{"id":613,"date":"2019-02-13T18:00:16","date_gmt":"2019-02-13T17:00:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www2.altenbergtrio.at\/?p=613"},"modified":"2019-02-13T18:00:23","modified_gmt":"2019-02-13T17:00:23","slug":"dvorak-zweites-quartett-fuer-pianoforte-violine-viola-und-violoncell-es-dur-op-87-b-162","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/dvorak-zweites-quartett-fuer-pianoforte-violine-viola-und-violoncell-es-dur-op-87-b-162\/","title":{"rendered":"Dvo\u0159\u00e1k: Zweites Quartett f\u00fcr Pianoforte, Violine, Viola und Violoncell, Es-Dur, op.87 [B 162]"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Anton\u00edn Dvo\u0159\u00e1k<\/h3>\n\n\n\n<p>* 08. September 1841<br>\u2020 01. Mai 1904<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Zweites Quartett f\u00fcr Pianoforte, Violine, Viola und Violoncell, Es-Dur, op.87 [B 162]<\/h3>\n\n\n\n<table class=\"wp-block-table\"><tbody><tr><td>Komponiert:<\/td><td>Vysok\u00e1 u Pr\u00edbrami, 10. Juli &#8211; 19. August 1889<\/td><\/tr><tr><td>Urauff\u00fchrung:<\/td><td>M\u00fcnchen, Kammermusikvereinigung, 3. November 1890<br>\nHeinrich Schwartz (1861-1924), Klavier<br>\nKarl Hieber, Violine<br>\nPenzl, Viola<br>\nFriedrich Hilpert (1841-1896), Violoncello<br>\n<br>\nPrag, Umeleck\u00e1 beseda, 23. November 1890<br>\nHanu\u0161 Trnecek (1858-1914), Klavier<br>\nFerdinand Lachner (1856-1910), Violine<br>\nPetr Mare\u0161 , Viola<br>\nHanu\u0161 Wihan (1855-1920), Violoncello<br>\n<\/td><\/tr><tr><td>Erstausgabe:<\/td><td>Simrock, Berlin, 1890<\/td><\/tr><\/tbody><\/table>\n\n\n\n<p>Fritz Simrock, der es verabs\u00e4umt hatte, sich das erste  Klavierquartett rechtzeitig zu sichern, hatte schon mehrere Jahre  hindurch vergeblich versucht, Dvor\u00e1k zur Komposition eines neuen Werkes  dieser Gattung zu bewegen. Nach mehreren erfolglosen Vorst\u00f6\u00dfen schreibt  er im Sommer 1888 aus Berlin nach Vysok\u00e1:<br> <br> \u201eEin Klavier-Quartett von Ihnen h\u00e4tte ich immer gerne &#8211; und Sie haben  mir\u00b4s lange versprochen! Wie ist es damit?? Nur Partiturenwerke drucken,  das ist eine zu teure Sache, dabei kann man unm\u00f6glich bestehen.\u201c<br> (27. Juli 1888)<br> <br> Das waren nun eben nicht gerade die Argumente, die Dvor\u00e1ks Inspiration  anregen konnten &#8211; die Klage des Kaufmanns Simrock \u00fcber die aufwendigen  Orchesterpartituren hatte er in den letzten Jahren schon allzuoft zu  h\u00f6ren bekommen. Wenn er dann freilich einfacher zu druckende Werke, etwa  Klavierst\u00fccke oder Lieder, anzubieten hatte, durfte er fast sicher  sein, \u00fcber den Preis wochenlang feilschen zu m\u00fcssen (wobei er sich  allerdings immer als eben so z\u00e4her wie selbstbewu\u00dfter Gesch\u00e4ftspartner  erwies). Einige Monate sp\u00e4ter f\u00fchrten solche Verhandlungen fast zum  Eclat &#8211; Dvor\u00e1k forderte zuletzt sein Manuskript (die P\u00edsn\u00e9  Milostn\u00e9\/Liebeslieder, op.83\/B 160) energisch zur\u00fcck; das Postscriptum  dieses Schreibens ist nicht nur f\u00fcr die vers\u00f6hnliche und umg\u00e4ngliche Art  des Meisters bezeichnend, es ist auch der erste Vorbote unseres  Quartetts:<br> <br> Ein Klavierquartett oder sonst was \u00c4hnliches will ich bald anfangen.  Auch h\u00e4tte ich Lust, eine oder zwei \u201eSlawische Rhapsodien\u201c zu schreiben,  aber noch mehr lustig und recht brillant. Was meinen Sie?<br> (21. Dezember 1888)<br> <br> Der Liebeslieder-Streit wurde shclie\u00dflich doch noch g\u00fctlich geregelt; es  dauerte dann aber immerhin noch ein gutes halbes Jahr, bis Dvor\u00e1k sich  wirklich an die Komposition des Quartetts machte &#8211; und man darf wohl  annehmen, da\u00df er damit weniger dem Dr\u00e4ngen seines Verlegers nachgab, als  einfach einer inneren Notwendigkeit folgte. <br> <br> Nach der Vollendung des Klavierquintetts (op.81\/B 155; 3. Oktober 1887)  hatte Dvor\u00e1k mehr als ein Jahr an seiner Oper Jakob\u00edn (op.84\/B 159; 10.  