{"id":595,"date":"2019-02-13T17:51:05","date_gmt":"2019-02-13T16:51:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www2.altenbergtrio.at\/?p=595"},"modified":"2019-02-13T17:51:13","modified_gmt":"2019-02-13T16:51:13","slug":"urbanner-in-bewegung-trio-fuer-violine-violoncello-und-klavier-1990","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/urbanner-in-bewegung-trio-fuer-violine-violoncello-und-klavier-1990\/","title":{"rendered":"Urbanner:  &#8230;in Bewegung&#8230; Trio f\u00fcr Violine, Violoncello und Klavier (1990)"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Erich Urbanner<\/h3>\n\n\n\n<p>* 26. M\u00e4rz 1936<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">&#8230;in Bewegung&#8230; Trio f\u00fcr Violine, Violoncello und Klavier (1990)<\/h3>\n\n\n\n<table class=\"wp-block-table\"><tbody><tr><td>Komponiert:<\/td><td>Wien, beendet am 10. Dezember 1990<\/td><\/tr><tr><td>Urauff\u00fchrung:<\/td><td>9. April 1991, Musikverein\/Brahms-Saal<br>\nWiener Schubert Trio<br>\nClaus-Christian Schuster, Klavier<br>\nBoris Kuschnir, Violine<br>\nMartin Hornstein, Violoncello<br>\n<\/td><\/tr><tr><td>Erstausgabe:<\/td><td>Doblinger, Wien, 1991<\/td><\/tr><\/tbody><\/table>\n\n\n\n<p>Tirol hat in der \u00f6sterreichischen Musikgeschichte bis in die erste  H\u00e4lfte des XX. Jahrhunderts nur eine recht periphere Rolle gespielt. Von  den nicht eben zahlreichen Tiroler Komponisten jener Zeit (die \u00fcbrigens  fast alle aus S\u00fcdtirol stammten) wirkten die meisten au\u00dferhalb  \u00d6sterreichs \u2013 etwa Franz Xaver Ladurner (1766-1839) und Sylvio Lazzari  (1857-1944) in Paris, oder Ludwig Thuille (1861-1907) in M\u00fcnchen. Erst  mit der bedeutenden Gestalt Josef Lechthalers (1891-1948), der als  Einundzwanzigj\u00e4hriger aus Innsbruck nach Wien kam und bis an sein  Lebensende hier wirkte, trat das Musikland Tirol auch  inner\u00f6sterreichisch mit markanter Eigenart in Erscheinung; da\u00df dieser  von den Nationalsozialisten verfemte Komponist bis heute einer ad\u00e4quaten  W\u00fcrdigung harrt, sei hier nur am Rande vermerkt.<br> Ein Jahr nach Lechthalers Tod entstand mit der von der franz\u00f6sischen  Besatzungsmacht gef\u00f6rderten Innsbrucker Jugendkulturwoche ein Forum auch  f\u00fcr die junge Musik Tirols. Kurt Rapf (*1922), der 1953 zum Innsbrucker  Musikdirektor berufen wurde, \u00f6ffnete diese Initiative der Neuen Musik.  1950 deb\u00fctierte der vierzehnj\u00e4hrige Erich Urbanner in diesem Rahmen als  Komponist \u2013 wie nach ihm (und bis zum politisch provozierten Ende dieser  Institution im Jahre 1969) viele junge Tiroler Komponisten, die heute  einen bemerkenswert gro\u00dfen Anteil am zeitgen\u00f6ssischen Musikschaffen  \u00d6sterreichs haben. (Urbanners sp\u00e4terer Lehrer Karl Schiske sollte  \u00fcbrigens f\u00fcr die weitere Entwicklung der Jugendkulturwoche von pr\u00e4gendem  Einflu\u00df sein.)<br> <br> Wie Lechthaler kam Urbanner schon in jungen Jahren nach Wien; zwischen  1955 und 1961 studierte er hier an der Wiener Musikakademie, wo Karl  Schiske und Hanns Jelinek seine Kompositionslehrer waren, w\u00e4hrend Grete  Hinterhofer ihn pianistisch betreute. Als Sch\u00fcler von Hans Swarowsky  lie\u00df er sich daneben auch zum Dirigenten ausbilden. Gleich nach dem  Studienabschlu\u00df wurde Urbanner als Lehrer an die Musikakademie  (1971-1998 Hochschule, seit 1998 Universit\u00e4t) berufen; 1969 wurde er zum  Nachfolger seines allzu fr\u00fch verstorbenen Lehrers Karl Schiske ernannt  (1974 au\u00dferordentlicher, 1977 ordentlicher Professor).