{"id":515,"date":"2019-02-13T17:13:44","date_gmt":"2019-02-13T16:13:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www2.altenbergtrio.at\/?p=515"},"modified":"2019-02-13T17:13:51","modified_gmt":"2019-02-13T16:13:51","slug":"mendelssohn-fanny-trio-fuer-pianoforte-violine-und-violoncell-d-moll-op-11","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/mendelssohn-fanny-trio-fuer-pianoforte-violine-und-violoncell-d-moll-op-11\/","title":{"rendered":"Mendelssohn Fanny: Trio f\u00fcr Pianoforte, Violine und Violoncell, d-moll, op.11"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Fanny Mendelssohn<\/h3>\n\n\n\n<p>* 14. November 1805<br>\u2020 14. Mai 1847<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Trio f\u00fcr Pianoforte, Violine und Violoncell, d-moll, op.11<\/h3>\n\n\n\n<table class=\"wp-block-table\"><tbody><tr><td>Komponiert:<\/td><td>Berlin, Dezember 1846 &#8211; M\u00e4rz 1847<\/td><\/tr><tr><td>Urauff\u00fchrung:<\/td><td>Berlin (Leipziger Stra\u00dfe 3), 11. April 1847<br>\nFanny Mendelssohn(-Hensel), Klavier<br>\n?, Violine<br>\n?, Violoncello<\/td><\/tr><tr><td>Erstausgabe:<\/td><td>Breitkopf &amp; H\u00e4rtel, Leipzig, 1850 (Nr. 4 der nachgelassenen Werke)<\/td><\/tr><\/tbody><\/table>\n\n\n\n<p>\u201eIch habe nachgedacht, wie ich eigentlich gar nicht excentrische oder  hypersentimentale Person zu der weichlichen Schreibart komme? Ich  glaube, es kommt daher, da\u00df wir gerade mit Beethovens letzter Zeit jung  waren, u. dessen Art u. Weise, wie billig, sehr in uns aufgenommen  haben, u. die ist doch gar zu r\u00fchrend u. eindringlich. Du hast das  durchgelebt u. durchgeschrieben, u. ich bin drin stecken geblieben, aber  ohne die Kraft, durch die Weichheit allein bestehn kann u. soll. Daher  glaube ich auch, hast Du nicht den rechten Punkt \u00fcber mich getroffen  oder ausgesprochen. Es ist nicht sowohl die Schreibart an der es fehlt,  als ein gewisses Lebensprinzip, u. diesem Mangel zufolge sterben meine  l\u00e4ngern Sachen in ihrer Jugend an Altersschw\u00e4che, es fehlt mir die  Kraft, die Gedanken geh\u00f6rig festzuhalten, ihnen die n\u00f6tige Consistenz zu  geben. Daher gelingen mir am besten Lieder, wozu nur allenfalls ein  h\u00fcbscher Einfall ohne viel Kraft der Durchf\u00fchrung geh\u00f6rt&#8230;\u201c<br> <br> Diese illusionslose Selbstkritik findet sich in einem Brief, den Fanny  am 17. Februar 1835 ihrem Bruder Felix schrieb \u2013 nach der Niederschrift  ihrer bis dahin bedeutendsten Kammermusikkomposition, eines  Streichquartetts in Es-Dur. Erst zw\u00f6lf Jahre sp\u00e4ter sollte sie sich mit  ihrer letzten gro\u00dfen Komposition, dem Klaviertrio in d-moll, wieder auf  das Gebiet der Kammermusik wagen. Die Schonungslosigkeit dieses allzuoft  zitierten Urteils hat der Verkennung der Komponistin Fanny Mendelssohn  ebenso Vorschub geleistet, wie sie die Bewunderung f\u00fcr ihre Person  gef\u00f6rdert hat. Fannys in mancherlei Hinsicht berechtigter Eigentadel  l\u00e4\u00dft sich schwer entkr\u00e4ften. Da\u00df aber trotz der auf solche hellsichtige  Selbstanalyse folgenden Anstrengungen und der daraus resultierenden  bemerkenswerten Fortschritte auch das posthum ver\u00f6ffentlichte  Klaviertrio die von der Komponistin konstatierten Schw\u00e4chen noch  erkennen l\u00e4\u00dft, hat zu viele und zu verschieden Gr\u00fcnde, um sie schlag-  und stichwortartig abzutun. Ohne Zweifel geh\u00f6rt die Fanny zugedachte  (und von ihr durchaus nicht widerstrebend