{"id":523,"date":"2019-02-13T17:17:03","date_gmt":"2019-02-13T16:17:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www2.altenbergtrio.at\/?p=523"},"modified":"2019-02-13T17:17:09","modified_gmt":"2019-02-13T16:17:09","slug":"mozart-trio-sonata-g-dur-kv-496","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/mozart-trio-sonata-g-dur-kv-496\/","title":{"rendered":"Mozart: Trio (Sonata) G-Dur KV 496"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Wolfgang Amadeus Mozart<\/h3>\n\n\n\n<p>* 27. J\u00e4nner 1756<br>\u2020 05. Dezember 1791<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Trio (Sonata) G-Dur KV 496<\/h3>\n\n\n\n<table class=\"wp-block-table\"><tbody><tr><td>Komponiert:<\/td><td>Wien (Domgasse 5), beendet am 8. Juli 1786<\/td><\/tr><tr><td>Urauff\u00fchrung:<\/td><td>nicht dokumentiert<\/td><\/tr><tr><td>Erstausgabe:<\/td><td>Hoffmeister, Wien 1787<\/td><\/tr><\/tbody><\/table>\n\n\n\n<p>Mozarts kammermusikalisches Schaffen tritt um die Jahreswende 1784\/85  in eine neue Phase. Die z\u00fcgige Beendung der &#8220;Haydn-Quartette&#8221; ( &#8211; die  zweite H\u00e4lfte dieser Serie, KV 458\/KV 464\/KV 465, entsteht im Laufe  weniger Wochen &#8211; ) bezeichnet eine neue Etappe in der Geschichte des  Streichquartetts. Mit der Komposition der beiden Klavierquartette (KV  478, KV 493) erschlie\u00dft Mozart sich ein v\u00f6llig neues Genre, in dem er  die kompositorische Erfahrung der vorangegangenen Jahre (vor allem auf  dem Gebiete des Klavierkonzertes und des Streichquartetts)  zusammenfassend erweitert; und bald darauf (1787) wird er mit den  Streichquintetten (KV 515, KV 516, KV 406) eine weitere  Kammermusikgattung auf allerh\u00f6chstem Niveau inaugurieren. In diesem  letzteren Falle greift Mozart auf eine Form zur\u00fcck, die ihn schon 1773  (Streichquintett KV 174) besch\u00e4ftigt hat, der er sich aber nun mit  v\u00f6llig anderen Mitteln n\u00e4hern kann. Ganz \u00e4hnlich ist die Situation bei  dem uns hier interessierenden Genre des Klaviertrios: Auch in dieser  Gattung hatte Mozart seit einem Jahrzehnt (Divertimento KV 254, August  1776) kein Werk mehr vollendet, und auch hier macht er sich nun mit  einem g\u00e4nzlich neuen R\u00fcstzeug an die L\u00f6sung der Aufgabe. Da\u00df diese  Aufgabe auch mit den neuerworbenen Mitteln nicht eben einfach zu  bew\u00e4ltigen war, zeigt uns nicht nur die Reihe vorangegangener und  liegengelassener Versuche (KV 442, KV 495a), sondern auch ein Blick auf  das Autograph. Aus dem Nebeneinander von schwarzer und roter Tinte, den  ungew\u00f6hnlich zahlreichen Ver\u00e4nderungen und Korrekturen, die einen recht  komplizierten Arbeitsproze\u00df widerspiegeln, und schlie\u00dflich dem  urspr\u00fcnglichen Titel &#8220;Sonata&#8221; ergibt sich ein beredtes Bild von der  Entstehungsgeschichte des Werkes, das &#8211; wie sich aus all diesen Indizien  mit einiger Schl\u00fcssigkeit vermuten l\u00e4\u00dft &#8211; ebenso wie Mozarts zweites  G-Dur-Klaviertrio (KV 564) wohl urspr\u00fcnglich als Klaviersonate  konzipiert worden sein d\u00fcrfte. <br> <br> Im