{"id":609,"date":"2019-02-13T17:58:39","date_gmt":"2019-02-13T16:58:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www2.altenbergtrio.at\/?p=609"},"modified":"2019-02-13T17:58:45","modified_gmt":"2019-02-13T16:58:45","slug":"brahms-klavierquartett-nr-2-a-dur-op-26","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/brahms-klavierquartett-nr-2-a-dur-op-26\/","title":{"rendered":"Brahms:  Klavierquartett Nr.2, A-Dur, op.26"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Johannes Brahms<\/h3>\n\n\n\n<p>* 7. Mai 1833<br>\u2020 3. April 1897<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Klavierquartett Nr.2, A-Dur, op.26<\/h3>\n\n\n\n<table class=\"wp-block-table\"><tbody><tr><td>Komponiert:<\/td><td>D\u00fcsseldorf, 1855 (?)<\/td><\/tr><tr><td>Widmung:<\/td><td>Elisabeth R\u00f6sing, geb. Reiffenberg (1797-1871)<\/td><\/tr><tr><td>Urauff\u00fchrung:<\/td><td>Wien, Musikverein (Tuchlauben), 29. November 1862<br>\nJohannes Brahms, Klavier<br>\nJosef Hellmesberger sen. (1828-1893), Violine<br>\nFranz Dobyhal (1817-1894), Viola<br>\nHeinrich R\u00f6ver (1827-1875), Violoncello<br>\n<\/td><\/tr><tr><td>Erstausgabe:<\/td><td>Simrock, Bonn, Juni 1863<\/td><\/tr><\/tbody><\/table>\n\n\n\n<p>Wenn es auch keine eindeutigen Belege daf\u00fcr gibt, so darf es doch als\n wahrscheinlich gelten, da\u00df Brahms den Plan zu seinem A-Dur-Quartett \netwa gleichzeitig mit den ersten Skizzen zu den beiden Schwesterwerken \nin G-Moll (op.25) und C-Moll (op.60) entworfen hat. In jenen allzu oft \nund meistens mit \u00fcberbordender poetischer Freiheit beschworenen \nD\u00fcsseldorfer Tagen der Jahre 1854 bis 1856 liegt jedenfalls der Keim f\u00fcr\n die einzigartige Triade dieser Klavierquartette, die wohl den \nScheitelpunkt der gesamten Gattungsgeschichte markieren. <br>\nDie \u00fcberaus komplizierte Entstehungsgeschichte der drei Werke l\u00e4\u00dft sich \nin vielen Details nicht mehr rekonstruieren; fraglos bleibt aber, da\u00df \ndie drei Quartette eine gedankliche Einheit bilden: So grundverschieden \nSchicksal und Aussage dieser h\u00f6chst individuellen Sch\u00f6pfungen auch ist, \nso erg\u00e4nzen sie einander doch zu einem Organismus von bezwingender \nKoh\u00e4renz. Neben den zwei Schwesterwerken, dem schon allein wegen des \nmitrei\u00dfenden Rondo alla zingarese popul\u00e4ren G-moll-Quartett und dem \nwertherisch-bekenntnishaften C-moll-Quartett, das in seiner unerh\u00f6rten \nRadikalit\u00e4t und Konsequenz einen Sonderfall nicht nur innerhalb der \nBrahmsschen Kammermusik darstellt, hatte unser A-Dur-Quartett schon \nimmer einen recht schweren Stand \u2013 ein Factum, das sich in \nAuff\u00fchrungsstatistik und Rezeptionsgeschichte recht deutlich \nwiderspiegelt.  <br>\n<br>\nMax Kalbeck mutma\u00dfte, die Anf\u00e4nge des Opus 26 reichten in die Tage des \n33. Niederrheinischen Musikfestes (D\u00fcsseldorf, Mai 1855) zur\u00fcck: \u201eJenes \ntr\u00e4umerische, s\u00fc\u00dfe Adagio, welches den zweiten Satz des Quartetts \nbildet, scheint einer ganz bestimmten rheinischen Mainacht seine \nEntstehung zu verdanken.\u201c Kalbecks ebenso r\u00fchrende wie bilderreiche \nDeutung des Satzes h\u00e4tte den Komponisten wohl peinlich<br>\nber\u00fchrt \u2013 womit aber nicht gesagt ist, da\u00df sie am Kern der Sache v\u00f6llig vorbeiginge.<br>\n<br>\nMit dem Joachim-Sch\u00fcler Carl Bargheer (1831-1902), dem Bratschisten \nSchulze und Julius Schmidt (\u201eSchlummer\u201c-Schmidt) am Cello probierte \nBrahms im Herbst 1857 in Detmold Klavierquartette aus \u2013 ob aber darunter\n schon Teile unseres A-Dur-Quartettes waren, l\u00e4\u00dft sich nicht sagen. Erst\n nachdem Brahms Detmold endg\u00fcltig den R\u00fccken gekehrt hatte und \nvor\u00fcbergehend in seiner Heimatstadt se\u00dfhaft geworden war, sollte das \nOpus 26 aus dem Nebel der Vorgeschichte treten.