{"id":617,"date":"2019-02-13T18:01:57","date_gmt":"2019-02-13T17:01:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www2.altenbergtrio.at\/?p=617"},"modified":"2019-02-13T18:02:04","modified_gmt":"2019-02-13T17:02:04","slug":"herzogenberg-quartett-fuer-klavier-violine-viola-und-violoncello-nr-2-b-dur-op-95","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/herzogenberg-quartett-fuer-klavier-violine-viola-und-violoncello-nr-2-b-dur-op-95\/","title":{"rendered":"Herzogenberg: Quartett f\u00fcr Klavier, Violine, Viola und Violoncello Nr.2, B-Dur, op.95"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Heinrich von Herzogenberg<\/h3>\n\n\n\n<p>* 10. Juni 1843<br>\u2020 09. Oktober 1900<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Quartett f\u00fcr Klavier, Violine, Viola und Violoncello Nr.2, B-Dur, op.95<\/h3>\n\n\n\n<table class=\"wp-block-table\"><tbody><tr><td>Komponiert:<\/td><td>Berlin, 1896\/97<\/td><\/tr><tr><td>Widmung:<\/td><td>Johannes Brahms<\/td><\/tr><tr><td>Erstausgabe:<\/td><td>Rieter-Biedermann, Leipzig, 1897<\/td><\/tr><\/tbody><\/table>\n\n\n\n<p>Heinrich von Herzogenbergs Werk geh\u00f6rt zu den liegengelassenen  und  verschwendeten Sch\u00e4tzen der \u00f6sterreichischen Musik. Es bleibt  unverst\u00e4ndlich, da\u00df ein so reiches und gediegenes Oeuvre zur G\u00e4nze in  Vergessenheit geraten konnte; w\u00fc\u00dfte man nicht, da\u00df diese  Vernachl\u00e4ssigung ein Kind der Gedankenlosigkeit ist, k\u00f6nnte man  \u00d6sterreichs (wirklichen und eingebildeten) \u00dcberreichtum an gro\u00dfer Musik  f\u00fcr sie verantwortlich machen. Wahrscheinlich ist auch Herzogenbergs f\u00fcr  manche Kritiker allzu gro\u00dfe Geistesverwandtschaft und N\u00e4he zu Brahms  (die sogleich den platten Spruch von \u201eSchmied\u201c und \u201eSchmiedl\u201c  provoziert) mit ein Grund f\u00fcr dieses Unrecht. Nach einem Jahrhundert  sollte aber Abstand und \u00dcberblick gro\u00df genug geworden sein, um den  wahren Wert seines Werkes sch\u00e4tzen zu k\u00f6nnen.<br> Wer sich, unabh\u00e4ngig von der Nichtachtung, die die Musikwelt dem  Komponisten angedeihen l\u00e4\u00dft, einen Eindruck von der Eigenart des  Menschen verschaffen will, m\u00f6ge zu den ersten beiden B\u00e4nden des  Briefwechsels von Johannes Brahms greifen, die der Korrespondenz mit dem  Ehepaar Elisabet und Heinrich von Herzogenberg gewidmet sind. Nicht von  ungef\u00e4hr hat Max Kalbeck diese Briefe an den Beginn seiner  gro\u00dfangelegten Briefedition gestellt: der Gedankenaustausch zwischen  diesen drei au\u00dfergew\u00f6hnlichen Menschen geh\u00f6rt zum Sch\u00f6nsten und  Erhellendsten, was es in der Briefliteratur der Musikgeschichte gibt. <br> <br> Wenn man wei\u00df, wie unerreichbar fern Brahms auch nur ein Anflug von  Schmeichelei und Sch\u00f6nrednerei gelegen ist, wird man den folgenden  Worten seines Briefes an Elisabet vom 15. J\u00e4nner 1887 ihr wahres Gewicht  beimessen k\u00f6nnen:<br> <br> \u201e&#8230;Mehr wie bei anderen Kollegen mu\u00df ich bei Heinz\u00b4 Sachen an mich  denken und werde daran erinnert, wie und wo &#8211; ich eben auch zu lernen  und zu machen versuche. Er wei\u00df, um was es sich