November 1887 &#8211; 15. November 1888) gefeilt, die am 12. Februar 1889 im  Prager Nationaltheater mit gro\u00dfem Erfolg uraufgef\u00fchrt  worden war. In  dieser au\u00dferhalb des tschechischen Sprachraumes noch immer so gut wie  unbekannten Meisteroper hatten Dvor\u00e1k und seine erprobte Librettistin  Marie Cervinkov\u00e1-Riegrov\u00e1 (1854-1895) mit der k\u00f6stlichen Figur des  Regenschori Benda nicht nur dem gleichnamigen Komponisten, sondern vor  allem Dvor\u00e1ks erstem wichtigen F\u00f6rderer, Anton Liehmann, bei dem der  halbw\u00fcchsige Fleischhauerlehrling  von 1854 bis 1856 in Zlonice Deutsch-  und Musikunterricht erhalten hatte, ein liebenswertes Denkmal gesetzt;  und es ist offensichtlich, da\u00df die Arbeit an dieser Oper, deren ganzes  Ambiente den Komponisten in die Welt seiner Kindheit und Jugend  zur\u00fcckversetzte, ein retrospektives Element, das sich schon seit einiger  Zeit in seinem Schaffen manifestiert hatte, verst\u00e4rkte. Bereits das  Klavierquintett war ja durch die R\u00fcckbesinnung auf ein Jugendwerk  angeregt worden, und au\u00dferdem hatte in der Produktion der Jahre 1887 und  1888 die \u00dcberarbeitung \u00e4lterer Kompositionen eine ungew\u00f6hnlich wichtige  Rolle gespielt. Wie man am Beispiel des Klavierquintetts sehen kann,  standen mitunter auch Neukompositionen in engem gedanklichen  Zusammenhang mit l\u00e4ngst abgeschlossenen Werken. Es ist also recht gut  denkbar, da\u00df auch das neue Klavierquartett nicht nur, wie  offensichtlich, eine Fortsetzung und Vertiefung der bei der Komposition  des Klavierquintetts gemachten Erfahrungen, sondern in mancher Hinsicht  auch ein dialektischer Kommentar zum ersten Werk dieser Gattung ist.<br> <br> Wenige Wochen nach der Urauff\u00fchrung des Jakob\u00edn reiste Dvor\u00e1k nach  Dresden, um dort seine V. Symphonie (F-Dur, op.76\/B 54 &#8211; das Nachbarwerk  des ersten Klavierquartetts) zu dirigieren. Unmittelbar danach, am  ersten Sonntag im April 1889, stattete er nach langer Zeit wieder einmal  seinem Geburtsort Nelahozeves (den K.u.K.-Beh\u00f6rden aus unerfindlichen  Gr\u00fcnden auch unter dem deutschen Namen \u201eM\u00fchlhausen\u201c bekannt) Besuch ab.  Im herrschaftlichen Schlo\u00df der F\u00fcrsten Lobkowitz, das den unscheinbaren  Ort an der Moldau \u00fcberragt, war jetzt ein M\u00e4dcheninternat untergebracht,  das Dvor\u00e1k am Nachmittag besuchte. Die ganze Szenerie, die man ohne  wesentliche Retouchen als B\u00fchnenbild f\u00fcr den Jakob\u00edn verwenden h\u00e4tte  k\u00f6nnen, inspirierte Dvor\u00e1k dazu, vor den Elevinnen am Klavier lange \u00fcber  Motive aus seiner Oper zu phantasieren. Wahrscheinlich war dieser an  der St\u00e4tte seiner fr\u00fchesten Erinnerungen vertr\u00e4umte Tag die  Geburtsstunde von Dvor\u00e1ks erfolgreichstem Solo-Klavierwerk, den Poetick\u00e9  n\u00e1lady (Poetische Stimmungsbilder, op.85\/B 161), deren erstes in Prag  am 17. April 1889 niedergeschrieben wurde. Das dreizehnte und letzte  St\u00fcck der Sammlung wurde am 6. Juni schon in Vysok\u00e1, dem Landhaus und  Sommerdomizil des Komponisten, beendet. Dieser Zyklus bildet eine ideale  Br\u00fccke zwischen den Charakteren des Jakob\u00edn und der Vorstellungswelt  des kurz darauf in Angriff genommenen zweiten Klavierquartetts: Der  Zusammenhang zwischen den beiden Werken wird an einer Vielzahl von  Details, angefangen von typischen harmonischen Wendungen und tonalen  Beziehungen bis hin zu unverwechselbaren Besonderheiten der  Klaviertextur, sicht- und h\u00f6rbar; im dritten St\u00fcck (Na star\u00e9m hrade\/Auf  der alten Burg) scheint sogar schon der tonale Grundplan unseres  Quartetts skizziert zu sein.<br> Wenige Tage nach Abschlu\u00df der Poetick\u00e9 n\u00e1lady erreichte Dvor\u00e1k die  Nachricht, da\u00df ihm Seine Kaiserliche Majest\u00e4t den \u201eOrden der Eisernen  Krone III. Klasse\u201c verliehen hatte, wor\u00fcber sich der Ausgezeichnete fast  ebenso sehr freute, wie \u00fcber die launige Gratulation seines  Schickslasgenossen Johannes Brahms, der sich nun als \u201eRitter des  Leopoldsordens\u201c gerieren durfte. (Ob Dvor\u00e1k die Haltung seines Freundes &#8211;  \u201eOrden sind mir wurscht &#8211; haben will ich sie!