<br>\n<br>\nAm 13. Juli 1861 bezog Brahms in dem Hamburger Vorort Hamm (Schwarze \nStra\u00dfe 5) eine Wohnung im Hause von Elisabeth R\u00f6sing, der Witwe eines \nPrivatgelehrten; Frau Dr. R\u00f6sings Nichten, Betty und Marie V\u00f6lckers, die\n im Nachbarhaus wohnten, waren St\u00fctzen des von Brahms zwischen Juni 1859\n und Mai 1861 geleiteten Hamburger Frauenchores gewesen. Zusammen mit \nihren Freundinnen Laura Garbe und Marie Reuter bildeten sie noch immer \njenes Vokalensemble, das Brahms z\u00e4rtlich \u201emein M\u00e4dchenquartett\u201c nannte, \nund dessen st\u00e4ndige Verf\u00fcgbarkeit wohl nicht den geringsten Reiz des \nneuen Domizils ausmachte. Bis zu Brahms\u00b4 Abreise nach Wien (September \n1862) sollte Hamm seine K\u00fcnstlerresidenz bleiben. Der damals noch ganz \nl\u00e4ndliche Ort am linken Alsterufer war von der Stadt aus bequem zu \nerreichen, und Brahms konnte den ihn besuchenden Freunden sein \nverwaistes Zimmer im Elternhaus anbieten. Zu den G\u00e4sten, die Brahms hier\n schon in den ersten Monaten seines Aufenthaltes besuchen sollten, \ngeh\u00f6rten nat\u00fcrlich allen voran Clara Schumann aus Berlin und Joseph \nJoachim aus Hannover \u2013 aber bald gesellten sich auch neue \nBekanntschaften hinzu, wie Hermann Levi, der aus Rotterdam anreiste (und\n dessen innige Beziehung zu Brahms einen so ungl\u00fccklichen Verlauf nehmen\n sollte), oder der umtriebige Selmar Bagge aus Wien, den wir weiter \nunten als Kritiker der Urauff\u00fchrung des Opus 26 wiederfinden werden.<br>\n<br>\nUnter den allerersten Arbeiten, die Brahms in seinem neuen Quartier zu \neinem vorl\u00e4ufigen Abschlu\u00df brachte, m\u00fcssen die ersten beiden S\u00e4tze von \nOpus 25 und der 3. Satz unseres A-Dur-Quartetts gewesen sein \u2013 denn \nClara, die in einem Brief vom 15. Juli um eine Notensendung gebeten \nhatte, konnte sich schon zwei Wochen sp\u00e4ter \u00fcber diese St\u00fccke auslassen:<br>\n<br>\n\u201eEin Urteil kann ich nat\u00fcrlich nicht f\u00e4llen, nur \u00fcber den ersten \nEindruck zu Dir sprechen \u2013 wird Dir daran etwas liegen? Und doch habe \nich oft erfahren, da\u00df der erste Eindruck mir blieb. [&#8230;] Das Scherzo in\n A dur kenne ich noch zu wenig, habe aber doch mit gro\u00dfem Interesse die \nsch\u00f6nen Verwebungen des Themas verfolgt \u2013 das schlingt sich immer so \nsch\u00f6n ineinander und entwickelt sich ebenso eines aus dem andern. Das 2.\n Motiv erinnerte mich sehr an eine Stelle in Roberts Streichquartett \n<\/p>\n\n\n<p>[op.41 Nr.3]<\/p>\n\n\n\n<p>, nicht melodisch gerade, aber in der Anlage und Stimmung. \nDas Trio ist recht frisch, und eigent\u00fcmlich im Rhythmus, die 6 und 7 \nTakte frappierten mich erst nicht angenehm, aber daran gew\u00f6hnt man sich.\n Ich glaube, mit diesem St\u00fccke ist es wie mit manchem von Dir, das wird \neinem erst recht lieb, wenn man es genau kennt, erst oft geh\u00f6rt hat.\u201c<br>\n(Clara Schumann an Johannes Brahms, [Bad] Kreuznach, 29. Juli 1861)   <br><br>\nGegen Ende des Sommers mu\u00df das Quartett schon sehr weit gediehen gewesen sein;<br>\nBrahms\u00b4 Jugendfreund Albert Dietrich berichtet in seinen \u201eErinnerungen an Johannes Brahms\u201c \u00fcber den September 1861:<br><br>\n\u201eNun machte ich die projectirte kleine Tour nach Hamburg, um Brahms zu \nbesuchen, und wohnte bei dessen Eltern in der Stadt, Fuhlentwiete, einer\n engen alten Stra\u00dfe. Brahms selbst wohnte, um ruhiger arbeiten zu \nk\u00f6nnen, \u00e4u\u00dferst freundlich in dem Vorort Hamm bei einer Frau Dr. R\u00f6sing.\n Ihr widmete er eins seiner sch\u00f6nsten Werke, sein A-dur-Clavierquartett.\n Er spielte mir gegen seine Gewohnheit aus den Skizzen vor, und ich \ngewann dabei schon die \u00dcberzeugung, da\u00df es ein hervorragend herrliches \nWerk werden w\u00fcrde.\u201c<br><br>\nIn den letzten Septembertagen kann Brahms die Quartett-Zwillinge an \nseinen \u201eliebsten Jussuf\u201c Joachim nach Hannover schicken. Joachims erste \nReaktion (Brief vom 2. Oktober 1861)  nimmt in mancher Hinsicht die seit\n anderthalb Jahrhunderten im wesentlichen gleichbleibende Rezeption der \nbeiden Werke vorweg: W\u00e4hrend er \u00fcber das G-moll-Quartett sofort ins \nSchw\u00e4rmen ger\u00e4t, bedenkt er op.26 gerade mit einem einzigen mageren \nSatz. Doch es w\u00e4re nicht Joachim gewesen, wenn sich seine Perspektive \nnach n\u00e4herem Studium nicht grundlegend gewandelt h\u00e4tte:<br><br>\n\u201eMit dem A-Dur-Quartett habe ich mich immer mehr befreundet. Der Ton \ninnigster Zartheit wechselt sch\u00f6n mit frischer Lebenslust. Manche \nharmonische Besonderheit w\u00fcrde mir, h\u00e4tte ich sie im raschen Fortgang \ngleich geh\u00f6rt, statt sie mit dem Aug\u00b4 zu betrachten, nicht