{"id":593,"date":"2019-02-13T17:50:21","date_gmt":"2019-02-13T16:50:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www2.altenbergtrio.at\/?p=593"},"modified":"2019-02-13T17:50:26","modified_gmt":"2019-02-13T16:50:26","slug":"tschaikovskij-trio-a-moll-op-50","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/tschaikovskij-trio-a-moll-op-50\/","title":{"rendered":"Tschaikovskij: Trio a-moll op.50"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Petr Iljitsch Tschaikovskij<\/h3>\n\n\n\n<p>* 07. Mai 1840<br>\u2020 06. November 1893<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Trio a-moll op.50<\/h3>\n\n\n\n<table class=\"wp-block-table\"><tbody><tr><td>Komponiert:<\/td><td>Rom (H\u00f4tel Costanzi), 10. Dezember 1881 -9. Februar 1882<\/td><\/tr><tr><td>Widmung:<\/td><td>&#8220;A la m\u00e9moire d&#8217; un grand artiste&#8221; (Nikolaj Grigorjevic Rubinstejn, )<\/td><\/tr><tr><td>Urauff\u00fchrung:<\/td><td>Moskau, Konservatorium <br>\n11. (23.) M\u00e4rz 1882 (geschlossene Veranstaltung) <br>\n18. (30.) Oktober 1882 (\u00f6ffentlich) <br>\nSergej Ivanovic Taneev (1856-1915), Klavier <br>\nJan Hrimaly (Ivan Vojtehovic Grzimali, 1844-1915), Violine <br>\nKarl Friedrich Wilhelm Fitzenhagen (Vasilij Fedorovic Fitcenhagen, 1848-1890), Violoncello <br>\n<\/td><\/tr><tr><td>Erstausgabe:<\/td><td>J\u00fcrgenson, Moskva, September 1882<\/td><\/tr><\/tbody><\/table>\n\n\n\n<p><strong><em>Die Vorgeschichte der Entstehung des Opus 50<\/em><\/strong><br> <br> Anfang Oktober 1880 war Tschaikovskijs G\u00f6nnerin Nadeschda von Meck auf  ihrer allj\u00e4hrlichen Europareise in ihrer Villa in Florenz eingetroffen.  Der Tro\u00df ihres Hofstaates war wie immer beeindruckend gro\u00df: In diesem  Jahr hatte sie zu ihrer musikalischen Unterhaltung zeitweise ein ganzes  Klaviertrio zur Verf\u00fcgung. Der Geiger Vladislav Pachulskij,  Kompositionssch\u00fcler von Tschaikovskij, und der Cellist P\u00ebtr  Daniltschenko hatten eben ihre Studien am Moskauer Konservatorium  beendet, den Pianisten, einen gerade achtzehnj\u00e4hrigen Studenten, hatte  man Frau von Meck aus Paris empfohlen: sein Name war Claude Debussy, und  er hatte sich als wahre Trouvaille erwiesen. <br> Die h\u00e4usliche Triomusik machte der Hausherrin unendliches Vergn\u00fcgen. An Tschaikovskij schreibt sie fast flehentlich: <br> <br> <em>&#8220;Warum haben Sie kein Klaviertrio geschrieben? Jeden Tag bedauere ich  das, weil wir hier so oft Trio spielen, und ich seufze, da\u00df es von  Ihnen keines gibt.&#8221;<\/em> <br> <br> Tschaikovskij h\u00e4tte allen Grund gehabt, eine so unmi\u00dfverst\u00e4ndliche Bitte  umgehend zu erf\u00fcllen; warum er es nicht tat, und weshalb er sich f\u00fcr  denkbar ungeeignet hielt, ein solches Projekt auch nur ins Auge zu  fassen, erkl\u00e4rt er seiner Freundin in einem von Verehrern und Ver\u00e4chtern  des Genres Klaviertrio seither immer wieder &#8211; je nach Standpunkt mit  Entr\u00fcstung oder Zustimmung &#8211; zitierten Brief:<br> <br> <em>&#8220;Sie fragen mich, warum ich kein Trio komponiere? Verzeihen Sie,  liebe Freundin, so gerne w\u00fcrde ich ihren Wunsch erf\u00fcllen, doch das  \u00fcbersteigt meine Kr\u00e4fte. Die Sache ist die, da\u00df ich wegen der  Veranlagung meines Geh\u00f6rs die Verbindung von Klavier mit Geige oder  Violoncello solo \u00fcberhaupt nicht vertrage. Diese Klangfarben scheinen  mir einander abzusto\u00dfen, und ich versichere Ihnen, da\u00df es f\u00fcr mich eine  reine Tortur bedeutet, irgendein Trio oder eine Sonate mit Geige oder  Violoncello anzuh\u00f6ren. Zu erkl\u00e4ren vermag ich diese physiologische  Tatsache nicht und stelle sie nur fest. Eine ganz andere Sache ist  Klavier mit Orchester: Auch da gibt es keine Vereinigung der  Klangfarben, das Klavier kann sich ja mit gar nichts vereinigen, weil es  einen elastischen Klang hat, der von jeder anderen Klangmasse  gewisserma\u00dfen abprallt, aber da gibt es zwei gleichwertige Kr\u00e4fte,  n\u00e4mlich das m\u00e4chtige, an Farben unersch\u00f6pflich reiche Orchester, das ein  kleiner, unscheinbarer, aber unerschrockener Herausforderer bek\u00e4mpft  und (wenn er talentiert ist) besiegt. In diesem Kampf steckt viel Poesie  und f\u00fcr den Komponisten eine unendliche Menge verlockender  Kombinationen. Doch was ist dagegen die unnat\u00fcrliche Verbindung dreier  solcher Instrumente wie Geige, Violoncello und Klavier?  Hier gehen die  Vorz\u00fcge jedes einzelnen der drei verloren. Der gesangliche und von einem  so wundervollen Timbre durchw\u00e4rmte Klang von Geige und Violoncello  erscheint als nur sehr einseitiger Vorzug neben dem Zaren der   Instrumente, und dieser letztere versucht m\u00fchsam zu beweisen, da\u00df auch  er so singen kann, wie seine Konkurrenten. Meiner Meinung nach kann das  Klavier nur in drei F\u00e4llen Verwendung finden: erstens allein; zweitens  im Kampf mit dem Orchester; und drittens als Begleitung, das hei\u00dft im  Hintergrund eines Bildes. Aber ein Trio setzt ja Gleichberechtigung und  Gleichartigkeit voraus, und wo kann es denn eine solche zwischen  Solostreichinstrumenten einerseits und dem Klavier andererseits geben?  