<br> Waren in der ersten Phase von Urbanners kompositorischer Entwicklung  seine Leitsterne Stravinskij, Bart\u00f3k und Hindemith, so erkundete er in  der Folge systematisch auch die M\u00f6glichkeiten von Dodekaphonie und  Serialismus. In Erkenntnis der Tatsache, da\u00df heute \u201eInnovationen weniger  denn je im Materialbereich, als im Grad kompositorisch gestaltender  Bew\u00e4ltigung\u201c (Urbanner) zu finden seien, wandte er sich aber bald von  allen Theoremen ab, um seinen eigenen Weg zu suchen. Er ist heute  fraglos einer der f\u00fchrenden \u00f6sterreichischen Komponisten und hat auch  als Lehrer unvermindert gro\u00dfe Bedeutung f\u00fcr das Musikschaffen unseres  Landes.  <br> <br> \u201e&#8230;in Bewegung&#8230; \u201c ist Urbanners zweites Werk f\u00fcr Klaviertrio. Das  erste, \u201eTakes\u201c, war 1977 entstanden und hatte auf originelle und  eigenwillige Art die interpretatorische Grenzsituation einer  Studioaufnahme reflektiert \u2013 eine Konstellation, die Urbanner als ebenso  gefragtem wie widerstrebendem Aufnahmeleiter von legend\u00e4rer Pr\u00e4zision  und Unerbittlichkeit \u00fcberaus vertraut war. Der Kontakt zum Wiener  Schubert Trio, f\u00fcr das \u201e&#8230;in Bewegung&#8230;\u201c als Auftragswerk der  Gesellschaft der Musikfreunde Ende 1990 geschrieben wurde, ergab sich  \u00fcbrigens auch aus dieser, von Urbanner damals nur mehr in seltenen  Ausnahmef\u00e4llen ausge\u00fcbten, T\u00e4tigkeit: 1986\/87 hatte der Komponist die  ersten vier Einspielungen dieses Ensembles betreut. <br> Gedanklicher Hintergrund der Konzeption von \u201e&#8230;in Bewegung&#8230;\u201c ist das  Variationsprinzip: Die beiden S\u00e4tze kreisen mit beeindruckender  Beharrlichkeit um jene beiden komplement\u00e4ren Grundfomen, die f\u00fcr die  Gestaltung der Variationsidee in der abendl\u00e4ndischen Musik seit jeher  bestimmend waren \u2013 die Figural-Variation und die Charakter-Variation. Da  der Komponist aber in beiden S\u00e4tzen auf die Pr\u00e4sentation eines  isolierten \u201eThemas\u201c verzichtet, gewinnen hier die variativen Prozesse  selbst eine ganz ungew\u00f6hnliche Eigenst\u00e4ndigkeit; sie finden, enthoben  der Pflicht, am Thema ihre \u201eArbeit\u201c zu verrichten, gewisserma\u00dfen erst  \u201ezu sich selbst\u201c. Urbanner hat diese neugewonnene Freiheit in den  Satz\u00fcberschriften zu zwei pr\u00e4gnanten und f\u00fcr den H\u00f6rer sehr unmittelbar  nachzuvollziehenden Chiffren verdichtet: \u201eFigurationen um einen Ton\u201c und  \u201eVariationen um einen Klang\u201c.<br> <br> Der erste Satz, \u201eFigurationen um einen Ton\u201c, ist ein h\u00f6chst originelles  Toccaten-Rondo, dessen konstruktives Zentrum der Ton gis ist. Der Satz  umfa\u00dft 116 Langtakte, die aus einer sich periodisch \u00e4ndernden Anzahl von  Halben und Dreiachtelgruppen zusammengesetzt sind, zwischen denen ein  regelrechter Verdr\u00e4ngungswettbewerb zu herrschen scheint. Die f\u00fcr den  Toccatenton des St\u00fcckes entscheidende rhythmische Spannung ergibt sich  daraus, da\u00df die \u201est\u00f6renden\u201c Dreiachtelgruppen innerhalb des Taktes  st\u00e4ndig wandern, als wollten sie die Sinnf\u00e4lligkeit des Werktitels auch  auf dieser Ebene beweisen. Dieser Vorgang wird aber gleichzeitig auch  f\u00fcr die Strukturierung des formalen Ablaufes