Kopfsatz (Allegro) ist diese etappenweise Genese gewisserma\u00dfen in  eine Abfolge von Klangfarben sublimiert. Das Klaviersolo des Anfangs  (Vordersatz einer asymmetrischen Periode) wird schon im Nachsatz in  einen ungemein lebendigen Dialog zwischen Geige und Klavier umgestaltet,  der in assoziativer Dichte auf die das Seitenthema vorbereitende  Wechseldominante zustrebt. Auch im Seitensatz, in dem sich \u00fcbrigens die  dezente Unregelm\u00e4\u00dfigkeit des Hauptthemas spiegelbildlich wiederholt  (gemessen an der &#8220;metrischen Norm&#8221; des Sechzehn-Takters hat n\u00e4mlich der  erste Teil des Seitenthemas um genau den einen Takt zuwenig, den der  entsprechende Teil des Hauptthemas zuviel hat), bleibt das Violoncello  v\u00f6llig im Hintergrund. Erst in der Durchf\u00fchrung, die ausschlie\u00dflich das  motivische Material der ersten beiden Takte des Werkes verarbeitet, wird  diese bisher ausgesparte Farbe ins Spiel gebracht und dem Violoncello  eine f\u00fchrende Rolle zugewiesen. Auch hier ist das offenkundigste  Gestaltungsprinzip das der Klangfarbenmischung (zun\u00e4chst Cello\/Klavier,  dann Geige\/Klavier). Die Ver\u00e4nderungen der Reprise gegen\u00fcber der  Exposition sind relativ geringf\u00fcgig, aber so typisch, da\u00df es wert  scheint, sie festzuhalten. Zun\u00e4chst, und das ist die augenf\u00e4lligste  Ver\u00e4nderung, wird das er\u00f6ffnende gro\u00dffl\u00e4chige Klaviersolo durch eine  dialogische Gestalt ersetzt. Das erscheint nur logisch, weil man nach  der Stimmdurchmischung der Durchf\u00fchrung eine Wiederaufnahme der  &#8220;isolierten&#8221; Ausgangsform wohl als R\u00fcckschritt empfinden w\u00fcrde. Sehr  viel spekulativer muten die anderen Ver\u00e4nderungen an: Die oben erw\u00e4hnte  Asymmetrie des Hauptsatzes (17+19 Takte) wird durch einen  intensivierenden Eingriff beseitigt, ohne aber die metrische Anomalie  fallen zu lassen (der Hauptsatz umfa\u00dft in der Reprise 17+17 Takte). Wer  meint, dieser Eingriff sei nur ein (gleichsam zuf\u00e4lliger und  folgenloser) Nebeneffekt der gegen\u00fcber der Exposition ver\u00e4nderten  harmonischen Erfordernisse (Etablierung der Dominante anstelle der  Wechseldominante zur Vorbereitung des Seitensatzes), der wird kurz vor  Schlu\u00df des Satzes eines anderen belehrt: Dort f\u00fcgt Mozart n\u00e4mlich die  &#8220;verlorenen&#8221; zwei Takte wieder ein, in dem er den die Codetta  vorbereitenden Trugschlu\u00df wiederholt. Der sinnlichen Wirkung dieser  letzten, kleinen Ver\u00e4nderung (Verst\u00e4rkung der Schlu\u00dfwirkung) entspricht  also ein kaum unmittelbar h\u00f6rend erfahrbares, sondern nur durch Analyse  nachvollziehbares &#8220;Kalk\u00fcl&#8221;, durch das die \u00e4u\u00dfere Proportion der  Formteile harmonisiert wird. <br> <br> Der zweite Satz (Andante, C-Dur) ist, was die Dichte der motivischen  Arbeit und das ungezwungene Raffinement kontrapunktischen  Einfallsreichtums betrifft, wahrscheinlich der H\u00f6hepunkt in Mozarts  Trioschaffen. An keiner anderen Stelle in seinen Klaviertrios sind die  