{"id":557,"date":"2019-02-13T17:34:25","date_gmt":"2019-02-13T16:34:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www2.altenbergtrio.at\/?p=557"},"modified":"2019-02-13T17:34:41","modified_gmt":"2019-02-13T16:34:41","slug":"schoenberg-verklaerte-nacht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/schoenberg-verklaerte-nacht\/","title":{"rendered":"Sch\u00f6nberg: Verkl\u00e4rte Nacht"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Arnold Sch\u00f6nberg<\/h3>\n\n\n\n<p>* 13. September 1874<br>\u2020 13. Juli 1951<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Verkl\u00e4rte\n Nacht. Gedicht von Richard Dehmel (aus &#8220;Weib und Welt&#8221;) f\u00fcr sechs \nStreich-Instrumente. Op.4 (autorisierte \u00dcbertragung f\u00fcr Klavier, Violine\n und Violoncello von Eduard Steuermann)<\/h3>\n\n\n\n<table class=\"wp-block-table\"><tbody><tr><td>Komponiert:<\/td><td>Payerbach und Wien, September &#8211; 1. Dezember 1899<\/td><\/tr><tr><td>Widmung:<\/td><td>Bearbeitung: Alice Moller (1871-1962)<\/td><\/tr><tr><td>Urauff\u00fchrung:<\/td><td>Original:<br>\nWien, Musikverein\/Kleiner Saal(Brahms-Saal), 18. M\u00e4rz 1902<br>\nArnold Ros\u00e9 (1863-1946), Violine<br>\nAlbert Bachrich (1874-1924), Violine<br>\nAnton Ruzitska (1872-1933), Viola<br>\nFranz Jelinek (1868-1945), Viola<br>\nFriedrich Buxbaum (1869-1948), Violoncello<br>\nFranz Schmidt (1874-1939), Violoncello<br>\n<br>\nBearbeitung:<br>\nnicht dokumentiert<br>\n<\/td><\/tr><tr><td>Erstausgabe:<\/td><td>Original: Dreililien-Verlag, Berlin, 1905; Bearbeitung: Margun Music, Newton Centre, 1979<\/td><\/tr><\/tbody><\/table>\n\n\n\n<p>Nach seinem freudigen Ausscheiden aus dem ungeliebten Bankdienst, den  Sch\u00f6nberg nach dem vorzeitigen Tod seines Vaters (1. J\u00e4nner 1891)  antreten hatte m\u00fcssen, wirkte er einige Jahre  hindurch als Dirigent von  Arbeiterch\u00f6ren in Stockerau (1895\/96), M\u00f6dling (1896-1898) und Wien.  Schon im ersten Jahr dieser T\u00e4tigkeit lernte er den um drei Jahre  \u00e4lteren Alexander von Zemlinsky kennen, mit dem ihn bald eine enge  Freundschaft verband. Zemlinsky wurde Sch\u00f6nbergs einziger  Kompositionslehrer &#8211; \u201ederjenige, dem ich fast all mein Wissen um die  Technik und die Probleme des Komponierens verdanke\u201c, wie Sch\u00f6nberg in  dem 1949 niedergeschriebenen Lebensr\u00fcckblick My evolution festh\u00e4lt. <br> <br> \u201eAls ich Zemlinsky kennenlernte, war ich ausschlie\u00dflich Brahmsianer. Er  aber liebte Brahms und Wagner gleicherma\u00dfen, wodurch ich bald darauf  ebenfalls ein gl\u00fchender Anh\u00e4nger beider wurde. Kein Wunder, da\u00df die  Musik aus dieser Zeit deutlich die Einfl\u00fcsse dieser beiden Meister  zeigte, mit einem gelegentlichen Zusatz von Liszt, Bruckner und  vielleicht auch Hugo Wolf.\u201c<br> (Sch\u00f6nberg, My evolution)<br> <br> In seiner kompositorischen Entwicklung war Zemlinsky als brillanter  Sch\u00fcler der beiden \u201eF\u00fcchse\u201c (Robert Fuchs und Johann Nepomuk Fuchs)  seinem jungen Freunde, der nach eigenem Zeugnis bis dahin seine  theoretischen Kenntnisse vor allem dem Studium der einschl\u00e4gigen Artikel  in Meyers Konversationslexikon verdankte, weit voraus. Neben  zahlreichen Liedern und einigen Kammermusikwerken hatte Zemlinsky schon  drei Orchesterwerke und eine Oper vollendet. Diese Oper, Sarema (nach  Rudolf von Gottschalls