Es gibt sie nicht. Und deshalb haben Klaviertrios stets etwas  Gek\u00fcnsteltes, und jeder der drei spielt andauernd nicht das, was seinem  Instrument wirklich eigent\u00fcmlich ist, sondern was ihm vom Autor  aufgezwungen wurde, weil dieser st\u00e4ndig vor dem Problem steht, wie er  die Stimmen und Bestandteile seines musikalischen Gedankens auf die  Instrumente verteilen soll. Ich lasse dabei der gro\u00dfen Kunst und dem  genialen Verm\u00f6gen, diese Schwierigkeiten zu besiegen, das Komponisten  wie Beethoven, Schumann und Mendelssohn besessen haben, volle  Gerechtigkeit widerfahren. Ich wei\u00df, da\u00df es eine Vielzahl von Trios mit  hervorragend qualit\u00e4tvoller Musik gibt, aber als Form liebe ich das Trio  nicht und kann darum f\u00fcr diese Klangkombination nichts schreiben, das  von aufrichtigem Gef\u00fchl durchw\u00e4rmt w\u00e4re. [&#8230;] Schon allein die  Erinnerung an den Klang eines Trios verursacht mir einfach physisches  Unbehagen.&#8221;<\/em><br> (24. Oktober 1880)<br> <br> Als er das schrieb, steckte Tschaikovskij in Kamenka, dem s\u00fcdlich von  Kiev gelegenen Landgut seines Schwagers, mitten in der Arbeit an zwei  seiner bis heute popul\u00e4rsten Orchesterwerke &#8211; der Streicherserenade  C-Dur (op.48) und der f\u00fcr die Einweihung der (inzwischen abgerissenen  und wieder aufgebauten) Moskauer Erl\u00f6serkathedrale bestimmten Ouverture  solenelle 1812 (op.49); daneben hatte er f\u00fcr die Premiere des Evgenij  Onegin am Bolshoj Teatr (- die Urauff\u00fchrung hatte 1879 am Malyj Teatr  stattgefunden -) noch Korrekturen vorzunehmen, und dabei stand schon die  n\u00e4chste Oper, Orleanskaja deva (Die Jungfrau von Orl\u00e9ans), kurz vor  ihrer Urauff\u00fchrung. Aber die \u00dcberzeugung, die Tschaikovskij in dem  zitierten Brief \u00e4u\u00dfert, ist durchaus nicht damit zu erkl\u00e4ren, da\u00df sein  Schaffen und Denken eben gerade um andere Dinge kreiste. Es ist eine  \u00dcberzeugung, die sich schon in seinen ersten Studienjahren  unmi\u00dfverst\u00e4ndlich manifestiert hatte, und der er &#8211; mit der uns hier  besch\u00e4ftigenden bemerkenswerten Ausnahme &#8211; sein ganzes k\u00fcnstlerisches  Leben hindurch treu bleiben sollte. Au\u00dfer dem Trio op.50 gibt es  tats\u00e4chlich in Tschaikovskijs \u0152uvre nur noch zwei Werke, in denen  Solostreicher und Klavier aufeinander treffen, und diese Werke sind im  Sinne des Briefes an Nadeschda von Meck durchaus keine Ausnahmen,  sondern k\u00f6nnen ganz gut als Best\u00e4tigung und Illustration der dort  aufgestellten Thesen dienen: Die als Opus 42 unter dem Titel Souvenir  d\u00b4un lieu cher  (1878) ver\u00f6ffentlichten drei St\u00fccke f\u00fcr Violine und  Klavier sind lyrische Skizzen, in denen der Komponist Schlo\u00df Brailov,  dem Landsitz seiner M\u00e4zenin, ein reizendes Denkmal gesetzt hat; der  Klavierpart erf\u00fcllt hier genau jene Begleitfunktion, von der  Tschaikovskij in seinem Brief als der einzigen ihm zul\u00e4ssig  erscheinenden Form des solistischen Zusammentreffens der beiden  Instrumente spricht. Das zweite Werk, eine Konservatoriumsarbeit aus den  Jahren 1863\/64, ist ein Allegro in C-moll f\u00fcr Klavier und  Streichquintett (mit Kontraba\u00df) &#8211; und man kann schon an dieser   Instrumentationswahl unschwer erkennen, da\u00df es sich dabei ganz einfach  um das sch\u00fclerhafte Surrogat eines Klavierkonzertes handelt.  Tschaikovskijs so leidenschaftlich ge\u00e4u\u00dferte Ablehnung der  Klavierkammermusik ist also alles andere als eine ephemere Marotte oder  Laune, sondern ein ernstzunehmendes Credo &#8211; und das macht die  r\u00e4tselhafte Erscheinung des Klaviertrios, das sich in der homogenen  Landschaft dieses \u0152uvres wie ein monumentaler Findling ausnimmt, nur  noch bemerkenswerter. <br> <br> Sofort nach der Petersburger Premiere der Jungfrau von Orl\u00e9ans (13.\/25.  