{"id":585,"date":"2019-02-13T17:47:03","date_gmt":"2019-02-13T16:47:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www2.altenbergtrio.at\/?p=585"},"modified":"2019-02-13T17:47:09","modified_gmt":"2019-02-13T16:47:09","slug":"shostakovitch-trio-nr-2-e-moll-op-67-1944","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/shostakovitch-trio-nr-2-e-moll-op-67-1944\/","title":{"rendered":"Shostakovitch: Trio Nr.2, e-moll, op.67 (1944)"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Dmitrij Shostakovitch<\/h3>\n\n\n\n<p>* 12. September 1906<br>\u2020 09. August 1975<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Trio Nr.2, e-moll, op.67 (1944)<\/h3>\n\n\n\n<table class=\"wp-block-table\"><tbody><tr><td>Komponiert:<\/td><td>Moskva &#8211; Ivanovo, 12.\/15. Februar 1944 &#8211; 13. August 1944<\/td><\/tr><tr><td>Widmung:<\/td><td>dem Andenken von Iwan Iwanowitsch Sollertinskij<\/td><\/tr><tr><td>Urauff\u00fchrung:<\/td><td>St. Petersburg (\u201eLeningrad&#8221;), <br>\nGro\u00dfer Saal der Philharmonie, 14. November 1944  <br>\nDmitrij Schostakowitsch, Klavier <br>\nDmitrij Cyganov(1903 &#8211; 1993), Violine <br>\nSergej Schirinskij (1903 &#8211; 1974), Violoncello <br>\n<\/td><\/tr><tr><td>Erstausgabe:<\/td><td>Muzgiz (Staatlicher Musikverlag), Moskva, 1945<\/td><\/tr><\/tbody><\/table>\n\n\n\n<p>Am 5. Februar 1944 beendete Schostakowitsch eine traurige Arbeit: die  Ausarbeitung und Instrumentierung der unvollendet gebliebenen Oper  seines zu Beginn des Krieges gefallenen Sch\u00fclers Benjamin Fleischmann  (1907-1941). \u201eRothschilds Geige&#8221;, nach einer Erz\u00e4hlung von Anton  Tschechow, kreist um Bilder, die Schostakowitsch in diesem Jahr nicht  mehr loslassen sollten: da ist die Musik des Schtetl, der Totengr\u00e4ber  Jakov, der f\u00fcr seine noch lebende Frau schon das Grab schaufelt, ein  makabrer Tanz am Flu\u00dfufer&#8230; : eine beklemmende Vision, ein von James  Ensor \u00fcbermalter Chagall. <br> <br> Am selben Tag war in Novosibirsk Schostakowitschs wenige Monate vorher  vollendete Achte Symphonie aufgef\u00fchrt worden; sein Freund Iwan  Sollertinskij hatte die einf\u00fchrenden Worte gesprochen. Kurz darauf, in  der Nacht vom 10. auf den 11. Februar, starb der einundvierzigj\u00e4hrige  Sollertinskij v\u00f6llig unerwartet. Was er f\u00fcr den Komponisten bedeutet  hatte, k\u00f6nnen wir beim Lesen der Zeilen erahnen, die der verbal meist  n\u00fcchterne Schostakowitsch an Sollertinskijs Witwe richtete: <br> <br> \u201eLiebe Olga Pantelejmonovna!<br> Das Ungl\u00fcck, das mich traf, als ich vom Tode Iwan Iwanowitschs erfuhr,  kann ich nicht in Worte fassen. Er war mein n\u00e4chster und teuerster  Freund. Meine ganze Entwicklung verdanke ich ihm. Ohne ihn zu leben wird  mir unertr\u00e4glich schwerfallen&#8230;&#8221; <br> <br> (15. Februar 1944) <br> <br> In den letzten Jahren vor Sollertinskijs Tod hatten die Freunde nicht  oft Gelegenheit gehabt, einander zu treffen: Sollertinskij war 1941  zusammen mit der Leningrader Philharmonie, f\u00fcr die er als Lektor t\u00e4tig  war, nach Novosibirsk evakuiert worden. Die letzte Begegnung mit  Schostakowitsch hatte in Moskau stattgefunden, wo Sollertinskij am 14.  