angenommene) Rolle als Ehefrau  und Mutter, zu den gewichtigsten dieser Gr\u00fcnde. Aber es hie\u00dfe doch, die  faszinierende Vielschichtigkeit und Widerspr\u00fcchlichkeit eines zutiefst  sch\u00f6pferischen Menschen \u2013 und ein solcher war Fanny Mendelssohn ganz  gewi\u00df \u2013 allzu sehr zu vereinfachen, wenn man in der gesellschaftlich  sanktionierten Einengung und Beschr\u00e4nkung der Frau die einzige Erkl\u00e4rung  f\u00fcr den offensichtlichen Widerspruch zwischen M\u00f6glichem und Erreichtem  in ihrem Werk sucht. Das seit einigen Jahren neu erwachte Interesse an  Leben und Werk dieser beeindruckenden Pers\u00f6nlichkeit hat bewirkt, da\u00df  vor unseren Augen ein vollst\u00e4ndigeres und facettenreicheres Bild von  Fanny Mendelssohn entsteht, als sich die g\u00f6nnerhafte Herablassung der  m\u00e4nnlichen und die militante Bitterkeit der weiblichen  Musikgeschichtsschreibung je ertr\u00e4umen hat lassen.<br> <br> Selbstverst\u00e4ndlich spielte in Fannys musikalischer Entwicklung ihre  Verh\u00e4ltnis zu ihrem etwas mehr als drei Jahre j\u00fcngeren Bruder Felix die  zentrale Rolle. Zun\u00e4chst sein geliebtes Vorbild, wurde sie sehr bald zu  seiner gl\u00fchendsten Bewunderin, blieb aber dabei immer seine  einflu\u00dfreichste Ratgeberin und Kritikerin \u2013 und ohne Zweifel die  wichtigste Person in seinem Leben. Der Wettstreit zwischen den  Geschwistern, etwa bei der Komposition von Klavierquartetten (1821\/22),  war sicher anspornend und f\u00f6rderlich, er brachte aber auch (und wohl  unabh\u00e4ngig von Fannys Benachteiligung durch die Konvention) die  Verschiedenartigkeit ihrer Veranlagungen zutage: Einem ersten und  unvollendet gebliebenen Versuch von Felix (d-moll, 1821) folgt Fanny mit  ihrem Klavierquartett in As-Dur, \u00fcber dem sie 1822 sieben Monate lang  br\u00fctet, w\u00e4hrend Felix, wohl durch die Schwester animiert, sein Opus 1  (c-moll) in etwas mehr als drei Wochen zu Papier bringt (die eigentliche  Kompositionsarbeit beansprucht ihn gar nur elf Tage hindurch). Kein  Wunder, da\u00df Fannys Selbsteinsch\u00e4tzung bald unverkennbare Z\u00fcge von  vorauseilendem Gehorsam gegen\u00fcber den sozialen Spielregeln ihrer Zeit  aufweist. Schon der ber\u00fcchtigte Brief des Vaters an die F\u00fcnfzehnj\u00e4hrige  (\u201eDie Musik wird f\u00fcr ihn [Felix] vielleicht Beruf, w\u00e4hrend sie f\u00fcr Dich  stets nur Zierde, niemals Grundba\u00df Deines Seins und Thuns werden kann  und soll&#8230;\u201c, Paris, 16.\/18. Juli 1820) richtet sich nicht an ein  revoltierendes Kind, sondern an eine Tochter, von deren \u201eEinsicht\u201c und  Gehorsam der Schreiber zu Recht \u00fcberzeugt sein darf.<br> <br> Vor diesem Hintergrund ist die Beharrlichkeit, mit der Fanny ihrer  inneren Berufung treu blieb, umso bewundernswerter. Doch um die  resignativen T\u00f6ne, die den selbstkritischen Brief von 1835 beherrschen,  zu vertreiben, bedurfte es eines \u201eErlebnisses\u201c \u2013 die diplomatisch  vieldeutige Chiffre \u201eLebensprinzip\u201c, die Fanny dort verwendet, meint ja  auch und vor allem dieses: die M\u00f6glickeit, etwas zu erleben. Es ist \u2013  wie oft und wie mitf\u00fchlend darf man das in der deutschen  Geistesgeschichte sagen! \u2013 das Schl\u00fcsselerlebnis Italien (1839\/40 und  1845),  das ihr nicht nur Inspiration schenkt, sondern sie auch Mut und  Selbstvertrauen sch\u00f6pfen l\u00e4\u00dft. So entschlie\u00dft sie sich, in ihrem 42.  