Februar 1881) verlie\u00df Tschaikovskij Ru\u00dfland fast fluchtartig. \u00dcber Wien  (wo er in Dvor\u00e1ks Stammhotel &#8220;Zum Goldenen Lamm&#8221;, Wiedner Hauptstra\u00dfe 7,  abstieg, und in der Oper eine pr\u00e4chtige Auff\u00fchrung von Webers Oberon  erlebte), Florenz und Rom, seine ewige Liebe, kam er nach Neapel. Erst  hier erreichte ihn die Nachricht von der Ermordung des Zaren Alexander  II., die ihn tief ersch\u00fctterte &#8211; er ahnte, da\u00df dieses Attentat der  entscheidende Schritt auf einem Weg war, an dessen Ende die Vernichtung  seiner geistigen Heimat stehen w\u00fcrde. Von Neapel brach er nach Nizza  auf, wo er mit Nikolaj Rubinstein zusammentreffen wollte. Der war von  seinen Moskauer \u00c4rzten, die sich im Kampf gegen seine rasch  fortschreitende Tuberkulose keinen anderen Rat mehr wu\u00dften, in den S\u00fcden  geschickt worden. <br> Die Beziehung zwischen Tschaikovskij und Rubinstein war schon lange  nicht mehr ungetr\u00fcbt, und der Zeitpunkt dieser neuerlichen Ann\u00e4herung  und geplanten Zusammenkunft ist f\u00fcr Tschaikovskij sehr bezeichnend &#8211; in  \u00e4hnlicher Weise wird er Anfang 1885 nach Davos zu seineme ehemaligen  Freund Iosif Kotek (1855-1885) reisen, der ihn in Zusammenhang mit dem  Violinkonzert so schwer gekr\u00e4nkt hatte, und sich im Sommer 1887 in der <em>\u201egottverdammten, elenden&#8221;<\/em> Stadt Aachen niederlassen, um die letzten Tage von Nikolaj Kondratjev zu versch\u00f6nen. <br> Doch in Nizza findet er statt des Freundes ein Telegramm, das ihn an  Nikolaj Rubinsteins Sterbebett nach Paris ruft.  Von dort berichtet er  zwei Tage nach dessen Tod:<br> <br> <em>\u201eIn Nizza habe ich zuerst aus einem Telegramm von J\u00fcrgenson erfahren,  da\u00df es Nikolaj Grigorjewitsch sehr schlecht gehe, und danach durch  telegraphische Depeschen aus dem Grand H\u00f4tel, 1) da\u00df es keine Hoffnung  gebe, und 2) da\u00df er gestorben sei. Am n\u00e4chsten Tag verlie\u00df ich mit  Kondratjev und Sascha [Tschaikovskijs Schwester Alexandra] Nizza. Die  Fahrt war f\u00fcr mich ein qualvolles moralisches Inferno. Zu meiner Schande  mu\u00df ich gestehen, da\u00df ich nicht so sehr unter dem Bewu\u00dftsein dieses  schrecklichen und unersetzlichen Verlustes litt wie unter der Angst, in  Paris, im Hotel, und noch dazu im Grand H\u00f4tel, den von der qu\u00e4lenden  Krankheit entstellten Leichnam des armen Rubinstein sehen zu m\u00fcssen. Ich  f\u00fcrchtete, da\u00df ich diese Ersch\u00fctterung nicht \u00fcberstehen w\u00fcrde, und da\u00df  mir, trotz aller Willensanstrengungen, diese besch\u00e4mende Angst zu  besiegen, etwas zusto\u00dfen werde. Jedenfalls waren meine Bef\u00fcrchtungen  wenigstens in dieser Hinsicht grundlos. Heute um sechs Uhr morgens war  die Leiche Nikolaj Grigorjewitschs schon in die russische Kirche  \u00fcberf\u00fchrt worden, und im Grand H\u00f4tel traf ich nur E[lena] A[ndreevna]  Tretjakova, die die letzten sechs Tage seines Lebens mit Nikolaj  Grigorjewitsch verbracht hat. [&#8230;] Eines ist tr\u00f6stlich &#8211; da\u00df Nikolaj  Grigorjewitsch keinerlei Todesgedanken hatte und fast bis zur letzten  Minute immerzu nur von seinen Zukunftspl\u00e4nen sprach. Drei Stunden vor  seinem Tod verlor er das Bewu\u00dftsein und starb ganz ohne Agonie, so  unmerklich, da\u00df E. A. Tretjakova, deren Hand er krampfhaft umschlossen  gehalten hatte, lange Zeit nicht wu\u00dfte, ob er noch am Leben sei&#8230;&#8221;<\/em><br> (an Modest Tschaikovskij, 25. M\u00e4rz 1881)<br> <br> <em>\u201eHeute war ich in der Kirche bei der Totenmesse, dann fuhr ich zur  Gare du Nord und sah zu, wie der Bleisarg in einen solchen aus Holz  eingenagelt und in den Gep\u00e4ckwagen gestellt wurde. Es war furchtbar  schmerzlich und unheimlich anzusehen, wie der arme Nikolaj Rubinstein in  einem Kasten wie ein Gep\u00e4ckst\u00fcck nach Moskau bef\u00f6rdert wurde.&#8221;<\/em><br> (an Nadeschda von Meck, 25. M\u00e4rz 1881)<br> <br> (Rubinstein wurde im Moskauer Danilovskij-Kloster beigesetzt. Als man  dort im Herbst bei einer Seelenmesse Tschaikovskijs Messe op.41  auff\u00fchren wollte, wurde das von den kirchlichen Beh\u00f6rden untersagt &#8211;  diese Musik sei \u201er\u00f6misch-katholisch&#8221;&#8230;)<br> <br> Tschaikovskij verlie\u00df Paris so rasch er konnte und kehrte \u00fcber Berlin  nach St. Petersburg zur\u00fcck, von wo er nach Moskau weiterreiste. Dort  wurde er best\u00fcrmt, den durch den Tod Nikolajs freigewordenen  Direktorsposten am Konservatorium zu \u00fcbernehmen. Obwohl er zu diesem  Zeitpunkt schon wu\u00dfte, da\u00df Frau von Meck am Rande des finanziellen Ruins  stand, seine eigene materielle Zukunft also alles andere als gesichert  war, lehnte er entschieden ab &#8211; seine Freiheit war ihm wichtiger als  b\u00fcrgerliche Sicherheit. Schon zu Ostern war er wieder in Kamenka. Aber  sein ukrainisches Tusculum (hier waren in den Jahren davor neben den  beiden oben erw\u00e4hnten Werken auch gro\u00dfe Teile der 2., 3. und 4.  Symphonie, die 1. Orchestersuite op.43 und das Nikolaj Rubinstein  gewidmete 2. Klavierkonzert op.44 entstanden), wo er einen Gro\u00dfteil des  Jahres 1881 verbrachte, bot ihm diesmal keine rechte Schaffensmu\u00dfe: die  Schwester Alexandra war ernsthaft erkrankt und mu\u00dfte schlie\u00dflich mit  ihrem Mann zur Behandlung nach St. Petersburg reisen, so da\u00df  Tschaikovskij mit seinen sieben Nichten und Neffen allein zur\u00fcckblieb.  