{"id":539,"date":"2019-02-13T17:25:35","date_gmt":"2019-02-13T16:25:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www2.altenbergtrio.at\/?p=539"},"modified":"2019-02-13T17:25:42","modified_gmt":"2019-02-13T16:25:42","slug":"pirchner-heimat-pwv-29a-1992","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/pirchner-heimat-pwv-29a-1992\/","title":{"rendered":"Pirchner: Heimat? PWV 29a (1992)"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Werner Pirchner<\/h3>\n\n\n\n<p>* 13. Februar 1940<br>\u2020 10. August 2001<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Heimat? PWV 29a (1992)<\/h3>\n\n\n\n<table class=\"wp-block-table\"><tbody><tr><td>Komponiert:<\/td><td>Thaur bei Innsbruck, Februar 1988\/Juli 1992<\/td><\/tr><tr><td>Urauff\u00fchrung:<\/td><td>Obergurgl, 3. September 1992 <br>\nWiener Schubert-Trio <br>\nClaus-Christian Schuster, Klavier <br>\nBoris Kuschnir, Violine <br>\nMartin Hornstein, Violoncello <br>\n<\/td><\/tr><tr><td>Erstausgabe:<\/td><td>Manuskript<\/td><\/tr><\/tbody><\/table>\n\n\n\n<p>Die Stimme Tirols, die in der \u00f6sterreichischen Musikgeschichte der  Vergangenheit eigentlich immer nur eine kaum wahrnehmbare Nebenstimme  war, ist mit dem Werk zweier so grundverschiedener Komponisten wie Erich  Urbanner und Werner Pirchner in den letzten Jahren un\u00fcberh\u00f6rbar in den  Vordergrund getreten. W\u00e4hrend Urbanner nicht nur als Schaffender,  sondern auch als hervorragender P\u00e4dagoge die Physiognomie der  musikalischen Avantgarde \u00d6sterreichs entscheidend mitpr\u00e4gt, hat Pirchner  unserer Musik durch die unorthodoxe Verbindung der beiden nach wie vor  meist hermetisch gegeneinander abgeschotteten Welten der Musik, die man  salopp als E- und U-Musik zu bezeichnen gewohnt ist, neue Landschaften  erschlossen. Es ist kein Zufall, da\u00df \u00d6sterreichs mediale Visitenkarte  auf dem Gebiete der Musik, das Radioprogramm \u00d61, ausgerechnet Werner  Pirchners musikalische Unterschrift tr\u00e4gt: Kein anderer \u00f6sterreichischer  Komponist der Gegenwart hat fernab von partikularistischem  Provinzialismus der Eigenart seines Landes so originellen und  unverwechselbaren Ausdruck gegeben. Seine musikalische Sprache hat, so  eigenwillig sie auch ist und so sehr sie sich auch allen g\u00e4ngigen  Etikettierungen verweigert, nichts mit jenen schrullig-verschrobenen  Austriazismen zu tun, die allzuoft f\u00fcr das eigentliche Spezifikum  \u00f6sterreichischen Selbstverst\u00e4ndnisses gehalten werden. Werner Pirchner  ist, wie sein ihn an Ber\u00fchmtheit noch immer \u00fcbertreffender  pr\u00e4historischer Landsmann vom Similaun-Gletscher, ein Grenzg\u00e4nger. Er  hat f\u00fcr alle so unselig weit auseinanderklaffenden Idiome und Welten der  Musik ein offenes und kritisches Ohr und hat sich, ohne jemals sein  eigenes Ich zu verleugnen, vieles anverwandelt, was auf den ersten Blick  unvereinbar erschien. Dennoch ist er durch die St\u00e4rke seiner  Pers\u00f6nlichkeit der Gefahr des modisch-multikulturellen Ragouts der  Postmoderne entgangen. Effekthascherei und Anbiederung, diese  Hauptmotive der musikalischen Massenproduktion, liegen ihm ebenso fern  wie das esoterische Kalk\u00fcl des narzi\u00dftischen Elitarismus. Weil das alles  so ist, verzeiht man ihm gerne die wenigen &#8220;oberfl\u00e4chlichen&#8221; Schrullen,  die er nat\u00fcrlich auch hat: wenn er in den Taktbezeichnungen konsequent  die &#8220;Viertel&#8221; nicht in arabischen Ziffern sondern mit weingef\u00fcllten  Viertelgl\u00e4sern notiert, so hat das zwar vielleicht ein wenig mit seinem  Leben, aber kaum etwas mit der Aussage seiner Musik zu tun und ist also  nicht mehr als ein am\u00fcsanter &#8220;Gag&#8221;; da\u00df er aber anstelle der  rituell-schematischen Spielanweisungen seinen Interpreten schlicht  &#8220;Suche!&#8221;, &#8220;Finde!&#8221;, &#8220;Freu&#8217;Dich!&#8221;, &#8220;Zerst\u00f6re!&#8221; und &#8220;Weine!&#8221; zuruft ( &#8211;  letzteres hat nur phonetisch mit dem Inhalt der obigen Viertelgl\u00e4ser zu  tun), f\u00fchrt uns mitten in das Wesen seiner Musik, die mit spielerischer  Phantasie immer an den ganzen Menschen appelliert. <br> <br> &#8220;Heimat?&#8221; wurde als B\u00fchnenmusik f\u00fcr die Wiener Erstauff\u00fchrung von Felix  Mitterers &#8220;Kein sch\u00f6ner Land&#8221; am Volkstheater im Februar 1988 f\u00fcr  Violine und Klavier geschrieben und auf unsere Anregung hin im Juli 1992  zu einem Klaviertrio umgearbeitet. In Mitterers Drama wird, in freier  Bearbeitung eines historischen Falles, die Geschichte eines Juden  erz\u00e4hlt, der als Viehh\u00e4ndler in einem abgeschiedenen Bergdorf lebt und  so perfekt assimiliert ist, da\u00df auch sein Sohn nichts \u00fcber seine  Herkunft wei\u00df. Die Demaskierung und Zerst\u00f6rung dieser Idylle vor dem  geschichtlichen Hintergrund der Jahre 1933-1945 kulminiert darin, da\u00df  der Sohn, ein fanatischer Nationalsozialist, in einem Vermichtungslager  seinen Vater und anschlie\u00dfend sich selbst erschie\u00dft. Pirchner hat zu  diesem aufw\u00fchlenden Bericht eine stille und unaufdringliche Musik ganz  ohne Pathos geschrieben. Er braucht keine plakativen Anklage- und  Schmerzensgeb\u00e4rden, sondern ber\u00fchrt durch die Schlichtheit, mit der er  die hoffende Sehnsucht nach dem immer wieder zerst\u00f6rten Gl\u00fcck anklingen  l\u00e4\u00dft. Wenn am Ende des vierten Satzes die Musiker nacheinander zu  spielen aufh\u00f6ren, so ist das kein billiger Gag und schon gar kein  Haydn-Zitat, sondern macht unser mitleidendes Verstummen sinnf\u00e4llig, das  so viel durchdringender sein kann als der grellste Protestschrei. Doch  die Unmittelbarkeit von Pirchners Musik l\u00e4\u00dft ihre Nacherz\u00e4hlung ganz  besonders \u00fcberfl\u00fcssig erscheinen: Wer Ohren hat, der h\u00f6re.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\">\u00a9 by Claus-Christian Schuster<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Werner Pirchner * 13. Februar 1940\u2020 10. August 2001 Heimat? PWV 29a (1992) Komponiert: Thaur bei Innsbruck, Februar 1988\/Juli 1992 Urauff\u00fchrung: Obergurgl, 3. 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