November 1943 einen \u00fcber das Radio in die ganze Sowjetunion \u00fcbertragenen  Festvortrag zu Tschaikovskijs f\u00fcnfzigstem Todestag gehalten hatte  (\u201eTschaikovskij und die russische Kultur&#8221;; das Manuskript dieser  Festrede ist verschollen.). Zwar hatte er es nur drei Tage lang bei  Schostakowitsch ausgehalten (- \u201ezuviel Musik, st\u00e4ndig kamen Sch\u00fcler und  verschiedene Komponisten zu ihm, um ihm ihre Werke zu zeigen; au\u00dferdem  hat man keine Ruhe vor den Kindern, die sehr ungezogen sind, st\u00e4ndig  l\u00e4rmen und einem Tag und Nacht keine Pause g\u00f6nnen&#8230;&#8221; -), aber auch in  den verbleibenden Wochen hatten die Freunde einander oft und lange  getroffen. Bei einem dieser Treffen, kurz vor Sollertinskijs Abreise am  6. Dezember, soll Schostakowitsch vom Plan eines Trios gesprochen haben,  das er in diesen Tagen zu skizzieren begonnen hatte. Vielleicht war  schon f\u00fcr diesen ersten Entwurf der Gedanke an Tschaikovskij und den im  M\u00e4rz verstorbenen Rachmaninov ausl\u00f6send gewesen, die ja beide ihre  innigsten Totenklagen in die Form von Klaviertrios gegossen hatten &#8211;  Tschaikovskijs op. 50 ist dem Andenken Nikolaj Rubinsteins, Rachmaninovs  op. 9 dem Andenken Tschaikovskijs gewidmet. Jedenfalls scheint  Schostakowitsch, als ihn zwei Monate sp\u00e4ter die Todesnachricht aus  Novosibirsk erreichte, keinen Augenblick geschwankt zu haben, in welcher  Weise er das Andenken seines Freundes ehren w\u00fcrde: schon am Tag nach  Sollertinskijs Begr\u00e4bnis &#8211; am selben Tag, an dem er seinen Brief an die  Witwe absendet &#8211; ist der erste Satz des Klaviertrios beendet. <br> <br> Erst im Sommer kann Schostakowitsch die Arbeit an dem begonnenen Werk  fortsetzen. Wieder hat er sich, wie schon im vorangegangenen Jahr f\u00fcr  die Niederschrift der Achten Symphonie, f\u00fcr die Sommermonate nach  Ivanovo zur\u00fcckgezogen. Ivanovo, gegen Ende des XIX. Jahrhunderts gerne  \u201edas russische Manchester&#8221; genannt, ist alles andere als ein l\u00e4ndliches  Idyll. Etwa vierhundert Kilometer nord\u00f6stlich von Moskau im H\u00fcgelland  zwischen Wolga und Kljasma gelegen, hatte dieses Zentrum der russischen  Textilindustrie schon damals rund dreihunderttausend Einwohner. Aber in  den Kriegsjahren konnte die Stadt als vergleichsweise ruhig und sicher  gelten. Der sowjetische Komponistenbund besa\u00df in der Stadt ein altes  Herrenhaus, das jeden Sommer viele G\u00e4ste anzog: Aram Chatschaturjan,  Reinhold Gli\u00e8re, Wano Muradeli und Nikolaj Pejko sind Schostakowitschs  Nachbarn. Die Konzeption des Werkes mu\u00df schon sehr weit gediehen sein,  denn Schostakowitsch ben\u00f6tigt zur Niederschrift von Scherzo, Passacaglia  und Finale nur wenig mehr als zwei Wochen. Kaum hat er das Klaviertrio  beendet, findet er sich schon an der Arbeit zu seinem Zweiten  Streichquartett (A-Dur, op.68). Das Arbeitstempo scheint ihn selbst zu  verbl\u00fcffen, denn im September, nach Beendigung des Quartetts, schreibt  er aus Ivanovo an seinen Freund Vissarion Schebalin, den Widmungstr\u00e4ger  des neuen Werkes: <br> <br> \u201eDie