Zudem hatte die \u00e4lteste, Tatjana, ernsthaften Liebeskummer, an dem Onkel  Petja nat\u00fcrlich innigen Anteil nahm. Auch wirtschaftlich standen die  Dinge des Schwagers nicht zum besten. Lustlos und nur, um irgend etwas  zu tun, \u00fcbernahm Tschaikovskij auf Bitten seines Verlegers P\u00ebtr Ivanovic  J\u00fcrgenson die Herausgabe der Gesammelten Werke Dmitrij Bortnjanskijs  (1751-1825), was ihn dazu zwang, sich eingehend mit den Traditionen der  orthodoxen Kirchenmusik auseinanderzusetzen. Nebenprodukt dieser Arbeit  war die im Mai 1881 begonnene (und erst im Dezember 1882 vollendete)  Vsenoshchnaya (Vesper) op.52. Seinem Bruder Anatolij berichtet er:<br> <br> <em>\u201eIch schreibe einstweilen \u00fcberhaupt nichts, bereite mich aber darauf  vor, eine Vesper als Pendant zu meiner Messe [op.41, 1878] in Angriff zu  nehmen. Wenn ich ein Sujet finde, fange ich vielleicht sp\u00e4ter eine Oper  an. Das ist das einzige Genre (au\u00dferhalb der Kirchenmusik), das mich  anzieht. Seit dem Tod Rubinsteins hab ich das Interesse an symphonischer  Musik v\u00f6llig verloren.&#8221;<\/em><br> (13.\/25. Mai 1881)<br> <br> In dieser Schaffenskrise, die Tschaikovskij hier mit dem Tod seines  Freundes in Verbindung bringt, und zu deren Symptomen etwa der gro\u00dfe  zeitliche Abstand (\u00fcber zehn Jahre) zwischen der 4. und 5. Symphonie zu  z\u00e4hlen ist, liegt wohl auch die Hauptvoraussetzung f\u00fcr das Entstehen des  singul\u00e4ren und im Gesamtwerk so auff\u00e4llig isolierten Klaviertrios. <br> <br> <strong><em>Rom, H\u00f4tel Costanzi<\/em><\/strong><br> <br> Wie schon zwei Jahre zuvor will Tschaikovskij den Winter mit seinem  Bruder Modest in Rom verbringen. Modest reist in Begleitung seines  taubstummen Ziehsohnes, des dreizehnj\u00e4hrigen Kolja (Nikolaj Konradi),  und seines Dieners Grischa voraus und bezieht in Tschaikovskijs  Stammhotel Costanzi Quartier. Auch das Ehepaar Kondratjev mit seinen  drei Kindern, die der Komponist aus Kamenka kennt, hat sich hier  einquartiert. <br> Noch auf der Fahrt schmiedet Tschaikovskij Opernpl\u00e4ne; in der Erz\u00e4hlung  \u201eDie durchzechte Nacht&#8221; von Dmitrij Averkiev (1836-1905), die L. N.  Antropov unter dem Titel \u201eHausmeister Vanka\u201e dramatisiert hat, einer  idyllisch-humorvollen Verherrlichung des \u201ealten&#8221;, patriarchalischen  Ru\u00dfland, glaubt er eine passende Textvorlage gefunden zu haben. Am  Morgen des 2. Dezember 1881 trifft er aus Florenz kommend (wo er wieder  einmal zwei Tage in unmittelbarer N\u00e4he Nadeschda von Mecks verbracht  hat, ohne sie zu sehen) in Rom ein. Seinen Schaffenseifer mu\u00df er  zun\u00e4chst bez\u00e4hmen: Die Suite, die er zum Arbeiten braucht, ist noch von  einer englischen Familie belegt, und jeden Tag bel\u00e4stigen ihn die  Mitglieder der aristokratischen russischen Schickeria mit Besuchen und  Einladungen. Als er nach einer erzwungenerma\u00dfen m\u00fc\u00dfigen Woche sein  Zimmer beziehen kann, macht er sich  zun\u00e4chst einmal an die Realisierung  eines Projektes, das ihn schon seit l\u00e4ngerer Zeit besch\u00e4ftigt: die  Vertonung von Puschkins Verserz\u00e4hlung \u201ePoltava&#8221; &#8211; die 1883 vollendete  Oper Mazeppa. Die Arbeit geht nur stockend voran, und Tschaikovskij ist  wieder einmal &#8211; wie so oft &#8211; von der panischen Angst erf\u00fcllt, seine  Schaffenskraft sei gebrochen.  <br> <br> <em>\u201eGestern erhielt ich aus Kamenka eine Nachricht, die mich sehr  betr\u00fcbt hat. In der N\u00e4he von Kamenka gibt es ein kleines W\u00e4ldchen,  Trostjanka genannt, da\u00df das \u00fcbliche Ziel meiner Wanderungen war. Dort  wohnt mitten im Wald eine sehr zahlreiche und nette K\u00f6hlerfamilie. Ich  habe selten so reizende Kinder wie diese gesehen, aber besonders liebte  ich ein kleines, vierj\u00e4hriges M\u00e4dchen, die zuerst gro\u00dfe Scheu vor mir  hatte, aber sich dann an mich gew\u00f6hnte und meine Freundin wurde. Sooft  ich kam, lief sie herbei, liebkoste mich und plauderte so herzigen  Unsinn &#8211; es war wirklich ein Vergn\u00fcgen, und ich habe diese Kind sehr  geliebt Jetzt ist dort Diphterie ausgebrochen, und mein Schwager  schreibt mir, da\u00df dieses M\u00e4dchen und eines seiner Geschwister daran  gestorben sind; die anderen hat er alle in den Ort bringen lassen, aber  er f\u00fcgt hinzu: \u201eIch f\u00fcrchte, es ist schon zu sp\u00e4t.\u201c. Unser armes  Ru\u00dfland! So freudlos ist alles, und dann noch diese Gei\u00dfel, die unsere  Kinder zu Tausenden zugrunderichtet.