Die Rose vom Kaukasus) wurde am 10. Oktober 1897  in M\u00fcnchen uraufgef\u00fchrt, und aus diesem Anla\u00df bat Zemlinsky Sch\u00f6nberg,  ihm bei der Herstellung des Klavierauszuges behilflich zu sein. Zu  diesem Zwecke begleitete Sch\u00f6nberg seinen Freund nach Payerbach auf  Sommerfrische. Dort schrieb Sch\u00f6nberg in jenem Sommer 1897 nicht nur  sein erstes vollst\u00e4ndig erhaltenes Streichquartett (D-Dur), das &#8211; nach  gr\u00fcndlicher Revision unter Zemlinskys Anleitung und auf dessen  Vermittlung hin &#8211; am 17. M\u00e4rz 1898 im Wiener Tonk\u00fcnstlerverein  uraufgef\u00fchrt wurde, sondern auch zwei Lieder, deren Texte er dem 1893  erschienenen Gedichtband Aber die Liebe von Richard Dehmel (1863-1920)  entnommen hatte.<br>  <br> 1899 finden wir die beiden Dioskuren wieder in Payerbach auf  Sommerfrische; in Sch\u00f6nbergs Gep\u00e4ck findet sich auch diesmal ein  Dehmel-Band, Weib und Welt, aus dem er schon im Fr\u00fchling vier Gedichte  vertont hatte. Das Buch, dessen explizit erotischer Ton schon bei seiner  Ver\u00f6ffentlichung (1896) f\u00fcr erhebliches Aufsehen gesorgt hatte, findet  in diesen Monaten in Arnold Sch\u00f6nberg einen besonders empf\u00e4nglichen  Leser: seit einiger Zeit wirbt er um die vierundzwanzigj\u00e4hrige Schwester  seines Freundes, Mathilde Zemlinsky, die den beiden jungen M\u00e4nnern in  Payerbach Gesellschaft leistet. Der leidenschaftliche und zunehmend  k\u00fchne Ton der Dehmel-Kompositionen dieser Monate verr\u00e4t mehr \u00fcber die  Gef\u00fchle und Erlebnisse der jungen Liebenden, als es ein noch so  offenherziges Tagebuch je verm\u00f6chte.<br> <br> Schon in dem Lied Warnung (op.3 Nr.3), am 7. Mai 1899 noch in Wien  komponiert, hat  Sch\u00f6nberg f\u00fcr Dehmels drastische Behandlung des Motives  der Eifersucht eine k\u00fchn zupackende und wirkungsvolle musikalische  Gestalt gefunden. Kurz danach entsteht das sp\u00e4ter als op.2 Nr.2  ver\u00f6ffentlichte Schenk\u00b4 mir deinen goldenen Kamm (Jesus bettelt). Hier  schwelgt Dehmel in der Liebesbeziehung zwischen Jesus und Maria  Magdalena, einem Thema, das er ein Jahrzehnt sp\u00e4ter in den Verwandlungen  der Venus (1907) so breit ausf\u00fchren wird, da\u00df Borries von M\u00fcnchhausen  eine (erfolgreiche) Anklage wegen Blasphemie gegen ihn anstrengen kann.  Am 9. August folgt dann Sch\u00f6nbergs Vertonung des Dehmel-Gedichtes  Erwartung (op.2 Nr.1): Die prezi\u00f6se Jugendstilerotik der Vorlage  inspiriert den Komponisten zu einer sehr subtilen harmonischen  Gestaltung, deren raffinierte Vorhaltsh\u00e4ufungen die weitere Entwicklung  des Sch\u00f6nbergschen Idioms schon erahnen lassen. <br> <br> Wahrscheinlich im September begann Sch\u00f6nberg dann die Arbeit an der  Verkl\u00e4rten Nacht, die den eigent\u00fcmlichen poetischen Zauber der  vorangegangenen Dehmel-Vertonungen fortsetzt und vertieft, sich aber aus  der unmittelbaren Abh\u00e4ngigkeit von den doch sehr zeitbedingten Versen  l\u00f6st. Dazu schrieb der Komponist r\u00fcckblickend:<br> <br> \u201eAm Ende des neunzehnten Jahrhunderts waren Detlev von Liliencron, Hugo  von Hofmannsthal und Richard Dehmel die bedeutendsten Vertreter des  \u00bbZeitgeistes\u00ab in der Lyrik. In der Musik aber folgten nach Brahms\u00b4 Tod  viele junge Komponisten dem Vorbild von Richard Strauss, indem sie  Programmusik schrieben. Dies erkl\u00e4rt