Windeseile, in der ich komponiere, beunruhigt mich. Das ist sicher  schlecht. Man sollte nicht so schnell komponieren wie ich. Schlie\u00dflich  ist das eine ernste Sache, und man sollte deshalb \u00bbnicht galoppieren\u00ab  (wie eine bekannte Ballerina zu sagen pflegte). Ich schreibe h\u00f6llisch  schnell und kann mich einfach nicht bremsen&#8230;&#8221; <br> <br> Die beiden neuen Kammermusikwerke wurden am 14. November 1944 &#8211; genau  ein Jahr nach Sollertinskijs denkw\u00fcrdiger Tschaikovskij-Rede &#8211; gemeinsam  uraufgef\u00fchrt; Schostakowitsch hatte dem Dr\u00e4ngen von Lev Oborin, David  Ojstrach und Svjatoslav Knuschevitzkij, ihnen die Urauff\u00fchrung des neuen  Trios zu \u00fcberlassen, nicht nachgegeben und hob das Werk selbst mit  seinen Freunden vom Beethoven-Quartett, denen er auch die Premieren  aller seiner Streichquartette (mit Ausnahme des ersten und des letzten)  anvertraute, aus der Taufe. (David Ojstrach entsch\u00e4digte er sp\u00e4ter  gro\u00dfz\u00fcgig mit dem ihm gewidmeten Ersten Violinkonzert, a-moll, op.77,  das \u00fcbrigens auff\u00e4llig viele Parallelen zu unserem Klaviertrio  aufweist.) Die Jahrzehnte seither haben den einzigartigen Rang des  Werkes und die au\u00dfergew\u00f6hnliche Faszination, die von ihm ausgeht,  tausendfach best\u00e4tigt. <br> <br> Wo Musik Bekenntnis und Verm\u00e4chtnis wird, w\u00e4chst die Schwierigkeit, \u00fcber  sie zu sprechen, ins Unerme\u00dfliche. Dennoch erscheint es mir notwendig,  hier einige musikalische Details dieser au\u00dfergew\u00f6hnlichen Partitur zu  erw\u00e4hnen. Wie jedes Kunstwerk l\u00e4\u00dft sich nat\u00fcrlich auch dieses  Klaviertrio auf sehr verschiedene Weise lesen. Wenn man es als L\u00f6sung  einer Aufgabe &#8211; n\u00e4mlich der Auseinandersetzung mit der Tradition eines  gewachsenen Genres &#8211; betrachtet, wird man zuerst auf die Tatsache  sto\u00dfen, da\u00df Schostakowitschs Werk einige un\u00fcbersehbare Parallelen zu  jenem Trio aufweist, das zu Recht als das Schl\u00fcsselwerk dieser Gattung  in unserem Jahrhundert gilt, n\u00e4mlich zu Ravels Klaviertrio von 1914.  Hier wie dort folgen auf einen \u00fcberwiegend kontemplativen und  verhaltenen Er\u00f6ffnungssatz ein motorisches Scherzo und eine kryptische  Passacaglia, bevor das Werk zu einem Finale mit t\u00e4nzerischen Z\u00fcgen  findet. Diese \u00e4u\u00dferliche Parallelit\u00e4t ist aber nur deswegen  bemerkenswert, weil dieser dramaturgische Umri\u00df sich deutlich von den  klassischen Leitbildern des Genres entfernt; denn jenseits dieser groben  \u00dcbereinstimmung werden die zwischen den beiden Werken bestehenden  eklatanten Unterschiede in Haltung, Aussage und Charakter nur umso  deutlicher. <br> <br> Die formale Physiognomie des Werkes ist zwar sehr eigenwillig, bewegt  sich aber &#8211; mit einer einzigen, daf\u00fcr aber umso bezeichnenderen Ausnahme  &#8211; im Rahmen des traditionellen Formenkanons: Auf einen Sonatenhauptsatz  mit langsamer Einleitung und stark verk\u00fcrzter Reprise folgt ein  Kettenrondo (ABACADA), in dessen Coda die ersten beiden Episoden (B und  C) noch einmal wiederkehren, w\u00e4hrend die dritte (D, in