handelt, und deshalb ist  mir auch so wichtig und lieb, sein zustimmendes Wort zu h\u00f6ren (und  Ihres dazu). Er wei\u00df besser und mehr als ich (das hat seine einfachen  Gr\u00fcnde). Aber beneiden mu\u00df ich ihn, da\u00df er lehren kann. Wir sind die  gleichen schweren Wege mit gleichem, gutem Ernst gegangen. Er kann  mittun, anderen so schlimme M\u00fche zu ersparen. Von Berliner Schw\u00e4tzern  ist uns viel schlechte Schule gekommen, von dort scheint f\u00fcr die  J\u00fcngeren eine bessere zu kommen&#8230;\u201c<br> <br> Man darf argw\u00f6hnen, da\u00df dieselbe pr\u00e4potente Engstirnigkeit, die es  zulassen konnte, da\u00df Brahms\u00b4 hier und immer wieder ausgesprochener  Wunsch nach einer Lehrstelle in Wien ungeh\u00f6rt blieb, auch an der  Resonanzlosigkeit der Herzogenbergschen Musik schuld tr\u00e4gt. &#8211;  Herzogenberg war, in diesem Punkte gl\u00fccklicher als Brahms, 1885, nach  dreizehn Jahren in Leipzig, als Nachfolger Friedrich Kiels an die  Berliner Musikhochschule berufen worden, der er bis wenige Monate vor  seinem Tode angeh\u00f6ren sollte. In seinen Wiener Studienjahren (1862-1864)  hatte er im Hause seines Lehrers Otto Dessoff Johannes Brahms  kennengelernt. 1868 hatte er Elisabet von Stockhausen, die Tochter des  Hannoverschen Gesandten in Wien, geheiratet (die einige Jahre zuvor f\u00fcr  ganz kurze Zeit Brahms\u00b4 Klaviersch\u00fclerin gewesen war). Elisabets Tod am  7. J\u00e4nner 1892 in San Remo war der schwerste Schicksalsschlag und  tragische Wendepunkt in Heinrich von Herzogenbergs Leben. Ab diesem  Zeitpunkt wendete er sich immer mehr der Kirchenmusik zu. Die geistliche  Kantate \u201eTotenfeier\u201c (op.80, 1894) nimmt in seinem Werk eine \u00e4hnliche  Stellung ein wie das Deutsche Requiem im Brahmsschen Schaffen. Das wie  die \u201eTotenfeier\u201c Elisabets Andenken gewidmete 1. Klavierquartett  (e-moll, op.75, 1892) mu\u00df ihm bei der Komposition des 2.  Klavierquartetts wohl vor Augen gestanden haben; und wenn man im ersten  Werk ein wehm\u00fctiges und verkl\u00e4rtes Portrait der geliebten Frau erkennen  darf, so lassen sich im zweiten unschwer die Z\u00fcge des verehrten  Freundes, dem es gewidmet ist, wiederfinden. Das Schicksal f\u00fcgte es, da\u00df  auch dieses zweite, so viel kraftvollere und hellere Werk zum Epitaph  geriet &#8211; den folgenden, am 70. Todestag Beethovens abgesandten  Widmungsbrief, bei dessen Schlu\u00dfs\u00e4tzen Herzogenberg wohl schmerzlich an  die letzten Wochen Elisabets gedacht haben mag, konnte Brahms nicht mehr  beantworten:<br> <br> Berlin W 62, Kurf\u00fcrstendamm 263. 26. M\u00e4rz 1897<br> Lieber verehrter Freund!<br> Zwei Dinge kann ich mir nicht abgew\u00f6hnen: Da\u00df ich immer komponiere, und  da\u00df ich dabei ganz wie vor 34 Jahren mich frage, \u201ewas wird Er dazu  sagen?\u201c<br> \u201eEr\u201c, das sind n\u00e4mlich Sie. Sie haben nun zwar seit l\u00e4ngeren Jahren  nichts dazu gesagt; was ich mir deuten kann, wie ich will. Meiner  Verehrung f\u00fcr Sie hat es aber keinen Eintrag getan. Und so betone ich  sie wieder einmal durch eine Zueignung, die Sie mir freundlich zugute  halten m\u00f6gen!