gen\u00fctzt. Die er\u00f6ffnende  Klavierfiguration, die sich, wie eine zwischen zwei Fensterscheiben  eingesperrte Fliege, sieben Langtakte hindurch nur im Tonraum einer  verminderten Oktave bewegt, f\u00fchrt mit ihren ostinaten Tonwiederholungen  den Zuh\u00f6rer auf die falsche F\u00e4hrte, einer dieser T\u00f6ne sei das Zentrum  der Komposition. Die Streicherlinien, die sich um dieses Ostinato  ranken, \u00fcben sich ebenfalls mit diplomatischer Virtuosit\u00e4t in der  Verschweigung der \u201eHauptsache\u201c, n\u00e4mlich des omin\u00f6sen Zentraltones.  Dieser tritt schlie\u00dflich, h\u00f6chst m\u00fcrrisch und gereizt, in einer  Wiederholung des Ritornells als lakonisch attackierter Klavierba\u00df auf.  Sein Erscheinen mobilisiert alle Beredtheit der anderen Stimmen, die ihn  mit einschmeichelnder Melodik und t\u00e4nzerischen Akkorden zu bes\u00e4nftigen  versuchen. In der ersten Episode (B-Teil des Rondos) verselbst\u00e4ndigt  sich zun\u00e4chst das akkordische Element und tritt in einen heftigen  Widerstreit mit krausen Skalenfragmenten (in denen man den fernen  Nachhall skrjabinesker \u201eExklusivreihen\u201c h\u00f6ren k\u00f6nnte). Die geraffte  Wiederkehr des Ritornells schichtet die beiden Bestandteile der ersten  Exposition \u00fcbereinander. Der sich daran anschlie\u00dfende Mittelteil (zweite  Episode, C-Teil) sublimiert die gesch\u00e4ftige Frenetik des Bisherigen zu  poetischen Glockenkl\u00e4ngen und impressionistischen Linien; dieses  klangsinnlich-dekorative Element findet aber in den diesen Abschnitt  gliedernden drei Kadenzen (Klavier, Streichduo, Violoncello) ein  geradezu theatralisches Gegengewicht. Am Beginn der Duokadenz, die etwa  mit der Satzmitte zusammenf\u00e4llt, folgt auf den emphatisch betonten  Zentralton ein alle zw\u00f6lf T\u00f6ne einschlie\u00dfender Akkord, innerhalb dessen  die Streicher den \u2013 an dieser Stelle f\u00fcr den Zuh\u00f6rer noch nicht  zuordenbaren \u2013 \u201eZentralakkord\u201c des zweiten Satzes festhalten. Die in der  Mittelepisode ausgesparte Violinkadenz dient in der Folge als  Bindeglied zwischen der Reprise von Ritornell und erster Episode (Teile A  und B). Die das Rondo vervollst\u00e4ndigende letzte Wiederaufnahme des  Ritornells ist als Coda gestaltet, in der das Anfangsmaterial von  h\u00f6chster, w\u00fctend-verzweifelter Erregung zu dumpf-resignierter  Eint\u00f6nigkeit herabgebrannt wird. Da\u00df ausgerechnet dieser Zusammenbruch  in einen (sechsmal wiederholten) A-Dur-Quartsextakkord m\u00fcndet, k\u00f6nnte  recht gut als bissige Reverenz an die \u201ebesiegte\u201c Tonalit\u00e4t verstanden  werden \u2013 eine Lesart, die im Hinblick auf den ebenfalls tonalen  Leitakkord des folgenden Satzes vielleicht noch an Plausibilit\u00e4t  gewinnt.<br> <br> Die zw\u00f6lf \u201eVariationen um einen Klang\u201c, die den abschlie\u00dfenden zweiten  Satz des Werkes bilden, sind, wie schon eingangs gesagt, eine Folge von  Charaktervariationen, die \u2013 abweichend vom Herkommen \u2013 auf die  Formulierung eines in sich geschlossenen Themas verzichten. Der \u201eKlang\u201c,  um den hier alles kreist, und der auch buchst\u00e4blich das Alpha und Omega  des Satzes bildet, ist durchaus nicht unbekannt: es ist der  Sekundakkord der I. Stufe von G-Dur. Das Sextintervall, mit dem die  Streicher den Satz er\u00f6ffnen, definiert gleichzeitig die Schichtung des  Akkordes: Fis-d-h-g\u00b4. Das f\u00fcr diesen Akkord