\u201c &#8211; teilte, ist nicht  \u00fcberliefert.) <br> <br> Am 10. Juli 1889 begann der ausgezeichnete Komponist, den ersten Satz  des Klavierquartetts zu skizzieren. Der sommerliche Aufenthalt in  Dvor\u00e1ks geliebtem Vysok\u00e1 war diesmal von besorgniserregenden Krankheiten  und einem Todesfall in der Familie \u00fcberschattet. Trotzdem schritt die  Arbeit so rasch voran, da\u00df er schon einen Monat sp\u00e4ter seinem lieben  Freund Alois G\u00f6bl (- eine der wichtigsten Bezugspersonen Dvor\u00e1ks, dem zu  Ehren er seine j\u00fcngste Tochter Aloisia [*4. April 1888] taufen lie\u00df -)  berichten kann:<br> <br> Sie wollen wissen, was ich mache? Mir ist der Kopf so voll von  Einf\u00e4llen, wenn nur ein Mensch das alles aufschreiben k\u00f6nnte! Aber was  n\u00fctzt es, ich mu\u00df schreiben, wie die Hand es eben kann, und das \u00fcbrige  m\u00f6ge Gott geben. Jetzt habe ich schon drei S\u00e4tze eines neuen  Klavierquartetts geschrieben, und mit dem Finale werde ich in einigen  Tagen fertig sein. Es geht \u00fcber Erwarten gut, und die Melodien laufen  mir nur so zu. Gott sei\u00b4s gedankt!<br> (10. August 1889)<br> <br> Da\u00df dem gl\u00fccklichen Komponisten die Melodien wirklich nur so zulaufen  und -fliegen, kann man auf jeder Seite dieser Partitur nachpr\u00fcfen, und  daf\u00fcr mag man sich getrost Dvor\u00e1ks bescheidenem Dank an eine noch \u00fcber  Seiner Kaiserlichen Majest\u00e4t stehende Instanz anschlie\u00dfen; da\u00df aber das  Werk in dieser \u00dcberf\u00fclle von Ideen nicht ertrinkt, sondern sich in  monumentaler Klarheit entfaltet, daf\u00fcr wird der Meister sich unsere  unmittelbarere Bewunderung wohl gefallen lassen m\u00fcssen.<br> <br> Der Zusammenhalt der vier S\u00e4tze des Werkes mit ihrem erstaunlichen  Reichtum an Motiven und Entwicklungslinien wird in erster Linie durch  ein gemeinsames tonales Beziehungsschema gew\u00e4hrleistet. Die \u201e\u00e4u\u00dfere\u201c  Tonartenfolge (Es-Dur &#8211; Ges-Dur &#8211; Es-Dur &#8211; es-moll\/Es-Dur) l\u00e4\u00dft dieses  Konstruktionsprinzip nur erahnen. Um so deutlicher zeigen sich aber die  Verbindungslinien im Inneren der S\u00e4tze: Das ganze Werk hindurch sind die  Variante (Es-moll), die Submediante (Ces-Dur bzw. H-Dur) und deren  Dominante (Ges-Dur) als tonale Zentren mit einem ausgepr\u00e4gten Hang zur  Tonikalisierung wirksam; die nominale Haupttonika (Es-Dur) wird dagegen  auff\u00e4llig sparsam eingesetzt, beh\u00e4lt aber gerade deshalb bis zum Schlu\u00df  ungew\u00f6hnliche farbliche Frische und dramaturgische Kraft. Der Strategie  ist nicht v\u00f6llig neu (schon Beethoven hat in \u00e4hnlicher Richtung  experimentiert), wurde aber selten mit so gro\u00dfer Konsequenz und so  befriedigendem Resultat durchgehalten.<br> <br> Gleich die Er\u00f6ffnung des Kopfsatzes (Allegro con fuoco) demonstriert die  gew\u00e4hlte Vorgangsweise paradigmatisch: Ganze f\u00fcnfundzwanzig Takte lang  dauert es, bis sich die Grundtonart das erste Mal unverschleiert zu  erkennen gibt &#8211; der Umweg, auf den uns ein die majest\u00e4tische  Monumentalit\u00e4t des Hauptgedankens mit zupackender Rhythmik erg\u00e4nzendes  Trabantenmotiv zwingt, f\u00fchrt auf k\u00fchner Route \u00fcber Ges-Dur,  B-moll\/B-Dur, Ces-Dur, E-moll und F-moll  durch eine dramatische  Hochgebirgsszenerie. Sogar das heroische Hauptthema mu\u00df sich den  Notwendigkeiten dieser abenteuerlichen Taktik f\u00fcgen: Schon im ersten  Takt ersetzt ein r\u00e4tselhaftes H (=Ces), dessen programmatische Bedeutung  sich erst nach und nach enth\u00fcllen wird, den Dominantton B. Das  schlie\u00dflich triumphal in seiner \u201ewahren\u201c Gestalt pr\u00e4sentierte Thema kann  sich dann nur ganze vier Takte lang im Licht des endlich erreichten  Es-Dur sonnen; schon die erste Abspaltung entf\u00fchrt uns wieder \u00fcber  Es-moll nach Ges\/Fis-Dur, das sich aber diesmal nur als eine  Zwischenstation auf dem Weg zum Seitensatz erweist. Hier wird in  effektvoller Erweiterung