Lebensjahr, ihr Opus 1 drucken zu lassen, wozu ihr der Bruder (wirklich  nur \u201ehalbherzig\u201c, wie eine argw\u00f6hnische zwischen den Zeilen lesende  Musikwissenschaftlerin, oder \u201egequ\u00e4lt\u201c, wie deren m\u00e4nnlicher Kollege  meint?) seinen Segen gibt:<br> <br> Leipzig, den 12. August 1846<br> Mein liebster Fenchel, erst heute, kurz vor meiner Abreise, komme ich  Rabenbruder dazu, Dir f\u00fcr Deinen lieben Brief zu danken und Dir meinen  Handwerkssegen zu geben zu Deinem Entschlu\u00df, Dich auch unter unsere  Zunft zu begeben. Hiermit erteile ich ihn Dir, Fenchel, und m\u00f6gest Du  Vergn\u00fcgen und Freude daran haben, da\u00df Du den andern so viele Freude und  Genu\u00df bereitest, und m\u00f6gest Du nur Autor-Pl\u00e4siers und gar keine  Autor-Misere kennen lernen, und m\u00f6ge das Publikum Dich nur mit Rosen,  und niemals mit Sand bewerfen, und m\u00f6ge die Druckerschw\u00e4rze Dir niemals  dr\u00fcckend und schwarz erscheinen, \u2013 eigentlich glaube ich, an all dem ist  gar kein Zweifel denkbar. Warum w\u00fcnsche ich Dir\u00b4s also erst? Es ist nur  so von Zunft wegen, und damit ich auch meinen Segen dazu gegeben haben  m\u00f6ge, wie hierdurch geschieht.<br> Der Tafelschneidergeselle<br> Felix Mendelssohn-Bartholdy<br> <br> In rascher Folge erscheinen nun, in den wenigen Fanny verbleibenden  Monaten, die Opera 1 \u2013 7, alles Werke, in denen sie sich auf dem ihr  nach ihrer Selbsteinsch\u00e4tzung \u201eeigenen\u201c Terrain bewegt, Lieder und  Klavierminiaturen. Da\u00df aber das \u00f6ffentliche Lob, das ihre publizierten  Werke fanden, auch den Wunsch, die fr\u00fcher resignierend akzeptierten  Grenzen doch noch zu \u00fcberschreiten, neu beleben mu\u00dfte, liegt auf der  Hand. Und so finden wir Fanny im Winter 1846\/47 \u00fcber der Komposition  eines Klaviertrios. Noch im M\u00e4rz 1847 vermerkt sie in ihrem Tagebuch:  \u201eIch bin mit einem Trio besch\u00e4ftigt, das mir sehr zu schaffen macht.\u201c  Kurz darauf scheint aber das Werk dann beendet (wenn auch nicht im Sinne  der Komponistin \u201efertig\u201c) gewesen zu sein, denn ihrem Bruder Paul kann  sie es schon Anfang April vorspielen und findet ihn \u201eso davon  eingenommen, wie ich es gar nicht erwartet hatte.\u201c Zum 36. Geburtstag  ihrer Schwester Rebecka, am 11. April 1847, wird das Werk in der ersten  Sonntagsmusik des Jahres im Gartensaal des Hauses in der Leipziger  Stra\u00dfe aus der Taufe gehoben. <br> Der Anstrengung folgt die Ersch\u00f6pfung; Fannys letzte Tagebucheintragung lautet:<br> <br> \u201eIch habe jetzt eine verdrie\u00dfliche Zeit, es will mir nichts  Musikalisches gelingen; seit meinem Trio habe ich keinen Takt  geschrieben&#8230;\u201c<br> <br> Am 13. Mai 1847 vertont sie noch Eichendorffs Gedicht \u201eBergeslust\u201c. Am  darauffolgenden Tag erleidet sie w\u00e4hrend der nachmitt\u00e4glichen Probe zur  Sonntagsmusik \u2013 Felix\u00b4 \u201eWalpurgisnacht\u201c op.60 stand auf dem Programm \u2013  einen Schlaganfall, dem sie am sp\u00e4ten Abend erlag. Felix erreicht die  Todesnachricht in Frankfurt, wo er auf der R\u00fcckreise von England Station  macht. Es wird berichtet, er sei beim Vernehmen der Hiobsbotschaft mit  einem Aufschrei zusammengebrochen und wie gel\u00e4hmt liegengeblieben. Er  selbst hat kein halbes Jahr mehr zu leben. Das einzige bedeutende Werk,  das ihm noch zu schreiben verg\u00f6nnt ist, das Streichquartett op.80, wird  ein Requiem f\u00fcr die geliebte Schwester sein.