st\u00f6rend \ngewesen sein! [&#8230;] Herrlich ist das Adagio! Erst meint ich, der \nGegensatz zum E dur w\u00e4re nicht gl\u00fccklich; aber als ich\u00b4s (selbst auf \nmeine stockende Weise) auf dem Klavier durchspielte, wurde ich doch ganz\n warm dabei, und wenn dann der goldene Faden des Themas in die \nunbestimmte Leidenschaft beruhigend hineinschimmert, so ist das gerade \nganz wundersch\u00f6n. Einige schwere Griffe werden leicht in den \nStreichinstrumenten zu \u00e4ndern sein. Auch das Nachschlagen im Scherzo, \ndas sich bei der Ausf\u00fchrung unpraktisch erweisen d\u00fcrfte. Schon im ersten\n Satz des Schumannschen A-Dur-Quartetts, das doch viel langsamer geht, \nklingt es unruhig. Aber wie rund und aus dem Ganzen ist sonst das \nScherzo geraten. Es gemahnt manchmal an letzten Beethoven, so \nkonzentriert ist der Bau, und eigent\u00fcmlich die Wendung der Melodie. \nMache nur, da\u00df ich bald alle Sachen h\u00f6re.\u201c<br>\n(Joseph Joachim an Johannes Brahms, Hannover, 15. Oktober 1861)<br><br>\nDa\u00df der Schreiber hier treffsicher genau dieselbe Parallele zu Schumanns\n op.41 Nr.3 zieht wie Clara in ihrem Brief zwei Monate zuvor, ist ein \nsch\u00f6nes Beispiel f\u00fcr die Dichte und Tragf\u00e4higkeit des \nBeziehungsgeflechtes, auf dem die Wahlverwandtschaft zwischen diesen \nmusikalischen Geistern beruhte.<br><br>\nAls Joachim dann Gelegenheit bekam, die beiden Werke nicht nur zu h\u00f6ren,\n sondern auch zu spielen, entwickelte er \u2013 wie viele tiefer veranlagte \nMusiker \u2013 eine ganz besondere Vorliebe f\u00fcr das A-Dur-Quartett; von einer\n mit Brahms unternommenen Konzertreise wird er einige Jahre sp\u00e4ter \nschreiben:<br><br>\n\u201eDie beiden Quartette von ihm haben mich in Z\u00fcrich und Aarau wieder \nrecht erw\u00e4rmt; namentlich hat das A-dur soviel Zartheit und Verkl\u00e4rung \nan vielen Stellen, da\u00df man nur daran zu denken braucht, will man \u00fcber \neinzelne R\u00fccksichtslosigkeiten des Freundes hinwegkommen. Wer so \nschreibt, ist edel und gut.\u201c<br>\n(Joseph Joachim an Clara Schumann, Basel, 4. November 1866)<br><br>\nObwohl das Opus 25 schon am 16. November 1861 in Hamburg von Clara \nSchumann (mit John B\u00f6ie, F. Breyther und Louis Lee) aus der Taufe \ngehoben werden konnte, mu\u00dfte es sich ebenso wie seine A-Dur-Schwester in\n den folgenden Monaten noch zahlreiche \u00c4nderungen und Verbesserungen \ngefallen lassen \u2013 von diesem langwierigen und vielschichtigen Proze\u00df \ngeben die erhaltenen autographen Quellen einen ungef\u00e4hren Begriff. Da\u00df \naber damit der L\u00e4uterungsweg der Werke noch lange nicht beendet war, \nerf\u00e4hrt man aus dem Schreiben, das die \u00dcbersendung der beiden vorl\u00e4ufig \nabgeschlossenen Partituren an den Musikkritiker Adolf Schubring \n(1817-1893) nach Dessau begleitete:<br><br>\n\u201eSehr geehrter Freund! <br>\nIch wei\u00df Sie nicht besser zu gr\u00fc\u00dfen, was ich doch gerne wollte, als indem ich Ihnen einige Noten schicke.<br>\nZwei Klavier-Quartette, denen ich die Stimmen beilege, obschon ich \nglaube, Sie werden dieselben lieber lesen als nach dem schlechten \nManuskript spielen.<br>\nOhne Egoismus geht\u00b4s freilich nicht, ich w\u00fcnschte sehr zu h\u00f6ren, was die Quartette f\u00fcr Eindruck machen.<br>\nUnd, bitte, grade heraus, denn es ist doch besser, wir zanken uns im Notfall einmal, als sagen kein rechtes Wort.<br>\nLeider mu\u00df ich auch wieder dr\u00e4ngen um die R\u00fccksendung, da ich die \nQuartette gern zur Herausgabe vorn\u00e4hme; durch Feuer und Wasser m\u00fcssen \nsie noch geh\u00f6rig, ehe sie eingehen k\u00f6nnen in dem Tempel H\u00e4rtel oder \nsonst wo.<br>\nIch denke, in acht Tagen haben Sie sie vollauf genossen, und sp\u00e4testens \nlassen Sie Ihren r\u00fccksendenden, und wenn es Ihre Zeit und Lust erlaubt, \nbesprechenden Brief mir eine Geburtstagsfreude sein.