{"id":517,"date":"2019-02-13T17:14:48","date_gmt":"2019-02-13T16:14:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www2.altenbergtrio.at\/?p=517"},"modified":"2019-02-13T17:14:52","modified_gmt":"2019-02-13T16:14:52","slug":"mendelssohn-trio-fuer-pianoforte-violine-und-violoncell-nr-1-d-moll-op-49","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/mendelssohn-trio-fuer-pianoforte-violine-und-violoncell-nr-1-d-moll-op-49\/","title":{"rendered":"Mendelssohn: Trio f\u00fcr Pianoforte, Violine und Violoncell [Nr.1], d-moll, op.49"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Felix Mendelssohn<\/h3>\n\n\n\n<p>* 03. Februar 1809<br>\u2020 04. November 1847<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Trio f\u00fcr Pianoforte, Violine und Violoncell [Nr.1], d-moll, op.49<\/h3>\n\n\n\n<table class=\"wp-block-table\"><tbody><tr><td>Komponiert:<\/td><td>Leipzig und Frankfurt am Main, Februar bis September 1839<\/td><\/tr><tr><td>Urauff\u00fchrung:<\/td><td>Leipzig, Gewandhaus, 1. Februar 1840 <br>\n(Zweite Musikalische Abendunterhaltung)<br>\nFelix Mendelssohn, Klavier<br>\nFerdinand David (1810-1873), Violine<br>\nCarl Wittmann (1810-1860), Violoncello<br>\n<\/td><\/tr><tr><td>Erstausgabe:<\/td><td>Breitkopf &amp; H\u00e4rtel, Leipzig, April 1840<\/td><\/tr><\/tbody><\/table>\n\n\n\n<p>Ganz zu Beginn und ganz am Ende des Planes und der Ausf\u00fchrung von  Mendelssohns erstem Klaviertrio (dem schon 1820 ein bis 1970 ungedruckt  gebliebenes Trio f\u00fcr Klavier, Violine und Viola vorausgegangen war)  finden wir Mendelssohns Freund Ferdinand Hiller (1811-1885). Von Hiller  waren schon 1836 drei Klaviertrios (op.6 \u2013 8) erschienen, die Schumann  auf sehr launige Weise rezensiert hatte. Im August 1838 schreibt  Mendelssohn seinem in Italien weilenden Freund en passant von seiner  Absicht, \u201en\u00e4chstens ein paar Trios zu schreiben\u201c. Der Plan wurde weder  so rasch noch auch in diesem Umfang ausgef\u00fchrt \u2013 aber am 23. September  1839 beendet Mendelssohn in Leipzig die erste Reinschrift des zum  Gro\u00dfteil im Sommer in Frankfurt komponierten Werkes. Im Dezember kommt  Hiller nach dem Tod seiner Mutter auf Felix\u00b4 Einladung nach Leipzig, wo  er zun\u00e4chst zwei Wochen lang Gast im Hause Mendelssohn ist, um dann in  der ehemaligen Junggesellenwohnung seines Freundes \u201ein Reichel\u00b4s Garten\u201c  Quartier zu beziehen. \u00dcber diesen Aufenthalt berichtet Hiller in seinen  1874 erschienenen Mendelssohn-Erinnerungen unter anderem:<br> <br> Mendelssohn hatte gerade sein gro\u00dfes Trio in D-moll beendigt; er lie\u00df es  mich h\u00f6ren. Gewaltig impressionirte mich das Feuer und Leben, der Flu\u00df,  die Meisterschaft in einem Wort, die sich in jedem Tact geltend macht.  Doch hatte ich ein kleines Bedenken. Gewisse Clavierfiguren, namentlich  die auf gebrochenen Accorden beruhenden, erschienen mir \u2013 etwas  altmodisch, um es gerade heraus zu sagen. Ich hatte mehrere Jahre in  Paris mit Liszt, fast t\u00e4glich mit Chopin verkehrt und der pianistische  Erfindungsreichthum der neueren Zeit war mir zur Gewohnheit geworden.  Als ich Mendelssohn in diesem Sinne einige Bemerkungen machte, einige  \u00c4nderungen vorschlug, wollte er anf\u00e4nglich nichts davon wissen. \u201eGlaubst  Du, da\u00df die Sache dadurch irgend besser werde\u201c, sagte er, \u201edas St\u00fcck  bleibe was es ist und so mag es auch bleiben wie es ist.