{"id":643,"date":"2019-02-13T19:10:09","date_gmt":"2019-02-13T18:10:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www2.altenbergtrio.at\/?p=643"},"modified":"2019-02-13T19:10:14","modified_gmt":"2019-02-13T18:10:14","slug":"schubert-klavierquintett-a-dur-op-posth-114-d-667-forellen-quintett","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/schubert-klavierquintett-a-dur-op-posth-114-d-667-forellen-quintett\/","title":{"rendered":"Schubert: Klavierquintett A-Dur op.posth.114 (D 667, &#8220;Forellen-Quintett&#8221;)"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Franz Schubert<\/h3>\n\n\n\n<p>* 31. J\u00e4nner 1797<br>\u2020 19. November 1828<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Klavierquintett A-Dur op.posth.114 (D 667, &#8220;Forellen-Quintett&#8221;)<\/h3>\n\n\n\n<table class=\"wp-block-table\"><tbody><tr><td>Komponiert:<\/td><td>Steyr (Stadtplatz 34; Entwurf?) \/ Wien (Wipplingerstra\u00dfe 2), Sommer &#8211; Herbst 1819<\/td><\/tr><tr><td>Widmung:<\/td><td>Sylvester Paumgartner (1763?-1841)<\/td><\/tr><tr><td>Urauff\u00fchrung:<\/td><td>privat wahrscheinlich Steyr, Ende 1819, bei Sylvester Paumgartner (Stadtplatz 16)<\/td><\/tr><tr><td>Erstausgabe:<\/td><td>Czerny, Wien, Mai 1829<\/td><\/tr><\/tbody><\/table>\n\n\n\n<p>Im Sommer 1819 unternahm Schubert mit Johann Michael Vogl eine Reise  nach dessen Geburtsstadt Steyr; Vogl hatte zur Finanzierung dieser Reise  bei der Direktion des K\u00e4rntnertor-Theaters einen Vorschu\u00df auf das  Honorar f\u00fcr Schuberts Singspiel \u201eDie Zwillingsbr\u00fcder\u201c (D 647) erwirken  k\u00f6nnen. Die beiden in Steyr verlebten Monate m\u00fcssen wohl, trotz des  anfangs schlechten Wetters, recht nach Schuberts Geschmack gewesen sein.  Er logierte bei seinem ehemaligen Konviktskollegen Albert Stadler  (1794-1888) im Hause von dessen Onkel Dr. Albert Schellmann, in dem auch  noch eine Familie Weilnb\u00f6ck wohnte. Die vier noch unverheirateten  T\u00f6chter Dr. Schellmanns, Stadlers Schwester sowie die drei  Weilnb\u00f6ck-M\u00e4dchen (von denen eine etwas sp\u00e4ter Mme. Stadler wurde)  d\u00fcrften erfolgreich mit den Reizen der Landschaft konkurriert haben,  denn in einem Brief Schuberts an seinen Bruder Ferdinand findet sich  noch vor dem obligaten Lob der \u201e\u00fcber allen Begriff sch\u00f6nen\u201c Gegend der  Satz:<br> <br> \u201e In dem Hause, wo ich wohne, befinden sich 8 M\u00e4dchen, beynahe alle  h\u00fcbsch. Du siehst, da\u00df man zu thun hat. Die Tochter des Herrn v.  K[oller], bei dem ich und Vogl t\u00e4glich speisen, ist sehr h\u00fcbsch, spielt  brav Klavier, und wird verschiedene meiner Lieder singen&#8230;\u201c<br> <br> F\u00fcr das \u201esehr h\u00fcbsche\u201c und \u201ebrav Klavier\u201c spielende M\u00e4dchen Josephine  Koller komponierte Schubert w\u00e4hrend seines Aufenthaltes die  Klaviersonate A-Dur op.120\/D 664 &#8211; es scheint, der ganze Sommer war in  A-Dur gestimmt&#8230;<br> <br> Ob das \u201eForellen-Quintett\u201c, Schuberts wahrscheinlich allerpopul\u00e4rste  Kammermusikkomposition, nun wirklich in Steyr entstanden ist, wie dort  eine Gedenktafel behauptet, oder nach Schuberts R\u00fcckkehr erst in Wien  niedergeschrieben wurde &#8211; fest steht jedenfalls, da\u00df das Werk eine  Frucht dieser gl\u00fccklichen Sommermonate ist.  (Schubert wohnte \u00fcbrigens  auch in Wien bei einem geb\u00fcrtigen Steyrer, dem Dichter Johann  Mayrhofer). Die unmittelbare Anregung zur Komposition ging von Sylvester  Paumgartner (1763-1841), einem Steyrer \u201eMelomanen\u201c und wohlhabenden  Amateurcellisten aus, der in seinem ger\u00e4umigen Haus regelm\u00e4\u00dfig  Kammermusiksoireen veranstaltete. In einem Brief an den verdienstvollen  (und unbedankt vergessenen) Schubert-Forscher Ferdinand Luib schreibt  Albert Stadler fast vierzig Jahre sp\u00e4ter:<br> <br> \u201eSchuberts Quintuor f\u00fcr Pianoforte, Violine, Viola, Cello und Kontraba\u00df  mit den Variationen \u00fcber seine \u201eForelle\u201c ist Ihnen wahrscheinlich  bekannt. Er schrieb es auf besonderes Ersuchen meines Freundes Sylvester  Paumgartner, der \u00fcber das k\u00f6stliche Liedchen ganz entz\u00fcckt war. Das  Quintuor hatte nach seinem Wunsche die Gliederung und Instrumentierung  des damals noch neuen Hummelschen Quintettes, recte Septuors, zu  erhalten. Schubert war damit bald fertig, die Sparte behielt er  selbst&#8230;\u201c<br> <br> Das \u201eHummelsche Quintett, recte Septuor\u201c, auf das hier hingewiesen wird,  ist Johann Nepomuk Hummels 1816 erschienenes Septett f\u00fcr Klavier,  Fl\u00f6te, Oboe, Horn, Viola, Violoncello und Kontraba\u00df op.74, d-moll, eines  der letzten vor Hummels Weggang nach Stuttgart in Wien entstandenen  Werke; dieses Werk erfreute sich in der Tat gro\u00dfer Popularit\u00e4t und wurde  bald nach seinem Erscheinen auch in einer vom Komponisten herr\u00fchrenden  Quintettbearbeitung ver\u00f6ffentlicht. Der Hinweis auf diese Bearbeitung  dr\u00e4ngt sich angesichts der Extravaganz der Besetzung f\u00f6rmlich auf. Es  ist allerdings gar nicht zu erkennen, da\u00df, \u00fcber die Instrumentierung  hinaus, irgendwelche weiterreichenden Querbez\u00fcge (in \u201eGliederung\u201c etc.)  zwischen den beiden Werken best\u00fcnden. Hummel hat freilich, etwa  gleichzeitig mit Schuberts Quintett, schon in Weimar ein bedeutenderes  (und daher weniger bekannt gewordenes) Originalwerk in der Besetzung des  Schubertschen \u201eForellenquintetts\u201c geschrieben (op.87, es-moll); auch  dieses Werk wurde, lange vor Schuberts Quintett, 1821 in Wien gedruckt.<br> <br> Sylvester Paumgartners Wunsch nach einem Werk in dieser eigenwilligen  Instrumentation hat vielleicht mit seinem Cellospiel zu tun; allzuoft  hatte das Cello in der Kammermusikliteratur der Zeit noch grundierenden  Frondienst zu leisten, also etwa Klavierb\u00e4sse zu verdoppeln. Durch die  Hinzuziehung eines Kontrabasses, der diese st\u00fctzende und dienende  Funktion \u00fcbernahm, konnte das Cello f\u00fcr Haupt- und Mittelstimmenaufgaben  freigesetzt werden. Dieser \u201eRaumgewinn\u201c, durch den das Cello auch  