die Komposition der \u00bbVerkl\u00e4rten  Nacht\u00ab: sie ist Programmusik, weil sie die Dichtung Richard Dehmels  beschreibt und auszudr\u00fccken versucht. <br> Mein Werk zeigt aber vielleicht doch einige Unterschiede von anderen  Werken dieser Art. Erstens wurde es nicht f\u00fcr Orchester geschrieben,  sondern f\u00fcr Kammerbesetzung, und zweitens, weil sie nicht irgendeine  Handlung oder ein Drama schildert, sondern sich darauf beschr\u00e4nkt, die  Natur zu zeichnen und menschliche Empfindungen auszudr\u00fccken. Es scheint,  da\u00df meine Komposition aufgrund dieser Haltung Qualit\u00e4ten gewonnen hat,  die auch befriedigen, wenn man nicht wei\u00df, was sie schildert, oder, mit  anderen Worten, sie bietet die M\u00f6glichkeit, als \u00bbreine\u00ab Musik gesch\u00e4tzt  zu werden. Daher vermag sie einen vielleicht das Gedicht vergessen zu  lassen, das mancher heutzutage als ziemlich absto\u00dfend bezeichnen k\u00f6nnte.<br> Dessenungeachtet verdient vieles von dem Gedicht Anerkennung wegen  seiner in h\u00f6chstem Ma\u00dfe poetischen Darstellung der Gef\u00fchlsregungen, die  durch die Sch\u00f6nheit der Natur hervorgerufen werden, und wegen seiner  bemerkenswerten moralischen Haltung bei der Behandlung eines  ersch\u00fctternd schwierigen Problems.\u201c<br> (Programm-Anmerkungen zur Verkl\u00e4rten Nacht, 20. August 1950)<br> <br> Ein weiteres halbes Jahrhundert sp\u00e4ter ist es f\u00fcr uns noch viel  schwieriger geworden, die Faszination nachzuempfinden, die Dehmels Verse  zur Zeit ihrer Entstehung ausge\u00fcbt haben m\u00fcssen; da\u00df ihr aber nicht nur  Komponisten scharenweise erlagen, zeigen die bewundernden Urteile  Wedekinds, Liliencrons und vieler anderer, die Dehmel neidlos f\u00fcr den  bedeutendsten Lyriker ihrer Generation hielten. Niemand konnte damals  ahnen, da\u00df die erotische Exaltation Dehmels noch viel rascher verwelken  w\u00fcrde als das hohepriesterliche Pathos seines unvers\u00f6hnlichen Rivalen  Stefan George, der auf die zeitgen\u00f6ssischen Komponisten &#8211; und besonders  auf Sch\u00f6nberg &#8211; eine ebenso unwiderstehliche Wirkung aus\u00fcbte. (Im  Schnittpunkt dieser einander ausschlie\u00dfenden und doch erg\u00e4nzenden  Lebensentw\u00fcrfe steht &#8211; cherchez la femme &#8211; Georges Freundin und Dehmels  sp\u00e4tere Ehefrau Ida Coblenz.) Sch\u00f6nbergs Entscheidung, das Gedicht unter  Aussparung der Worte zu vertonen, hat jedenfalls die  \u00dcberlebensf\u00e4higkeit des Werkes nicht unwesentlich erh\u00f6ht.<br> <br> Zur Komposition des Werkes brauchte Sch\u00f6nberg nur etwa drei Wochen,  w\u00e4hrend ihn die zahlreichen \u2013 in erster Linie den formalen Verlauf  betreffenden \u2013 Korrekturen bis tief in den Herbst besch\u00e4ftigten. Die  wohl schon in Wien beendete Reinschrift tr\u00e4gt das Abschlu\u00dfdatum 1.  Dezember 1899.<br> <br> In der an Entwicklungssch\u00fcben und -spr\u00fcngen reichen Biographie  Sch\u00f6nbergs wird die Zielstrebigkeit und Rasanz seiner k\u00fcnstlerischen  Entwicklung vielleicht nirgendwo so fa\u00dfbar wie im direkten Vergleich des  D-Dur-Streichquartetts von 1897 mit der Verkl\u00e4rten Nacht von 1899:  Stringenz der motivischen Arbeit, kontrapunktische Meisterschaft und ein  sehr pers\u00f6nlicher Umgang mit der nachwagnerschen Harmonik heben das  neue Werk weit \u00fcber die durchaus  respektable Talentprobe, die