\u201c \u2013 \u201eDu hast mir  ja oft gesagt und durch die That bewiesen,\u201c erwiederte ich, \u201eda\u00df der  kleinste Pinselstrich nicht verschm\u00e4ht werden d\u00fcrfe, der zur Vollendung  des Ganzen beitr\u00e4gt. Wenn eine ungew\u00f6hnliche Form eines Arpeggio\u00b4s die  Harmonie nicht verbessert, so verschlechtert sie auch nichts \u2013 und f\u00fcr  den Pianisten, als solchen, wird\u00b4s interessanter.\u201c Wir beriethen,  probirten am Clavier hin und wieder und ich hatte den kleinen Triumph,  Mendelssohn f\u00fcr meine Ansicht schlie\u00dflich zu gewinnen. Ernst und  gewissenhaft, wie er Alles nahm, was er einmal erfa\u00dft, unterzog er sich  der langwierigen, um nicht zu sagen langweiligen Arbeit, die ganze  Clavierstimme noch einmal aufzuschreiben. Als ich ihn eines Tages daran  arbeitend fand, spielte er mir eine Stelle vor, die er in der Weise, wie  ich sie ihm am Clavier vorgeschlagen, aufgenommen. \u201eDie soll zur  Erinnerung an Dich bleiben,\u201c rief er aus. Und als er sp\u00e4ter das Werk in  einer Kammermusik mit seinem unvergleichlichen Feuer gespielt und das  Publicum damit hingerissen hatte, sagte er: \u201eIch habe meinen Spa\u00df an dem  St\u00fcck; es ist ordentliche Musik und die Pianisten werden es gern  spielen, weil sie doch auch damit zeigen k\u00f6nnen.\u201c Und so geschah\u00b4s.<br> <br> Tatsache ist, da\u00df die im September 1839 beendete Reinschrift in Details  ganz erheblich von der im April 1840 erschienenen Erstausgabe des Trios  abweicht. Das Erscheinen des Werkes begr\u00fc\u00dfte Schumann mit einer seiner  sch\u00f6nsten Rezensionen:<br> <br> \u201eEs bleibt noch \u00fcbrig, \u00fcber Mendelssohns Trio etwas zu sagen \u2013 Weniges  nur, da es sich gewi\u00df schon in aller H\u00e4nden befindet. Es ist das  Meistertrio der Gegenwart, wie es ihrer Zeit die von Beethoven in B und  D, das von Franz Schubert in Es waren; eine gar sch\u00f6ne Komposition, die  nach Jahren noch Enkel und Urenkel erfreuen wird. Der Sturm der letzten  Jahre f\u00e4ngt allm\u00e4hlich sich zu legen an und, gestehen wir es, hat schon  manche Perle ans Ufer geworfen. Mendelssohn, obschon weniger als andere  von ihm gepackt, bleibt doch immer auch ein Sohn der Zeit, hat auch  ringen m\u00fcssen, hat es auch oft anh\u00f6ren m\u00fcssen, das Geschw\u00e4tz einiger  bornierter Schriftsteller: \u201edie eigentliche Bl\u00fctenzeit der Musik sei  hinter uns\u201c, und hat sich emporgerungen, da\u00df wir es wohl sagen d\u00fcrfen:  er ist der Mozart des neunzehnten Jahrhunderts, der hellste Musiker, der  die Widerspr\u00fcche der Zeit am klarsten durchschaut und zuerst vers\u00f6hnt.  Und er wird auch nicht der letzte K\u00fcnstler sein. Nach Mozart kam ein  Beethoven; dem neuen Mozart wird ein neuer Beethoven folgen, ja er ist  vielleicht schon geboren. Was soll ich noch \u00fcber dieses Trio sagen, was  sich nicht jeder, der es schon geh\u00f6rt, schon selbst gesagt? Am  gl\u00fccklichsten freilich, die es vom Sch\u00f6pfer selbst geh\u00f6rt. Denn wenn es  auch k\u00fchnere Virtuosen geben mag, in so zauberischer Frische wei\u00df kaum  ein anderer Mendelssohns Werk wiederzugeben, als er selbst. Es schrecke  dies niemanden ab, das Trio auch zu spielen; es hat sogar im Vergleich  zu andern, wie z. B. zu den Schuberts, weniger Schwierigkeiten, wie denn  diese bei Kunstwerken ersten Ranges mit der Wirkung immer im  Verh\u00e4ltnisse stehen, und je gr\u00f6\u00dfer jene, je gesteigerter diese ist. Da\u00df  das Trio \u00fcbrigens keines f\u00fcr den Klavierspieler allein ist, da\u00df auch die  andern lebendig einzugreifen haben und auf Genu\u00df und Dank rechnen  k\u00f6nnen, braucht kaum einer Erw\u00e4hnung. So wirke denn das neue Werk nach  allen Seiten, wie es soll, und sei uns ein neues Zeugnis der Kunstkraft  seines Sch\u00f6pfers, die jetzt beinahe in ihrer h\u00f6chsten Bl\u00fcte zu stehen  scheint.