\u201c<\/em><br> (an Nadeschda von Meck, 16. Dezember  1881)<br> <br> Am 22. Dezember beginnt Tschaikovskij die Niederschrift des Trios. Nicht  nur die Trauer um den verlorenen Freund, auch die Klage \u00fcber das  Schicksal Ru\u00dflands, die in dem zuletzt zitierten Brief anklingt, wird  hier musikalische Gestalt annehmen. Die pl\u00f6tzliche Eingebung, der er mit  dieser Komposition folgt, scheint Tschaikovskij selbst \u00fcberrascht zu  haben &#8211; jedenfalls hat der Beweggrund, den er in dem folgenden Brief an  Nadeschda von Meck anf\u00fchrt, eher den Beigeschmack einer konventionellen  Stilisierung:<br> <br> <em>\u201eWissen Sie, meine Teure, was ich zu schreiben begonnen habe? Sie  werden sehr erstaunt sein! Erinnern Sie sich noch, Sie haben mir einmal  geraten, ein Trio f\u00fcr Klavier, Geige und Violoncello zu schreiben, und  vielleicht erinnern Sie sich auch meiner Antwort, in der ich offen meine  Abneigung gegen diese Besetzung aussprach? Und jetzt habe ich mich  pl\u00f6tzlich trotz dieser Abneigung entschlossen, mich in dieser bisher von  mir gemiedenen Musikgattung zu versuchen. Den Anfang des Trios habe ich  schon niedergeschrieben. Ob ich es auch beenden werde, und ob es mir  gelingen wird, das wei\u00df ich nicht, aber ich w\u00fcrde das Begonnene sehr  gerne gut zu Ende f\u00fchren.<br> Sie werden mir wohl glauben, wenn ich sage, da\u00df der Hauptgrund, oder  richtiger: der einzige Grund, weshalb ich mich mit der mir so wenig  angenehmen Vereinigung von Klavier und Streichinstrumenten abgefunden  habe, der Wunsch ist, Ihnen mit diesem Trio eine Freude zu bereiten. Ich  will Ihnen nicht verhehlen, da\u00df ich mich \u00fcberwinden mu\u00df, meine  musikalischen Gedanken in diese neue und ungewonte Form zu gie\u00dfen. Aber  ich m\u00f6chte als Sieger aus all diesen Schwierigkeiten hervorgehen, und  das stete Bewu\u00dftsein, da\u00df Sie zufrieden sein werden, ermuntert und  inspiriert mich.&#8221;<\/em><br> (27. Dezember 1881)<br> <br> Ein solcher \u201eHauptgrund&#8221; f\u00fcr die Entstehung eines Werkes von so  au\u00dfergew\u00f6hnlicher Bedeutung und Dimension mutet seltsam an\u00e4misch an.  Doch unabh\u00e4ngig davon, wie vollst\u00e4ndig oder wie aufrichtig Tschaikovskij  seine Briefpartnerin \u00fcber die Quelle seiner Inspiration unterrichtet  haben mag, ist offensichtlich, da\u00df die Entstehung des Klaviertrios  wirklich von Anfang an von gro\u00dfen inneren Widerst\u00e4nden und Zweifeln  begleitet war. Das Pflichtbewu\u00dftsein, mit dem der Komponist diese  Schwierigkeiten zu \u00fcberwinden versucht, verwandelte sich dann aber  Schritt f\u00fcr Schritt in das begeisternde Feuer reiner Schaffensfreude.  Man vergleiche die folgenden beiden Briefstellen aus der Anfangs- und  der Endphase der Komposition:<br> <br> <em>\u201eWir stehen um 8 Uhr auf, um halb neun gibt es Tee; danach, w\u00e4hrend  das Zimmer aufger\u00e4umt wird, gehen wir zu Kondratjev (ich im Schlafrock)  und wohnen seinem lev\u00e9 bei. Nachher arbeite ich bis 12. Um 12 fr\u00fchst\u00fccke  ich mit Nikolaj Dmitrievitsch [Kondratjev], Modest und Kolja sp\u00e4ter, um  halb eins. Dann steht ein Spaziergang auf dem Programm; meistens gehe  ich allein aus, aber an Sonntagen nehmen wir Grischa mit und besichtigen  die eine oder andere Sehensw\u00fcrdigkeit. Von 4 bis 6 schreibe ich Briefe  und spiele Klavier. Um 6 ist das Essen an der table d\u00b4h\u00f4te. Wir haben  mit den Kondratjevs einen Extratisch. Nach dem Essen gehe ich manchmal  noch spazieren, und den Rest des Abends verbringe ich entweder zuhause  mit Lekt\u00fcre, oder wir spielen Karten. Um 12 Uhr gehen wir auseinander,  und ich lese gew\u00f6hnlich noch eine oder eineinhalb Stunden.&#8221;<\/em><br> (an Anatolij Tschaikovskij, 24. Dezember 1881)<br> <br> In dem Arbeitstempo, das dieser Brief schildert, h\u00e4tte die Komposition  des Trios wohl etliche Monate in Anspruch genommen. Tats\u00e4chlich war aber  der Rohentwurf in knapp vier Wochen beendet, und auch die Ausarbeitung  wird gleich darauf in Rekordzeit bew\u00e4ltigt: <br> <br> <em>\u201eIch beende gerade mein Trio und habe beschlossen, unbedingt bis zum  morgigen Sonntag fertig zu sein und dann zur Erholung einen gro\u00dfen  Spaziergang zu machen. Deshalb bin ich heute von 9 Uhr morgens bis 4  ohne aufzustehen dar\u00fcber gesessen und habe mit solcher Hingabe  gearbeitet, da\u00df ich jetzt keinen klaren Gedanken mehr fassen kann. Diese  krankhafte Eile am Ende einer Komposition macht sich in ihr immer  unangenehm bemerkbar &#8211; aber ich kann meine Natur eben nicht \u00e4ndern.  [&#8230;] Ich habe mich ganz in mein Trio vertieft. Mich fesselt diese von  mir noch nicht erprobte Form. In zwei Tagen werde ich mich an die  Abschrift machen, und sowie diese fertig ist, schicke ich sie nach  Moskau, und Du bitte dann Taneev, ein Durchspiel zu organisieren.&#8221;<\/em><br> (an Anatolij Tschaikovskij, 21. J\u00e4nner 1882)<br>  <br> Auch die abschlie\u00dfende Reinschrift bereitet dem Komponisten ganz offensichtlich gro\u00dfe Freude:<br> <br> <em>\u201eIn letzter Zeit f\u00fchle ich mich physisch und moralisch hervorragend.  