{"id":583,"date":"2019-02-13T17:46:07","date_gmt":"2019-02-13T16:46:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www2.altenbergtrio.at\/?p=583"},"modified":"2019-02-13T17:46:14","modified_gmt":"2019-02-13T16:46:14","slug":"shostakovitch-trio-nr-1-c-moll-op-8-1923","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/shostakovitch-trio-nr-1-c-moll-op-8-1923\/","title":{"rendered":"Shostakovitch: Trio Nr.1, c-moll, op.8 (1923)"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Dmitrij Shostakovitch<\/h3>\n\n\n\n<p>* 12. September 1906<br>\u2020 09. August 1975<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Trio Nr.1, c-moll, op.8 (1923)<\/h3>\n\n\n\n<table class=\"wp-block-table\"><tbody><tr><td>Komponiert:<\/td><td>Sankt-Peterburg (&#8220;Petrograd&#8221;), 1923<\/td><\/tr><tr><td>Widmung:<\/td><td>Tatjana Ivanovna Glivenko (*1906)<\/td><\/tr><tr><td>Urauff\u00fchrung:<\/td><td>Sankt-Peterburg (\u201ePetrograd\u201c), Dezember 1923 (nicht dokumentiert)<br>\nMoskau, Konservatorium, Kleiner Saal, 20. M\u00e4rz 1925<br>\nLev Nikolaevic Oborin (1907-1974), Klavier<br>\nN. F\u00ebdorov, Violine<br>\nAleksandr Aleksandrovic Egorov (1887-1959), Violoncello<br>\n<\/td><\/tr><tr><td>Erstausgabe:<\/td><td>Muzyka, Moskva, 1983 (Polnoe sobranie socinenij, t.37)<\/td><\/tr><\/tbody><\/table>\n\n\n\n<p>Am 24. Februar 1922 stirbt Schostakowitschs Vater an Lungenentz\u00fcndung  \u2013 eines von vielen Tausenden Opfern dieses m\u00f6rderischen Winters, dem  die durch Krieg und Revolution entkr\u00e4ftete und dezimierte Bev\u00f6lkerung  der darniederliegenden jungen Sowjetunion ebenso wehrlos ausgeliefert  ist wie dem politischen und wirtschaftlichen Terror des neuen Regimes.  Der F\u00fcnfzehnj\u00e4hrige mu\u00df neben seinem Studium versuchen, den  Lebensunterhalt f\u00fcr die Familie \u2013 die Mutter und zwei Schwestern \u2013   bestreiten zu helfen. W\u00e4hrend die Mutter eine Arbeit als Kassiererin  annimmt und die neunzehnj\u00e4hrige Maria Nachhilfestunden gibt, macht  Mitja, was sich gerade anbietet. Eine seiner zahlreichen und h\u00e4ufig  wechselnden Arbeitsstellen ist das von Shklovskij erw\u00e4hnte Kino  \u201eSelekt\u201c, wo er die oft drastischen Erzeugnisse der Stummfilm\u00e4ra mit  einstimmenden Klavierimprovisationen begleitet. Die Arbeits\u00fcberlastung  bekommt dem schw\u00e4chlichen Jungen aber nicht gut: Anfang 1923 erkrankt er  an Tuberkulose. Die \u00c4rzte, die ihn operieren, empfehlen seiner Mutter  dringend, den Sohn auf Kur in den S\u00fcden zu schicken. Das Klavier mu\u00df  verkauft werden, neue Schulden werden gemacht, aber im Sommer kann  Mitja, von seiner \u00e4lteren Schwester begleitet, auf einen Monat nach  Gaspra ans Schwarze Meer fahren. Zu den zahlreichen Bekanntschaften, die  er dort unter den urlaubenden Moskauer und Petersburger Intellektuellen  macht, geh\u00f6ren die Familien Kustodiev und Glivenko. Der Maler Boris  Kustodiev (1878-1927), den Schostakowitsch sehr sch\u00e4tzt, wird noch  posthum eine Rolle im Leben des Komponisten spielen: Es sind Kustodievs  Illustrationen zu Nikolaj Leskovs \u201eLady Macbeth\u201c, die 1930  Schostakowitschs Aufmerksamkeit auf das Sujet seiner zweiten Oper  ziehen. Von den beiden T\u00f6chtern des Moskauer Literaturwissenschaftlers  und Romanisten Ivan Glivenko (1868-1931) war Tanja genauso alt wie  Mitja. Dmitrij Sollertinskij berichtet \u00fcber die Begegnung der beiden:<br> <br> <em>\u201eTanja, ein kleines, schlankes, dunkelhaariges M\u00e4dchen mit einem  runden, h\u00fcbschen Gesicht, war fr\u00f6hlich, gesellig und sehr beliebt. Sie  war stets umgeben von einer Schar junger Leute. Schostakowitsch schlo\u00df  sich dieser Gruppe an. Gemeinsam verbrachte man die Zeit mit Schwimmen,  Ballspielen und Spazierg\u00e4ngen in der Umgebung. Abends traf man sich, um  Schostakowitsch beim Musizieren zuzuh\u00f6ren. Dmitrij konnte sich, \u00e4hnlich  wie die anderen Jungen, dem Charme Tanjas nicht entziehen. Er wagte es  aber nicht einmal zu tr\u00e4umen, da\u00df sie seine Gef\u00fchle erwidern k\u00f6nnte.  