{"id":611,"date":"2019-02-13T17:59:29","date_gmt":"2019-02-13T16:59:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www2.altenbergtrio.at\/?p=611"},"modified":"2019-02-13T17:59:37","modified_gmt":"2019-02-13T16:59:37","slug":"brahms-klavierquartett-nr-3-c-moll-op-60","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/brahms-klavierquartett-nr-3-c-moll-op-60\/","title":{"rendered":"Brahms: Klavierquartett Nr.3, c-moll, op.60"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Johannes Brahms<\/h3>\n\n\n\n<p>* 7. Mai 1833<br>\u2020 3. April 1897<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Klavierquartett Nr.3, c-moll, op.60<\/h3>\n\n\n\n<table class=\"wp-block-table\"><tbody><tr><td>Komponiert:<\/td><td>D\u00fcsseldorf, 1855\/56; Wien 1869, 1873\/74;, R\u00fcschlikon, Sommer 1874; Ziegelhausen, Sommer 1875<\/td><\/tr><tr><td>Urauff\u00fchrung:<\/td><td>Wien, Musikverein, 18. November 1875<br>\nJohannes Brahms, Klavier<br>\nJosef Hellmesberger sen. (1828-1893), Violine<br>\nSigismund Bachrich (1841-1913), Viola<br>\nFriedrich Hilpert (1841-1896), Violoncello<br>\n<\/td><\/tr><tr><td>Erstausgabe:<\/td><td>Simrock, Berlin, November 1875<\/td><\/tr><\/tbody><\/table>\n\n\n\n<p>Obwohl im Oeuvre von Johannes Brahms langwierige und komplizierte  Entstehungsgeschichten durchaus keine Seltenheit sind, stellt die sich  \u00fcber zwanzig Jahre hinziehende Gestaltwerdung des dritten  Klavierquartetts einen Sonderfall dar. Die Urfassung des Werkes entstand  gleichzeitig mit den ersten  Entw\u00fcrfen zu den ersten beiden  Klavierquartetten (op.25 und op.26), nach dem \u00fcbereinstimmenden Zeugnis  der Jugendfreunde Albert Dietrich und Joseph Joachim schon im Jahre  1855. Das Quartett stand damals in cis-moll. Offenbar wurden in dieser  ersten Entstehungsphase nur die Ecks\u00e4tze komponiert, denn am 18. Oktober  1856 vermerkt Clara Schumann in ihrem Tagebuch:<br> <br> \u201eJohannes hat seinen Concertsatz beendet &#8211; wir haben ihn mehrmals auf  zwei Clavieren gespielt. Zu seinem Cis-moll-Quartett hat er ein  wundersch\u00f6nes Adagio componirt &#8211; tiefinnig.\u201c<br> <br> Bei dem \u201eConcertsatz\u201c handelt es sich um die Urfassung des ersten  Klavierkonzertes; diese Nachbarschaft ist im Hinblick auf den  Bekenntnischarakter beider Werke nicht ohne Bedeutung. (Ob der langsame  Satz des Quartetts wirklich jemals ein \u201eAdagio\u201c war, oder ob es sich,  was wahrscheinlicher ist, einfach um einen Irrtum Claras handelt, mu\u00df  ungekl\u00e4rt bleiben.)<br> Wenige Tage sp\u00e4ter reiste Brahms nach Hamburg, wo er am 22. November  zusammen mit Joseph Joachim an einem Gedenkkonzert f\u00fcr Robert Schumann  mitwirkte. Bei dieser Gelegenheit probierte man das (jetzt dreis\u00e4tzige)  Werk, offenbar in Eile und unter schlechten Bedingungen: Joachim nennt  dieses Durchspiel schlicht \u201eeine Schweinerei\u201c, und Brahms verteidigt  eine von seinem Freunde beanstandete Note mit den Worten:<br> <br> \u201e&#8230;vom eis&#8230; kann ich gar nicht lassen; wie mir\u00b4s im Ohr klingt, klang  es am Montag freilich nicht, sie griffen je e und fis mit&#8230;\u201c<br> (An Joachim, November 1856)<br> <br> Joachim mu\u00dfte also, um sich ein klareres Bild des neuen Werkes machen zu  k\u00f6nnen, das Manuskript zum Studium mit nach Hannover nehmen, von wo aus  er es einige Tage sp\u00e4ter (29. November) dem Komponisten mit einem  schw\u00e4rmerisch begeisterten, aber durchaus auch konstruktiv kritischen  und recht detaillierten  Kommentar zur\u00fccksendet. Aus diesem Brief wissen  wir, da\u00df das Werk damals aus einem \u201eAllegro\u201c, einem \u201eAndante\u201c und einem  \u201ekonzisen Finale\u201c bestand.