Ich schreibe das in erster Linie dem Umstand zu, da\u00df mir das Trio, das  ich jetzt abschreibe, sehr gut gef\u00e4llt. Vielleicht werde ich ihm sp\u00e4ter  untreu werden und es genauso hassen wie die Mehrzahl aller meiner  fr\u00fcheren Kompositionen &#8211; aber jetzt bin ich stolz darauf, es befriedigt  mich ganz und hebt meine Selbstachtung. Ich hatte ja wirklich schon  angefangen zu glauben, da\u00df ich niemehr etwas schreiben werde k\u00f6nnen&#8230;&#8221;<\/em><br> (an Anatolij Tschaikovskij, 3. Februar 1882)<br> <br> Am 9. Februar 1882 ist die Reinschrift abgeschlossen; zwei Tage sp\u00e4ter ist sie schon auf dem Weg nach Moskau.<br> <br> <strong><em>Das Werk<\/em><\/strong><br>  <br> Wie sehr dem Komponisten das Werk am Herzen lag, zeigt nicht zuletzt der  Umstand, da\u00df er die Urauff\u00fchrung ausdr\u00fccklich in die H\u00e4nde von drei  bedeutenden und ihm pers\u00f6nlich besonders nahestehenden Interpreten  legte: Sergej Taneev war als Komponist Sch\u00fcler Tschaikovskijs und als  Pianist Sch\u00fcler Nikolaj Rubinsteins gewesen, wurde sp\u00e4terhin ein enger  Freund Tschaikovskijs und Widmungstr\u00e4ger von dessen symphonischer  Dichtung  Francesca da Rimini (op.32, 1876); der Tscheche Jan Hrimaly,  der seit 1869 in Moskau lebte und lehrte, hatte mit seinem  Streichquartett schon die Opera 22 (2. Quartett, F-Dur, 1874) und 30 (3.  Quartett, Es-Dur, 1876) aus der Taufe gehoben; und dem aus dem  Braunschweigischen stammenden Cellisten Wilhelm Fitzenhagen, der 1870  als Lehrer am Moskauer Konservatorium ebenfalls Kollege Tschaikovskijs  und Nikolaj Rubinsteins geworden war, hatte Tschaikovskij 1876 die  Rokoko-Variationen op.33 gewidmet (die \u00fcbrigens leider zumeist in  Fitzenhagens \u201eeffektvoller&#8221;, von Tschaikovskij nachsichtig autorisierter  Bearbeitung zu h\u00f6ren sind). Die Wahl gerade dieser Interpreten war dem  Komponisten so wichtig und sein Vertrauen in sie so gro\u00df, da\u00df er auf der  Titelseite des Autographs den Vermerk anbrachte:<br> <br> <em>\u201eIch bitte Herrn S. I. Taneev dieses Trio mit den Herren Hrimaly und  Fitzenhagen zu spielen und zusammen mit ihnen zu beurteilen, welche  Stellen verbesserungsbed\u00fcrftig sind, sowie diese Verbesserungen  vorzunehmen.&#8221;<\/em><br> <br>  Da\u00df Tschaikovskij in seinen Freunden auch wirklich engagierte Anw\u00e4lte  f\u00fcr das neue Werk fand, m\u00f6ge ein Zitat aus einem Brief Taneevs  dokumentieren: <em>\u201eIch habe Ihr Trio jetzt dreieinhalb Wochen studiert  und es t\u00e4glich sechs Stunden lang gespielt. Ich erinnere mich nicht,  jemals einen gr\u00f6\u00dferen Genu\u00df beim Studium eines neuen Werkes gehabt zu  haben.&#8221;<\/em> (Taneev hat aus seiner Begeisterung f\u00fcr Tschaikovskijs  Klaviertrio auch noch f\u00fcnfundzwanzig Jahre sp\u00e4ter, als er selbst ein  Werk dieser Gattung komponierte, kein Hehl gemacht.)<br> <br> Die erste Auff\u00fchrung des Trios fand in Abwesenheit des Komponisten im  Rahmen einer Gedenkveranstaltung am 11.(23.) M\u00e4rz 1881, dem ersten  Jahrestag des Todes von Nikolaj Rubinstein, vor geladenen G\u00e4sten im  Moskauer Konservatorium statt. Im selben Saal wurde es dann am 18.(30.)  Oktober, fast gleichzeitig mit dem Erscheinen der Druckausgabe, von den  selben Interpreten beim Er\u00f6ffnungskonzert der allj\u00e4hrlichen  Quartett-Serie der Russischen Musikgesellschaft auch \u00f6ffentlich  uraufgef\u00fchrt. Zwischen diesen beiden Auff\u00fchrungen hatte der Komponist  das Werk im April 1881 noch einmal gr\u00fcndlich revidiert und in vielen  Details ver\u00e4ndert. <br> <br> Es ist nicht verwunderlich, da\u00df dieses urpers\u00f6nliche Lebensdokument zu  einem epischen Bild russischen Lebens geriet, das den Vergleich mit den  gleichzeitigen Meisterwerken russischer Erz\u00e4hlkunst nahelegt. (Man darf  an dieser Stelle anmerken, da\u00df Tschaikovskij ein gl\u00fchender Verehrer der  Kunst Tolstojs war, Dostojevskij gegen\u00fcber aber eine ausgepr\u00e4gte  Antipathie empfand, obwohl er dessen Genialit\u00e4t durchaus anerkannte.)  