G-Dur)  dramaturgisch das Gewicht eines Trios hat; dieses \u201eTrio&#8221; ist \u00fcbrigens in  Charakter, Motivik und Tonart aus dem Seitenthema des vorangehenden  Satzes entwickelt. Die anschlie\u00dfende Chaconne oder Passacaglia geht  direkt in den Finalsatz \u00fcber, der trotz deutlicher Rondoz\u00fcge formal wohl  eher als Sonatensatz zu deuten ist. Hier kommt es nun zu einer  auff\u00e4lligen Anomalie: die Durchf\u00fchrung m\u00fcndet in die Reprise des  Seitensatzes, an deren Ende aber nicht (wie in den meisten  Pr\u00e4zedenzf\u00e4llen solch spiegelbildlicher Reprisen) das Hauptthema  wiederkehrt; diese \u201etektonische Bruchlinie&#8221; erm\u00f6glicht die w\u00f6rtliche  R\u00fcckkehr von thematischem Material der vorangegangenen S\u00e4tze als eine  Art werk\u00fcbergreifender Reprise, in die die lokale Wiederaufnahme des  ausst\u00e4ndigen Hauptthemas nur gleichsam eingebettet erscheint. <br> <br> \u00c4hnlich wie bei Ravels Trio offenbart die motivische Analyse des Werkes  ein dichtes Netz an Querverbindungen zwischen den S\u00e4tzen. Das zentrale  metrische Motiv ist der Choriambus, der die Ecks\u00e4tze regiert. In seiner  Wiederkehr im Hauptthema (oder Ritornell) des letzten Satzes  manifestiert sich schon lange vor dem eigentlichen thematischen  R\u00fcckgriff auf die Einleitung des Kopfsatzes die zyklische Idee des  Werkganzen. Melodische Konstanten wie die engr\u00e4umige Umkreisung eines  Zentraltones oder die Verwendung stereotyper Formeln der ostj\u00fcdischen  Volksmusik verst\u00e4rken den inneren Zusammenhalt und geben dem Werk sein  unverwechselbares Kolorit. Doch all diese Feststellungen (und hunderte  zus\u00e4tzlicher Details, die man beim Studium dieser Partitur noch  entdecken kann) lassen die wesentlichste Ebene, auf der dieses Trio  geh\u00f6rt und begriffen werden mu\u00df, unber\u00fchrt. <br> <br> Von den ersten Takten des Werkes an ist klar, da\u00df es an unnennbare Dinge  r\u00fchren will und mu\u00df. Schostakowitsch hat das mit einem ebenso einfachen  wie genialen Mittel verdeutlicht: Im ersten Teil der Er\u00f6ffnungsepisode  (Andante) erscheinen die Instrumente gleichsam ihrer Stimme beraubt &#8211;  der dreistimmige Kanon (in der Untersext) vereinigt ged\u00e4mpfte  Celloflageoletts und eine ebenfalls sordinierte Geige mit dem dumpfen  Klang eines tiefen Klavierunisonos. Nur z\u00f6gernd und in kleinen Schritten  l\u00f6st sich diese Erstarrung: die Geige gewinnt ein wenig Farbe, das  Klavier breitet sich in Akkordfl\u00e4chen aus, und zuletzt verl\u00e4\u00dft auch das  Cello den fahlen Flageolettklang &#8211; das ernste Spiel kann beginnen. <br> <br> Das folgende Hauptthema des Satzes (Moderato) ist zwar in Metrik und  Gestik ganz aus dem vorangegangenen Kanon abgeleitet, es zitiert aber in  verfremdeter Weise auch ein Lied, das Schostakowitsch 1942 f\u00fcr seinen  Freund geschrieben hatte: das Sonett LXVI von Shakespeare (op. 62 Nr.5).  Dort hei\u00dft es: <br> <br> Tir&#8217;d with all these, for restful death I cry:<br> As, to behold desert a beggar born<br> &#8230;<br> And right perfection wrongfully disgrac&#8217;d<br> &#8230;<br> And art made tongue-tied by authority<br> &#8230;<br> Tir&#8217;d with all these, from these would I be gone,<br> Save that, to die, I leave my love alone.