{"id":537,"date":"2019-02-13T17:24:28","date_gmt":"2019-02-13T16:24:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www2.altenbergtrio.at\/?p=537"},"modified":"2019-02-13T17:24:35","modified_gmt":"2019-02-13T16:24:35","slug":"pirchner-wem-gehoert-der-mensch-pwv-31-1988","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/pirchner-wem-gehoert-der-mensch-pwv-31-1988\/","title":{"rendered":"Pirchner: Wem geh\u00f6rt der Mensch&#8230;? PWV 31 (1988)"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Werner Pirchner<\/h3>\n\n\n\n<p>* 13. Februar 1940<br>\u2020 10. August 2001<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Wem geh\u00f6rt der Mensch&#8230;? PWV 31 (1988)<\/h3>\n\n\n\n<table class=\"wp-block-table\"><tbody><tr><td>Komponiert:<\/td><td>Thaur bei Innsbruck, beendet am 2. September 1988<\/td><\/tr><tr><td>Widmung:<\/td><td>Wiener Schubert Trio<\/td><\/tr><tr><td>Urauff\u00fchrung:<\/td><td>Wien, Musikverein, Brahms-Saal, 11. Oktober 1988 <br>\nWiener Schubert-Trio <br>\nClaus-Christian Schuster, Klavier <br>\nBoris Kuschnir, Violine <br>\nMartin Hornstein, Violoncello <br>\n<\/td><\/tr><tr><td>Erstausgabe:<\/td><td>Manuskript<\/td><\/tr><\/tbody><\/table>\n\n\n\n<p>Die Stimme Tirols, die in der \u00f6sterreichischen Musikgeschichte der  Vergangenheit eigentlich immer nur eine kaum wahrnehmbare Nebenstimme  war, ist mit dem Werk zweier so grundverschiedener Komponisten wie Erich  Urbanner und Werner Pirchner in den letzten Jahren un\u00fcberh\u00f6rbar in den  Vordergrund getreten. W\u00e4hrend Urbanner nicht nur als Schaffender,  sondern auch als hervorragender P\u00e4dagoge die Physiognomie der  musikalischen Avantgarde \u00d6sterreichs entscheidend mitpr\u00e4gt, hat Pirchner  unserer Musik durch die unorthodoxe Verbindung der beiden nach wie vor  meist hermetisch gegeneinander abgeschotteten Welten der Musik, die man  salopp als E- und U-Musik zu bezeichnen gewohnt ist, neue Landschaften  erschlossen. Es ist kein Zufall, da\u00df \u00d6sterreichs mediale Visitenkarte  auf dem Gebiete der Musik, das Radioprogramm \u00d61, ausgerechnet Werner  Pirchners musikalische Unterschrift tr\u00e4gt: Kein anderer \u00f6sterreichischer  Komponist des zwanzigsten Jahrhunderts hat fernab von  partikularistischem Provinzialismus der Eigenart seines (Bundes-)Landes  so originellen und unverwechselbaren Ausdruck gegeben. Seine  musikalische Sprache hat, so eigenwillig sie auch ist, und so sehr sie  sich auch allen g\u00e4ngigen Etikettierungen verweigert, nichts mit jenen  schrullig-verschrobenen Austriazismen zu tun, die allzuoft f\u00fcr das  eigentliche Spezifikum \u00f6sterreichischen Selbstverst\u00e4ndnisses gehalten  werden. Werner Pirchner war, wie sein ihn an Ber\u00fchmtheit noch immer  \u00fcbertreffender pr\u00e4historischer Landsmann vom Similaun-Gletscher, ein  Grenzg\u00e4nger. Er hatte f\u00fcr alle so unselig weit auseinanderklaffenden  Idiome und Welten der Musik ein offenes und kritisches Ohr und hat sich,  ohne jemals sein eigenes Ich zu verleugnen, vieles anverwandelt, was  auf den ersten Blick unvereinbar erschien. Dennoch ist er durch die  St\u00e4rke seiner Pers\u00f6nlichkeit der Gefahr des modisch-multikulturellen  Ragouts der Postmoderne entgangen. Effekthascherei und Anbiederung,  diese Hauptmotive der musikalischen Massenproduktion, lagen ihm ebenso  fern wie das esoterische Kalk\u00fcl des narzi\u00dftischen Elitarismus. Weil das  alles so ist, verzeiht man ihm gerne die wenigen &#8220;oberfl\u00e4chlichen&#8221;  Schrullen, die er nat\u00fcrlich auch hatte: wenn er in den Taktbezeichnungen  konsequent die &#8220;Viertel&#8221; nicht in arabischen Ziffern sondern mit  weingef\u00fcllten Viertelgl\u00e4sern notierte, so hatte das zwar vielleicht ein  wenig mit seinem Leben, aber kaum etwas mit der Aussage seiner Musik zu  tun und ist also nicht mehr als ein am\u00fcsanter &#8220;Gag&#8221;; da\u00df er aber  anstelle der rituell-schematischen Spielanweisungen seinen Interpreten  schlicht &#8220;Suche!&#8221;, &#8220;Finde!&#8221;, &#8220;Freu&#8217;Dich!&#8221;, &#8220;Zerst\u00f6re!&#8221; und &#8220;Weine!&#8221;  zurruft ( &#8211; letzteres hat nur phonetisch mit dem Inhalt der obigen  Viertelgl\u00e4ser zu tun), f\u00fchrt uns mitten in das Wesen seiner Musik, die  mit spielerischer Phantasie immer an den ganzen Menschen appelliert. <br> <br> &#8220;Wem geh\u00f6rt der Mensch&#8230;?