<br> W\u00e4hrend die beiden Schwesterwerke aber zwischen 1859 und 1861 ihre  endg\u00fcltige Gestalt erhielten (und Brahms im Herbst 1862 ein fulminantes  Entr\u00e9e in Wien verschafften), verschwindet das dritte Quartett auf viele  Jahre aus unserem Gesichtskreis. Erst 1869 scheint Brahms das Werk  wieder vorgenommen zu haben; um diese Zeit dachte er auch schon an eine  Ver\u00f6ffentlichung (als \u201eop.54\u201c). Seine endg\u00fcltige Gestalt erhielt das  Werk aber dann doch erst im Winter 1873\/74 in Wien. Wahrscheinlich wurde  es w\u00e4hrend des darauffolgenden Sommers, den Brahms in R\u00fcschlikon am  Z\u00fcricher See verbrachte, noch einmal \u00fcberarbeitet, denn erst am 23.  Oktober 1874, einige Wochen nach seiner R\u00fcckkehr aus der Schweiz schickt  Brahms das Manuskript an Theodor Billroth mit den lakonischen Zeilen:<br> <br> \u201eDas Quartett wird blo\u00df als Kuriosum mitgeteilt! Etwa eine Illustration  zum letzten Kapitel vom Mann im blauen Frack und gelber Weste.\u201c<br> <br> Dieser Hinweis auf den Goetheschen Werther ist in mehrerer Hinsicht  bemerkenswert: erstens gibt Brahms uns so gut wie nie au\u00dfermusikalische  Schl\u00fcssel zum Verst\u00e4ndnis seiner Werke in die Hand; die musikalischen  Charakterisierungen aber, die in seiner Korrespondenz h\u00e4ufig die  Ank\u00fcndigung neuer Werke begleiten, erweisen sich in der Regel als humor-  und absichtsvolle Irref\u00fchrung. Hier jedoch haben wir es offensichtlich  mit einer recht w\u00f6rtlich zu nehmenden Assoziation zu tun, die noch  dadurch an Gewicht erh\u00e4lt, da\u00df Brahms \u00fcber mehrere Jahre hinweg immer  wieder zu diesem selben Bilde greift, wenn die Rede auf das Quartett  kommt: Hermann Deiters zitiert Brahms mit den Worten: \u201eNun stellen Sie  sich einen Menschen vor, der sich eben totschie\u00dfen will, und dem nichts  anderes mehr \u00fcbrig bleibt.\u201c (1868). Seinem Verleger Fritz Simrock  schreibt Brahms am 12. August 1875:<br> <br> \u201eSie d\u00fcrfen auf dem Titelblatt ein Bild anbringen, n\u00e4mlich einen Kopf  mit der Pistole davor. Nun k\u00f6nnen Sie sich einen Begriff von der Musik  machen! Ich werde Ihnen zu dem Zweck meine Photographie schicken! Blauen  Frack, gelbe Hose und Stulpstiefeln k\u00f6nnen Sie auch anwenden&#8230;\u201c<br> <br> Der burleske Unterton vermag nicht dar\u00fcber hinwegzut\u00e4uschen, wie bitter  ernst diese Werthersche Parallele zu nehmen ist. Und es bedarf weder  \u00fcbertriebener Phantasie noch journalistischer Indiskretion, um sich mit  Blick auf die D\u00fcsseldorfer Jahre 1855\/56 einen Reim auf diesen Bezug  machen zu k\u00f6nnen.<br> <br> Letzte Korrekturen und \u00c4nderungen nahm Brahms dann im Sommer 1875  w\u00e4hrend seines Sommeraufenthaltes in Ziegelhausen bei Heidelberg vor.  