{"id":541,"date":"2019-02-13T17:26:26","date_gmt":"2019-02-13T16:26:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www2.altenbergtrio.at\/?p=541"},"modified":"2019-02-13T17:26:33","modified_gmt":"2019-02-13T16:26:33","slug":"rachmaninov-trio-elegiaque-nr-2-d-moll-op-9","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/rachmaninov-trio-elegiaque-nr-2-d-moll-op-9\/","title":{"rendered":"Rachmaninov: Trio \u00e9l\u00e9giaque [Nr.2], d-moll, op.9"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Sergej Vasil\u00b4evic Rachmaninov<\/h3>\n\n\n\n<p>* 01. April 1873<br>\u2020 28. M\u00e4rz 1943<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Trio \u00e9l\u00e9giaque [Nr.2], d-moll, op.9<\/h3>\n\n\n\n<table class=\"wp-block-table\"><tbody><tr><td>Komponiert:<\/td><td>Moskau, 25. Oktober &#8211; 15. Dezember 1893<\/td><\/tr><tr><td>Widmung:<\/td><td>&#8220;A la m\u00e9moire d&#8217; un grand artiste&#8221; (Petr Iljic Cajkovskij)<\/td><\/tr><tr><td>Urauff\u00fchrung:<\/td><td>Urfassung: Moskau, Blagorodnoe Sobranie, 31. J\u00e4nner 1894 <br>\nSergej Vasil\u00b4evic Rachmaninov, Klavier <br>\nUlij Eduardovic Kon\u00fas (Jules Conus, 1869-1942), Violine <br>\nAnatolij Andreevic Brandukov (1856-1930), Violoncello <br>\n2. Fassung: Moskau, 12. Februar 1907 <br>\nAleksandr Borisovic Gol\u00b4denvejzer (1875-1961), Klavier <br>\nKarl Karlovic Grigorovic (1868-1921), Violine <br>\nAnatolij Andreevic Brandukov, Violoncello <br>\n<\/td><\/tr><tr><td>Erstausgabe:<\/td><td>Gutheil, Moskau, 1897<\/td><\/tr><\/tbody><\/table>\n\n\n\n<p>Nur in seinem ersten Schaffensjahrzehnt hat Rachmaninov Kammermusik  geschrieben &#8211; das letzte Werk dieser Gattung ist seine Cellosonate  op.19, die er mit 28 Jahren komponierte. Nach einem allerersten  kammermusikalischen Versuch, einem Streichquartett, hatte Rachmaninov in  nur vier Tagen im J\u00e4nner 1892 ein eins\u00e4tziges &#8220;Elegisches Trio&#8221; in  g-moll geschrieben. Die folgenden anderthalb Jahre brachten ihm nicht  zuletzt dank der Anteilnahme und Freundschaft Tschaikovskijs die volle  Entfaltung seines kompositorischen K\u00f6nnens und einen ersten Triumph: im  April 1893 wurde seine Oper &#8220;Aleko&#8221; am Bolschoi-Theater uraufgef\u00fchrt;  wenige Tage sp\u00e4ter, gerade an Tschaikovskijs Geburtstag, erhielt er zum  Abschlu\u00df seines Kompositionsstudiums am Moskauer Konservatorium als  Jahrgangsbester zusammen mit Aleksandr Skrjabin die Gro\u00dfe Goldmedaille. <br> <br> Im Oktober 1893 wurde &#8220;Aleko&#8221; in Kiew aufgef\u00fchrt, Rachmaninov selbst  dirigierte die ersten beiden Auff\u00fchrungen &#8211; es war sein Debut als  Dirigent. Am Tag nach seiner R\u00fcckkehr nach Moskau erhielt er die  Nachricht vom Tode Tschaikovskijs. Noch am selben Abend, am 25. Oktober  (6. November) 1893, begann er die Niederschrift eines Klaviertrios, \u00fcber  das er, wie Tschaikovskij in seinem Opus 50, die Worte &#8220;A la m\u00e9moire d&#8217;  un grand artiste&#8221; setzte. <br> <br> Fast zwei Monate lang galt Rachmaninov unter seinen Freunden als  verschollen: keine Briefe, keine Besuche, keine Konzerte. In der  Einsamkeit seiner \u00e4rmlichen Wohnung auf der Vozdvischenka und auf  endlosen Irrwanderungen durch den tiefverschneiten Sokolniki-Park trug  Rachmaninov seine Dankesschuld vor dem gro\u00dfen Freund ab. Am 15. Dezember  1893 vollendete er das Werk; zwei Tage sp\u00e4ter berichtet er seiner  Freundin Natalija Skalon (der Cousine seiner sp\u00e4teren Frau): <br> <br> &#8220;&#8230; Ich habe Ihnen lange nicht geschrieben, sehr lange&#8230; Nur aus einem  einzigen Grunde: ich habe gearbeitet, intensiv, verbissen und  beharrlich gearbeitet. Diese Arbeit war ein Werk auf den Tod eines  gro\u00dfen K\u00fcnstlers. Sie ist jetzt vollendet, so da\u00df ich wieder mit Ihnen  sprechen kann; denn w\u00e4hrend ich sie schrieb, geh\u00f6rten alle meine  Gedanken, Gef\u00fchle und Kr\u00e4fte allein ihr. Ich habe mich, wie es in einem  meiner Lieder hei\u00dft, unaufh\u00f6rlich gequ\u00e4lt und war krank an der Seele.  \u00dcber jeder Phrase habe ich gezittert, manchmal absolut alles wieder  verworfen und von neuem nachgedacht und nachgedacht. Diese Zeit ist nun  vor\u00fcber, ich kann jetzt wieder ruhig sprechen. Ich habe niemandem  geschrieben, nicht einmal der Familie Skalon, die ich doch aufrichtig  liebe&#8230;&#8221; <br> <br> In der urspr\u00fcnglichen Fassung, die am 31. J\u00e4nner 1894 zusammen mit  anderen neuen Werken Rachmaninovs uraufgef\u00fchrt wurde, wird das Thema des  Variationensatzes vom Pianisten auf einem Harmonium vorgetragen. 1907  \u00fcberarbeitete Rachmaninov das Werk gr\u00fcndlich, wobei auch diese  Extravaganz seiner Kritik zum Opfer fiel. In einer zweiten  (geringf\u00fcgigen) Revision, die Rachmaninov 1917 vornahm, erhielt das Werk  dann seine endg\u00fcltige Gestalt. <br> <br> Wohl selten in der Musikgeschichte hat ein Komponist sich so bewu\u00dft,  bedingungslos und radikal an einem konkreten Werk eines anderen Meisters  orientiert und dabei doch so unangefochten und sicher seine Eigenart  bewahrt und entfaltet, wie das Rachmaninov in seinem 2. Elegischen Trio  in Anlehnung an Tschaikovskijs Klaviertrio getan hat. In Umkehrung des  sch\u00f6nen Rilke-Wortes w\u00e4re man versucht zu sagen: &#8220;Er \u00fcbersteigt, indem  er gehorcht.&#8221; Tats\u00e4chlich ist das Werk mit Anspielungen und Bez\u00fcgen auf  sein Vorbild geradezu \u00fcbers\u00e4t. Dabei liegen auf einer materiellen Ebene  die thematischen, formalen und dramaturgischen Bez\u00fcge ganz offen zu  Tage; bei n\u00e4herem Zusehen er\u00f6ffnet sich aber dahinter ein zus\u00e4tzliches  Beziehungsgeflecht, das symbolische Z\u00fcge aufweist. Die Duplizit\u00e4t dieser  Widerspiegelung l\u00e4\u00dft sich vielleicht am sch\u00f6nsten am Thema der  Variationen aufzeigen: dieses Thema scheint ganz offensichtlich aus der  analogen Stelle des Tschaikovskij-Trios entwickelt zu sein &#8211; die  Verwandtschaft der beiden Themen l\u00e4\u00dft sich sozusagen Ton f\u00fcr Ton  nachvollziehen. Doch gleichzeitig hat die Verwendung gerade dieses  Themas noch einen ideell-&#8220;anekdotischen&#8221; Nebensinn: es handelt sich  dabei n\u00e4mlich um das Hauptthema von Rachmaninovs Orchesterphantasie  &#8220;Utjos&#8221; (&#8220;Der Fels&#8221;) op.7 vom Sommer 1893 &#8211; das letzte Werk  Rachmaninovs, das er Tschaikovskij zeigen konnte. Dieser war davon so  angetan gewesen, da\u00df er es im J\u00e4nner 1894 in St.Petersburg zur  Urauff\u00fchrung bringen wollte. Von hier aus betrachtet sind die  Variationen gerade \u00fcber dieses Thema also auch eine elegische Meditation  \u00fcber die durch den Tod geraubten Stunden gemeinsamer Arbeit. <br> <br> Der Ton des oben zitierten Briefes an Natalija Skalon l\u00e4\u00dft aber auch  erahnen, welche Befreiung die Vollendung der Arbeit an diesem Trio f\u00fcr  Rachmaninov bedeutet haben mu\u00df. Hier wurde offensichtlich nicht nur  Trauerarbeit geleistet, sondern auch, in Erf\u00fcllung eines f\u00fcr die  Musikgeschichte des XIX. Jahrhunderts so charakteristischen Topos, der  Kampf mit dem Schatten des gro\u00dfen Vorg\u00e4ngers aufgenommen. Das  Zwanghafte, das in diesem Ringen liegt, ist wohl imstande, mythische  Erinnerungen zu wecken &#8211; vorausgesetzt, der H\u00f6rer ist bereit, beim  Anh\u00f6ren dieser Trio-Dioskuren jene &#8220;aufgekl\u00e4rte&#8221; Pr\u00e4potenz zu  \u00fcberwinden, unter welcher die Rezeption Tschaikovskijs und Rachmaninovs  au\u00dferhalb Ru\u00dflands nur allzuoft leidet. <br> <br> Der erste Satz (Moderato &#8211; Allegro moderato, d-moll) wiederholt zwar im  wesentlichen die dramaturgische Anlage des Kopfsatzes von Tschaikovskijs  Opus 50, ist aber noch um einiges dunkler und tragischer gef\u00e4rbt. Hier  wie dort sind fast alle Themen aus einer einzigen motivischen Keimzelle  abgeleitet, die &#8211; in \u00dcbereinstimmung mit den musikalischen Archetypen  der Klage und Trauer &#8211; auf ein fallendes Skalenfragment zur\u00fcckzuf\u00fchren  ist (kleine Terz bei Rachmaninov, Quint\/Sext bei Tschaikovskij). Ebenso  wie bei Tschaikovskij wirkt dieses Leitmotiv bis in das  Modulationsschema nach (Fortschreitung in kleinen Terzen hier, dort in  Quinten). Die Totenglocken des Beginns geh\u00f6ren ebenso wie der Choral am  Schlu\u00df der zweiten Themengruppe zum Grundbestand der russischen Musik &#8211;  der estnische Musikwissenschaftler Elmar Arro (1899-1985) ist in einem  leider noch immer ungedruckten Werk von diesen Topoi der russischen  Musik ausgehend zu einer modellhaften &#8220;musikalischen Slawistik&#8221; gelangt.  <br> <br> \u00dcber die Beziehung des Themas des zweiten Satzes (Quasi variazioni.  Andante, F-Dur) zu Tschaikovskij war schon weiter oben die Rede. Der  Verlauf der Variationen ist wesentlich &#8220;strenger&#8221;; als Variationsprinzip  dient ein Abspaltungsproze\u00df, der mit der II. Variation einsetzt und in  der IV. Variation seinen H\u00f6hepunkt erreicht. Die Umkehr des Vorganges  f\u00fchrt uns mit der letzten (VIII.) Variation wieder in die N\u00e4he der  Ausgangsgestalt. Dieses &#8220;konstruktivistische&#8221; Verfahren ist jedoch nicht  mehr als ein formales Fundament, \u00fcber dem sich die Charakterisierung  der einzelnen Variationen v\u00f6llig frei entfaltet. Wesentlich st\u00e4rker als  bie Tschaikovskij sind auch die motivischen Bez\u00fcge zum ersten Satz  herausgearbeitet. An all diesen Details l\u00e4\u00dft sich das klare Bestreben  Rachmaninovs ablesen, bei aller Anlehnung an das traditionsbrechende  Vorbild sich doch wieder der &#8220;Normarchitektur&#8221; eines Klaviertrios  anzun\u00e4hern &#8211; \u00e4hnliches gilt \u00fcbrigens auch f\u00fcr Taneevs Klaviertrio op.22.  In diesem Sinne erscheint die Abtrennung der &#8220;Schlu\u00dfvariation und Coda&#8221;  ( &#8211; der letzte Satz lie\u00dfe sich ohne weiteres unter diesem Aspekt  betrachten &#8211; ) in einen selbst\u00e4ndigen Finalsatz (Allegro risoluto &#8211;  Moderato) ganz folgerichtig. Der eigentliche Schlu\u00df freilich ist bis ins  Detail an Tschaikovskij orientiert: die riesenhafte Projektion des  Kopfthemas im Streicherunisono \u00fcber einer massigen Klavierbegleitung  f\u00fchrt hier wie dort in eine resignative Geste des Erl\u00f6schens. Als neues  Element tritt bei Rachmaninov allerdings eine kurz vor den Schlu\u00df  gestellte, choralartige Phrase auf, die wie ein Segensspruch am offenen  Grab wirkt. Auch in diesem Punkt ist Rachmaninov also nicht nur  traditionalistischer als Tschaikovskij, sondern auch &#8220;realistischer&#8221;.  Doch unabh\u00e4ngig von allen stilistischen Tendenzen und Moden ist das  Denkmal, das Rachmaninov Tschaikovskij hier gesetzt hat, sicher eines  der ber\u00fchrendsten Dokumente der Freundschaft zwischen zwei Gro\u00dfen der  Musik.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\">\u00a9 by Claus-Christian Schuster<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sergej Vasil\u00b4evic Rachmaninov * 01. April 1873\u2020 28. M\u00e4rz 1943 Trio \u00e9l\u00e9giaque [Nr.2], d-moll, op.9 Komponiert: Moskau, 25. Oktober &#8211; 15. Dezember 1893 Widmung: &#8220;A la m\u00e9moire d&#8217; un grand artiste&#8221; (Petr Iljic Cajkovskij) Urauff\u00fchrung: Urfassung: Moskau, Blagorodnoe Sobranie, 31. J\u00e4nner 1894 Sergej Vasil\u00b4evic Rachmaninov, Klavier Ulij Eduardovic Kon\u00fas (Jules Conus, 1869-1942), Violine Anatolij Andreevic [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":{"0":"post-541","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","6":"category-klaviertrios-klavier-violine-und-violoncello","7":"entry"},"translation":{"provider":"WPGlobus","version":"3.0.1","language":"en","enabled_languages":["de","en"],"languages":{"de":{"title":true,"content":true,"excerpt":false},"en":{"title":false,"content":false,"excerpt":false}}},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/541","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=541"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/541\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":542,"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/541\/revisions\/542"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=541"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=541"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=541"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}