kompositorischen Fr\u00fcchte der Arbeit an den &#8220;Haydn-Quartetten&#8221; so sicht-  und h\u00f6rbar. Diese N\u00e4he zu den Streichquartetten f\u00fchrt zu einem in der  gesamten Trioliteratur recht vereinzelt dastehenden Befund: Auf weite  Strecken lie\u00dfe sich die Faktur dieses Satzes nahezu eingriffslos f\u00fcr  Quartett \u00fcbertragen. Keimzelle des Satzes ist ein den Raum einer Quint  (mit Umspielung: einer Sext) durchmessendes Skalenfragment &#8211; etwas  schlichteres und anspruchsloseres lie\u00dfe sich wohl kaum mehr finden.  Mozart gelingt es, aus diesem Nichts an Material ein unglaubliches  Wunderwerk von einander sanft ber\u00fchrenden und umschlingenden Linien zu  zaubern. Spielerisch lockert und verdichtet sich dieses Gewebe, bis es  in den Schlu\u00dftakten zu f\u00fcnffacher Engf\u00fchrung verkn\u00fcpft wird &#8211; bei aller  Einfachheit des Ausgangsmaterials nun doch schon wieder eine Art  gordischer Knoten! Gleichsam nebenbei vers\u00e4umt Mozart nicht, dieses  scheinbar frei assoziative Spiel den Formerfordernissen eines  Sonatensatzes anzupassen. Durch diese bei Mittels\u00e4tzen nicht allzu  h\u00e4ufige Form wird der schon in der Motivik pr\u00e4formierte Zusammenhang mit  dem ersten Satz noch verst\u00e4rkt. Dieser Konnex entspricht etwa jenem  zwischen dem zweiten und dritten Satz von KV 502, und \u00e4hnlich wie dort  begegnet Mozart der immanenten Gefahr formaler Monotonie durch die  Verwendung zweier sehr unterschiedlicher Spielarten des gleichen  Formschemas (radikale Monothematik des zweiten gegen die ausgepr\u00e4gte  Bithematik des ersten Satzes). <br> <br> Die Finalvariationen (Allegretto) basieren auf einer sehr schlichten und  rustikal anmutenden Gavotte, deren einzige &#8220;Komplikation&#8221; eine Serie  von Quint-Sext- und Sekundakkorden \u00fcber einem chromatisch fallenden Ba\u00df  (Anfang der zweiten Themenh\u00e4lfte) darstellt. Die ersten drei Variationen  folgen dem altvertrauten figurierenden Schema. Auff\u00e4llig ist zun\u00e4chst  nur, da\u00df auf eine Klavier- und eine Geigenvariation wieder eine Klavier-  und nicht die erwartete Cellovariation folgt. Mit der vierten Variation  l\u00f6st sich dieses R\u00e4tsel, freilich nur, um noch viel schwierigere an  seine Stelle zu setzen. Der unvermittelte, r\u00fccksichtslose \u00dcbergang vom  unverbindlich freundlichen Plauderton der vorhergehenden Variation zu  dem ersch\u00fctternden Todesernst dieser Mollvariation hat in der gesamten  Musikliteratur kaum eine Parallele. Auch die Klang- und Rollenverteilung  zwischen den Instrumenten ist ungew\u00f6hnlich. Nach Mozarts ausdr\u00fccklicher  Anweisung \u00fcbernimmt das Cello mit seiner Ba\u00dflinie die F\u00fchrung. Diese  Ba\u00dflinie hat jedoch nichts mehr von der springenden Gutm\u00fctigkeit des  Tanzbasses, sondern sie bewegt sich, beklommen und beklemmend, in  qu\u00e4lenden Intervallen und in monotoner Viertelbewegung dahin, w\u00e4hrend  das Klavier zaghafte und kurzatmige Fragen fl\u00fcstert, die in der Geige  nur von einem matten, sich immer