Sch\u00f6nberg  mit jenem Streichquartett erbracht hatte, hinaus. Die Pr\u00e4gnanz der  Motive und die dramatische Plastizit\u00e4t der musikalischen Gestik er\u00f6ffnen  schon hier einen Ausblick auf den schicksalhaften Weg, den Sch\u00f6nberg in  den folgenden Jahrzehnten beschreiten wird m\u00fcssen &#8211; und unwillk\u00fcrlich  wird man an jene Worte von Adolf Loos erinnert, die er auf die  (im  wesentlichen zwei Jahre nach der Verkl\u00e4rten Nacht beendeten) Gurrelieder  gem\u00fcnzt hat:<br>   <br> \u201eIn diesem ersten Werk ist f\u00fcr den, der Ohren hat zu h\u00f6ren und Augen hat  zu sehen, das ganze Lebenswerk des K\u00fcnstlers enthalten. Die Krokodile  sehen einen menschlichen Embryo und sagen: Es ist ein Krokodil. Die  Menschen sehen denselben Embryo und sagen: Es ist ein Mensch. Von den  Gurreliedern sagen die Krokodile, es w\u00e4re Richard Wagner. Aber die  Menschen f\u00fchlen nach den ersten drei Takten das unerh\u00f6rt Neue und sagen:  Das ist Arnold Sch\u00f6nberg!\u201c<br> (Adolf Loos, Arnold Sch\u00f6nberg zum 50. Geburtstage, 1924)<br> <br> Die \u00dcbernahme konkreter literarischer Programme war auch vor Sch\u00f6nberg  nicht auf die symphonische Musik beschr\u00e4nkt (Liszts drei  Petrarca-Sonette aus den Ann\u00e9es de P\u00e8lerinage z.B. gehen bis auf das  Jahr 1837 zur\u00fcck), die konsequente Anwendung der in der symphonischen  Dichtung ausgepr\u00e4gten Gestaltungsprinzipien auf ein kammermusikalisches  Gebiet, das bis dahin als die klassische Domaine \u201eabsoluter\u201c Musik  schlechthin gegolten hatte, darf aber durchaus als eine selbst\u00e4ndige  Errungenschaft des jungen Sch\u00f6nberg betrachtet werden:<br> <br> \u201eBei der Komposition von Richard Dehmels Gedicht Verkl\u00e4rte Nacht leitete  mich die Absicht, in der Kammermusik jene neuen Formen zu versuchen,  welche in der Orchestermusik durch Zugrundelegen einer poetischen Idee  entstanden sind. Zeigt das Orchester die gleichsam episch-dramatischen  Gebilde tondichterischen Schaffens, so kann die Kammermusik die  lyrischen oder lyrisch-epischen darstellen. Stehen nun auch die Mittel  der letzteren hinsichtlich der tonmalerischen Ausdrucksf\u00e4higkeit hinter  denen des Orchesters zur\u00fcck, &#8211; ein Mangel, der nur beim Vergleich  bemerkbar ist, der aber doch auch, wenn er wirklich einer ist, mit  R\u00fccksicht auf das Kolorit zu Gunsten der Sinfonie gegen das  Streichquartett \u00fcberhaupt spr\u00e4che &#8211; so bleibt doch als Gemeinsames das  formenbildende Prinzip. Dieses ist ein uraltes und leitet seinen  Ursprung von jenen alten Meistern her, die in den &#8211; heute endlos  scheinenden &#8211; Textwiederholungen solange \u00fcber einen poetischen Gedanken  musikalisch phantasierten, bis sie ihm alle m\u00f6glichen Stimmungen und  Bedeutungen abgewonnen &#8211; fast m\u00f6chte ich sagen: bis sie ihn analysiert  hatten.\u201c<br> (Arnold Sch\u00f6nberg in \u201eDeutsche Tonk\u00fcnstler-Zeitung\u201c)<br> <br> Nicht nur wegen der ganz ungewohnten Verquickung von Programm- und  Kammermusik, sondern auch aufgrund der stellenweise unerh\u00f6rt komplexen  Harmonik des Werkes stie\u00df es schon vor seiner Urauff\u00fchrung auf  Widerst\u00e4nde. Zemlinsky, der Sch\u00f6nbergs D-Dur-Quartett den Weg geebnet  hatte, versuchte auch diesmal seinen Einflu\u00df geltend zu machen: <br> <br> \u201eIm Sommer 1899 (w\u00e4hrend eines gemeinsamen Aufenthaltes in Payerbach)  schrieb Sch\u00f6nberg ein Streichsextett nach einem Gedicht von Richard  Dehmel. Soviel ich wei\u00df, war es die erste Programmusik f\u00fcr Kammermusik.  