Hier wie dort bleibt zu bewundern, wie es den russischen Meistern  gegeben ist, das \u201ewirkliche Leben\u201e ohne alle Einengung und artifizielle  Stilisierung Kunst werden zu lassen, so da\u00df es noch als Kunst die ganze,  den Nicht-Russen oft best\u00fcrzende Weite dieses Lebens atmet, die  H\u00f6chstes und Tiefstes, Mystisches und Triviales nebeneinander bestehen  l\u00e4\u00dft. Die Weisheit dieser slavischen Kunst liegt in der Erkenntnis, da\u00df  Elegie und Mazurka, mystische Apotheose und leichtsinnige  Walzerseligkeit einander gleicherma\u00dfen vertiefen und dichterisch  erh\u00f6hen. Dieses \u201eZusammenklingen&#8221; der Seinsgegens\u00e4tze verlangt  naturgem\u00e4\u00df nach \u201esymphonischer&#8221; Darstellung. Die dadurch bedingte  musikalische Dramaturgie erforderte L\u00f6sungen, die der Kammermusik bis  dahin fremd waren; und bei Tschaikovskijs Hochachtung f\u00fcr seine gro\u00dfen  Vorg\u00e4nger ist es nur allzu verst\u00e4ndlich, da\u00df er sich beim Betreten  dieses Neulandes unsicher f\u00fchlte und von Skrupeln geplagt wurde. Nur so,  nicht etwa als Res\u00fcmee eines instrumentatorischen Fehlschlags, ist  Tschaikovskijs Gest\u00e4ndnis in einem unmittelbar nach der Vollendung des  Klaviertrios an Nadeschda von Meck gerichteten Brief zu verstehen: <br> <br> <em>\u201eIch f\u00fcrchte nur, da\u00df mir, da ich mich dieser neuen Form der  Kammermusik so sp\u00e4t zugewandt und sonst mein Leben lang Orchesterwerke  komponiert habe, einige S\u00fcnden bei der Instrumentierung unterlaufen  sind. Mit einem Wort, ich bef\u00fcrchte, da\u00df es sich um symphonische Musik  handelt, die f\u00fcr Klaviertrio arrangiert wurde, aber nicht auf dieses  Genre berechnet ist. Ich habe mir zwar alle M\u00fche gegeben, das zu  vermeiden, aber ich wei\u00df nicht, was daraus geworden ist!&#8221;<\/em><br> (25. J\u00e4nner 1881)<br> <br> Schon die \u00e4u\u00dfere Form des Trios zeigt, wie sehr Tschaikovskij sich dem  formalen Kanon des Genres verweigert: die monumentale Zweis\u00e4tzigkeit des  Werkes steht ebenso sehr im Widerspruch mit der \u201eklassischen&#8221;  Tradition, die damals schon vielerorts als \u201eakademisch&#8221; oder  \u201eklassizistisch&#8221; kritisiert wurde, wie auch mit den \u201efortschrittlichen&#8221;  Alternativen dazu, etwa der rhapsodischen eins\u00e4tzigen Variante, wie sie  sp\u00e4ter von den \u201eNeudeutschen\u201e und ihren Nachfolgern gepflegt wurde. Es  liegt auch &#8211; wie sich ja schon an den \u00e4u\u00dferen Dimensionen des Werkes  unschwer erkennen l\u00e4\u00dft &#8211; durchaus kein R\u00fcckgriff auf fr\u00fchklassische  zweis\u00e4tzige Modelle vor; die zwei S\u00e4tze sind nicht kontrastierend,  sondern linear konzipiert, und die gesamte dramaturgische Anlage legt  den schon oben angestellten Vergleich mit der russischen Erz\u00e4hlkunst  nahe &#8211; alles in allem haben wir es also mit einem au\u00dferhalb jeder  kontinuierlichen Tradition stehenden, einzig aus den Notwendigkeiten der  angestrebten Aussage entwickelten Organismus zu tun. Der Eindruck, den  das Werk auf die Zeitgenossen machte war allerdings so gro\u00df, da\u00df es  seinerseits Ausgangspunkt einer vor allem in Ru\u00dfland noch bis heute  lebendigen Sonderform des Genres Klaviertrio wurde, die von den unter  dem unmittelbaren Eindruck Tschaikovskijs geschriebenen Werken  Rachmaninovs (op.9) und Taneevs (op.22) bis zu zweis\u00e4tzigen Trios der  j\u00fcngsten Vergangenheit (z.B. Grigorij Korchmar, 1991; Alfred Schnittke,  1992) reicht.<br> <br> Der erste Satz <em>(Pezzo elegiaco. Moderato assai &#8211; Allegro giusto)<\/em>  zeigt exemplarisch den nich eben revolution\u00e4ren, aber v\u00f6llig  eigenst\u00e4ndigen Umgang mit den formalen Traditionen: durchaus aus dem  Geist der Sonatenhauptsatzform entwickelt, verweigert sich der Satz doch  der normierenden Analyse. Alles thematische Material ist aus dem  klagenden Gesang des Hauptthemas entwickelt: Seiner melodischen Gestalt  liegt mit einem diatonischen Quintfall so ziemlich das lapidarste und  lakonischste aller denkbaren Motive zugrunde &#8211; und zu erleben, wie  dieses asketisch-d\u00fcrre Grundger\u00fcst mit einigen wenigen melismatischen  Strichen und im emphatischen Widerstreit mit seiner Umkehrung zu  innigstem Leben erweckt wird,  erheischt Bewunderung. Dem zweiten Thema,  das die fallende Gestik ins Heroische und Enthusiastische wandelt,  folgt ein recht knapp gehaltener Durchf\u00fchrungsteil, der schlie\u00dflich mit  einer traumhaft innigen Wendung (es-moll &#8211; H-Dur) in ein drittes Thema  m\u00fcndet. (Manche der schon von Brahms so geha\u00dften \u201emusikalischen  Souvenirj\u00e4ger&#8221; wollen in diesem Einfall die Keimzelle einer Stelle in  Richard Strauss\u00b4 \u201eSalome&#8221; sehen.) Die Reprise wiederholt mit einigen  bedeutsamen Modifikationen und selbstverst\u00e4ndlich unter Weglassung des  Durchf\u00fchrungsteils diese Abfolge der drei Themenbl\u00f6cke, an die sich zum  Abschlu\u00df eine ergreifend schlichte Coda schlie\u00dft, in der das verbl\u00fchte  Anfangsmotiv zu Grabe getragen wird.