charakteristische  gleichzeitige Erklingen von Dreiklang und Leitton, das ja eine Kollision  von Tonika- und Dominantsph\u00e4re bedeutet, hat in der Krise der Tonalit\u00e4t  eine entscheidende Rolle gespielt; und etwas von der bedeutungsschweren  Spannung dieses Ph\u00e4nomens klingt hier leise nach. <br> Der Satz verh\u00e4lt sich zum ersten in jeder Hinsicht komplement\u00e4r: wo dort   manische Motorik herrschte, behauptet sich hier ausdrucksvolle  Deklamation; der kompliziert verschr\u00e4nkten Metrik entspricht hier die  gro\u00dffl\u00e4chige Ruhe eines (bis zur X. Variation) stabilen  F\u00fcnfvierteltaktes, der nur an einer Stelle (jeweils im vierten Takt)  \u201eschwelgerisch\u201c zum brahmsischen Sechsvierteltakt gedehnt wird. In  Variation I ist der Zentralton des ersten Satzes (gis\/as) noch  allgegenw\u00e4rtig; er hat aber seinen Stachel verloren und f\u00fcgt sich ganz  sanft in die ruhige Klangrede ein. Das hier aufgestellte Modell wird in  Variation II  nur bereichert und melismatisch geschm\u00fcckt; erst Variation  III bringt mit elastischen Punktierungen und kaprizi\u00f6sen Umspielungen  einen grunds\u00e4tzlich neuen Charakter ins Spiel. Die damit er\u00f6ffnete  Amplitude zwischen den lyrischen und burlesken M\u00f6glichkeiten des  Materials wird in den folgenden Variationen konsequent erforscht. In  Variation IV f\u00fchrt das zu einem aparten Widerspiel von unruhigen  Synkopierungen und einem choralartigen Hintergrund. Mit der  darauffolgenden Variation liefert Urbanner eine klassische  \u201eViolinvariation\u201c, bei der sich der statische Leitakkord in den Eckt\u00f6nen  der virtuos-erregten Figuration verbirgt. Variation VI lie\u00dfe sich  (freilich nur in einem sehr allgemein-generischen Sinn) als ferne  Reminiszenz an Debussys \u201eDes pas sur la neige\u201c (Pr\u00e9ludes I\/5) lesen \u2013  sie bewegt sich mit den gleichen matten und hoffnungslosen Schritten  durch eine erstarrte Klanglandschaft. Den gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Kontrast dazu  bildet die folgende Variation, in der \u00fcber erregten Begleitfigurationen  fallende Tremoloskalen an die Exklusivreihen des ersten Satzes  errinnern. Variationen VIII und IX greifen dann den Scherzando-Ton von  Variation III auf, wobei der lyrische Widerspruch, der sich zuerst regt,  vor immer \u00fcberm\u00fctigeren Capriolen schlie\u00dflich ganz verstummt. Erst in  Variation X kehrt Urbanner ein letztes Mal zum Ausgangscharakter des  Satzes zur\u00fcck; schon die folgende Variation (XI) l\u00f6st das Grundmodell in  feinver\u00e4stelten Arabesken auf und verk\u00fcrzt gleichzeitig das Metrum zu  einem Viervierteltakt. Diese metrische Raffung wird in Variation XII  weitergef\u00fchrt: Hier schieben sich zwischen ein labiles Muster von Vier-  und Dreivierteltakten vehement zupackende Dreisechzehntelzellen, die das  Gewebe solange zersetzen, bis schlie\u00dflich das ganze kunstvolle Geb\u00e4ude  donnernd in den Leitakkord zusammenst\u00fcrzt. Eine leichtsinnig t\u00e4nzerische  Coda beschlie\u00dft das Werk mit einem vieldeutigen L\u00e4cheln.<br><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\">\u00a9 by Claus-Christian Schuster<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erich Urbanner * 26. M\u00e4rz 1936 &#8230;in Bewegung&#8230; Trio f\u00fcr Violine, Violoncello und Klavier (1990) Komponiert: Wien, beendet am 10. 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