wiederholenden und schlie\u00dflich kraftlos  niedersinkenden Seufzermotiv beantwortet werden. Es nimmt nicht wunder,  da\u00df ein so expressives und kompromi\u00dfloses Tonbild auch den vom Thema  vorgegebenen formalen Rahmen sprengen mu\u00df. W\u00e4hrend die erste  Themenh\u00e4lfte auch in diesem d\u00fcsteren Licht noch als ein ferner Schatten  erahnbar bleibt, ist der zweite Teil des Themas bis zur v\u00f6lligen  Unkenntlichkeit verfremdet. F\u00fcr den stummen Schmerz der ganzen Stelle  bezeichnend ist die Tatsache, da\u00df gerade jene andeutungsweise  &#8220;Komplikation&#8221; im Thema, von der zu Beginn die Rede war, in die  Wortlosigkeit verbannt wird: An der entsprechenden Stelle verstummen die  ostinaten Streicherstimmen, und das Klavier bleibt mit einer tonlos  wiederholten Frage allein zur\u00fcck. Die hier eingesetzten Ausdrucksmittel  und Tongestalten sind in ihrer Summe so erdr\u00fcckend, das Licht so fahl  und erschreckend, da\u00df man sich unwillk\u00fcrlich in die Menschheitsd\u00e4mmerung  des Expressionsimus versetzt f\u00fchlt. Nur der dicke Panzer \u00fcberkommener  H\u00f6r- und Spielgewohnheiten k\u00f6nnte uns in der Illusion ungebrochener  &#8220;Klassizit\u00e4t&#8221; \u00fcber diese Stelle hinwegtragen. Die Schlu\u00dfwendung der  Variation entl\u00e4\u00dft uns wie nach schwerem Traum wieder ins heimatliche  G-Dur. Aber hier scheint zun\u00e4chst alles ver\u00e4ndert: Die ganze f\u00fcnfte  Variation (Adagio) ist nichts als ein z\u00f6gerndes und tastendes  Wiedererinnern und Wiederfinden. Schlie\u00dflich w\u00e4hnen wir uns genesen, und  einige kadenzierende Takte f\u00fchren uns zuversichtlich zur  Schlu\u00dfvariation (Primo tempo). Man meint, wieder festen Tanzboden unter  den F\u00fcssen gewonnen zu haben, und die alte, naive Gavotte schickt sich  an, das letzte Wort zu behalten. Alles gibt sich gel\u00f6st und gl\u00fccklich,  da erscheint pl\u00f6tzlich das Gespenst der Mollvariation, mit dem  allernotd\u00fcrftigsten und durchscheinenden Umhang aus Dur bedeckt, wieder.  Der Vorgang ist so unerh\u00f6rt und unerwartet, da\u00df man weder die Fassung  noch die Zeit findet, ihn in seiner ganzen Tragweite wahrzunehmen, denn  schon vertreibt ein gl\u00e4ubiges &#8220;Non confundar!&#8221; in einer letzten und  \u00e4u\u00dfersten Willensanstrengung (mit einer direkt von H\u00e4ndel herkommenden  Geste) den bedrohlichen Schatten. Licht und Hoffnung scheinen den Sieg  davongetragen zu haben &#8211; und dennoch mu\u00df die letzte Frage dieses Satzes  unbeantwortet bleiben. <br><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\">\u00a9 by Claus-Christian Schuster<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wolfgang Amadeus Mozart * 27. J\u00e4nner 1756\u2020 05. Dezember 1791 Trio (Sonata) G-Dur KV 496 Komponiert: Wien (Domgasse 5), beendet am 8. Juli 1786 Urauff\u00fchrung: nicht dokumentiert Erstausgabe: Hoffmeister, Wien 1787 Mozarts kammermusikalisches Schaffen tritt um die Jahreswende 1784\/85 in eine neue Phase. 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