<br> <br> <br> Der im eingangs zitierten Brief Fanny Mendelssohns beschworene Schatten  Beethovens liegt \u2013 manchmal bedrohend und entmutigend, manchmal  verhei\u00dfungsvoll und anspornend \u2013 \u00fcber dem Werk der meisten  ernstzunehmenden Komponisten zwischen Schubert und Reger, sobald sie  sich der ureigensten Dom\u00e4ne Beethovens, der zyklischen  Instrumentalkomposition, n\u00e4hern. Das von Beethoven er\u00f6ffnete Terrain war  verlockend und gef\u00e4hrlich \u2013 in keinem anderen Gebiet des musikalischen  Globus sind so viele Komponisten gestrandet und verschollen. Doch nicht  nur die sch\u00f6pferischen Kr\u00e4fte wurden von diesem neuen Kontinent  unwiderstehlich angezogen, auch das Nachdenken \u00fcber Musik kreiste viele  Jahrzehnte fast ausschlie\u00dflich um Beethovens Neuentdeckungen. <br> In der Heimatstadt der Geschwister Mendelssohn machte sich der  Theoretiker Adolf Bernhard Marx (1795-1866), h\u00e4ufiger Gast in der  Leipziger Stra\u00dfe, zum Wortf\u00fchrer eines \u00e4sthetisch und theoretisch  fundierten Beethoven-Kultes, der in der von Marx geleiteten Berliner  Allgemeinen Musikalischen Zeitung (Anfang 1824 bis Ende 1830) ein  einflu\u00dfreiches Organ hatte \u2013 so einflu\u00dfreich, da\u00df Beethoven vor soviel  orthodox-preu\u00dfischer Verehrung zu grauen beginnen mu\u00dfte: \u201e&#8230;bey dieser  Gelegenheit ersuche ich Sie mich bey H. Marx in Berlin zu empfehlen, da\u00df  er es ja nicht zu genau mit mir nehme u. mich zuweilen zur Hinterth\u00fcr  hinaus schl\u00fcpfen lasse.\u201c (Beethoven an Maurice Schlesinger, 26.  September 1825 \u2013 die Sache mit dem Papst und der P\u00e4pstlichkeit l\u00e4\u00dft sich  kaum besser illustrieren&#8230;). <br> Marx\u00b4 Opus summum, die vierb\u00e4ndige Lehre von der musikalischen  Komposition (1837-1847), fa\u00dfte die Theoreme seiner \u00c4sthetik normativ  zusammen und behauptete bis in das erste Viertel unseres Jahrhunderts  seine Stellung als Standardwerk. Es ist nicht verwunderlich, da\u00df sich in  Fannys Auseinandersetzung mit dem Problem der Sonatenhauptsatzform  deutliche Spuren ihrer Besch\u00e4ftigung mit den Marxschen Theorien finden.  Die Abfolge der von ihr komponierten Sonatens\u00e4tze l\u00e4\u00dft den Schlu\u00df zu,  da\u00df sie die fachliche Diskussion dieses Themas genau und kritisch  verfolgte.<br> <br> Der Kopfsatz unseres Klaviertrios (Allegro molto vivace) darf dabei,  nicht nur wegen seiner chronologischen Stellung im \u0152uvre der  Komponistin, als der formal und inhaltlich ausgereifteste Beitrag  gelten. Es ist ein gro\u00dfformatiger Satz, der wie geschaffen scheint, auch  allen theoretischen Anforderungen an die gew\u00e4hlte Form zu gen\u00fcgen.  Exposition und Reprise bestehen aus jeweils vier, etwa gleich langen und  klar voneinander geschiedenen Abschnitten (Hauptthema \u2013 \u00dcberleitung \u2013  Seitenthema \u2013 Schlu\u00dfgruppe), von denen nur die Hauptthemengruppe der  Reprise signifikant verk\u00fcrzt auftritt. <br> Schon die Wahl der Haupttonart des Werkes beweist, da\u00df es Fanny sicher  nicht darum zu tun war, gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Unabh\u00e4ngigkeit vom Werk ihres  Bruders zu beweisen. So verwundert es auch nicht, wenn wir als  Hauptthema des Kopfsatzes eine vom Bekenntnishaften ins Stille  gewandelte Variation des Incipits von Felix\u00b4 \u201eReformationssymphonie\u201c  (Symphonie Nr.5, d-moll, op.107) finden. Auch