<br> <br> Um dieses Echo richtig w\u00fcrdigen zu k\u00f6nnen, transponiere man \u2013 als  Gedankenexperiment \u2013 einmal die zeitlichen Abst\u00e4nde zwischen Rezensent,  rezensiertem Komponisten und den als Vergleichsgr\u00f6\u00dfen herangezogenen  Meistern aus dem Jahre 1840 in das Jahr 2001: Da schriebe also heute ein  1971 geborener Komponist (in einer von ihm selbst geleiteten,  florierenden Musikzeitschrift) \u00fcber das soeben erschienene Werk seines  um ein Jahr \u00e4lteren Kollegen; darf ganz ohne Koketterie annehmen, da\u00df  die meisten seiner Leser das Werk schon kennen; setzt es in Beziehung zu  den von allen gekannten und geliebten Werken fraglos anerkannter  Meister der j\u00fcngsten Vergangenheit (Jahrg\u00e4nge 1931 und 1958) \u2013 Werken,  die in den Jahren 1970, 1977 und 1989 das erste Mal gedruckt wurden; und  wagt eine (sich sp\u00e4ter herrlich bewahrheitende) Prophezeiung \u00fcber einen  kommenden Meister, der heute gerade sieben Jahre alt ist&#8230; F\u00e4llt es da  nicht ein wenig schwer, sich aufrichtig dar\u00fcber zu freuen, wenn heute  einem siebzigj\u00e4hrigen Komponisten durch die Gunst eines ambitionierten  Starinterpreten endlich der \u201eDurchbruch\u201c gelingt \u2013 ein Durchbruch, der  sich meistens nur in einem konjunkturf\u00f6rdernden Kursanstieg auf dem  Konzert- und Medienmarkt, kaum je in verbreiteter und vertiefter  Kenntnis des entdeckten Werkes niederschl\u00e4gt?<br> <br> Ein halbes Jahr nachdem Mendelssohn Hiller von seinen Triopl\u00e4nen  berichtet hatte, konnte er Moscheles den Beginn der Arbeit melden (Brief  vom 27. Februar 1839). Etwa gleichzeitig wurde die Komposition der  monumentalen Sinfonie-Cantate \u201eLobgesang\u201c (2. Symphonie, B-Dur, op.52)  in Angriff genommen. So ist es nicht verwunderlich, da\u00df bei Mendelssohns  Abreise nach Frankfurt (24. April) das Klaviertrio noch nicht sehr weit  gediehen war. <br> Der Aufenthalt in Frankfurt ist aber in diesem Jahr besonders angenehm und produktiv:<br> <br> \u201e&#8230;mir  ist gar zu wohl, hier im sch\u00f6nen Lande. Diese Sommermonate, die ich  jetzt in Frankfurt zubrachte, haben mich wahrhaft erquickt; den Morgen  gearbeitet, dann gebadet oder gezeichnet, nachmittags Orgel oder Klavier  gespielt, dann in den Wald gegangen und in Gesellschaft oder nach Haus,  wo die h\u00fcbscheste Gesellschaft war \u2013 daraus bestand mein lustiges  Leben, und zu all dem die pr\u00e4chtigen Sommertage, die in einer  ununterbrochenen Reihe folgten&#8230;\u201c<br> (an Karl Klingemann, 1. August 1839)<br> <br> Bei solchen Arbeistbedingungen \u00fcberrascht es nicht, da\u00df er schon am 3.  Juli seiner Mutter mitteilen kann, das Trio sei beendigt. Da\u00df diese  Mitteilung allerdings noch nicht den endg\u00fcltigen Abschlu\u00df der  Komposition bedeutete, wissen wir aus dem oben Angef\u00fchrten.