Clara, die ihn dort am 17. Juli auf der Durchreise in die Schweiz  besuchte, konnte eine Probe des Quartetts mitanh\u00f6ren, die bei ihr einen  zwiesp\u00e4ltigen Eindruck hinterlie\u00df:<br> <br> \u201e\u00dcber das Quartett habe ich noch viel gedacht, die drei letzten S\u00e4tze  sind mir tief in\u00b4s Gem\u00fcth gedrungen, aber, d\u00fcrfte ich mir erlauben es zu  sagen, ich finde den ersten nicht auf gleicher H\u00f6he stehend, es fehlt  mir darin der frische Zug&#8230;\u201c<br> (an Brahms, 23. Juli 1875)<br> <br> F\u00fcr die nach wie vor ungekl\u00e4rten Fragen der Entstehungsgeschichte  interessant ist ein am selben Tage an Albert Dietrich gerichtetes  Schreiben Claras:<br> <br> \u201eWir waren auf der Herreise einen Tag in Heidelberg, wo ich wahre  Seelenst\u00e4rkung atmete in Brahms\u00b4 neuen Liedern, Duetten und einem  wundervollen Quartett in c-moll f\u00fcr Klavier und Streichinstrumente. Die  ersten zwei S\u00e4tze hatte er schon fr\u00fcher gemacht (der erste ist mir  weniger lieb, aber das Scherzo!) , und nun die beiden letzten S\u00e4tze, die  sind wieder ganz genial, eine Steigerung bis zum Schlusse, da\u00df man ganz  hingerissen wird. Merkw\u00fcrdig ist mir dabei auch die Einheit der  Stimmung, obgleich die S\u00e4tze zu so verschiedenen Zeiten entstanden  sind.\u201c<br> <br> H\u00e4lt man zu dieser Aussage einen Satz, den Brahms in seinem oben  zitierten Brief an Fritz Simrock (12. August 1875) schrieb &#8211; \u201edies  Quartett ist zur H\u00e4lfte alt, zur H\u00e4lfte neu &#8211; es taugt also der ganze  Kerl nichts!\u201c -, so ergibt sich, da\u00df die letzten beiden S\u00e4tze des Werkes  in der uns bekannten Gestalt wirklich \u201eneu\u201c waren, da\u00df also das  ver\u00f6ffentlichte E-Dur-Andante nicht mit jenem Adagio\/Andante identisch  sein kann, von dem in den Tageb\u00fcchern und Briefen des Jahres 1856 die  Rede ist. Die uns durch Max Kalbeck \u00fcberlieferte Erinnerung Joachims,  da\u00df n\u00e4mlich das Scherzo des Quartetts eine Metamorphose des Scherzos der  im Oktober 1853 komponierten F.A.E.-Sonate (WoO 2) sei, lie\u00dfe eine  fr\u00fche Entstehung dieses Satzes vermuten, was sich mit den zuletzt  angef\u00fchrten Bemerkungen sehr gut in Einklang bringen lie\u00dfe. Da\u00df aber das  \u201ekonzise Finale\u201c, von dem Joachim schreibt, nichts anderes als eben  dieses Scherzo gewesen sein sollte, mu\u00df (vor allem bei n\u00e4herer  Betrachtung der Joachimschen Detailkritik des Satzes) als \u00e4u\u00dferst  unwahrscheinlich gelten.  Man k\u00f6nnte also etwa folgende Satz- und  Entstehungsfolge (ohne Ber\u00fccksichtigung der unterschiedlichen  Entwicklungsstadien) annehmen:<br> <br> 1855\/56 1856\/61 1869\/75<br> Allegro (non troppo)<br> Scherzo. Allegro<br> Andante\/Adagio Andante<br> Finale Finale. Allegro comodo<br> <br> Zweiter und dritter Satz der cis-moll-Urfassung w\u00e4ren demnach g\u00e4nzlich  verworfen worden. Die traditionelle Begr\u00fcndung des \u201eirrationalen\u201c E-Dur  im Andante mit der Grundtonart dieser Fr\u00fchfassung, w\u00e4re damit jedenfalls  nicht in der zumeist vorgebrachten Weise stichhaltig. <br> <br> Da\u00df Clara im ersten Satz des Quartetts (Allegro non troppo) den  \u201efrischen Zug\u201c nicht fand, ist viel weniger verwunderlich, als da\u00df sie  ihn dort suchen konnte und wollte. Beklemmendere und d\u00fcsterere Musik ist  selten geschrieben worden. Der Kopfsatz des Herzogenbergschen Op.75,  das in Metrum und Motivik deutliche (und sicher nicht zuf\u00e4llige) Bez\u00fcge  zu diesem Satze aufweist, mutet &#8211; trotz seines Epitaphcharakters &#8211; im  Vergleich geradezu gel\u00f6st und heiter an. Auch das tr\u00f6stlich-innige  Es-Dur-Seitenthema mit seiner sehns\u00fcchtig pulsierenden Fortsetzung  vermag nicht, sich gegen diese Stimmung ausweglos br\u00fctender Verzweiflung  durchzusetzen, und erscheint in der Reprise fahl und ermattet.