{"id":621,"date":"2019-02-13T18:03:38","date_gmt":"2019-02-13T17:03:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www2.altenbergtrio.at\/?p=621"},"modified":"2019-02-13T18:03:46","modified_gmt":"2019-02-13T17:03:46","slug":"mozart-quatuor-pour-le-clavecin-ou-fortepiano-violon-tallie-sic-et-basse-nr-1-g-moll-kv-478","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/mozart-quatuor-pour-le-clavecin-ou-fortepiano-violon-tallie-sic-et-basse-nr-1-g-moll-kv-478\/","title":{"rendered":"Mozart: Quatuor pour le Clavecin, ou Fortepiano, Violon, Tallie [sic] et Basse [Nr.1, g-moll, KV 478]"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Wolfgang Amadeus Mozart<\/h3>\n\n\n\n<p>* 27. J\u00e4nner 1756<br>\u2020 05. Dezember 1791<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Quatuor pour le Clavecin, ou Fortepiano, Violon, Tallie [sic] et Basse [Nr.1, g-moll, KV 478]<\/h3>\n\n\n\n<table class=\"wp-block-table\"><tbody><tr><td>Komponiert:<\/td><td>Wien (Domgasse 5\/Schulerstra\u00dfe 8), beendet am 16. Oktober 1785<\/td><\/tr><tr><td>Urauff\u00fchrung:<\/td><td>nicht dokumentiert<\/td><\/tr><tr><td>Erstausgabe:<\/td><td>Wien, Hoffmeister, Dezember 1786<\/td><\/tr><\/tbody><\/table>\n\n\n\n<p>Mozarts zwei im Jahr 1785\/86 entstandene Klavierquartette sind die  ersten bedeutenden Beispiele eines Kammermusikgenres, das zwar immer im  Schatten anderer und ungleich reicher mit Meisterwerken bedachter  Musizierformen stand, das aber &#8211; vielleicht gerade wegen seiner  relativen \u201eUngew\u00f6hnlichkeit\u201c &#8211; besonders viele au\u00dfergew\u00f6hnliche  Sch\u00f6pfungen zu verzeichnen hat.<br> <br> Entwicklungsgeschichtlich ist das Klavierquartett ein direkter  Abk\u00f6mmling der barocken \u201eSonata a tre\u201c (mit der Normbesetzung 2 Violinen  und basso continuo), wobei das urspr\u00fcnglich den Ba\u00df nur st\u00fctzende  Cembalo Hand in Hand mit seiner schrittweisen Ersetzung durch das  Hammerklavier allm\u00e4hlich die F\u00fchrungsrolle \u00fcbernahm. Tats\u00e4chlich findet  man im Kammermusikrepertoire der zweiten H\u00e4lfte des XVIII. Jahrhunderts  weit mehr Klavierquartette in der die unmittelbare Abstammung von der  \u201eSonata a tre\u201c sogleich zu erkennen gebenden Besetzung von 2 Violinen,  Violoncello und Klavier. Die f\u00fcr uns \u201eklassisch\u201c gewordene Besetzung, in  der die zweite Geige durch eine Bratsche ersetzt wird, ist in  vielleicht noch h\u00f6herem Ma\u00dfe, als man das f\u00fcr die Schwestergattungen  Klaviertrio und Streichquartett behaupten kann, eine Erfindung der  Wiener Klassik. Das \u00e4lteste bisher bekannt gewordene St\u00fcck dieser  Besetzung ist ein (unver\u00f6ffentlichtes) Divertimento des  Beethoven-Freundes Emanuel Aloys F\u00f6rster (1748-1823) aus dem Jahre 1771.  Im Druck begegnet uns das Klavierquartett zuerst im \u201eNotturno en  Quatuor\u201c (komponiert 1778 in Mannheim, gedruckt 1781 in Paris) des Abb\u00e9   Georg Joseph Vogler (1749-1814). Ein Jahr nach dem Erscheinen dieses  Werkes ver\u00f6ffentlichte Johann Baptist Vanhal (1739-1813) in Wien ein  Klavierquartett (op.29 Nr.3, 1782).