seinen timbralen Reichtum besser entfalten kann, scheint Schubert  \u00fcberzeugt zu haben: in seinem kammermusikalischen Testament, dem  Streichquintett C-Dur D.956, greift er diese Idee in ver\u00e4nderter und  vervollkommneter Form noch einmal auf &#8211; der Nachteil der relativen  Unbeweglichkeit Kontrabasses ist dort durch die Verwendung eines zweiten  Cellos eliminiert, und das \u201efreie\u201c, erste Cello ergreift noch  entschiedener Besitz von den hohen Registern.<br> Eine andere instrumentatorische Besonderheit ist die Behandlung des  Klaviers. Weit eindeutiger als etwa in den Klaviertrios wird es nahezu  ausschlie\u00dflich als Melodieinstrument behandelt; \u00fcber weite Partien  werden die H\u00e4nde im Einklang gef\u00fchrt, w\u00e4hrend der \u201eorchestrale\u201c, f\u00fcllige  Akkordklang sehr sparsam verwendet wird.<br> <br> Der popul\u00e4re Name \u201eForellenquintett\u201c lenkt unsere Aufmerksamkeit von  Anfang an auf die Variationen (4.Satz) \u00fcber das bekannte Lied (D.550)  auf den Text von Christian Friedrich Daniel Schubart (1739-1791); damit  stellt er das Werk plakativ in den gr\u00f6\u00dferen Zusammenhang der unmittelbar  liedinspirierten Instrumentalmusik Schuberts, deren daneben ber\u00fchmteste  Beispiele die C-Dur-Klavierphantasie (\u201eWanderer-Phantasie\u201c , D.760) und  das d-moll-Streichquartett (\u201eDer Tod und das M\u00e4dchen\u201c,  D.810) sind.  (Die in diesen drei F\u00e4llen zugrunde liegenden Lieder sind \u00fcbrigens alle  um die Jahreswende 1816\/17 entstanden). Diese Assoziation ist sicher  berechtigt, da sowohl das thematische Material als auch die formale  Gestaltung in allen f\u00fcnf S\u00e4tzen deutlich liedhafte Z\u00fcge haben;  andererseits suggeriert der Name \u201eForellenquintett\u201c dar\u00fcber hinaus eine  Zentralstellung des Variatonssatzes, die diesem durchaus nicht zukommt:  anders als in den beiden anderen zitierten Werken, wo das Liedzitat auch  die gedankliche Mitte und gleichsam den Ursprung des Werkganzen  darstellt, ist es hier eine Erweiterung, ein Zusatz &#8211; den wir freilich  unter keinen Umst\u00e4nden missen wollen. Man k\u00f6nnte die ungew\u00f6hnliche  F\u00fcnfs\u00e4tzigkeit des Werkes sehr leicht auch aus diesem Blickwinkel heraus  begr\u00fcnden, denn um einen \u201enormalen\u201c viers\u00e4tzigen Zyklus zu erhalten,  m\u00fc\u00dfte man nur die Variationen streichen. <br> <br> Das er\u00f6ffnende Allegro vivace ist der einzige unter den f\u00fcnf S\u00e4tzen des  Werkes, dessen thematisches Material einem Durchf\u00fchrungsproze\u00df  ausgesetzt wird. Folgerichtig ist es auch der einzige Satz, indem wir  auch gleichsam der Entstehung des Hauptthemas beiwohnen, so da\u00df die  \u201eKomplikation\u201c der Durchf\u00fchrung durch die das Hauptthema entwickelnde  Einleitung bedingt und hervorgerufen erscheint. Mit einiger Phantasie  kann man im Seitenthema einen \u201eVorausschatten\u201c des Forellenthemas h\u00f6ren.  