{"id":513,"date":"2019-02-13T17:12:52","date_gmt":"2019-02-13T16:12:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www2.altenbergtrio.at\/?p=513"},"modified":"2019-02-13T17:13:00","modified_gmt":"2019-02-13T16:13:00","slug":"martin-trio-sur-des-melodies-populaires-irlandaises-1925","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/martin-trio-sur-des-melodies-populaires-irlandaises-1925\/","title":{"rendered":"Martin: Trio sur des m\u00e9lodies populaires irlandaises (1925)"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Frank Martin<\/h3>\n\n\n\n<p>* 15. September 1890<br>\u2020 21. November 1974<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Trio sur des m\u00e9lodies populaires irlandaises (1925)<\/h3>\n\n\n\n<table class=\"wp-block-table\"><tbody><tr><td>Komponiert:<\/td><td>Capbreton (Landes), Sommer 1925<\/td><\/tr><tr><td>Urauff\u00fchrung:<\/td><td>Paris, April 1926 <br>\nFrank Martin, Klavier <br>\nJoachim R\u00f6ntgen (?), Violine <br>\nAntonio Tusa (?), Violoncello <br>\n<\/td><\/tr><tr><td>Erstausgabe:<\/td><td>Hug, Z\u00fcrich, 1930<\/td><\/tr><\/tbody><\/table>\n\n\n\n<p>Obwohl kaum jemand, der sich mit dem Werk Frank Martins besch\u00e4ftigt,  daran zweifeln wird, da\u00df wir es hier mit einem der gro\u00dfen musikalischen  Geister unseres Jahrhunderts zu tun haben, hat sein Werk nie jene  Verbreitung gefunden, die seiner Bedeutung entsprechen w\u00fcrde. Martin ist  ein Musikerkomponist und f\u00fcr das Publikum eine Art Geheimtip geblieben.  <br> <br> Als zehntes und letztes Kind des wohlhabenden Pastors Charles Martin  (1843-1934) und dessen Frau Pauline, geb. Duval (1847-1911) in Genf  geboren, wuchs Frank Martin in einer gleicherma\u00dfen beh\u00fcteten und  anregenden Umgebung auf. Die von einem weitl\u00e4ufigen Park umgebene Villa  (67, Route de Malagnou), die der Vater 1893 erbauen hatte lassen, war  ein beliebter Treffpunkt des geistigen Genf. Da alle Kinder musizierten,  gab es reichlich Gelegenheit zu Kammermusikkonzerten und sogar zu  improvisierten Opernauff\u00fchrungen. Den gro\u00dfen Anteil von Kammermusik und  szenischer Musik im Werkkatalog Martins kann man sicher auf diese  pr\u00e4genden Kindheitseindr\u00fccke zur\u00fcckf\u00fchren. <br> <br> Genf &#8211; das war bis 1918 musikalisch fast eine deutsche Stadt; unter den  Komponisten der franz\u00f6sischen Kultursph\u00e4re, die in Martins Blickfeld  traten, finden wir daher bezeichnenderweise an erster Stelle den  deutschst\u00e4mmigen C\u00e9sar Franck. Lange bevor er Debussy und Ravel  kennenlernte, waren ihm die Werke von Richard Strauss und Gustav Mahler  vertraut. Auch Martins einziger Kompositionslehrer, Joseph Lauber, darf  als ein Repr\u00e4sentant dieser Ausrichtung auf den deutschen Sprachraum hin  gelten, auch wenn das f\u00fcr Martin keine weiterreichenden Konsequenzen  hatte: &#8220;Ich habe meine s\u00e4mtlichen Studien in Genf bei einem Privatlehrer  gemacht, der ein sehr guter Techniker, aber nicht sehr k\u00fcnstlerisch  veranlagt war. Ich h\u00e4tte mir nichts besseres w\u00fcnschen k\u00f6nnen: er hat  mich viel gelehrt, aber wenig beeinflu\u00dft.