<br> <br> Das Werk eroberte sich schon bald nach seiner Leipziger Urauff\u00fchrung  einen Ehrenplatz in der Trioliteratur; Mendelssohn selbst f\u00fchrte es in  England ein, von wo es rasch seinen Siegeszug bis nach Amerika antrat.  Noch heute z\u00e4hlt es zu den meistgespielten (und meist eingespielten)  Kompositionen des gesamten Kammermusikrepertoires.<br> <br> Der Kopfsatz (Molto Allegro agitato) stellt die vielleicht vollkommenste  Synthese von klassischer Formbeherrschung und romantischer Diktion dar,  die uns die Musikgeschichte zu bieten hat. H\u00e4tte es noch eines Beweises  bedurft, da\u00df Gl\u00e4tte der Form und Dichte des Inhalts nicht unvereinbar  sind, hier liegt er vor uns. Das kristalline Ebenma\u00df und die ideale  Ausgewogenheit dieses Sonatensatzes par excellence behindern nirgends  das freie Ausschwingen der von edler Leidenschaft und tiefer Innigkeit  gepr\u00e4gten musikalischen Gedanken. Wenn man gewohnt ist, die Geschichte  der musikalischen Stile und Idiome als ein dialektisches Kr\u00e4ftespiel  widerstreitender Prinzipien zu begreifen, so k\u00f6nnte einen die restlose  Vollkommenheit dieses Satzes f\u00fcr einen Augenblick der Illusion erliegen  lassen, er sei in einem diesem Kampf entzogenen Raum, au\u00dferhalb des  Flusses der Musikgeschichte entstanden. (Ein unscheinbares Detail wie  die Feststellung, da\u00df Harmoniefolge und melodischer Ductus des Incipits  mit jenem des 1832 ver\u00f6ffentlichten Schubert-Lied \u201eFahrt zum Hades\u201c [D  526, \u00fcbrigens ebenfalls in d-moll] \u00fcbereinstimmen, f\u00e4llt daneben gar  nicht ins Gewicht.) <br> <br> Als Mendelssohns englischer Verleger den Komponisten \u2013 den Bed\u00fcrfnissen  des dortigen Marktes entsprechend, dessen Vorlieben sich seit Haydns  Zeiten offenbar nur unwesentlich ge\u00e4ndert hatten \u2013 um ein Arrangement  des Trios mit Fl\u00f6te statt Geige ersuchte, schlug dieser ihm vor \u201ein  dieser Form vorl\u00e4ufig nur das Andante und Scherzo erscheinen zu lassen  [&#8230;], weil mir das erste und letzte St\u00fcck zu schwer und zu dick f\u00fcr  solch ein Arrangement scheinen.\u201c (Brief an Ignaz Moscheles, 21. M\u00e4rz  1840). In der Tat sind die beiden Mittels\u00e4tze des Werkes aus ganz  anderem, viel leichterem Material gewebt als die Ecks\u00e4tze. <br> Der zweite Satz (Andante con moto tranquillo, B-Dur), der in Textur und  Charakter an die Lieder ohne Worte gemahnt (allen voran wohl an das f\u00fcnf  Jahre sp\u00e4ter geschriebene und Clara Schumann gewidmete in G-Dur, op.62  Nr.1), ist aber deswegen durchaus kein \u201eleichtgewichtiges\u201c St\u00fcck. Auch  sprengt die Weite der Anlage mit dem flehentlich inbr\u00fcnstigen  Minore-Mittelteil den in den Liedern ohne Worte gewahrten Rahmen bei  weitem. Nur am Rande, und ganz ohne das unter Reminiszenzen-J\u00e4gern  \u00fcbliche Halali, sei noch vermerkt, da\u00df der Satz gewisserma\u00dfen von  hochadliger Abstammung ist: Mendelssohn erinnert sich hier  (wahrscheinlich unbewu\u00dft) an den langsamen Satz (Adagio cantabile,  As-Dur) aus Beethovens C-moll-Violinsonate op.30 Nr.2. Ohne je w\u00f6rtlich  zu zitieren, beschw\u00f6rt er Duktus und Gestik dieses gro\u00dfen Vorbildes \u2013  und bleibt doch ganz er selbst. <br> <br> Einem Gebiet, das vor Mendelssohn kaum jemand betreten hatte, und dessen  Herrschaft ihm bis heute auch niemand streitig machen kann, entstammt  das Scherzo (Leggiero e vivace, D-Dur). Ob das Intermezzo aus Hillers  