<br> Meine Gedanken sind jetzt mehr wie je bei Ihnen, da ich Sie leidend  wei\u00df. M\u00f6ge das Fr\u00fchjahr die M\u00f6glichkeit einer Luftver\u00e4nderung bringen;  ist sie auch nicht immer direkt von medizinischem Werte, so erfrischt  und ermuntert sie doch den Organismus und hebt die Stimmung. Und da\u00df  hiervon die Genesung abh\u00e4ngen kann, leugnet kein Arzt.<br> In alter Treue und Verehrung Ihr<br> H. Herzogenberg<br> <br> Herzogenberg, der 1876 als erster ein Variationenwerk \u00fcber ein  Brahms-Thema ver\u00f6ffentlicht hatte (\u201eEinmal im Leben der Erste sein zu  k\u00f6nnen, war sehr verlockend\u201c), war es also auch beschieden, der letzte  zu sein, der Brahms ein ihm gewidmetes Werk vorlegen konnte; und man  darf sagen, da\u00df das Schicksal kaum einen W\u00fcrdigeren f\u00fcr diese Aufgabe  erw\u00e4hlen h\u00e4tte k\u00f6nnen.<br> Das er\u00f6ffnende Allegro ist mit der zupackend-energischen Gestik und  einpr\u00e4gsamen, den ganzen Satz durchpulsenden Rhythmik seines Hauptthemas  sowie dem sich vom beseligten Tanz zur siegessicheren Hymne steigernden  Seitenthema einer der vitalsten und selbstbewu\u00dftesten Momente im  Schaffen Herzogenbergs.<br> Noch viel typischer f\u00fcr den Komponisten ist aber das folgende Notturno  (Adagio, ma non troppo, Fis-Dur), dessen subtile Koloristik von ganz  au\u00dfergew\u00f6hnlichem Reiz ist. Es h\u00e4tte nicht einmal einer zentralen  f-moll-Episode (Andante sostenuto) bedurft, um jeden mit dem Werk  Brahms\u00b4 vertrauten Musikliebhaber an den entsprechenden Fis-Dur-Satz der  zweiten Cellosonate (op.99) denken zu lassen.<br> Der von Brahms hei\u00dfgeliebte, aber nie f\u00fcr ein Scherzo verwendete  6\/4-Takt gibt dem folgenden Allegro (f-moll) sein ianusk\u00f6pfiges Gepr\u00e4ge:  dem herben, das Sarkastische streifende Agitato des Hauptteiles (in dem  wir nichts von dem \u201eheiteren Frohsinn\u201c aufzusp\u00fcren vermochten, den der  Herzogenberg-Verehrer Wilhelm Altmann daran sch\u00e4tzte) und der l\u00e4ndlichen  Idylle des F-Dur-Trios liegen die selben rhythmischen und melodischen  Keimzellen zugrunde.<br> Das Finalrondo (Allegro vivace) spielt nicht nur mit der naheliegenden  Assoziation an den entsprechenden Satz des Brahmsschen op.25, die es mit  dem scheinbaren g-moll des Anfangs in aller Unbek\u00fcmmertheit auch noch  tonartlich unterstreicht, es braucht den provozierten Vergleich auch  durchaus nicht zu scheuen. Die drei Themen sind mit sicheren und  kr\u00e4ftigen Strichen charakterisiert und ganz meisterlich verarbeitet. Wie  so oft in seinem Werk hat Herzogenberg hier bewiesen, da\u00df die Anlehnung  an ein \u00fcberragendes Genie nicht zwangsl\u00e4ufig in epigonaler Bl\u00e4sse und  resignierter Wiederholung m\u00fcnden mu\u00df, sondern da\u00df die Demut, die das  Geschenk solcher Zeitgenossenschaft anzunehmen versteht, auch mit  ureigenstem, nicht erborgten Reichtum belohnt werden kann.<br><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\">\u00a9 by Claus-Christian Schuster<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heinrich von Herzogenberg * 10. Juni 1843\u2020 09. 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