des bisher abgesteckten tonalen Rahmens die  Mediante G-Dur etabliert, in der sich das entwaffnend schlichte  Seitenthema entfaltet. Dieses entbehrt genauso wie das erste Hauptthema  markanter rhythmischer Merkmale &#8211; sein Kontrast zu jenem manifestiert  sich in Melodie und Metrik: Melodisch ist es eine Art (sehr freier)  Umkehrung des ersten Themas, und metrisch ersetzt es dessen m\u00e4nnliche  Verse durch troch\u00e4ische, wie sie als Folge der tschechischen Prosodie  auch im Volkslied h\u00e4ufig vorkommen. W\u00e4hrend das k\u00e4mpferische Hauptthema  in seinem harmonisch zerkl\u00fcfteten Ambiente st\u00e4ndig von Zersetzung und  Aufsplitterung bedroht war, darf sich das unschuldige Seitenthema in  dieser G-Dur-Enklave nach Lust aussingen, was es auch in immer \u00fcppiger  werdender Verzierung tut, bis sich \u00fcber den Schlu\u00dftroch\u00e4en pl\u00f6tzlich das  Hauptthema wieder energisch zu Wort meldet. Dieser unvorhergesehene  Konflikt f\u00fchrt zu einer beklemmenden (und sehr opernhaft anmutenden)  Unterbrechung, aus der sich die entschlossene Wiederkehr des Satzanfangs  mit  siegessicherer Geste erhebt. <br> Doch diesmal ist gar keine Kraftanwendung n\u00f6tig, um das selbstbewu\u00dfte  Hauptthema vom Weg abzudr\u00e4ngen: Die fragende Wiederholung seiner  Schlu\u00dfwendung f\u00fchrt &#8211; mit einer einpr\u00e4gsamen R\u00fcckung &#8211; \u00fcber Es-moll nach  H-Dur. An diesem Punkt, der den eigentlichen Beginn der Durchf\u00fchrung  markiert, ist die angriffslustige Rastlosigkeit des Trabantenmotivs zu  kleinlauter Ratlosigkeit geworden, und das von den vier Instrumenten  nacheinander durch vier Oktaven getragene Eingest\u00e4ndnis der Ohnmacht  zeigt eindrucksvoll die Handschrift des Musikdramatikers Dvor\u00e1k. Damit  ist der Nadir des Satzes erreicht. Von hier dr\u00e4ngt die Wiederaufnahme  der Schlu\u00dfwendung des Hauptthemas \u00fcber einen knappen chromatischen  Modulationszug  zu einer alle \u201ekammermusikalische\u201c R\u00fccksicht hinter sich  lassenden Entwicklung: In viermaligem Anlauf verbinden sich das  pathetisch deklamierte (und deformierte) Hauptthema und sein  k\u00e4mpferischer Trabant \u00fcber schrill dissonanten Akkordfl\u00e4chen zu einer  Steigerung von unerh\u00f6rter dramatischer Intensit\u00e4t. Die scheinbare  Stabilit\u00e4t, die von den gro\u00dfr\u00e4umigen Orgelpunkten in dieser  sechzehntaktigen Kulmination ausgeht, verst\u00e4rkt nur die Wucht der hier  gebannten Spannung. Die angestaute Energie entl\u00e4dt sich schlie\u00dflich in  einer den Themenkopf abwechselnd verkleinernden und vergr\u00f6\u00dfernden  Passage, an deren Ende eine rhapsodisch erweiterte und ver\u00e4nderte  Rekapitulation des Hauptthemas steht. Erst die Fortsetzung macht klar,  da\u00df wir uns damit schon auf dem Boden der Reprise befinden &#8211; die  Molldominante (B-moll), mit der wir diesen wichtigen Punkt erreichen,  l\u00e4\u00dft aber keinen Zweifel dar\u00fcber, da\u00df hier keine \u201eregelm\u00e4\u00dfige\u201c  Wiederholung des Expositionsgeschehens folgen kann. Die kadenzierende  Bekr\u00e4ftigung dieser problematischen und destabilisierenden Tonart wird  auch sogleich mit einer abrupten Terzr\u00fcckung (B-moll &#8211; Fis-Dur)  umgangen, die \u00fcbrigens ein genaues Abbild des die Durchf\u00fchrung  einleitenden Modulationsschrittes  (Es-moll &#8211; H-Dur) ist. Die bewu\u00dfte  Disposition solcher stark wirkenden Details ist ein formales  Ordnungsprinzip, auf das Dvor\u00e1k vor allem dann zur\u00fcckgreift, wenn die  Komplexit\u00e4t eines Ablaufs seine Durchh\u00f6rbarkeit zu beintr\u00e4chtigen droht.  (Diesen Kunstgriff hatte Dvor\u00e1k, nicht so prononciert und wohl mit  weniger bewu\u00dftem Kalk\u00fcl, schon an ganz analoger Stelle im  Klavierquartett op.23 angewendet.) Vollends genial ist aber die  Konsequenz, die der Komponist hier aus diesem Detail ableitet: Wir  erinnern uns, da\u00df in der \u201eParallelstelle\u201c zu Beginn der Durchf\u00fchrung der  charakteristischen R\u00fcckung als retardierendes Element ein ratloses  Innehalten folgte. Ganz analog wird jetzt der letzte Halbtonschritt des  Trabantenmotivs gedehnt wiederholt &#8211; doch diesmal folgt hier die Reprise  des Seitenthemas, und Dvor\u00e1k l\u00e4\u00dft, anders als zu Beginn der  Durchf\u00fchrung, das Halbtonmotiv nicht verstummen: Er gibt ihm nicht nur  eine sublime instrumentale Gestalt (das ostinate Seufzermotiv, mit dem  das Violoncello die Wiederkehr des unschuldigen Seitenthemas  kommentiert, geh\u00f6rt sicher zu den Eingebungen, die im Englischen  treffend haunting genannt werden), sondern er verwendet diesen  unbeirrbar wiederholten Tonschritt G-Fis gleichzeitig auch dazu, eine  subtile Verbindung zwischen Exposition (G-Dur\/Mediante) und Reprise  (H-Dur\/Submediante) des Seitenthemas herzustellen. R\u00fcckblickend  erscheint somit die in der Exposition \u00fcberraschend gew\u00e4hlte Mediante als  das Spiegelbild der in der tonalen Gesamtarchitektur des Werkes  tragende Funktion erf\u00fcllenden Submediante &#8211; und damit wird auch schon  der Blick auf die \u201eSpiegelachse\u201c, die bisher nahezu aufgesparte Tonika  frei. Das Resultat dieser herrlichen Eingebung l\u00e4\u00dft nicht lange auf sich  warten: Schon nach acht Takten wendet sich der Seitensatz, der bei  seinem ersten Erscheinen unbeirrbar und naiv in G-Dur verankert war, von  H- nach Es-Dur und leitet so endlich (wir stehen immerhin schon an der  Schwelle zum letzten Drittel des Satzes!) die f\u00fcr das tonale  Gleichgewicht des ganzen Werkes entscheidende Best\u00e4tigung der Tonika  ein. Und jetzt wird auch klar, warum Haupt- und Seitensatz in der  Reprise Platz tauschen mu\u00dften: Erst die nachgereihte Wiederkehr des  Hauptthemas, das sich jetzt gro\u00dffl\u00e4chig ausbreiten kann, schafft und  n\u00fctzt den f\u00fcr diese monumentale Bekr\u00e4ftigung der Tonika erforderlichen  Raum. (Die emphatische Konzentration auf den Hauptthemenkomplex und die  damit Hand in Hand gehende v\u00f6llige Aussparung des Seitensatzmaterials in  der Durchf\u00fchrung,  mag man nach Belieben als Grund oder Folge dieses  Plans betrachten; da\u00df die Reprisenumreihung sich aber auch aus diesem  Blickwinkel rechtfertigt, ist jedenfalls unbestritten.) <br> Es f\u00fcgt sich wie von selbst in das bewundernswerte Kalk\u00fcl dieser  Dramaturgie, da\u00df die Tonika nach so gro\u00dfz\u00fcgiger St\u00e4rkung mit den  abschlie\u00dfenden Kadenzen wieder weit in den freien Tonraum ausschwingen  kann und so den Weg f\u00fcr die folgenden S\u00e4tze er\u00f6ffnet. Und nat\u00fcrlich hat  Dvor\u00e1k f\u00fcr diesen vielversprechenden Ausblick auch wieder eine  kongeniale instrumentale Formulierung gefunden: Nachdem das Terrain f\u00fcr  die erste erweiterte Kadenz  gleichsam im Sturm erobert ist, wird sie  verhalten und schattenhaft (Poco sostenuto e tranquillo) mit  erschaudernden Streichertremoli und weitgespannten Klavierakkorden  wiederholt, bevor die entschlossene Wiederaufnahme des Tempos den Satz  beschlie\u00dft. Wer staunt nach all den Wundern dieses Satzes noch dar\u00fcber,  da\u00df sogar in dieser allerletzten herrischen Abschlu\u00dfgeste die m\u00e4chtigen  Protagonisten Ces und Ges (als einzige leiterfremde T\u00f6ne) ihre Stellung  behaupten?  <br> <br> Wie hoch auch immer die Erwartungen nach einem so eindrucksvollen  Kopfsatz gespannt sein m\u00f6gen &#8211; mit dem folgenden Lento (Ges-Dur) erf\u00fcllt  und \u00fcbertrifft Dvor\u00e1k sie alle. Die selbstverst\u00e4ndliche Schlichtheit,  mit der er ihm das gelingt, erinnert an Schubert, der vielleicht auch  bei der formalen Gestaltung des Satzes Vorbild war. Die dramatische  Stringenz und der evolutive Reichtum des ersten Satzes waren so gro\u00df,  da\u00df Dvor\u00e1k, um dem Lento eigenes Gewicht und Gesicht zu geben, hier  radikal auf diese Gestaltungsmittel verzichtet &#8211; fast nichts an diesem  Satz hat etwas mit dialektischer Entwicklung zu tun. Die gew\u00e4hlte,  linear additive Form spiegelt diesen Umstand ganz deutlich wider: Eine  Folge von f\u00fcnf thematischen Gedanken