<br> <br> Das E-Dur Thema des zweiten Satzes <em>(Tema con variazioni: A. Andante con moto &#8211; B. Variazione finale e coda. Allegro risoluto e con fuoco &#8211; Andante con moto)<\/em>  soll angeblich die Tschaikovskij und Nikolaj Rubinstein gemeinsame  Erinnerung an ein Fest im Jahre 1873 bewahren; es ist jedenfalls ganz im  Geist eines Volksliedes erfunden, und die russische Folkloristik konnte  eine Reihe von in Einzelheiten mit Tschaikovskijs Thema  \u00fcbereinstimmenden Originalmelodien nachweisen. Aber der H\u00f6hepunkt des  20-taktigen Themas ist die Durvariante des Hauptthemas aus dem ersten  Satz &#8211; und schon mit anhand dieses Details kann man sehen, da\u00df der  Komponist sich das Volkslied, das ihn angeregt haben mag, v\u00f6llig  anverwandelt hat. Die anschlie\u00dfenden Variationen sind von wirklich  faszinierender Vielfalt und Freiheit. Im Umkreis Tschaikovskijs war die  (zum Gl\u00fcck nie n\u00e4her konkretisierte) Ansicht verbreitet, jede der  Variationen spiegle eine Episode im Leben Nikolaj Rubinsteins wider.  Tschaikovskij hat es meisterhaft verstanden, diese \u201eregellose&#8221; Vielfalt  auf subtile Weise formal zu gliedern: Die Variationen I &#8211; III sind  Figuralvariationen, die sich recht eng an den formalen und melodischen  Ablauf des Themas halten; bis zu diesem Punkt k\u00f6nnte man durchaus  meinen, es mit ganz \u201etraditionellen&#8221; Variationen zu tun zu haben. Mit  der IV. Variation, die sich nach cis-moll wendet und in v\u00f6llig  ge\u00e4nderter Weise den \u201efolkloristischen&#8221; Ton des Themas wieder aufninmmt,  wird aber die enge Bindung an das Thema aufgegeben. An dieser  Nahtstelle im Variationenablauf folgt eine \u201eSignalvariation&#8221; (V), bei  der das Klavier (pianissimo, martellato) eine Spieluhr imitiert &#8211; der  Mitternachtszauber kann beginnen. <br> Die folgenden f\u00fcnf Variationen (VI &#8211; X) deklarieren sich auch dort, wo  sie nicht n\u00e4her bezeichnet sind, als \u201eGenrest\u00fccke&#8221; im allerbesten (und  weitesten) Sinn des Wortes (VI &#8211; Walzer, VII\/VIII &#8211; Choral und Fuge, IX &#8211;  Barcarolle, X &#8211; Mazurka). Die in der Mitte dieses Abschnittes stehende  Fuge ist &#8211;  nicht un\u00e4hnlich dem Fugato im Kopfsatz der Urfassung von  Brahms\u00b4 op.8 &#8211; ein interpretatorischer Stolperstein. Hier wie dort wird  immer wieder die \u201eLeere&#8221; und \u201eTrockenheit&#8221; dieses Abschnittes befremdet  ger\u00fcgt; die naheliegende Idee, da\u00df in beiden F\u00e4llen philistr\u00f6se  Wichtigtuerei karikiert werden sollte, wird meist entr\u00fcstet  zur\u00fcckgewiesen &#8211; dabei spricht bei Tschaikovskij unter anderem auch die  (entgegen den beschw\u00f6renden Bitten des Komponisten fast nie  ernstgenommene) metronomische Bezeichnung ganz deutlich f\u00fcr eine solche  Interpretation. (Taneev hat sich noch im September 1891 von  Tschaikovskij die Autorisation f\u00fcr eine \u201eAuff\u00fcllung&#8221; des Klavierparts  dieser Variation erbeten.) <br> Die XI. Variation, die eindeutig Codacharakter hat, ist wie die V.  Variation wieder eine \u201eSignalvariation&#8221;, die der Gliederung des Ablaufs  dient und uns das Thema noch einmal in seiner Urgestalt in Erinnerung  ruft. Zur Abgrenzung von dem zusammengeh\u00f6renden \u201eTraumspiel&#8221; der  Variationen VI &#8211; X dient hier wie dort die gro\u00dffl\u00e4chige, ostinate  Wiederholung eines einzigen Tones. <br> Die XII. und Final-Variation ist durchaus wie ein unabh\u00e4ngiger Satz in  voll entwickelter Sonatenform gestaltet &#8211; die in sp\u00e4teren (nicht  autorisierten) Ausgaben angeregte \u201eK\u00fcrzung&#8221;, die besser eine  Verst\u00fcmmelung hei\u00dfen sollte, geh\u00f6rt ebenso wie die oft praktizierte und  ebenfalls die Intentionen des Komponisten entstellende Weglassung der  Fuge (Variation VIII) zu jenen haarstr\u00e4ubenden musikalischen Barbareien,  mit denen einige besonders ehrgeizige Interpreten im Jahrhundert des  Jascha Heifetz wohl beweisen wollten, da\u00df sie es, wenn nicht an  Virtuosit\u00e4t, so doch an Dummheit mit ihren gefeierten Vorg\u00e4ngern leicht  aufnehmen k\u00f6nnen. Das versonnene, entfernt an eine Dumka erinnernde  Thema, erscheint hier von vitaler rhythmischer Kraft durchpulst. <br> Erst nach Durchschreiten dieser weitr\u00e4umigen Tonlandschaft \u00f6ffnet sich  das Tor zum Totenreich, wo uns das ins Monumentale \u00fcberh\u00f6hte Hauptthema  des ersten Satzes in Empfang nimmt und zum <em>\u201eAusgang der grimmigen Einsicht&#8221;<\/em> begleitet.<br><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\">\u00a9 by Claus-Christian Schuster<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Petr Iljitsch Tschaikovskij * 07. Mai 1840\u2020 06. November 1893 Trio a-moll op.50 Komponiert: Rom (H\u00f4tel Costanzi), 10. Dezember 1881 -9. Februar 1882 Widmung: &#8220;A la m\u00e9moire d&#8217; un grand artiste&#8221; (Nikolaj Grigorjevic Rubinstejn, ) Urauff\u00fchrung: Moskau, Konservatorium 11. (23.) M\u00e4rz 1882 (geschlossene Veranstaltung) 18. (30.) 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