Ich versuchte abermals, den Vorstand des Tonk\u00fcnstlervereins zu einer  Auff\u00fchrung dieses Werkes zu bestimmen. Aber diesmal hatte ich kein  Gl\u00fcck. Das St\u00fcck wurde \u00bbgepr\u00fcft\u00ab, und das Ergebnis war absolut negativ.  Ein Mitglied der Jury gab sein Urteil mit den Worten ab: \u00bbDas klingt ja,  als ob man \u00fcber die noch nasse Tristan-Partitur dar\u00fcbergewischt h\u00e4tte!\u00ab  &#8211; Nun, dieses Sextett, \u00bbVerkl\u00e4rte Nacht\u00ab, ist eines der am meisten  aufgef\u00fchrten Werke von Sch\u00f6nberg und der modernen Kammermusikliteratur  \u00fcberhaupt geworden. Sch\u00f6nberg lie\u00df sich durch diesen scheinbaren  Mi\u00dferfolg nicht beirren; ein paar kr\u00e4ftige, launige Worte auf seine  Kritiker &#8211; und damit hatte seine damals noch ungemein heitere,  optimistische Natur die ganze Angelegenheit erledigt.\u201c<br> (Alexander von Zemlinsky, Jugenderinnerungen)<br> <br> Wer dieser harsche und verst\u00e4ndnislose Kritiker war, ist nicht  \u00fcberliefert. Die oft ge\u00e4u\u00dferte Vermutung, es sei Richard Heuberger  (1850-1914) gewesen, l\u00e4\u00dft sich jedenfalls dokumentarisch nicht belegen.  Heuberger, der zu Brahms\u00b4 engerem Freundeskreis geh\u00f6rt hatte, allerdings  schon ein Jahr nach dem Tod des Meisters eine ganz unbrahmsische  Karriere als Operettenkomponist begonnen hatte (Der Opernball, 1898),  soll (nach dem Zeugnis von Sch\u00f6nbergs Jugendfreund David Josef Bach) dem  jungen Sch\u00f6nberg nachdr\u00fccklich zur Komponistenlaufbahn geraten haben;  und seit dem 27. Oktober 1899 waren Sch\u00f6nberg und Heuberger (als  neugew\u00e4hlter Pr\u00e4sident) sogar Kollegen im Vorstand des  Tonk\u00fcnstlervereines. Da\u00df Zemlinsky und Sch\u00f6nberg, wie dessen Schwester  Ottilie zu erz\u00e4hlen wu\u00dfte, Heubergers Opernball instrumentieren mu\u00dften,  mag einer der Gr\u00fcnde sein, warum der harmlose Erfolgskomponist von dem  jungen Freundespaar mit besonderer Inbrunst verachtet wurde.<br>  <br> Da Sch\u00f6nberg wenige Wochen, nachdem er Mathilde von Zemlinsky zu seiner  Frau gemacht hatte (18. Oktober 1901), seinen Wohnsitz nach Berlin  verlegte, wo er als Kapellmeister an Ernst von Wolzogens Buntem Theater  (\u201e\u00dcberbrettl\u201c) wirkte,  mu\u00dfte Zemlinsky seinen Schwager \u00fcber die  skandalumwitterte Urauff\u00fchrung, die das erweiterte Ros\u00e9-Quartett am 18.  M\u00e4rz 1902 &#8211; ganz ohne Mitwirkung des gestrengen Tonk\u00fcnstlervereines &#8211;  spielte, brieflich berichten. Auch aus diesem Dokument ist ersichtlich,  da\u00df man in Heuberger einen Hauptgegner sah:<br> <br> \u201eLieber Freund, unser Telegramm hat Dir bereits einen Vorgeschmack  meines Eindrucks \u00fcber den Erfolg deiner \u201everkl. Nacht\u201c gegeben. Nun ein  wenig Ausf\u00fchrlicheres. Mit Ausnahme einiger grossen L\u00e4ngen u.  Gespreiztheiten in der Mitte des Werkes, habe ich einen grossen Eindruck  empfangen. Es sind Stellen von wirklicher Sch\u00f6nheit u. tiefster  Empfindung, sowie von echter grosser ungew\u00f6hnlicher Kunst darin! Du  musst unbedingt die Sache noch einmal redigiren, herausgeben u.  