wird zweimal pr\u00e4sentiert und mit  einer den letzten Gedanken kadenzierend weiterf\u00fchrenden Coda beschlossen  (ABCDE \u00bdABCDE). Der Umstand, da\u00df die Abschnitte C-E im zweiten Teil des  Satzes um eine Quint transponiert erscheinen, l\u00e4\u00dft es zu, in ihnen eine  Art Seitensatz zu sehen, und die Gesamtform als eine durchf\u00fchrungslose  \u201eSonatenform\u201c zu interpretieren. Diese Sichtweise wird auch durch die  zwischen A-B einerseits und C-D-E andererseits bestehenden deutlichen  motivischen Zusammenh\u00e4nge unterst\u00fctzt. Einzig der \u00dcbergang zu Abschnitt  D, der ein pathetisch erregtes Element in den ansonsten rein  kontemplativen Satz einbringt, greift auf das Entwicklungsprinzip der  Abspaltung zur\u00fcck &#8211; alle anderen Gedanken werden einfach wie Perlen  aneinander gereiht. Dieser bewu\u00dften \u201eKunstlosigkeit\u201c des formalen  Aufbaus entspricht im tonalen Plan eine gro\u00dfr\u00e4umige Stabilit\u00e4t, die in  denkbar gr\u00f6\u00dftem Kontrast zur Komplexit\u00e4t der tonalen Beziehungen  innerhalb des ersten Satzes steht: als Grundtonarten der einzelnen  Formglieder werden nur Tonika und Dominante sowie (f\u00fcr den Abschnitt D)  deren Mollvarianten verwendet.<br> Eine so k\u00fchle Aufz\u00e4hlung der konstruktiven Mittel, mit denen Dvor\u00e1k die  Individualit\u00e4t dieses Satzes gegen seinen \u00fcberm\u00e4chtigen Vorg\u00e4nger  verteidigt, sagt freilich \u00fcber seine beiden wesentlichsten  Wirkungsebenen noch gar nichts aus. Wie jeder Einzelsatz eines  zyklischen Werkes mu\u00df ja auch dieses Lento sowohl eigenwertige  Individuation einer nur ihm spezifischen Idee als auch untergeordneter  Teil einer \u00fcbergreifenden Gesamtarchitektur und -dramaturgie sein. Auf  der ersten Ebene geht die Wirkung des Satzes von seiner tr\u00e4umerischen  Innigkeit und schlichten Unmittelbarkeit aus &#8211; also von seinen  narrativ-emotionalen, im engsten Sinne \u201emusikalischen\u201c Qualit\u00e4ten, die  sich verbaler Umschreibung und Bewertung ohnedies entziehen. Was aber  die Einordnung in das Gesamtgef\u00fcge betrifft, so hat Dvor\u00e1k hier  eindrucksvoll demonstriert, mit welch geringen Mitteln ein Meister gro\u00dfe  Wirkungen erzielen kann: Die Einbindung des Satzes in den gr\u00f6\u00dferen  Kontext des ganzen Werkes beruht n\u00e4mlich im wesentlichen auf nichts  anderem als der wohlbedachten Placierung eines Es-Dur-Akkordes in den  Mittelpunkt des Abschnittes A. Die tiefere Bedeutung dieser (isoliert  betrachtet gar nicht  au\u00dfergew\u00f6hnlichen) Wendung wird dadurch  unterstrichen, da\u00df, w\u00e4hrend alle anderen Formteile eingliedrig  konzipiert sind, nur dieser Abschnitt aus drei distinkten Phrasen  besteht, und sich die Modulation durch das dem zweiten Takt aller drei  Phrasen gemeinsame Es-moll nachdr\u00fccklich ank\u00fcndigt. Vor allem vor dem  Hintergrund der schon erw\u00e4hnten gro\u00dffl\u00e4chigen tonalen Stabilit\u00e4t des  Satzes entfaltet dieses eigentlich winzige Detail eine (von seiner  analytischen Begr\u00fcndung nat\u00fcrlich v\u00f6llig unabh\u00e4ngige) Wirkung von  elementarer Kraft &#8211; sicher nicht der geringste Reiz dieses St\u00fcckes, das  zu Recht als einer der tiefsten und sch\u00f6nsten Dvor\u00e1k-S\u00e4tze ger\u00fchmt wird.<br> <br> Wenn es noch eines zus\u00e4tzlichen Beweises bedurft h\u00e4tte, wie sehr Dvor\u00e1k  in diesem Werk an der Schaffung eines engmaschigen und tragf\u00e4higen  tonalen Beziehungsgeflechtes gelegen war, so w\u00e4re er mit den  Er\u00f6ffnungstakten des dritten Satzes (Allegro moderato, grazioso, Es-Dur)  erbracht: Der entschlossene Mut dieses Anfangs zielt nicht etwa darauf  ab, ein die vertr\u00e4umte Stimmung des zweiten Satzes konterkarierendes,  angriffslustiges Scherzo anzuk\u00fcndigen, er will nur die Wichtigkeit des  in diesen Takten vollzogenen, die beiden S\u00e4tze aneinander bindenden   Modulationsschrittes (Ges-Dur &#8211; Es-moll &#8211; Es-Dur) betonen. In der Tat  folgt auch kein energiegeladenes Scherzo, sondern ein