<br> <br> <br> Boris Pasternak, dessen \u00dcbersetzung Schostakowitsch verwendete, hat (wie  \u00fcbrigens auch L. Sch\u00fccking in seiner deutschen \u00dcbertragung) \u201emy love&#8221;  mit \u201eFreund&#8221; wiedergegeben; so ergibt sich ein schwer zu mi\u00dfdeutender  Bezug auf den Anla\u00df des Zitats, und der Zuh\u00f6rer, der diesen Hinweis  versteht, wei\u00df, da\u00df von hier an die Sprachlosigkeit des Anfangs  wortloser Beredtheit gewichen ist. <br> <br> Der zweite Satz (Allegro con brio, Fis-Dur) hat zu den  unterschiedlichsten Deutungen Anla\u00df gegeben. W\u00e4hrend der hier  ausbrechende barbarische \u00dcbermut viele Zuh\u00f6rer an eine bitterb\u00f6se  Karikatur denken l\u00e4\u00dft, weckte das St\u00fcck bei Sollertinskijs Schwester  Jekaterina ganz andere Erinnerungen: <br> <br> \u201eDieser Satz ist ein verbl\u00fcffend genaues Portrait Iwans, den  Schostakowitsch so gut verstand wie sonst keiner. Das ist sein \u00dcbermut,  seine Polemik, sein Tonfall, seine Art, immer wieder auf ein und  denselben Gedanken zur\u00fcckzukommen und ihn weiter zu entwickeln&#8230; Wenn  ich diesen Satz des Trios h\u00f6re, steht mein Bruder leibhaftig vor mir&#8230;&#8221;  <br> <br> (zitiert nach: Ludmila Micheeva, I. I. Sollertinskij, Leningrad 1988) <br> <br> Wenn man nach dieser erstaunlichen Assoziation geneigt ist, Versuche in  musikalischer Hermeneutik \u00fcberhaupt zu unterlassen, so wird dieser  fromme Vorsatz schon beim folgenden Satz ins Wanken gebracht: Dieses  St\u00fcck ist in seiner Aussage so unmi\u00dfverst\u00e4ndlich, da\u00df es unm\u00f6glich  erscheint, an ihr vorbeizuh\u00f6ren. Es ist eine Passacaglia (Largo,  b-moll), \u00fcber deren archaisch akkordischem Thema sich in f\u00fcnf  Wiederholungen ein weitr\u00e4umiger Klagegesang der Streichinstrumente mit  unverkennbar chassidischem Tonfall entspinnt. Das Passacaglienthema  selbst ist, kaum merklich, in zwei viertaktige Tetrachorde gegliedert,  deren erster um b-moll kreist, w\u00e4hrend der zweite auf ein &#8211; nie  erreichtes &#8211; e-moll hinzustreben scheint. Da B-Dur\/b-moll als wichtigste  Nebentonart auch in den andern S\u00e4tzen allgegenw\u00e4rtig ist, kann man in  dieser sphinxhaften Akkordfolge auch das \u201eharmonische Leitmotiv&#8221; des  ganzen Werkes sehen. Die zwischen diesen tonartlichen Polen erzeugte  Spannung entl\u00e4dt sich aber nicht in dramatischen Gesten, sondern wird  and\u00e4chtig und innig durchlitten. Die religi\u00f6se Dimension dieses Satzes  ist unentrinnbar, und es ist unerheblich, ob man ihn nun wirklich einen  \u201eKaddisch&#8221; nennen will oder nicht. Ob man in der hieratischen Strenge  des Passacaglienthemas nur ein Abbild der Klagemauer oder ein Symbol f\u00fcr  die Unerbittlichkeit, Taubheit oder Abwesenheit Gottes sehen will,  h\u00e4ngt wohl von den au\u00dfermusikalischen Erfahrungen und \u00dcberzeugungen des  H\u00f6rers ab &#8211; der Komponist ist der Beantwortung solcher Fragen  musikalisch und verbal aus dem Weg gegangen. <br> <br> Die verinnerlichte