das Seitenthema, das von  opernhaften Tremoli begleitet wird, erscheint wie eine sehr freie  Paraphrase des Liedthemas aus dem dritten Satz von Felix\u00b4  Streichquartett in e-moll op.44 Nr.2 (1837) \u2013 die zentrale Bedeutung  dieser Reminiszenz f\u00fcr das Werkganze wird durch ihre Sonderstellung in  der Durchf\u00fchrung, deren Herzst\u00fcck sie ausmacht, und durch ihre  dramaturgisch betonte Wiederkehr am Ende des letzten Satzes  unterstrichen. Die Durchf\u00fchrung umkreist mit fast manischer Ausdauer das  Kopfmotiv des Hauptthemas, das in allen denkbaren melodischen und  harmonischen Metamorphosen als Motor der modulatorischen Entwicklung  dient. Das Ziel dieser Entwicklung ist das fernliegende Fis-Dur, das der  unver\u00e4nderten, aber verk\u00fcrzten Erscheinung des Seitenthemas vorbehalten  ist. Von hier weg treibt die in dramatischem Fugato allm\u00e4hlich sich  vervollst\u00e4ndigende Gestalt des Hauptthemas zur m\u00e4chtig hereinbrechenden  Reprise, die ohne alle vorbereitenden Haltepunkte das Gesetz des  Handelns im Sturm an sich rei\u00dft. Die noch unbeantwortet gebliebenen  Fragen der Durchf\u00fchrung klingen in der Coda noch einmal an: Hier scheint  das musikalische Geschehen an einem kryptischen Violoncellosolo  stranden zu wollen (das beim Ansehen und Anh\u00f6ren eher an ein Detail aus  einer Schenkerschen Urlinientafel denken l\u00e4\u00dft als an einen wirklich  ausgef\u00fchrten musikalischen Gedanken), bevor der erneuerte Impetus des  Anfangsmotivs den Satz wildentschlossen zu Ende f\u00fchrt.<br> <br> Die folgenden beiden S\u00e4tze, die unmittelbar aneinander anschlie\u00dfen,  repr\u00e4sentieren beispielhaft jenes Genre, in dem Fanny sich am meisten  zuhause f\u00fchlte. Obwohl nur der dritte Satz auch ausdr\u00fccklich als Lied  bezeichnet ist, so verleugnet doch auch der zweite (Andante espressivo,  A-Dur) seine Herkunft keineswegs: vor allem in der Cantilene des  Minore-Mittelteils, die von wohlvertrautem Mandolinengepl\u00e4tscher  begleitet wird, glaubt man schon fast, die ohne Zweifel italienischen  Worte zu vernehmen. Es ist bemerkenswert, da\u00df Fanny hier (ebenso wie im  letzten Satz) dem sich bei dieser Assoziation fast zwangsl\u00e4ufig  aufdr\u00e4ngenden Sechsachteltakt der Barcarolle ausweicht. Diesen Topos der  Italianit\u00e0 hatte sie ja selbst ebenso wie Felix schon mehrmals  aufgegriffen (etwa in der 1839 in Venedig komponierten Serenata g-moll  und in der Serenade (Juni) aus dem zwei Jahre sp\u00e4ter entstandenen Zyklus  Das Jahr).<br> Das attacca folgende Lied (Allegretto, D-Dur), noch einfacher, knapper  und \u201ekunstloser\u201c gefa\u00dft, nimmt sich demgegen\u00fcber wie eine deutsche  Schwester der italienischen Canzone aus. Unwillk\u00fcrlich f\u00fchle ich mich  bei diesem Satzpaar daher an das ber\u00fchmte Bild Italia und Germania  (1811\/28, Neue Pinakothek\/M\u00fcnchen) von Friedrich Overbeck erinnert ( \u2013  und will nur hoffen, da\u00df Fanny mir die Assoziation verzeihen w\u00fcrde; sie  selbst fand n\u00e4mlich ein anderes Werk dieses Malers, den sie 1840 in Rom  traf, heilig langweilig, stumpf poetisch, schlicht anma\u00dfend.) <br> Es ist mit gutem Grund bemerkt worden, da\u00df im schlichten Thema dieses  Liedes sich die Keimzelle zu fast allen bestimmenden Motiven des Werkes  verbirgt. Der Gedanke, da\u00df Fanny hier exemplarisch versucht habe, aus  dem Lied als dem ihrem Wesen nat\u00fcrlichsten Ausdruck die \u201eKraft der  Durchf\u00fchrung\u201c f\u00fcr die Erf\u00fcllung gr\u00f6\u00dferer Formen zu gewinnen, ist  durchaus nicht von der Hand zu weisen. Andererseits liegt aber auch die  Vermutung nahe, da\u00df die zentrale Stellung des lyrischen Mittelsatzpaares  die Umgehung des Scherzos zum Ziel hat \u2013 auch in der Hommage an den  bewunderten Bruder kannte Fanny ihre Grenzen.