fragiles,  \u201ealtmodisches\u201c Menuett, in dem Anmut und Wehmut einander die Waage  halten. In Umkehrung der \u201etraditionellen\u201c Verh\u00e4ltnisse zwischen  Hauptteil und Trio bringt erst dieses (Un pochettino pi\u00f9 mosso, H-Dur)  ein die Stimmung vom T\u00e4nzerischen ins Dramatische belebendes,  kr\u00e4ftigendes Element ins Spiel, w\u00e4hrend jener zwischen rokokohafter  Grazie, unschuldigem Fernweh und bukolischer Naivit\u00e4t irisiert. Der  Nuancenreichtum des Hauptteils bedingt auch seine gegen\u00fcber dem knapp  formulierten Trio ausgedehntere f\u00fcnfteilige Form (ABAB\u00b4A-Coda). Der  \u201eorientalische\u201c Zauber, der von der \u00fcberm\u00e4\u00dfigen Sekund des zweiten  Themas (B) ausgeht, l\u00e4\u00dft einen unwillk\u00fcrlich an Borodin denken, k\u00f6nnte  aber ebensogut &#8211; und in vielleicht gr\u00f6\u00dferer \u00dcbereinstimmung mit der  Rokokogestik des Menuetts &#8211; auch mit den naiven Exotismen (Chinoiserie,  Alla-Turca-Mode etc.) des XVIII. Jahrhunderts in Zusammenhang gebracht  werden. Das \u201eexotische\u201c Detail ist \u00fcbrigens aus einer ganz heimatlichen  Tanzwendung des ersten Themas (A) abgeleitet und erscheint auch danach  (B\u00b4) noch einmal in einer &#8211; gewisserma\u00dfen das r\u00e4umliche durch ein  zeitliches Fernweh ersetzenden &#8211; modalen Variante (ohne die \u00fcberm\u00e4\u00dfige  Sekund).<br> Dem Grundcharakter des Satzes entsprechend ist hier die  Es-Dur-Herrschaft weniger umstritten als in den anderen S\u00e4tzen. Die  Konstruktionslinien des tonalen Gesamtplanes werden aber nicht nur in  den erw\u00e4hnten Anfangstakten, sondern auch im H-Dur des Trios h\u00f6rbar,  w\u00e4hrend die beiden Episoden des Hauptteiles (B und B\u00b4) in G-moll und  Es-Dur\/As-Dur stehen.<br> <br> Am unmittelbarsten kommt die Fernwirkung des im Kopfsatz angelegten  Tonartenplanes im Finale (Allegro, ma non troppo, Es-moll\/Dur) zur  Geltung. Dabei treten auch die direkten Beziehungen zwischen den beiden  Ecks\u00e4tzen besonders deutlich zutage: Ganz wie im ersten Satz kann sich  die Durtonika erst im letzten Drittel des Satzes &#8211; dann aber umso  machtvoller &#8211; behaupten; und genau wie in dem analog gebauten  Schwesternsatz kommt auch im Finale die Durchf\u00fchrung ohne das  Seitenthema aus. In der Gro\u00dfform der beiden Sonatens\u00e4tze ist der  relevanteste Unterschied, da\u00df Dvor\u00e1k diesmal, dem  geradlinig-unbek\u00fcmmerten Charakter des Schlu\u00dfsatzes entsprechend, auf  die Umreihung von Haupt- und Seitensatz in der Reprise verzichtet. Ganz  volkst\u00fcmlich, im Brahms\u00b4schen Sinne \u201ezigeunerisch\u201c ist die Pr\u00e4sentation  des Hauptthemas, das zun\u00e4chst als siebentaktiges Motto erscheint, um  dann zweimal in seiner sechstaktigen \u201eNormalgestalt\u201c wiederholt zu  werden, wobei alle drei, nahezu identen Phrasen unbeirrbar auf der  Dominante als Zieltonart beharren. Aber die so zur Schau gestellte  monolithische Unver\u00e4nderlichkeit des auch in Melodik und Rhythmik ganz  elementaren Themas kann es doch nicht vor dem \u00fcberm\u00fctig-respektlosen  Zugriff der gleich darauf entfesselten Durchf\u00fchrungsprozesse sch\u00fctzen:  Eine das Thema in sp\u00f6ttischer Verkleinerung paraphrasierende Variante  und eine den trotzigen Themenkopf  ins Sehns\u00fcchtige wendende lyrische  Nebengestalt f\u00fchren unseren stolzen Helden, einander abl\u00f6send und unter  ausgiebigem Einsatz imitatorischer Beredtheit, nach Ges\/Fis-Dur, aus dem  sich das beseelt schw\u00e4rmerische H-Dur-Seitenthema l\u00f6st. Dieser neue  Gedanke hat die mit seinem Charakter in tiefem Einklang stehende Form  einer asymmetrisch verschr\u00e4nkten, f\u00fcnfzehntaktigen Periode mit der f\u00fcr  solche Themen typischen Umkehr der Harmoniefolge (das in die Ferne  schweifende I-V anstelle des domestizierten V-I): Kein Wunder also, da\u00df  seine liebevolle Begeisterung auf der erreichten Dominante (Fis-Dur) in  einem innigen Epilog ausschwingen mu\u00df, wobei aber jetzt ein  symmetrischer Sechzehntakter