{"id":591,"date":"2019-02-13T17:49:27","date_gmt":"2019-02-13T16:49:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www2.altenbergtrio.at\/?p=591"},"modified":"2019-02-13T17:49:33","modified_gmt":"2019-02-13T16:49:33","slug":"takemitsu-between-tides-1993","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/takemitsu-between-tides-1993\/","title":{"rendered":"Takemitsu: Between tides (1993)"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Toru Takemitsu<\/h3>\n\n\n\n<p>* 08. Oktober 1930<br>\u2020 20. Februar 1996<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Between tides (1993)<\/h3>\n\n\n\n<table class=\"wp-block-table\"><tbody><tr><td>Komponiert:<\/td><td>, 1993<\/td><\/tr><tr><td>Widmung:<\/td><td>Pamela Frank, Yo-Yo Ma, Peter Serkin<\/td><\/tr><tr><td>Urauff\u00fchrung:<\/td><td>Berlin, Kammermusiksaal der Philharmonie, 20. September 1993<br>\nPeter Serkin (*1947), Klavier <br>\nPamela Frank, Violine <br>\nYo-Yo Ma (*1955), Violoncello <br>\n<\/td><\/tr><tr><td>Erstausgabe:<\/td><td>Schott, Tokyo, 1995<\/td><\/tr><\/tbody><\/table>\n\n\n\n<p>Takemitsu, der erste japanische Komponist, der zu wirklichem Weltruhm  gelangt ist, geh\u00f6rt einer sogar im Kontext unseres widerspr\u00fcchlichen  Jahrhunderts ganz besonders \u201ezerrissenen&#8221; Generation an: Wie George  Crumb (*1929), Edison Denisov (*1929), Dieter Schnebel (*1930) und  Mauricio Kagel (*1931) &#8211; um nur einige der besonders markanten  Komponisten dieser Generation zu nennen &#8211; umfa\u00dft seine Kindheit den Weg  aus der Weltwirtschaftskrise in den Zweiten Weltkrieg, also vom Chaos  ins Inferno. Aus japanischer Perspektive war dieser Weg vielleicht noch  zerm\u00fcrbender, weil er hier aus dem Wahn der imperialen Beherrschung ganz  Asiens (\u201eTanaka-Memorandum&#8221; von 1927) geraden Weges nach Hiroshima und  Nagasaki f\u00fchrte. <br> <br> Mit achtzehn Jahren wurde Takemitsu f\u00fcr einige Zeit Privatsch\u00fcler von  Yasuji Kiyose (1900-1981), der seinerseits in Tokyo den Unterricht von  Klaus Pringsheim und Alexander Tcherepnin genossen hatte. Takemitsu  selbst hat hingegen nie ein Konservatorium oder eine Musikhochschule  besucht.1951 war er Mitbegr\u00fcnder von jikken-kobo (\u201eVersuchsatelier&#8221;),  eines Zusammenschlusses von Schriftstellern, bildenden K\u00fcnstlern und  Musikern. Aus diesem Jahr stammt auch sein erstes Kammermusikwerk, das  deutlich von der Poetik Debussys und Messiaens gepr\u00e4gte St\u00fcck Yosei no  kyori (Distance de f\u00e9e) f\u00fcr Violine und Klavier. Takemitsus  Unabh\u00e4ngigkeit vom akademischen Lehrbetrieb erweist sich bald als gro\u00dfer  Vorteil: W\u00e4hrend seine Generationskollegen systematisch zur Imitation  europ\u00e4ischer Modelle angehalten werden, geht er unbek\u00fcmmert und  neugierig seinen ganz eigenen Weg. Er experimentiert mit Tonaufnahmen  von Alltagsger\u00e4uschen und Naturlauten und gelangt so zu einer autochthon  japanischen Spielart der musique concr\u00e8te. In der Folge interessiert er  sich auch f\u00fcr die zur gleichen Zeit in Darmstadt angestellten Versuche  mit graphischer Notation und Aleatorik. Erstaunlich rasch wandelt sich  die Summe all dieser heterogenen Erfahrungen und Entdeckungen in eine  eigene und unverwechselbare musikalische Sprache, in der vielleicht die  Stille das wichtigste Element ist &#8211; ein deutlicher Bezug zum Raffinement  der Aussparung in der japanischen Malerei und der von Takemitsu  besonders geliebten Lyrik. <br> <br> 1964 leitet er zusammen mit John Cage ein Kompositionsseminar an der  University of Hawaii, und im darauffolgenden Jahr wird er mit dem Gro\u00dfen  Preis der IGNM ausgezeichnet. Von besonderer Bedeutung war f\u00fcr  Takemitsu in den folgenden Jahren die Zusammenarbeit mit dem Altmeister  des japanischen Films, Akira Kurosawa (Filmmusik zu Dodes&#8217;ka-den, 1970,  und zu Ran, 1985). <br> <br> Seit den Sechziger Jahren besch\u00e4ftigt Takemitsu sich h\u00e4ufiger mit dem  Instrumentarium der traditionellen japanischen Musik. Wo er japanische  Instrumente mit westlichen Klangk\u00f6rpern kombiniert, wie etwa in dem  St\u00fcck November Steps f\u00fcr Biwa, Shakuhachi und Orchester, das er 1967 zum  125. Geburtstag der New Yorker Philharmoniker komponierte (und dem er  1973 unter dem Titel Aki, Herbst, ein St\u00fcck in gleicher Besetzung folgen  lie\u00df), ist es ihm immer darum zu tun, die wesentlichen Eigenheiten der  beiden Klang- und Geisteswelten unvermischt zu bewahren, um sie einander  als autonome und vitale Organismen gegen\u00fcberstellen zu k\u00f6nnen. Dem  modischen multikulturellen Ragout, das unter dem Vorwand  kosmopolitischer Offenheit nur verschiedene dekorative Accessoires  verbindet, die losgel\u00f6st von den ihnen zugrundeliegenden Wesenheiten  nichts mehr bedeuten, konnte er nichts abgewinnen. <br> <br> Takemitsu starb Anfang 1996 \u00fcber der Arbeit an seiner ersten Oper, die in Lyon h\u00e4tte uraufgef\u00fchrt werden sollen. <br> <br> In den Werken seiner allerletzten Schaffensperiode zeichnet sich eine  R\u00fcckkehr zu \u201efunktionaler&#8221; Harmonik und \u201etraditioneller&#8221; Rhythmik ab.  