\u201c<br>\n(Johannes Brahms an Adolf Schubring, Hamm, 27. April 1862)<br><br>\nDer erwartete \u201ebesprechende Brief\u201c blieb sicher nicht aus \u2013 leider ist \ner uns nicht erhalten geblieben. Da\u00df aber Brahms, als er am 8. September\n 1862 von Hamburg nach Wien aufbrach, den Weg \u00fcber Dessau nahm, wo er \nmehrere Tage bei Schubring zu Gast blieb, k\u00f6nnte durchaus mit den \nQuartetten zu tun haben. Jedenfalls bildeten die beiden Partituren einen\n gewichtigen Teil des musikalischen Gep\u00e4cks, mit dem der junge Komponist\n Mitte September in der Kaiserstadt eintraf. Wie dann Brahms Anfang \nOktober bei Julius Epstein vorsprach und \u2013spielte, wie der perplexe \nPianist daraufhin einen Extrakt des jungen musikalischen Wiens \u2013 das \nHellmesberger-Quartett, den Verleger Johann Peter Gotthard(-Pazdirek), \nJosef G\u00e4nsbacher und andere zu sich zu auf ein Brahms-Fr\u00fchst\u00fcck einlud, \nbei dem die beiden Quartette prima vista musiziert wurden, das alles ist\n schon l\u00e4ngst unver\u00e4u\u00dferlicher Besitz der musikalischen Mythologie. \nNat\u00fcrlich war es nicht das A-Dur-Quartett, sondern das Rondo alla \nzingarese, das den erhitzten Josef Hellmesberger die Geige aufs Bett \nwerfen lie\u00df, um den verbl\u00fcfften Komponisten mit den Worten \u201eDas ist der \nErbe Beethovens!\u201c zu umarmen; aber schon der Zufall, da\u00df diese legend\u00e4re\n Matinee in eben jenem Hause (Schulerstra\u00dfe 8\/Domgasse 5) stattfand, das\n als Mozarts \u201eFigarohaus\u201c musikalisch vorbelastet war, tauchte diese \nEpisode in symboltr\u00e4chtiges Licht, dessen Zauber sich vielleicht auch \ndie Protagonisten selbst nicht ganz zu entziehen vermochten. Jedenfalls \nkonnte Leopold Alexander Zellner schon am 12. Oktober in seinen \n\u201eBl\u00e4ttern f\u00fcr Theater, Musik und Kunst\u201c die bevorstehende Zusammenarbeit\n des Hellmesberger-Quartetts mit dem Neuank\u00f6mmling ebenso avisieren wie \ndie f\u00fcr den 7. Dezember anberaumte Erstauff\u00fchrung der Brahmsschen \nSerenade op.11 in den philharmonischen Gesellschaftskonzerten. Am 16. \nNovember 1862, auf den Tag genau ein Jahr nach der Hamburger \nUrauff\u00fchrung des Werkes, trat Brahms dann mit dem G-Moll-Quartett \nwirklich das erste Mal vor das Wiener Publikum. Knapp zwei Wochen sp\u00e4ter\n (am 29. November) bescherte er diesem Publikum mit der Pr\u00e4sentation des\n A-Dur-Quartetts das allererste Mal auch das Erlebnis einer \nBrahms-Urauff\u00fchrung \u2013 ein Ereignis, dessen zahlreiche Wiederholungen den\n Mythos der \u201eMusikstadt Wien\u201c \u00fcber die folgenden f\u00fcnfunddrei\u00dfig Jahre \nhinweg fortschreiben sollten.<br><br>\nUnd wie quittierten die Wiener Kritiker diese historische Begebenheit? <br><br>\nWas immer man der Musikkritik im allgemeinen und jener in Wien im \nbesonderen vorgeworfen haben mag \u2013 da\u00df sie diesen Moment unbeachtet \nvor\u00fcbergehen habe lassen, kann man beim schlechtesten Willen nicht \nbehaupten. Und weil es sich um einen ganz besonderen Augenblick im Leben\n des Komponisten wie in der Musikgeschichte seiner zuk\u00fcnftigen \nHeimatstadt handelt, m\u00f6gen abschlie\u00dfend die (hier erstmals gesammelten) \nRezensionen in chronologischer Reihe folgen, etwa so, wie sie dem \nerwartungsvollen Debutanten wohl vor Augen gekommen sein d\u00fcrften.<br><br>\nDer anonyme Rezensent des \u201eFremdenblattes\u201c, der in seiner Eigenschaft \nals Korrespondent der einflu\u00dfreichen Leipziger \u201eSignale\u201c eine ihm selbst\n offenbar durchaus bewu\u00dfte Bedeutung hatte, reagierte am raschesten:<br><br>\nHerr Johannes Brahms, \u00fcber dessen G-moll-Piano-Quartett wir uns letzthin\n ausgesprochen, veranstaltete vorgestern Abends ein Konzert im \nMusikvereinssaale, und hatte Gelegenheit, sich dem Publikum nach beiden \nRichtungen seiner k\u00fcnstlerischen Th\u00e4tigkeit, nach Seite seiner \nKompositionsweise und seines Klavierspiels zu zeigen. Sein Talent wurde \nbei Gelegenheit des oben erw\u00e4hnten G-moll-Quartettes bereits anerkannt; \nwir k\u00f6nnen aber nicht verhehlen, da\u00df uns das vorgestern geh\u00f6rte \nPiano-Quartett in A-dur in keiner Weise befriedigte, und wir danken es \ndem Componisten, da\u00df er die \u201eVariationen und Fuge \u00fcber ein Thema von \nH\u00e4ndel\u201c darauf folgen lie\u00df, wodurch es ihm gelungen, den ung\u00fcnstigen \nEindruck des Quartetts wieder zu verwischen. Das Allegro (1. Satz) \nenth\u00e4lt nichts als musikalische Phrasen; zu einem eigentlichen Thema \nkommt es nicht. Das Adagio bringt zwar ein solches, allein es ist nicht \nbedeutend genug, um zu fesseln, und verl\u00e4uft nach Art modern \nitalienischer