geordnete Verh\u00e4ltnisse schafft  &#8211; im  \u00fcbrigen ganz ohne der Innigkeit der Empfindung, die sich auch in der  exquisiten S\u00fc\u00dfe der Harmonik niederschl\u00e4gt, Abbruch zu tun. Die  Schlu\u00dfgruppe setzt das durch den Seitensatz unterbrochene Spiel mit  erneuter Energie fort. Ein Vergleich mit der Exposition des Kopfsatzes  lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die ungleich gr\u00f6\u00dfere tonale Stabilit\u00e4t  im Finale &#8211; die Durparallele (Ges\/Fis-Dur) tritt hier nahezu als  Alleinherrscherin auf, was dem t\u00e4nzerisch gel\u00f6sten und befreiten  Charakter des Satzes trefflich entspricht. Wie aber die schon vorweg  konstatierten Parallelen zwischen den beiden S\u00e4tzen vermuten lassen,  k\u00f6nnen die Ersch\u00fctterungen und K\u00e4mpfe des ersten Satzes nicht ohne  Nachhall bleiben, und naturgem\u00e4\u00df ist die (der Wiederholung der  Exposition folgende) Durchf\u00fchrung der Ort, an dem solche Erinnerungen am  ehesten beschworen werden k\u00f6nnen. Sie beginnt mit einer Kette von  k\u00fchnen harmonischen R\u00fcckungen, die das (aus dem Incipit abgeleitete)  lyrische Nebenthema aus seiner Sanftmut wecken und es zu k\u00e4mpferischer  Entschlossenheit reizen. Doch &#8211; wieder eine der von Dvor\u00e1k so effektvoll  gehandhabten Verz\u00f6gerungen &#8211; der Elan erlahmt j\u00e4h, und die energischen  Staacatoachteln des Anfangs zerst\u00e4uben zu einem beklommenen Ostinato,  das den Hintergrund zu einer choralartigen Vergr\u00f6\u00dferung des Nebenthemas  bildet. Mit den Terzmodulationen dieses Chorals (f-As-Ces) kehren auch  die Lebensgeister wieder, und schlie\u00dflich f\u00fchrt eine verk\u00fcrzte Variante  des Hauptthemas den begonnenen Modulationszug in vollem Harnisch zu Ende  (h-D). Schlie\u00dflich mu\u00df auch die sp\u00f6ttische Verkleinerung aus der  Exposition den Ernst der Lage erkennen: In halsbrecherischen  Modulationen wird sie, zuletzt nur noch auf in ungeordneter Flucht  dahinhastende chaotische Skalenfragmente reduziert, in die Enge  getrieben. Am Fluchtpunkt dieser Passage erscheint das chromatisch  verfremdete und drohend vergr\u00f6\u00dferte Incipit als steinerner Gast &#8211; eine  dramaturgischer Geniestreich, der nur den kleinen Sch\u00f6nheitsfehler hat,  da\u00df er banale irdische Gegebenheiten einfach ignoriert (das f\u00fcr die  Wirkung der Stelle entscheidende klangliche Gleichgewicht des Kanons  zwischen Klavier und Violoncello ist in der notierten Lage vielleicht  einem willigen Zuh\u00f6rer zu suggerieren, nicht aber wirklich  herzustellen). Diese Kulmination vertritt gleichzeitig auch das  siebentaktige Anfangsmotto, so da\u00df die unmittelbar anschlie\u00dfende Reprise  direkt mit den beiden Sechstaktern beginnen kann. An die Stelle der  Modulation nach Ges-Dur tritt jetzt endlich der lang erwartete  Durchbruch der Durtonika, auf der die Reprise in genauer Analogie zur  Exposition beendet und mit einer knappen, aber kraftstrotzenden Coda  bekr\u00f6nt wird. Und was in der erweiterten Codakadenz des ersten Satzes  eine verhaltene, schattenhafte Andeutung war, ist hier in glei\u00dfendes  Licht getaucht &#8211; auch in den strahlenden Es-Dur-Schlu\u00dfjubel klingt noch  einmal die stolze Submediante Ces-Dur: \u201eDu gro\u00dfes Gestirn! Was w\u00e4re dein  Gl\u00fcck, wenn du nicht die h\u00e4ttest, welchen du leuchtest!\u201c <br><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\">\u00a9 by Claus-Christian Schuster<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anton\u00edn Dvo\u0159\u00e1k * 08. September 1841\u2020 01. Mai 1904 Zweites Quartett f\u00fcr Pianoforte, Violine, Viola und Violoncell, Es-Dur, op.87 [B 162] Komponiert: Vysok\u00e1 u Pr\u00edbrami, 10. Juli &#8211; 19. August 1889 Urauff\u00fchrung: M\u00fcnchen, Kammermusikvereinigung, 3. November 1890 Heinrich Schwartz (1861-1924), Klavier Karl Hieber, Violine Penzl, Viola Friedrich Hilpert (1841-1896), Violoncello Prag, Umeleck\u00e1 beseda, 23. 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