Verbreitung suchen. Es ist sehr viel Tristan noch zu h\u00f6ren &#8211; aber du  wei\u00dft, wie ich dar\u00fcber denke. Wir, unsere wirklichen Freunde, waren  begeistert. Ich habe auch [Heinrich] Reinhard[t], Robert [recte:  Gustav?] Sch\u00f6naich gesprochen, sie alle haben den Eindruck eines Werkes  von Bedeutung \u201ewenn auch mit starken Ausw\u00fcchsen\u201c gehabt. Wie Heuberger  dar\u00fcber denkt, weiss ich bis jetzt nicht. Wahrscheinlich nicht anders  als damals. Das w\u00e4re ja zu \u201ebesch\u00e4mend\u201c f\u00fcr ihn.<br> Der Erfolg war so wie du ihn w\u00fcnschtest. Starke oftmalige Hervorrufe mit  Opposition gemischt. Wir haben die paar t\u00fcchtig niedergestunken. [&#8230;]  Es kommt f\u00fcr uns Alle die Zeit!! U. die Heubergers u. Genossen seh ich  doch noch am Schindanger umkommen.<br> (Zemlinsky an Sch\u00f6nberg, 19. M\u00e4rz 1902)<br> <br> Der Lieblingsfeind \u00e4u\u00dferte sich einige Tage sp\u00e4ter in der Neuen Freien Presse:<br> <br> &#8230;Da es noch genug \u201eungebildete\u201c Leute zu geben scheint, welche das  Gedicht nicht kennen, so stiess diese Programm-Kammermusik (Gott sch\u00fctze  uns in Zukunft vor dieser Species!) auf das Unverst\u00e4ndnis aller nicht  secessionistisch angehauchten Zuh\u00f6rer. Das Eine f\u00fchlte aber ein Jeder,  dass diese verkl\u00e4rte Nacht erschrecklich lange gew\u00e4hrt haben muss, und  nicht einmal durch allerhand Finessen, wie Pizzicati, Flageolet-T\u00f6ne,  Sordinen etc. war einiges Licht in sie zu bringen. Es ist nicht  wegzuleugnen, dass Herr Sch\u00f6nberg es versteht, f\u00fcr Streichinstrumente  wirkungsvoll zu schreiben; m\u00f6ge er diese Gabe bei einem gediegenen  Kammermusikwerk auszun\u00fctzen versuchen! Die durch die Novit\u00e4t aufgeregte  Zuh\u00f6rerschaft, welche applaudirte, zischte und schrie, wurde erst durch  das herrlich sch\u00f6n gespielte Quintett in F-Dur von Brahms beruhigt.<br> (R[ichard] h[euberger], Neue Freie Presse, 24. M\u00e4rz 1902)<br> <br> Sogar diese minimalen und g\u00f6nnerhaften Konzessionen des strengen  Kritikers an die F\u00e4higkeiten Sch\u00f6nbergs sorgten bei den Freunden schon  f\u00fcr ein ungl\u00e4ubig-sp\u00f6ttisches Staunen:<br> <br> Rudolf Hoffmann u. Carl Weigl sind pl\u00f6tzlich deine Verehrer geworden  seit R. Heuaff dich lobt. Ich muss aus demselben Grunde an deinem Talent  zweifeln u. darauf erhebe ich mein (Augen)-glas&#8230;<br> (Zemlinsky an Sch\u00f6nberg, 26. M\u00e4rz 1902)<br> <br> Allem kritischen Gebell zum Trotz wurde die Verkl\u00e4rte Nacht in den  n\u00e4chsten Jahren zu einem der meistgespielten Werke Sch\u00f6nbergs; \u00fcber das  absolute Ausma\u00df dieser \u201ePopularit\u00e4t\u201c sollte man sich freilich keine  falschen Illusionen machen: Als Sch\u00f6nberg vom Berliner Dreililienverlag  zur Wiener Universal-Edition \u00fcberwechselte, schickte Max Marschalk am  13. M\u00e4rz 1911 eine Abrechnung nach Wien, aus der hervorgeht, da\u00df die  Verkl\u00e4rte Nacht mit 57 (!) zwischen 1905 und 1911 verkauften Partituren  die kommerziell erfolgreichste Komposition Sch\u00f6nbergs war&#8230;<br> <br> Alice Moller (1870-1962), die zwischen 1918 und 1920 bei Sch\u00f6nberg  studierte, hatte eine ganz besondere Vorliebe f\u00fcr das Werk; als  Geburtstagsgeschenk f\u00fcr sie fertigte Eduard Steuermann (1892-1962), der  auf Vermittlung Busonis schon 1912 in Berlin Sch\u00f6nbergs Sch\u00fcler geworden  war, 1931\/32 die vorliegende Bearbeitung f\u00fcr Klaviertrio an. Sie liegt  seit 1979 gedruckt vor. <br> <br> <br> Richard Dehmel (1863-1920)<br> Verkl\u00e4rte Nacht<br> (aus \u201eWeib und Welt\u201c, 1896)<br> <br> Zwei Menschen gehen durch kahlen, kalten Hain;<br> Der Mond l\u00e4uft mit, sie schaun hinein.