Canzonen in nichtssagenden Wendungen. Einen urspr\u00fcnglich \nfrischen herzlichen Ton schl\u00e4gt der Komponist hingegen im Scherzo an, \nwelcher Satz, sowohl was Erfindung, als was die Durchf\u00fchrung (diese \nberuht gro\u00dfentheils auf einer geistreichen Imitation) betrifft, wirklich\n hervorgehoben zu werden verdient. Auf das sch\u00f6ne Scherzo aber folgt zum\n Abschlusse ein polkaartiges Allegro, welches, wie schon gesagt, einen \nunangenehmen Eindruck hinterlie\u00df. Ganz anders verh\u00e4lt es sich mit den \ngenannten Variationen. Hier zeigte Brahms eine F\u00fclle von Phantasie und \nErfindung. Als Klavierspieler besitzt Herr Brahms eine durchgebildete, \nausgeglichene, wenn auch nicht immense Technik. \u00c4u\u00dferer Glanz, \nbestechende Eigenschaften einer au\u00dferordentlichen Bravour fehlen ihm, \naber sein Spiel ist durchaus der Ausdruck echter Empfindung. Er spielte \nden Clavierpart im A dur-Quartette, in welchem er von den Herren \nHellmesberger, Dobyhal und R\u00f6ver auf das Vortrefflichste unterst\u00fctzt \nwurde. [&#8230;]<br>\nFremdenblatt, XVI. Jahrgang, Nr.329, Wien, 1.12.1862, unpag. S.5,<br>\nstark gek\u00fcrzt in: Signale f\u00fcr die musikalische Welt, Zwanzigster Jahrgang, Nr.50, Leipzig, 4.12.1862, S.689<br><br>\nZwei Tage sp\u00e4ter lie\u00df sich Eduard Hanslick (1825-1904), der sich sp\u00e4ter \ngerne als Brahms-Apologet der allerersten Stunde f\u00fchlte und gerierte, \nein erstes Mal zum Thema Brahms vernehmen; \u00fcber unsere Urauff\u00fchrung \nschreibt er:<br><br>\nNicht so g\u00fcnstig wirkte das Clavierquartett in A-dur. Die Schattenseiten\n von Brahms\u00b4 Schaffen treten darin sprechender hervor. F\u00fcrs erste sind \ndie Themen nicht bedeutend. Brahms liebt es bei der Wahl seiner Themen, \nderen contrapunktische Verwendbarkeit weit \u00fcber ihren selbst\u00e4ndigen, \ninneren Gehalt zu sch\u00e4tzen. Die Themen des Quartetts klingen trocken und\n n\u00fcchtern. Es werden ihnen im Verlaufe allerdings eine F\u00fclle geistvoller\n Beziehungen abgewonnen; allein eine Wirkung im Gro\u00dfen ist ohne \nbedeutende Themen unm\u00f6glich. Sodann vermissen wir den gro\u00dfen, \neinheitlichen Zug der Entwicklung. Wir betrachten ein fortw\u00e4hrendes \nAnkn\u00fcpfen und Abrei\u00dfen, ein Vorbereiten ohne Endziel, ein Verhei\u00dfen ohne\n Erf\u00fcllung. In jedem Satz finden wir feine Episoden-Motive, aber keines,\n das im Stande w\u00e4re, ein ganzes St\u00fcck zu tragen. Mit dem Quartett nur \nvom einmaligen H\u00f6ren bekannt, verm\u00f6gen wir nat\u00fcrlich nur den ersten \nEindruck, nicht das Werk selbst zu schildern. Ohne Zweifel w\u00fcrde ein \ngenaueres Studium hier wie bei Brahms \u00fcberhaupt viele Vorz\u00fcge des Werkes\n ans Licht bringen. F\u00fcr die lebendige Wirkung w\u00e4re damit kaum viel \ngewonnen. Diese verlangt plastisches Hervortreten der Melodien, gro\u00dfe, \nnach einem Ziel treibende Steigerung und Entwicklung. Das \nClavierquartett und andere neuere Sachen von Brahms mahnen uns \nbedenklich an Schumann\u00b4s letzte Periode, gerade wie uns Brahms\u00b4 Anf\u00e4nge \nan Schumann\u00b4s erste Periode erinnern. Nur zu der goldklaren, reifen \nMittelzeit des echten Schumann bietet uns sein Lieblingssch\u00fcler kein \nSeitenst\u00fcck. [&#8230;]<br>\nEd[uard] H[anslick] in: Die Presse, 15. Jahrgang, Nr.331, Wien, 3.12.1862, 2. unpag. S.<br><br>\nAm Vortag von Brahms\u00b4 philharmonischem D\u00e9but erschienen zwei weitere \nKritiken der nun schon eine Woche zur\u00fcckliegenden Premiere. Die erste \nstammt aus der Feder des Cellisten, Komponisten und Journalisten Selmar \nBagge (1823-1896), den wir schon als Brahmspilger in Hamm getroffen \nhaben; Bagge lebte von 1842 bis 1863 in Wien, wo er sich, nachdem er \nmehrere Jahre hindurch neben seinem eigenen Lehrer Simon Sechter als \nKompositionslehrer am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde \ngewirkt hatte, in mehreren publizistischen Anl\u00e4ufen als Musikkritiker \netablierte:<br><br>\nDas Concert, welches Herr Brahms heute vor acht Tagen gab, versammelte \nein nicht ganz vollz\u00e4hliges aber wie es schien, den besten Musikkreisen \nangeh\u00f6riges Publikum, und die Stimmung desselben war eine immer \nanimirtere. Man schien allm\u00e4lig sich mit der neuen Erscheinung