Klavierquartett op.1, in dem der Autor meinte, den Elfenton das erste  Mal angeschlagen zu haben, wirklich unabh\u00e4ngig von den sicher davor  entstandenen Werken Mendelssohns niedergeschrieben wurde oder nicht,  spielt dabei keine Rolle: Seit der Concert-Ouverture zu Shakespeares  \u201eSommernachtstraum\u201c op.21, mit der der siebzehnj\u00e4hrige Felix die Welt  verzauberte, wird sein Name (allzu ausschlie\u00dflich) mit der  unnachahmlichen Delikatesse seiner Elfen-Scherzi verbunden. Dabei waren  dieser Ouverture schon vier gro\u00dfartige Gestaltungen des selben Topos  vorausgegangen \u2013 das Rondo capriccioso op.14 und der dritte Satz des  Klavierquartetts op.3 (beides 1824), das Capriccio op.5 und der dritte  Satz des Oktetts op.20 (beides 1825); unter denen, die ihr folgen  sollten, ist das Scherzo unseres Trios aber wohl das vollkommenste.   Mendelssohn verzichtet hier \u2013 vielleicht mit Blick auf die  Dreiteiligkeit des vorangegangenen Satzes \u2013 auf die traditionelle  dreiteilige Scherzoform und w\u00e4hlt an ihrer Stelle eine zwar  miniaturhafte, aber voll ausgepr\u00e4gte monothematische  Sonatenhauptsatzform.<br> <br> Worauf die seit vielen Jahrzehnten durch die einschl\u00e4gige Literatur  geisternde Meinung beruht, das Finale (Allegro assai appassionato) sei  ein Rondo, l\u00e4\u00dft sich wohl nicht mehr feststellen. Wenn man aber einmal  davon absieht, da\u00df sich fast jeder entwickelte Sonatenhauptsatz mit  einiger Anstrengung auch als \u201eeine Art Rondo\u201c betrachten l\u00e4\u00dft, so gibt  es hier f\u00fcr eine solche Lesart keine triftigen Gr\u00fcnde ( \u2013 es sei denn,  die gymnastischen Verrenkungen, die zur Aufrechterhaltung dieser  Perspektive notwendig sind, verfolgten einen therapeutischen Zweck).  Dieser Satz ist nicht nur ebenso \u201eschwer\u201c und \u201edick\u201c wie der erste, er  folgt auch dem selben Formprinzip, nur eben in v\u00f6llig gegens\u00e4tzlicher  Auspr\u00e4gung. Alles, was im Kopfsatz Ebenma\u00df und Symmetrie war, wird hier  Irritation und Verschiebung. Ein Musterbeispiel dieser Strategie ist  schon das Hauptthema: Es beginnt mit dem Vordersatz einer achttaktigen  Periode, der die gewisse Erwartung einer regelm\u00e4\u00dfigen Fortsetzung weckt;  aber der Nachsatz wird durch Verz\u00f6gerung und Dehnung zun\u00e4chst von vier  auf acht, und dann sogar noch einmal zus\u00e4tzlich auf sechzehn Takte  gedehnt, so da\u00df zuletzt anstelle des klassischen Themas aus 4+4 ein  romantisches Phantasiegebilde von 4+24 Takten vor uns steht. Und in  dieser Weise geht es weiter: Gegen die sofort einsetzenden  Durchf\u00fchrungsst\u00fcrme vermag sich das Seitenthema (in F-Dur) kaum  durchzusetzen, und auch zwischen dieses und die Schlu\u00dfgruppe dr\u00e4ngen  sich die Wogen, die dem Hauptthema zusetzen. Da auf diese Weise die  Arbeit der Durchf\u00fchrung schon verrichtet ist, bevor die ihr zugedachte  Stelle \u00fcberhaupt erst erreicht ist, ersetzt Mendelssohn sie kurzerhand  durch einige stellvertretende Takte, auf die dann sofort der Beginn der  Reprise folgt. Hier nun wird der tiefere Sinn der eigenartigen Dehnung  des Hauptthemas klar: die letzte dieser Verz\u00f6gerungen bietet jetzt Raum  f\u00fcr ein versp\u00e4tetes Durchf\u00fchrungsthema in B-Dur (aus der  Rondoperspektive betrachtet w\u00e4re das wohl die \u201ezweite Episode\u201c), das in  Gewicht und Ausf\u00fchrung dem nach allen Anstrengungen