<br> <br> Ganz analog dazu sind im Scherzo (Allegro, c-moll) die sch\u00fcchternen  Einw\u00fcrfe in den mitleidlos dahinpeitschenden Sturm viel zu schwach, um  sich Geh\u00f6r zu verschaffen &#8211; das Trio, das im Scherzo der F.A.E.-Sonate  immerhin noch eine, wenn auch sturmumtoste Insel im Aufruhr der Elemente  war, ist hier v\u00f6llig im Ozean der Unrast untergegangen. <br> <br> In die Zeit der Endausarbeitung des Quartetts f\u00e4llt Brahms\u00b4  Bekanntschaft mit Heinrich von Herzogenberg (29. J\u00e4nner 1874 in  Leipzig). Vielleicht findet sich das \u201eschlanke Frauenbild in blauem Samt  und goldenem Haar\u201c, das er bei dieser Gelegenheit wiedersah, in dem  \u201eneuen\u201c Andante (E-Dur) wieder? Das (heute verschollene) Autograph des  Satzes hat Brahms jedenfalls wirklich Elisabet von Herzogenberg  zugedacht:<br> <br> \u201eZur Vers\u00f6hnung wollte ich das Andante aus meinem dritten  Klavierquartett beilegen, das sich noch vorfand, und das Ihnen ja  gefiel. Ob ich es aus Eitelkeit oder aus Z\u00e4rtlichkeit aufbewahrt habe,  wei\u00df ich nicht. Ich bringe es mit.\u201c<br> (12. Dezember 1877)<br> <br> Die wahrhaft \u00fcberirdische Sch\u00f6nheit dieses Satzes ist schon f\u00fcr sich  allein genommen ber\u00fcckend: vor dem Hintergrund der ihn umgebenden drei  c-moll-Trag\u00f6dien gewinnt diese Sch\u00f6nheit aber eine schmerzliche  Intensit\u00e4t, die an die Grenzen des Menschen Ertr\u00e4glichen reicht.<br> <br> Der Schlu\u00dfsatz (Finale. Allegro comodo), von dem Max Kalbeck mit  hochachtungsvollem Bedauern feststellt, hier trete die Individualit\u00e4t  des Sch\u00f6pfers doch allzusehr zur\u00fcck, geh\u00f6rt zu den ersch\u00fctterndsten und   eindrucksvollsten \u201eVerweigerungen\u201c der Musikgeschichte. Man stelle sich  nur den Bruchteil eines Augenblickes lang einen kr\u00e4ftigen, gesunden  oder auch nur schlicht normalen Finalsatz an seiner Stelle vor, um zu  begreifen, wie unausweichlich das Werk auf diesen \u201enachkomponierten\u201c  Schlu\u00df hin angelegt ist. Beethoven, der (in einer v\u00f6llig anderen  dramaturgischen Situation und mit wesentlich anderen Mitteln) das Finale  eines seiner Klaviertrios (c-moll, op.1 Nr.3) \u00e4hnlich \u201escheitern\u201c l\u00e4\u00dft,  hatte noch die Wahl &#8211; ein artistisch freies und spielerisches Element  ist jenem Satz \u00fcber alle Kompromi\u00dflosigkeit hinweg noch anzuh\u00f6ren. Hier  aber ist die Freiheit einem inneren Zwang geopfert, der dem  oberfl\u00e4chlich ironischen Bezug zu Werther einen erschreckend  weitreichenden Sinn gibt. Nur der gedankenlosen Dur-Moll-Routine des  Musikf\u00fchrer-Unwesens ist es zuzuschreiben, da\u00df irgend jemand im C-Dur-  Schlu\u00df des Werkes den erl\u00f6senden Frieden einer wirklichen Befreiung zu  sp\u00fcren und zu h\u00f6ren vermeinte. Und wer meint, den \u201ehymnischen\u201c Ton des  dritten Themas mit dem Finale der (zeitlich benachbarten) ersten  Symphonie in Zusammenhang bringen zu k\u00f6nnen, wof\u00fcr sich durchaus  gestische und tonartliche Argumente finden lie\u00dfen, m\u00f6ge auch bedenken,  da\u00df nicht \u00fcberall, wo Hymnen angestimmt werden, eine Auferstehung zu  feiern ist.<br><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\">\u00a9 by Claus-Christian Schuster<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Johannes Brahms * 7. Mai 1833\u2020 3. 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