<br> Der Mond l\u00e4uft \u00fcber hohe Eichen,<br> kein W\u00f6lkchen tr\u00fcbt das Himmelslicht,<br> in das die schwarzen Zacken reichen.<br> Die Stimme eines Weibes spricht:<br> <br> Ich trag ein Kind, und nit von Dir,<br> ich geh in S\u00fcnde neben Dir.<br> Ich hab mich schwer an mir vergangen.<br> Ich glaubte nicht mehr an ein Gl\u00fcck,<br> und hatte doch ein schwer Verlangen<br> nach Lebensinhalt, nach Muttergl\u00fcck<br> und Pflicht;  da hab ich mich erfrecht,<br> da lie\u00df ich schaudernd mein Geschlecht<br> von einem fremden Mann umfangen,<br> und hab mich noch daf\u00fcr gesegnet.<br> Nun hat das Leben sich ger\u00e4cht:<br> Nun bin ich Dir, o Dir begegnet.<br> <br> Sie geht mit ungelenkem Schritt.<br> Sie schaut empor; der Mond l\u00e4uft mit.<br> Ihr dunkler Blick ertrinkt in Licht.<br> Die Stimme eines Mannes spricht:<br> <br> Das Kind, das Du empfangen hast,<br> sei Deiner Seele keine Last,<br> o sieh, wie klar das Weltall schimmert!<br> Es ist ein Glanz um alles her,<br> Du treibst mit mir auf kaltem Meer,<br> doch eine eigne W\u00e4rme flimmert<br> von Dir in mich, von mir in Dich.<br> Die wird das fremde Kind verkl\u00e4ren,<br> Du wirst es mir, von mir geb\u00e4ren;<br> Du hast den Glanz in mich gebracht,<br> Du hast mich selbst zum Kind gemacht.<br> <br> Er fa\u00dft sie um die starken H\u00fcften.<br> Ihr Atem k\u00fc\u00dft sich in den L\u00fcften.<br> Zwei Menschen gehen durch hohe, helle Nacht.<br><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\">\u00a9 by Claus-Christian Schuster<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Arnold Sch\u00f6nberg * 13. September 1874\u2020 13. Juli 1951 Verkl\u00e4rte Nacht. Gedicht von Richard Dehmel (aus &#8220;Weib und Welt&#8221;) f\u00fcr sechs Streich-Instrumente. Op.4 (autorisierte \u00dcbertragung f\u00fcr Klavier, Violine und Violoncello von Eduard Steuermann) Komponiert: Payerbach und Wien, September &#8211; 1. Dezember 1899 Widmung: Bearbeitung: Alice Moller (1871-1962) Urauff\u00fchrung: Original: Wien, Musikverein\/Kleiner Saal(Brahms-Saal), 18. M\u00e4rz 1902 [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":{"0":"post-557","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","6":"category-klaviertrios-klavier-violine-und-violoncello","7":"entry"},"translation":{"provider":"WPGlobus","version":"3.0.1","language":"en","enabled_languages":["de","en"],"languages":{"de":{"title":true,"content":true,"excerpt":false},"en":{"title":false,"content":false,"excerpt":false}}},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/557","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=557"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/557\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":558,"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/557\/revisions\/558"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=557"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=557"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=557"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}