des Berliner Beethoven-Apostels Adolf Bernhard \nMarx anschlie\u00dfen, der 1824 schrieb: <br>\n<br>\n&#8220;Eine Fuge wie diese vorliegende aber wird schwerlich Jemandem gefallen \nk\u00f6nnen. Sie klingt 1. nicht und 2. erweckt sie keine bestimmte \nEmpfindung. Das Thema ist f\u00fcr eine so ernste Durchf\u00fchrung zu lustig und \nkontrastirt auch desshalb mit den beiden vorigen S\u00e4tzen zu grell. Wie \nviel lieber h\u00e4tten wir statt dieser Fuge einen andern Satz, ein \nBeethovensches Finale geh\u00f6rt!&#8230;&#8221; <br>\n<br>\nEine Fuge hat also, wenn sie sich schon unter ein aufgekl\u00e4rtes Publikum \nwagt, in feierlicher Staatsrobe zu erscheinen. Die Messalliance zwischen\n t\u00e4nzerischem \u00dcbermut und kontrapunktischem Scharfsinn ist und bleibt \nein \u00c4rgernis &#8211; man will doch schlie\u00dflich wissen, woran man nun wirklich \nist. Die Selbstverst\u00e4ndlichkeit, mit der die Antike Berauschtheit und \nErleuchtung in Eines verschmelzen lassen konnte, hat unser kritischer \nGeist gr\u00fcndlich wegrationalisiert: hie Dionysos, da Apoll. Sollten wir \nBeethoven nicht dankbar sein daf\u00fcr, da\u00df er uns im polyphonen H\u00f6henflug \ndieser wenigen Minuten \u00fcber die gutbewachten Grenzen unserer \nwohlgordneten \u00c4sthetik hinwegtr\u00e4gt? <\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\">\u00a9 by Claus-Christian Schuster<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ludwig van Beethoven * 16. Dezember 1770\u2020 26. 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