<br> <br> Die Entstehung der Mozartschen Klavierquartette erscheint also  musikhistorisch durchaus plausibel. Doch es hie\u00dfe den tieferen Sinn und  Wert dieser Werke gr\u00fcndlich verkennen, wollte man in ihnen blo\u00df die  Widerspiegelung einer Modeerscheinung sehen. Es scheint vielmehr, da\u00df  ihr Erscheinen in Mozarts Oeuvre sozusagen von langer Hand vorbereitet  ist: Die ersten Jahre von Mozarts Wiener Lebensjahrzehnt zeigen uns  einen tiefgreifenden Entwicklungsschub in zwei grundverschiedenen  Genres, mit denen Mozart sich schon  in den 1770er Jahren eingehend  besch\u00e4ftigt hatte: dem Klavierkonzert und dem Streichquartett. Zwischen  Ende 1782 und Anfang 1785 entstehen (von Einzels\u00e4tzen sowie zahlreichen  Fragmenten und Entw\u00fcrfen abgesehen) 11 Klavierkonzerte (KV 413 bis KV  467) und 6 Streichquartette (die \u201eHaydn-Quartette\u201c), in denen diese  beiden Genres auf eine neue Entwicklungsstufe gehoben werden.  Das  Klavierquartett bietet nun Mozart die M\u00f6glichkeit, die Errungenschaften  aus diesen beiden gegens\u00e4tzlichen Entwicklungslinien in Eines zu  verschmelzen: der symphonische Dialog und die brillante Gestik des  Klavierkonzertes verbinden sich hier mit der gesammelten Innigkeit und  dem subtilen Raffinement des Streichquartetts. Diese auf den ersten  Blick unm\u00f6glich erscheinende Synthese macht den Zauber und die Eigenart  dieser Werke aus; es ist damit gleichzeitig aber auch ein Punkt  erreicht, wo Mozarts Kunst Geschmack und Aufnahmsf\u00e4higkeit seiner Zeit  nicht mehr in Rechnung stellt. Mozart hatte offenbar mit seinem  Logenbruder, dem Komponisten Franz Anton Hoffmeister (1754-1812)  vertraglich vereinbart, f\u00fcr dessen 1784 gegr\u00fcndeten Verlag eine Serie  von (den damaligen Usancen entsprechend wahrscheinlich drei oder sechs)  Klavierquartetten zu schreiben. Als sich das erste dieser Werke, unser  g-moll-Quartett, das unmittelbar nach seiner Fertigstellung in Druck  ging, als f\u00fcr das Publikum zu anspruchsvoll und schwierig erwies,  scheint Mozart seinen Freund von der Verpflichtung zur \u00dcbernahme der  Quartette entbunden zu haben. Das zu diesem Zeitpunkt offenbar schon  fertiggestellte zweite Quartett (Es-Dur, KV 493) lie\u00df er dann erst 1787  bei Artaria erscheinen; die anderen Werke der geplanten Reihe wurden nie  in Angriff genommen.<br> <br> Auf dem Postwagen, der Mozarts neue Werke von Wien nach Salzburg bringt,  sind wie zur sinnf\u00e4lligen Illustration der inneren Zusammenh\u00e4nge These,  Antithese und Synthese &#8211; Streichquartett, Klavierkonzert und  Klavierquartett &#8211; friedlich vereint:<br> <br> \u201e&#8230;gestern brachte endlich der Austr\u00e4ger ein wohlverwahrtes P\u00e4ckl vom  Postwagen mit den 6 Quartetten, und 3 Sparten. n\u00e4m: ein Quartett mit dem  Clavier, Violino, Viola und Violoncello obligato. Dann die 2 grossen  neuen Clavier Concerte. Das Clavier quartetto ist erst vom 16ten october  dieses jahr, und liegen schon das Violin und Viola, weils bereits  gestochen sind, im Abdruck dabey.\u201c <br> <br> schreibt Leopold Mozart am 2. Dezember 1785 an seine Tochter nach St.  