Trotzdem geht nichts von dem assoziativen Zauber verloren, der in der  Freiheit und Ungebundenheit seines musikalischen Denkens liegt. Diese  R\u00fcckbesinnung ist also keine resignative Kehrtwendung, sondern ein  sch\u00f6pferisches Wiederfinden, durch das man (mit Groth und Brahms zu  reden) \u201ezum zweiten Mal ein Kind&#8221; werden kann. <br> <br> Between Tides ist vielleicht das eindr\u00fccklichste Zeugnis dieses  Prozesses. Es ist wohl kein Zufall, da\u00df die leitmotivische Tonfolge, die  das ganze St\u00fcck durchzieht, wie eine vers\u00f6hnliche Schwester jenes  ber\u00fchmten ikonoklastischen Signalrufes erscheint, die Sch\u00f6nberg 1906  emblematisch an den Anfang seiner Kammersymphonie stellte. War dort  durch eine kompromi\u00dflose Folge von heroisch aufsteigenden Quartschritten  der Terzenharmonik der Krieg erkl\u00e4rt worden, so l\u00e4\u00dft sich Takemitsus  Thema (A-B-es-g-h-d1) ganz leicht als Folge zweier \u00fcbereinander  geschichteter Dreikl\u00e4nge mit einleitendem (quasi \u201eleitt\u00f6nigen&#8221;)  Halbtonschritt deuten. Wie bei Sch\u00f6nberg handelt es sich um ein  rhythmisch fast neutrales sechst\u00f6niges Motiv, das nur eine  Bewegungsrichtung kennt; Webern hat in seiner Bearbeitung der  Sch\u00f6nbergschen Kammersymphonie f\u00fcr Klavierquintett genauso wie Takemitsu  diese Wendung zuerst dem Cello anvertraut. Wenn man bedenkt, da\u00df es  gerade dieses programmatische Motiv war, das \u00fcber Jahrzehnte hinweg das  musikalische Logo der Darmst\u00e4dter Ferienkurse war, so will man kaum mehr  an einen Zufall glauben. Umso bedeutsamer ist der undramatische und  vers\u00f6hnliche Ton, mit dem Takemitsu seine Metamorphose dieses omin\u00f6sen  Schlachtrufes vortr\u00e4gt. Die friedliche Erscheinung ist in eine  mehrschichtige viertaktige Phrase verwoben, die in den darauffolgenden  \u201eWellen&#8221; auf sechs und zehn Takte ausgedehnt wird. Mit jeder  Wiederholung wird das Spiel der Linien und Farben reicher und  beziehungsvoller. Stimmungen und Gef\u00fchle erwachen und vergehen so  \u201ezwischen den Gezeiten&#8221; der in organischer Folge wiederkehrenden  Klangerscheinungen. Takemitsu vergleicht sein Werk mit dem Mikrokosmos  eines kayushiki-teien, des traditionellen japanischen  Landschaftsgartens, und erinnert daran, \u201eda\u00df die musikalischen  Gegenst\u00e4nde, die er in seinem musikalischen Garten plaziert, sich nur  allm\u00e4hlich ver\u00e4ndern, gerade so, wie die Erscheinung der Steine, der  Pflanzen, des Wassers sich mit dem Standort des Wanderers ver\u00e4ndert, der  durch die Landschaft schlendert.&#8221; <br> <br> \u201eDas Spiel der drei Instrumente ereignet sich gelassen, z\u00e4surlos, ohne  dramatische Aktionen oder turbulenten Wechsel, aber es wird beobachtbar,  da\u00df die Klangkonstellationen des Klaviers sich gelegentlich linear  verfl\u00fcssigen, und umgekehrt die grunds\u00e4tzlich melodische Entfaltung der  Streichinstrumente durch wechselnden Bogendruck, Flageoletts, Tremoli  oder Oktavierungen klangbetonter werden. Wie die wechselnden Phasen des  atmenden Meeres oder der Jahreszeiten werden auch hier komponierte  Phasen erkennbar. So wird Between Tides zum Abbild der Atemz\u00fcge der  Natur oder ist gar eine komponierte Metapher jener kosmischen Gezeiten,  die durch die Yin-Yan-Polarit\u00e4t des Universums in Gang gehalten werden.&#8221;  (Wolfgang Burde) <br> <br> Trotz dieses durch und durch orientalischen meditativen Konzepts ist die  Klangsprache \u00fcberreich an abendl\u00e4ndischen Echos und Widerspiegelungen.  Debussy, Sch\u00f6nberg und Messiaen finden in diesem imagin\u00e4ren und  zeitlosen Zaubergarten zueinander. In der Abendd\u00e4mmerung bedeckt nur  mehr ein fl\u00fcchtiger Nebelschleier die wiedergefundene Ruhe eines  C-Dur-Akkords, mit dem die Erscheinung unserem Geh\u00f6r entgleitet. <br><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\">\u00a9 by Claus-Christian Schuster<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Toru Takemitsu * 08. Oktober 1930\u2020 20. 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