zu \nbefreunden und sich an ihr zu erw\u00e4rmen. Das Clavierquartett in A-dur, \neine durchweg verst\u00e4ndliche, fein und interessant gearbeitete, \nliebensw\u00fcrdige Composition fand sehr vielen Beifall, namentlich die \nbeiden mittleren S\u00e4tze. Ob es werthvoller sei, als das k\u00fcrzlich \ngespielte in G-moll wollen wir vorl\u00e4ufig nicht entscheiden, &#8211; \neing\u00e4nglicher, ansprechender ist es unbedingt. Der Componist scheint auf\n jenes in G-moll mehr Werth zu legen, da er es zu seinem ersten Debut in\n Wien w\u00e4hlte, kl\u00fcger h\u00e4tte er gewi\u00df gethan umgekehrt zu verfahren. Doch \ncharakterisirt es gerade den wirklichen K\u00fcnstler sich von solchen \nErw\u00e4gungen nicht leiten zu lassen, oder \u00fcberhaupt \u00fcber die \u00e4u\u00dfere \nWirksamkeit nicht nachzudenken. [&#8230;]<br>\nSelmar Bagge in: Deutsche Musik-Zeitung, III. Jahrgang, Nr.49, Wien, 6.12.1862, S.389<br><br>\nDas erste \u00f6ffentliche Auftreten Joh. Brahms\u00b4 in Wien war, nach dem Rufe,\n der ihm voranging, und nach den Proben, die man bereits von seinem \nTalente kennen gelernt hatte, f\u00fcr musikalische Kreise von besonderem \nInteresse. In dem ersten von ihm am 29. November d. J. im \nMusikvereinssaale veranstalteten Konzerte hat er sich durch den Vortrag \nder Hauptstimme eines Quartetts f\u00fcr Piano, Violin, Viola und Cello \n(A-dur) und einer Partie Variazionen nebst Fuge \u00fcber ein H\u00e4ndel\u00b4sches \nThema f\u00fcr das Klavier allein, (beide Werke von eigener Komposizion) in \nseiner Doppel-Eigenschaft als Tonsetzer und Pianist vorgestellt.<br>\nBei dem Anh\u00f6ren des ber\u00fchrten Quartetts tritt uns gleich im Beginne des \nersten Satzes eine Tonsprache entgegen, die uns in eine aus dem \nAllt\u00e4glichen emporhebende Stimmung versetzt und unsere Aufmerksamkeit \nfesselt; wir f\u00fchlen das, was man \u201eGeist\u201c nennt, \u00fcber uns ergehen. Dieser\n Geist tr\u00e4gt allerdings weniger das Gepr\u00e4ge einer sch\u00f6pferischen \nBegeisterung als jenes einer feinen Bildung an sich und regt mehr an, \nals er hinrei\u00dft; allein da ihm auch eine beachtenswerthe musikalische \nGestaltungskraft zur Seite steht, so verliert er sich nicht so leicht in\n unzusammenfa\u00dfbar verschwommene Elemente und ringt nicht auf Kosten \njedes formellen Reizes nach einem Anscheine von Bedeutung, wie es bei \nNeuern so h\u00e4ufig der Fall ist.<br>\nWohl folgt auch Brahms im Wesentlichen der modernen Richtung, und die \npathologischen Eindr\u00fccke walten daher vor, so wie er auch von geistigen \nAusschweifungen nicht frei ist; allein eben so unverkennbar ist es, da\u00df \nes sich an klassischen Vorbildern, namentlich an Beethoven, \nherangebildet hat. Wenn er auch die F\u00e4den nicht in ein vollkommen \ndurchsichtiges, sich mit organischer Triebkraft entfaltendes Ganze zu \nverweben vermag, so verliert er doch nie ganz den leitenden \nGrundgedanken und wei\u00df ihn wiederholt in anziehenden Wendungen und \nUmgestaltungen zum Vorschein zu bringen.<br>\nNur dann, wenn die Stimmung in der Entwicklung der Seelenzust\u00e4nde sich \nzur Leidenschaft steigert, dann ist auch f\u00fcr ihn die Klippe da, an der \nschon so Viele gescheitert sind; denn nur den H\u00f6chstbegabten ist es \ngegeben, auch im Sturme der Leidenschaft stets dem Gesetze des Sch\u00f6nen \ntreu zu bleiben, nie dem Ohre des H\u00f6rers mi\u00dff\u00e4llig zu werden.<br>\nIm Adagio, welches die meiste Theilnahme erregte, ist die Behandlung der\n Streichinstrumente gegen\u00fcber der Hauptstimme eine \u00e4u\u00dferst wirksame. Der\n eindringenden Sprache dieser Stimme, die uns gewaltsame innere \nBewegungen enth\u00fcllt, geht die sch\u00f6ne Harmonie der Streichinstrumente wie\n mit flehenden Trosteskl\u00e4ngen vers\u00f6hnend zur Seite, und nur Schade ist \nes, da\u00df dann, als die Stimmung sich bis zum Gewitter steigert, dieser \nH\u00f6hepunkt der Schilderung mehr auf \u00e4u\u00dfere Effekte angelegt ist und die \nvers\u00f6hnenden Elemente selbst grollend mit hinabsinken in das Dunkel. Dem\n Scherzo, in welchem das der Weise des Komponisten eigenth\u00fcmliche Pathos\n ebenfalls durchklingt, w\u00e4re um des Gegensatzes willen ein etwas \nfrischerer Humor zu w\u00fcnschen; doch ist es sch\u00f6n gearbeitet und hat