Gilgen. \u00dcber den Genu\u00df, den ihm diese Werke verschafft haben m\u00fcssen,  erf\u00e4hrt Nannerl nichts, weil dieser Brief ebenso wie die folgenden  ansonsten fast ausschlie\u00dflich die Gesundheit von Nannerls Sohn Leopold,  der sich in diesen Monaten beim Gro\u00dfvater befand und nach dessen  am\u00fcsiertem Urteil (wegen eines Hautausschlags) \u201eeinem Saufbruder  \u00e4hnlich\u201c sah, und verschiedenen pikanten Tratsch zum Gegenstand hat. Da\u00df  aber Vater Mozart f\u00fcrwahr allen Grund hatte, auf das neueste Werk  seines Sohnes stolz zu sein, k\u00f6nnen wir leicht nachvollziehen.<br> <br> Das einpr\u00e4gsame Incipit des Kopfsatzes (Allegro) mit dem  charakteristischen Dialog zwischen Tutti und Solo l\u00e4\u00dft sofort die  Dramatik eines Konzertsatzes entstehen. Unter Mozarts Klavierkonzerten  stehen nur zwei in Moll (KV 466, d-moll, und KV 491, c-moll), und beide  sind in unmittelbarer Nachbarschaft der Klavierquartette entstanden. In  den Kopfs\u00e4tzen dieser beiden Konzerte ist der f\u00fcr das Genre typische  dialogische Konflikt zwischen Soloinstrument und Orchester gleichsam  hinausgez\u00f6gert &#8211; das Klavier kommt jeweils erst am Ende einer deutlich  symphonische Z\u00fcge tragenden Orchesterexposition zu Wort. Verglichen  damit pr\u00e4sentiert sich das Klavierquartett also sogar \u201ekonzertanter\u201c als  die Konzerte. Bemerkenswert ist, da\u00df die Solopartien aller drei Werke  mit dem gleichen expressiven Oktavruf auf der Dominante beginnen, dem  jedes Mal eine resignativ fallende Geste folgt. Ganz der Stilwelt der  Streichquartette entstammt die kontrapunktische Klarheit, mit der das  Motto die weitere Entwicklung tr\u00e4gt und pr\u00e4gt. Der von der thematischen  Keimzelle des Mottos ausgehende d\u00fcster beharrende Grundton des Satzes  wird nur wenige Male spielerisch aufgelockert, niemals ganz aufgegeben.  In den allerletzten Takten tritt dann der recitativische Ursprung dieses  Hauptmotivs ganz klar zutage: der Satz endet mit einer Unisono-These,  deren Ernst und Strenge nicht nur keinen Widerspruch zu dulden, sondern  auch keine Weiterentwicklung zuzulassen scheint.<br> Um so erstaunlicher und begl\u00fcckender ist, wie im folgenden Andante  (B-Dur) das Eis Takt f\u00fcr Takt dahinschmilzt &#8211; die rhythmische Monomanie  des Kopfsatzes l\u00f6st sich auf die einfachste Weise der Welt, und man  vermeint, das unschuldige und ahnungsvolle Pl\u00e4tschern eines  Fr\u00fchlingsbaches zu h\u00f6ren, an dessen endlich befreiten Ufern sich dann im  abschlie\u00dfenden Rondeau aller lang aufgestaute kindliche \u00dcbermut  ausleben darf.<br> Das fast erdr\u00fcckende, bedrohliche \u00dcbergewicht des Kopfsatzes in der  Gesamtarchitektur des Werkes ist ganz sicher  gewollt und f\u00fcr die  Dramaturgie des Werkes entscheidend; die g\u00e4ngige Interpretenausflucht  vor diesem vermeintlichen Problem (n\u00e4mlich den ersten Satz \u201equasi alla  breve\u201c zu spielen und die Wiederholung von Durchf\u00fchrung und Reprise  geflissentlich zu \u201e\u00fcberspringen\u201c) greift auf jeden Fall viel zu kurz &#8211;  ein Musterbeispiel daf\u00fcr, da\u00df Treue gegen\u00fcber dem Buchstaben eines  Werkes sehr wohl auch etwas mit der Treue gegen\u00fcber dem innewohnenden  Geist zu tun hat<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\">\u00a9 by Claus-Christian Schuster<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wolfgang Amadeus Mozart * 27. 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