<br> <br> Das Finale (Allegro moderato) scheint zun\u00e4chst die vertr\u00e4umt liedhafte  Stimmung der Mittels\u00e4tze beibehalten zu wollen. Aber der \u201eGesang auf den  Wellen\u201c wird immer wieder von zwei durchaus anders gelaunten  Mitspielern unterbrochen. Im Widerstreit mit dem energisch t\u00e4nzerischen  Element, das hier durchbricht, steigert sich der Gesang zu  \u00fcberraschendem (und ungeniert opernhaften) Pathos. In der siegessicheren  Stretta, die das letztlich vitalere Tanzmotiv beherrscht, erscheint  noch \u00fcberraschend und bekr\u00f6nend die id\u00e9e fixe des Werkes, das  Seitenthema des ersten Satzes, bevor das Werk in rauschendem D-Dur-Jubel  endet.<br> In formaler Hinsicht ist dieser Schlu\u00dfsatz ein Experiment. Das  vereinfachte Dispositionsschema ABCACABAC l\u00e4\u00dft zwar eine oberfl\u00e4chliche  Verwandtschaft mit einem Rondo erkennen, sagt aber kaum etwas \u00fcber die  eigentliche Natur dieses Experimentes aus, in dem sich Einzelz\u00fcge von  Rondo-, Sonaten- und Strophenliedform zur Darstellung eines elementaren  Vorganges verbinden. Das \u201eRitornell\u201c (A) erscheint n\u00e4mlich zun\u00e4chst zwar  als voll ausgepr\u00e4gtes Thema (in Gestalt einer durch phantasieartige  Kadenzen erweiterten asymmetrischen Periode), wird aber in der Folge nur  mehr in extremen Verk\u00fcrzungen zitiert (nacheinander als Schlu\u00dffoskel,  \u201eDurchf\u00fchrung\u201c und reprisenhafte Reminiszenz). Von den \u201eEpisoden\u201c (B und  C), die einander durch Textur und (rascheres) Tempo verbunden sind, ist  nur C (das \u201eTanzmotiv\u201c) wirklich eigenst\u00e4ndig (und als einziges von der  Motivwelt des zentralen Liedes unabh\u00e4ngig), w\u00e4hrend B lediglich den  Charakter eines modulatorischen Bindeglieds hat. Insgesamt ergibt sich  so das Bild eines Widerstreites zwischen zwei in Charakter, Faktur und  Bewegung kontrastierenden Elementen (A und C), bei dem C immer realer  und dominanter wird, w\u00e4hrend A sich zur Erinnerung verfl\u00fcchtigt. Ist es  zu weit hergeholt, wenn man in diesem Vorgang \u2013 in Weiterf\u00fchrung des zu  den beiden Mittels\u00e4tzen Gesagten \u2013 sinnbildhaft die \u00dcberwindung des  Liedes und die Ank\u00fcndigung eines Aufbruchs zu neuen Ufern h\u00f6ren will?<br> <br> Trotz aller Skizzenhaftigkeit, die diesem Werk \u2013 wie nahezu allen  posthum ver\u00f6ffentlichten Kompositionen Fanny Mendelssohns \u2013 anhaftet und  die einen \u201eQualit\u00e4tsvergleich\u201c mit voll ausgearbeiteten und redigierten  Werken anderer Komponisten erschwert, zeigt das Trio die Komponistin am  Beginn eines Weges, der sie aus dem Schatten des Bruders und der  Selbstbeschr\u00e4nkung einer \u201eLiederkomponistin\u201c heraus zur sp\u00e4ten und  vollen Entfaltung ihrer F\u00e4higkeiten h\u00e4tte f\u00fchren k\u00f6nnen. <br><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\">\u00a9 by Claus-Christian Schuster<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fanny Mendelssohn * 14. November 1805\u2020 14. 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