einen\n gef\u00e4lligen lebendigen Schritt, so wie auch der letzte Satz durch innere\n Lebendigkeit und manche \u00fcberraschende Z\u00fcge in der Behandlung sich \nauszeichnet. [&#8230;]<br>\nH\u2014l in: Recensionen und Mittheilungen \u00fcber Theater, Musik und bildende Kunst, Achter Jahrgang, Nr.49, Wien, 6.12.1862, S.781-82<br><br>\nDie letzten beiden Rezensionen erschienen drei Tage nach der \nphilharmonischen Erstauff\u00fchrung der Serenade op.11, und dementsprechend \nfassen sie die Eindr\u00fccke aller drei Brahms-Konzerte dieser Wochen \nzusammen. Der wie der Brahms-\u201eEntdecker\u201c Julius Epstein aus Zagreb \nstammende Leopold Alexander Zellner (1823-1894), der 1868 \nGeneralsekret\u00e4r der Gesellschaft der Musikfreunde werden sollte, macht \naus seiner Skepsis gegen\u00fcber dem Komponisten Brahms (der eine \nausgepr\u00e4gte Wertsch\u00e4tzung des Pianisten gegen\u00fcberstand) kein Hehl:<br><br>\nBegonnen wurde das Concert mit einer Serenade f\u00fcr Orchester in sechs \nS\u00e4tzen [op.11]. Auch diese Composition, so wirksame Einzelheiten sie \nimmer aufweist (sehr sch\u00f6n sind der erste und zweite Satz, dann der \nerste Menuett), wollte gleich den bisher geh\u00f6rten dieses Tonsetzers \ndennoch keinen lebhaften Eindruck hervorbringen. Wir glauben dem \nwesentlichen Grunde dieser Erscheinung auf die Spur gekommen zu sein. \nBrahms componirt zu voll und zu breitspurig. Seine Sachen sind zu wenig \ndurchsichtig und zu wenig concis in der Form. Man k\u00f6nnte ihm vielleicht \nmit mehr Recht, als es einst ein Potentat gegen\u00fcber Mozart that, \nbemerken: zu viel Noten, Freund. [&#8230;]<br>\nJene nur theilweise Befriedigung, welche die Serenade gew\u00e4hrte, empfing \nman auch von dem zweiten Quartette (A-dur) des Hrn. Brahms, welches er \nim Vereine mit Hrn. Hellmesberger und Genossen in seinem eigenen \nConcerte zur Auff\u00fchrung brachte. Die beiden ersten S\u00e4tze sind frisch und\n \u2013 so weit die\u00df bei der Art dieses Componisten: jeden nur \u00fcbrigen Fleck \nder Partitur m\u00f6glichst dicht mit Notenk\u00f6pfen zu bes\u00e4en, sein kann \u2013 auch\n durchsichtig. Reminiscenzen dagegen, zumal an Schubert, lassen sich \nmanche vernehmen.. Die beiden letzten S\u00e4tze sind \u2013 gemacht und die \nL\u00e4ngen werden empfindlich. Im Ganzen indessen war es nicht \nuninteressant, dieses Werk kennen zu lernen.<br>\n[Leopold Alexander Zellner in:] Bl\u00e4tter f\u00fcr Theater, Musik und Kunst, VIII. Jahrgang, Nr.99, Wien, 10.12.1862, S.398 <br><br>\nDas letzt Wort soll aber der Wiener Schumann-Apostel Karl Debrois van \nBruyck (1828-1902) haben. Der aus einer fl\u00e4mischen Adelsfamilie \nstammende, in Br\u00fcnn geborene und in Wien aufgewachsene van Bruyck, der \neinige Jahre sp\u00e4ter (1867) mit einer sehr bemerkenswerten Analyse des \nWohltemperierten Klaviers an die \u00d6ffentlichkeit trat, wurde wegen seines\n \u201etrockenen\u201c, \u201egelehrten\u201c Stils ebenso oft getadelt wie bel\u00e4chelt; es \nist aber gar nicht schwer, hinter der predigerhaften Fassade dieser \nBesprechung eine wirklich empfindsame Seele und ein offenes Ohr \nauszumachen. Von den meisten der vorangegangenen \u201eBeurteilungen\u201c \nunterscheidet sich dieser journalistische Segensspruch jedenfalls gar \nnicht unvorteilhaft:<br><br>\nHerr Johannes Brahms hat nun zu drei verschiedenen Malen Gelegenheit \ngehabt, sein Verh\u00e4ltnis zu dem Publikum Wiens zu pr\u00fcfen und eine \nErfahrung zu sammeln, welche f\u00fcr den K\u00fcnstler immer einen gewissen Werth\n hat. Zwar darf f\u00fcr diesen weder Beifall noch Mi\u00dffall, weder \nEnthusiasmus noch Gleichgiltigkeit jemals absolute Bedeutung haben, aber\n es wird stets f\u00fcr ihn von einem gewissen Interesse sein, sich \u00fcber sein\n Verh\u00e4ltni\u00df zur Welt zu orientiren. Da\u00df das Quartett [op.25], mit \nwelchem Herr Brahms sich zuerst in einer Hellmesberger\u00b4schen Soir\u00e9e \neinf\u00fchrte, im Ganzen nur m\u00e4\u00dfigen Anklang fand, hat uns nicht sehr \n\u00fcberrascht, dagegen sind wir verwundert, da\u00df dasselbe Schicksal einem \nOrchesterwerk zu Theil ward, einer Art Suite (der Komponist nennt es \nSerenade [op.11]), welche in dem zweiten Gesellschaftskonzert zur \nAuff\u00fchrung kam und als eine durchaus