&#8221; enstand als Auftragswerk der Gesellschaft  der Musikfreunde in Wien f\u00fcr die Er\u00f6ffnung der Konzertreihe des Wiener  Schubert Trios (die seit dessen Aufl\u00f6sung 1993 vom Altenberg Trio  fortgef\u00fchrt wird). \u00dcber die &#8220;sechs bis f\u00fcnf S\u00e4tze&#8221; dieses  au\u00dfergew\u00f6hnlichen Werkes vermerkt der Komponist auf dem Autograph der  Partitur: <br> <br> &#8220;Ich k\u00f6nnte diesen sechs S\u00e4tzen Namen geben.<br> Wie zum Beispiel:<br> 1. Der Mensch geh\u00f6rt dem Staat. Umgekehrt!<br> 2. Zwentendorf &#8211; Wackersdorf. Ein Spaziergang nach Tschernobyl.<br> 3. Die Pflicht zum Ungehorsam, oder<br> 4. Die Regierung &#8211; unsere Angestellten<br> usf.<br> Die S\u00e4tze tragen Nummern.<br> Wie &#8211; vielleicht &#8211; wir.&#8221;<br> <br> <br> Wer nach Lekt\u00fcre dieser Zeilen erwartet, mit plakativ agitatorischer  Polit-Musik konfrontiert zu werden, wird sehr bald merken, da\u00df hier  durchaus kein Propagandist, sondern einfach ein denkender Musiker am  Werk ist: mit Ungest\u00fcm und Wehmut, Zorn und Nachdenklichkeit wird hier  ein Bild des verletzlichen und doch unantastbaren Menschen, seiner  Bedrohung und seiner Sehnsucht gezeichnet. <br> <br> Der erste Satz, dessen jugendlicher Impetus von einem ostinat  synkopierten Rhythmus unterst\u00fctzt wird, arbeitet zwar mit  wiederkehrenden Themen, ist aber, wie \u00fcbrigens das ganze Werk, nicht als  eine in sich abgerundete, durch Entwicklung und Reprise strukturierte  Form konzipiert. Folgerichtig hat der Satz auch keinen &#8220;Schlu\u00df&#8221;, sondern  f\u00fchrt uns in die offene Weite: eine unschuldig-naive Melodie der  Streicher wird von der unerbittlichen Motorik einer r\u00fccksichtslosen  Klavierfiguration \u00fcberrollt und verliert sich, nach deren pl\u00f6tzlichem  Verstummen, in ungewisse Fernen. (&#8220;Technisch&#8221; wird dieser Eindruck  dadurch erzielt, da\u00df der \u00fcber die weitesten Teile des Satzes  herrschenden Tonika C-Dur ein sich aus chromatischen Verschleierungen  erst im letzten Augenblick zu erkennen gebendes A-Dur entgegengestellt  wird.) <br> <br> Der zweite Satz beschreitet gewisserma\u00dfen den entgegengesetzten Weg: aus  der zeitlosen Stille eines inneren Dialoges (der um das A-Dur des  vorangehenden Satzendes kreist) werden wir, zun\u00e4chst nur durch belebende  Melismen, dann aber durch sich allm\u00e4hlich konturierende motorische  Figuration, in den unaufhaltsamen Zeitflu\u00df zur\u00fcckgetrieben. Das br\u00fcske  Ende des Satzes stellt der tr\u00e4umerischen Freiheit seines Anfangs eine  drohende und unabweisliche Forderung gegen\u00fcber. <br> <br> Wurde in diesem er\u00f6ffnenden Diptychon der Weg zwischen Rhythmus (Zeit)  und Melodie (Raum) in beiden Richtungen durchmessen, so bieten sich  diese beiden Dimensionen des musikalischen Diskurses in den folgenden  zwei S\u00e4tzen in ihrer reinsten Form dar. Das unendliche improvisatorische  Melos des dritten und der &#8220;unfa\u00dfbare&#8221; , frenetische Rhythmus des  vierten stellen sozusagen die kristallinen Archetypen dieser  musikalischen Daseinsformen dar und nehmen, auf das &#8220;klassische&#8221; Modell  eines mehrs\u00e4tzigen Zyklus r\u00fcckbezogen, die traditionellen Stellen von  Adagio und Scherzo ein. <br> <br> Das abschlie\u00dfende Satzpaar, das als untrennbare Einheit konzipiert ist  (daher auch der zun\u00e4chst burlesk anmutende Zusatz von den &#8220;sechs bis  f\u00fcnf S\u00e4tzen&#8221;), fa\u00dft den vitalen Antagonismus dieser beiden  Grunddimensionen zusammen und vers\u00f6hnt ihn zugleich: der chassidisch  anmutende Klagegesang der Geige im f\u00fcnften Satz, der sich \u00fcber das (aus  dem kraftstrotzenden Rhythmus des vierten Satzes derivierte) ersterbende  SOS-Klopfzeichen rettungslos Versch\u00fctteter erhebt, f\u00fchrt uns allm\u00e4hlich  in lichtere und friedlichere Regionen und m\u00fcndet &#8211; Zuruf des  Komponisten an den Interpreten: &#8220;Du bist frei!&#8221; &#8211; in den unendlich  zarten rhythmischen Strom des Schlu\u00dfsatzes. Formender Zugriff und  tr\u00e4umender Flu\u00df sind hier in eins aufgegangen: keine ferne  Jenseitshoffnung, sondern allt\u00e4gliches Geschenk der Musik an jedes  offene Ohr. <br><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\">\u00a9 by Claus-Christian Schuster<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Werner Pirchner * 13. Februar 1940\u2020 10. August 2001 Wem geh\u00f6rt der Mensch&#8230;? PWV 31 (1988) Komponiert: Thaur bei Innsbruck, beendet am 2. September 1988 Widmung: Wiener Schubert Trio Urauff\u00fchrung: Wien, Musikverein, Brahms-Saal, 11. 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