Jedenfalls wecken alle verwendete Themen unwillk\u00fcrlich  Liedassoziationen, ein Umstand der sehr wesentlich zur Etablierung des  bestimmenden Grundtones f\u00fcr das ganze Werk beitr\u00e4gt.<br> Der zweite Satz (Andante, F-Dur) fasziniert unter anderem durch eine  recht ungew\u00f6hnliche Besonderheit: einem sehr schlichten und eing\u00e4ngigen  Formschema (ABC &#8211; ABC) wird ein ganz eigenwilliger harmonischer Ablauf  unterlegt: F-fis-G \/ As-a-F. Wie man sieht, wird durch die chromatischen  Modulationen (die eigentlich mehr den Charakter von R\u00fcckungen tragen)  der Weg von der Satztonart zur Werktonart buchst\u00e4blich Schritt f\u00fcr  Schritt durchmessen &#8211; ein raffinierter Kunstgriff, durch den die relativ  gro\u00dfe Entfernung zwischen diesen beiden Tonarten scheinbar m\u00fchelos  \u00fcberbr\u00fcckt wird. Der Ideen- und Melodienreichtum des Satzes l\u00e4\u00dft einen  aber diese \u201etechnische\u201c Subtilit\u00e4t gar nicht wirklich wahrnehmen &#8211; man  ist vor allem dankbar daf\u00fcr, da\u00df man, ganz ohne Umschweife und  Verirrungen, alles zweimal h\u00f6ren darf.<br> Im dritten Satz (Scherzo. Presto) stellt Schubert die beiden Spielarten  des Klaviers sehr charakteristisch einander gegn\u00fcber &#8211; im  federnd-energischen Hauptteil die bisher ausgesparte akkordische Verve,  im bukolischen Trio, das \u00fcbrigens die Tonart des Folgesatzes  vorwegnimmt, die melodische Linearit\u00e4t.<br> Trotz der, wie oben angedeutet, vergleichsweise \u201eakzidentellen\u201c Stellung  des vierten Satzes (Andantino, D-Dur) im Werkganzen, sind diese  wundervoll schlichten Variationen f\u00fcr viele Zuh\u00f6rer das Herzst\u00fcck des  Werkes. Der sonnige und konfliktlose Charakter des ganzen Quintetts wird  unter anderem dadurch betont, da\u00df Schubert die dramatische Tr\u00fcbung der  dritten Liedstrophe (\u201eDoch endlich ward dem Diebe die Zeit zu lang&#8230;\u201c)  sowohl im Thema als auch in den Variationen \u00fcbergeht, soda\u00df \u201enur die  muntere, launische Forelle im Quintett ihr Spiel treibt, nicht die  betrogene, dem Tode geweihte (im Quartett wird umgekehrt nicht das  M\u00e4dchen, sondern der Tod zitiert).\u201c (Walther Vetter).<br> Das Finale (Allegro giusto) l\u00e4\u00dft in den ober\u00f6sterreichischen Sommer von  1819 Echos des \u201eungarischen\u201c Sommers von 1818 hin\u00fcberklingen &#8211;  magyarische und \u00f6sterreichische Folklore verbinden sich zu einem bunten  und wiederholungsseligen Tongem\u00e4lde, das keine fortschreitende  Entwicklung und kein Schicksal, sondern nur endloses Kreisen kennt:  eigentlich d\u00fcrfte dieser Satz keinen Schlu\u00df haben, und wir sind Schubert  ein ganz wenig b\u00f6se, da\u00df er sich dem Diktat der Tradition beugen und  doch zu einem Ende finden mu\u00dfte &#8211; aber wir sp\u00fcren recht deutlich, da\u00df es  auch ihm selbst leid getan haben mu\u00df.<br><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\">\u00a9 by Claus-Christian Schuster<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Franz Schubert * 31. 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