sch\u00f6ne, interessante, geistvolle \nArbeit wohl eine w\u00e4rmere Aufnahme verdient h\u00e4tte. Einigerma\u00dfen f\u00fcr \nsolche Lauheit entsch\u00e4digt wurde der junge K\u00fcnstler in einem Konzert, \nwelches er selbst veranstaltete. Zwar vermochte sich ein \nPianoforte-Quartett [op.26], welches er in diesem produzirte, auch nur \ngetheilte Gunst zu erobern, dagegen errang er sich mit einer Serie von \nihm \u00fcber ein H\u00e4ndel\u00b4sches Thema komponirter Variationen [op.24] \neinstimmigen, lebhaften Beifall; und mochte auch an diesem Beifall das \neminente, brillante Spiel des Komponisten einigen Antheil haben (welches\n zu entfalten ihm sein Werk reichen Anla\u00df bot), so glauben wir doch die \nbessere H\u00e4lfte desselben auf Rechnung der Komposition selbst setzen zu \nd\u00fcrfen. [&#8230;]<br>\nBrahms ist unzweifelhaft \u2013 wir haben es vor Jahren schon ausgesprochen \u2013\n eine genialische, d.h. aus sich selbst sch\u00f6pfende Natur, eine wirklich \nk\u00fcnstlerische Individualit\u00e4t, und das will schon etwas hei\u00dfen. Er \nbesitzt Phantasie, Geist und Gem\u00fcth, f\u00fcr den Ausdruck des Pathetischen \nwie Humoristischen stehen ihm gleich treffende T\u00f6ne zu Gebote, und seine\n neuesten Produktionen zeigen uns, zu einem wie hohen Grad von Feinheit \ner insbesondere auch sein formelles Talent auszubilden gelernt hat.Wir \nhaben also f\u00fcr seine weitere Entwicklung keinen anderen Wunsch, als da\u00df \ner nicht auf die Ausbildung gerade des letzteren die h\u00f6chste Energie \nseines geistigen Verm\u00f6gens wenden, sondern da\u00df es ihm Gelingen m\u00f6ge, \ndieses mit einem immer h\u00f6heren substanziellen Gehalt zu erf\u00fcllen und \nsich, m\u00f6glichst fern vom Element des Phantastischen und Nebulosen, mit \nseinem Denken und Empfinden in die Region des rein Menschlichen zu \nversenken, da, was er sich so innerlich erarbeitet, uns gewi\u00df auch voll \nund warm aus seinen T\u00f6nen entgegenklingen wird. Dem Adel seiner Natur \nk\u00f6nnte ein solcher Flug bei ausdauernder Kraft und Selbstverleugnung und\n einiger Gunst der Verh\u00e4ltnisse wohl gelingen. [&#8230;]<br>\n[Karl Debrois] v[an] Br[uyck] in: Wiener Zeitung \u2013 Abendblatt, Nr.283, Wien, 10.12.1862, p.1130<br><br><br>\nWenn man bei der Lekt\u00fcre dieser gesammelten kritischen Erg\u00fcsse als \nNachgeborener ein, je nach Temperament, belustigtes oder ver\u00e4rgertes \nKopfsch\u00fctteln kaum unterdr\u00fccken kann, so wird man doch auch neidlos \nanerkennen m\u00fcssen, da\u00df das Echo zumindest seinem Ausma\u00dfe nach in einem \nrecht ausgewogenen Verh\u00e4ltnis zu seinem Anla\u00df stand; und von welcher \nmedialen \u00c4u\u00dferung der Gegenwart lie\u00dfe sich das noch behaupten?<br><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\">\u00a9 by Claus-Christian Schuster<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Johannes Brahms * 7. Mai 1833\u2020 3. April 1897 Klavierquartett Nr.2, A-Dur, op.26 Komponiert: D\u00fcsseldorf, 1855 (?) Widmung: Elisabeth R\u00f6sing, geb. Reiffenberg (1797-1871) Urauff\u00fchrung: Wien, Musikverein (Tuchlauben), 29. November 1862 Johannes Brahms, Klavier Josef Hellmesberger sen. (1828-1893), Violine Franz Dobyhal (1817-1894), Viola Heinrich R\u00f6ver (1827-1875), Violoncello Erstausgabe: Simrock, Bonn, Juni 1863 Wenn es auch keine [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":{"0":"post-609","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","6":"category-klavierquartette-viola","7":"entry"},"translation":{"provider":"WPGlobus","version":"3.0.1","language":"en","enabled_languages":["de","en"],"languages":{"de":{"title":true,"content":true,"excerpt":false},"en":{"title":false,"content":false,"excerpt":false}}},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/609","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=609"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/609\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":610,"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/609\/revisions\/610"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=609"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=609"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=609"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}