kurzatmigen  Seitenthema m\u00fchelos den Rang abl\u00e4uft. Die Fortsetzung der Reprise nach  dieser willkommenen Unterbrechung bietet noch einige zus\u00e4tzliche  Komplikationen; vor allem hat das entmachtete Seitenthema nicht mehr die  Kraft, den Bann der Mollumklammerung zu brechen, so da\u00df schlie\u00dflich das  Durchf\u00fchrungsthema als Sieger einzieht und mit unwiderstehlicher Kraft  die befreiende (und von einem Meisterregisseur inszenierte)  Schlu\u00dfmodulation (B-Dur \u2013 D-Dur) vollzieht, wonach dem Freudentaumel und  Jubel der Stretta nichts mehr im Wege steht.<br> <br> Selten finden wir den selbstkritischen Meister so wohlgef\u00e4llig auf sein  Werk blicken, wie nach der Vollendung dieses Trios. Noch vor der von  Hiller angeregten \u00dcberarbeitung schreibt er an Ignaz Moscheles:<br> <br> \u201eMein Trio zeigte ich Dir gar zu gern, es ist mir sehr ans Herz  gewachsen, und ich bilde mir gewi\u00df ein, Du w\u00fcrdest mit Manchem darin  zufrieden sein&#8230;\u201c<br> (Leipzig, 30. November 1839)<br> <br> Zwei Wochen nach der Urauff\u00fchrung berichtet er dann seinem Freunde Karl Klingemann nach London:<br> <br> \u201eGott, wie gern spielte ich Dir das vor; es w\u00fcrde Dir gewi\u00df Vergn\u00fcgen  machen; und nun wird\u00b4s bald erscheinen, und wenn Du\u00b4s da, wer wei\u00df wie,  wer wei\u00df wo, und wer wei\u00df von wem zum ersten Male h\u00f6rst, so macht Dir\u00b4s  vielleicht nicht halb das Pl\u00e4sir, das gewi\u00df w\u00e4re, wenn Du neben mir  s\u00e4\u00dfest, in die Partitur gucktest, und ich auch nur die anderen  Instrumente brummte&#8230;\u201c<br> (Leipzig, 16. Februar 1840)<br> <br> Und wer g\u00e4be nicht alle acht- und denkbaren Auff\u00fchrungen des Trios f\u00fcr  das schlichte Pl\u00e4sir, neben Mendelssohn sitzend ihn selbst spielen und  brummen zu h\u00f6ren?<br><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\">\u00a9 by Claus-Christian Schuster<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Felix Mendelssohn * 03. Februar 1809\u2020 04. November 1847 Trio f\u00fcr Pianoforte, Violine und Violoncell [Nr.1], d-moll, op.49 Komponiert: Leipzig und Frankfurt am Main, Februar bis September 1839 Urauff\u00fchrung: Leipzig, Gewandhaus, 1. Februar 1840 (Zweite Musikalische Abendunterhaltung) Felix Mendelssohn, Klavier Ferdinand David (1810-1873), Violine Carl Wittmann (1810-1860), Violoncello Erstausgabe: Breitkopf &amp; H\u00e4rtel, Leipzig, April 1840 [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":{"0":"post-517","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","6":"category-klaviertrios-klavier-violine-und-violoncello","7":"entry"},"translation":{"provider":"WPGlobus","version":"3.0.1","language":"en","enabled_languages":["de","en"],"languages":{"de":{"title":true,"content":true,"excerpt":false},"en":{"title":false,"content":false,"excerpt":false}}},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/517","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=517"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/517\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":518,"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/517\/revisions\/518"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=517"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=517"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=517"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}