Spannung dieser Totenklage ist so stark, da\u00df die  pr\u00e4sumptive \u201eDominante&#8221;, an der das Passacaglienthema immer wieder  strandet, noch sechzehn Takte weit in das anschlie\u00dfende Allegretto  (E-Dur) hineinreicht, bis das Violoncello sich endlich in die Tonika  befreit. Doch hier von Befreiung zu sprechen, ist gewagt: Der Totentanz,  der dieses Finale ohne Zweifel ist, umkreist in den f\u00fcr die ostj\u00fcdische  Volksmusik charakteristischen kleinen Sekundschritten eben diese  Tonika, die keine Erl\u00f6sung verhei\u00dfen kann. Da die Komposition der  letzten beiden S\u00e4tze des Werkes zeitlich mit dem Erscheinen der ersten  Berichte \u00fcber die Befreiung der Konzentrationslager Belzec, Sobibor,  Majdanek und Treblinka zusammenf\u00e4llt, dr\u00e4ngt sich der Gedanke an die  apokalyptischen Szenen der Shoa auf. Auch wenn Schostakowitsch diesen  Bezug nicht kommentiert hat, besteht wohl kaum ein Zweifel daran, da\u00df es  diese Bilder des Grauens waren, die hier musikalische Gestalt  angenommen haben: die makabren Klangeffekte &#8211; allen voran die hohlen und  kn\u00f6chernen Pizzicati -, die die Grenzen der Ertr\u00e4glichkeit immer wieder  verletzende Monotonie, die aus Motivzellen Irrenhauszellen macht, all  das ist in einer Weise beredt, die jede \u201eprogrammatische&#8221; Erkl\u00e4rung  \u00fcberfl\u00fcssig macht. Da\u00df ein solcher Inhalt die Form angreifen mu\u00df, liegt  auf der Hand. Aus dieser Perspektive wird auch die &#8211; vergleichsweise &#8211;  formale \u201eNormalit\u00e4t&#8221; der vorangegangenen S\u00e4tze begreifbar, denn erst  durch sie wird der Ri\u00df, der durch dieses Finale (wie durch den Vorhang  des Tempels) geht, erhellt und vertieft. In die Bruchstelle ergie\u00dft sich  das steinerne Passacaglienthema als Strom gl\u00fchender Lava; und w\u00e4hrend  es zu kalter Figuration erstarrt, durcheilt der Komponist noch einmal  den Kanon, mit dem das Werk begonnen hatte, als geraffte und entstellte  Todesvision. Doch auch hinter dieser Agonie gibt es keine Erl\u00f6sung: der  Tanz entl\u00e4\u00dft seine Opfer nicht und treibt sie mit dumpfen Schritten und  grellen Gesten immer weiter, bis zu \u201edem Ausgang der grimmigen  Einsicht&#8221;. Hier erwartet sie, kalt und stumm, noch einmal das numinose  Passacaglienthema, das jetzt endlich die Schwelle zu der nie gew\u00e4hrten  Aufl\u00f6sung \u00fcberschreitet. Aber auch in das Nirwana dieses E-Dur-Akkords  hallen die ermatteten und kleinen Schritte des Totentanzes noch nach:  F\u00fcr das, was unsere Augen gesehen und unsere Ohren vernommen haben, gibt  es kein Vergessen. <br><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\">\u00a9 by Claus-Christian Schuster<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dmitrij Shostakovitch * 12. September 1906\u2020 09. August 1975 Trio Nr.2, e-moll, op.67 (1944) Komponiert: Moskva &#8211; Ivanovo, 12.\/15. Februar 1944 &#8211; 13. August 1944 Widmung: dem Andenken von Iwan Iwanowitsch Sollertinskij Urauff\u00fchrung: St. Petersburg (\u201eLeningrad&#8221;), Gro\u00dfer Saal der Philharmonie, 14. 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