Krankhaft sch\u00fcchtern und in sich verschlossen, f\u00fcrchtete er, die  Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Mit dem einbandagierten Hals und der  gro\u00dfen runden Brille f\u00fchlte er sich unter den selbstsicheren  Gleichaltrigen wie ein h\u00e4\u00dfliches Entlein. Nach einigen Tagen geschah  jedoch ein Wunder \u2013 Mitja stellte fest, da\u00df seine Gef\u00fchle Widerhall  fanden. Tanja wandte sich ihm mit besonderem Interesse und mit Sympathie  zu, und wenn sie sich trafen, erstrahlte ihr Gesicht vor Freude.\u201c<\/em><br> <br> Zuhause erwarten die Geschwister aber die alten Sorgen:<br> <br> <em>\u201eAls ich von der Krim zur\u00fcckkam, mu\u00dften wir mit unseren Schulden  fertig werden. Ende 1923 mu\u00dfte ich deshalb Arbeit in einem Kino  annehmen. Aber um die zu bekommen, mu\u00dfte ich eine Qualifikationspr\u00fcfung  als Klavierillustrator bei der Gewerkschaft RABIS ablegen. Diese Pr\u00fcfung  \u00e4hnelte sehr meinem ersten Besuch bei Bruni. Zuerst sollte ich einen  \u00bbBlauen Walzer\u00ab spielen und danach etwas \u00d6stliches. Bei Bruni hatte ich  nichts \u00d6stliches zustande gebracht, doch 1923 hatte ich schon  Rimskij-Korsakovs \u00bbSheherazade\u00ab und C\u00e9sar Cuis \u00bbOrientale\u00ab  kennengelernt. Die Qualifikation hatte ein positives Resultat, und im  November trat ich meine Arbeit im Kinotheater \u00bbGoldenes Band\u00ab an. Die  Arbeit war sehr schwer, aber da wir zwei Pianisten waren, gelang es mir  irgendwie, den Besuch von Theater- und Konzertveranstaltungen mit dem  Dienst zu vereinbaren. Da das \u00bbGoldene Band\u00ab mir im Laufe meiner  zweimonatigen T\u00e4tigkeit nur einmal Gehalt zahlte, mu\u00dfte ich dort  weggehen, das ausstehende Gehalt bei Gericht einklagen und mir einen  anderen Lebensunterhalt suchen&#8230;\u201c<\/em><br> <br> Das ist der biographische Hintergrund, vor dem in eben diesem Herbst  1923 das eins\u00e4tzige Klaviertrio Opus 8 entstand. Es ist das erste  Kammermusikwerk Schostakowitschs. Er widmete es seiner neuen Freundin  Tanja, die seine erste gro\u00dfe Liebe war und die f\u00fcr Jahrzehnte eine  seiner treuesten und wichtigsten Ratgeberinnen werden sollte. Fast  gleichzeitig mit dem Klaviertrio entstand eine Zyklus von drei St\u00fccken  f\u00fcr Violoncello und Klavier (op.9), der als verschollen gilt. Auch unser  Trio wurde Jahrzehnte hindurch verloren geglaubt, bis das Autograph  nach dem Tode Schostakowitschs unverhofft wieder auftauchte; allerdings  fehlte die vorletzte Seite der Partitur, so da\u00df der  Schostakowitsch-Sch\u00fcler Boris Ti\u0161\u00e8enko (*1939) f\u00fcr die  Erstver\u00f6ffentlichung im Rahmen der Gesamtausgabe 1982 die fehlenden 22  Takte der Klavierstimme erg\u00e4nzen mu\u00dfte.<br> <br> Das \u00fcberaus originelle Werk stellt in einer vielgliedrigen, von ferne an  ein Rondo erinnernden Form zwei kontrastierende Themenkomplexe einander  gegen\u00fcber: die Gegensatzpaare \u201eChromatisch \u2013 diatonisch\u201c, \u201eFallend \u2013  steigend\u201c werden in st\u00e4ndig neuen Brechungen gegeneinander ausgespielt.  Das formale Verfahren hat wohl nicht zuf\u00e4llig \u00c4hnlichkeiten mit der  Montagetechnik der Filme, die Schostakowitsch allabendlich musikalisch  untermalen mu\u00dfte. Dabei ist der Unterton ironischer Doppelb\u00f6digkeit  immer pr\u00e4sent, ohne den Ernst dieses Spiels zu desavouieren. Die  Sicherheit, mit der diese Gratwanderung zwischen Bekenntnis und Parodie  absolviert wird, bleibt bewundernswert, auch wenn dieser erste  kammermusikalische Versuch des jungen Meisters an Bedeutung hinter dem  monumentalen zweiten Klaviertrio (op.67) weit zur\u00fccksteht.<br><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\">\u00a9 by Claus-Christian Schuster<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dmitrij Shostakovitch * 12. September 1906\u2020 09. August 1975 Trio Nr.1, c-moll, op.8 (1923) Komponiert: Sankt-Peterburg (&#8220;Petrograd&#8221;), 1923 Widmung: Tatjana Ivanovna Glivenko (*1906) Urauff\u00fchrung: Sankt-Peterburg (\u201ePetrograd\u201c), Dezember 1923 (nicht dokumentiert) Moskau, Konservatorium, Kleiner Saal, 20. M\u00e4rz 1925 Lev Nikolaevic Oborin (1907-1974), Klavier N. 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