&#8221; <br> <br> Erst als 1918 Ernest Ansermet (1883-1969) das Orchestre de la Suisse  Romande gr\u00fcndete, machte Frank Martin Bekanntschaft mit den Gro\u00dfen der  zeitgen\u00f6ssischen franz\u00f6sischen Musik &#8211; Faur\u00e9, Debussy, Ravel. Ansermet  selbst wurde von da an der wichtigste Anreger und Freund in Martins  musikalischer Biographie &#8211; man k\u00f6nnte fast sagen: sein musikalisches  Gewissen. (Vielleicht hat gerade diese enge Beziehung dazu beigetragen,  da\u00df Martin von manchen Apologeten der Neuen Musik mit Argwohn behandelt  wird: Ansermets grundlegendes Werk Les fondements de la musique dans la  conscience humaine (1962) gilt als die pr\u00e4gnanteste und fundierteste  Kritik an Technik und \u00c4sthetik der Zweiten Wiener Schule und an den  Glaubenss\u00e4tzen der Darmst\u00e4dter Schule, als eine k\u00e4mpferische Antwort auf  Adornos Philosophie der neuen Musik (1949), jenes Werk, das \u00fcber  mehrere Jahrzehnte hinweg als die Bibel der zeitgen\u00f6ssischen Musik  betrachtet wurde. Der mit dem H\u00e4retiker Ansermet so innig verbundene  Martin mu\u00dfte also jedem orthodoxen Kritiker suspekt erscheinen.) <br> <br> Nach einem Z\u00fcricher Intermezzo (1918-1920) lebte Frank Martin ab 1920  mit seiner ersten Frau, Odette Micheli, auf dem Landgut von deren Eltern  in Landecy am Stadtrand von Genf. Von hier aus unternahm er 1921\/22  eine ausgedehnte Italienreise, deren Hauptstationen Rom und Ravenna  waren ( &#8211; Martin wurde, \u00e4hnlich wie der um f\u00fcnf Jahre \u00e4ltere Egon  Wellesz, wenn auch nicht mit dessen wissenschaftlicher Ambition, in der  Folge ein profunder Kenner der byzantinischen Kultur, der er hier das  erste Mal begegnete &#8211; ), und von Landecy aus brach er 1924 auch nach  Paris auf. <br> <br> Es ist das Paris Faur\u00e9s und Ravels, das Paris der Six, die Stadt der  sich eben zusammenfindenden \u00c9cole de Paris, in der Emigranten aus allen  Teilen Europas aufeinander treffen und einander anregen, die Stadt  Stravinskijs und der Ballets Russes, ohne Zweifel (und trotz der  Konkurrenz von Berlin, Moskau und Wien) die kulturell bunteste und  reichste Weltstadt dieser Jahre, in die der vierunddrei\u00dfigj\u00e4hrige  Komponist hier kommt. Doch Martin ist nicht der Mann, um auf dieses neue  Milieu rasch zu reagieren und die sich ihm bietenden Eindr\u00fccke m\u00fchelos  zu assimilieren. Ohnehin ist er nicht der Komponistentyp der leichten  Produktion: W\u00e4hrend der um zwei Jahre j\u00fcngere Darius Milhaud 1924 schon  bei Opusnummer 85 angelangt ist, umfa\u00dft Martins Werkkatalog bei seiner  Ankunft in Paris gerade neunzehn Werke. Der scheue und introvertierte  Komponist f\u00fchrt ein recht zur\u00fcckgezogenes und isoliertes Leben, das  Leben eines abwartenden und suchenden Beobachters. Sein Kontakt mit der  Emigrantenszene beschr\u00e4nkt sich im wesentlichen auf die Brotarbeit, die  er f\u00fcr das russische Marionettentheater Les petits com\u00e9diens de bois von  Mme Sazonova im Th\u00e9\u00e2tre du Vieux-Colombier als Arrangeur leistete. Mit  den franz\u00f6sischen Komponisten seiner Generation hat er nur fl\u00fcchtigen  Kontakt. Sein bester Freund in Paris wird der franz\u00f6sische  Schriftsteller und Psychologe Andr\u00e9 Berge, in dessen Heim in der Rue  Lincoln er wesentliche Anregungen empf\u00e4ngt; so ist es Berge, der Martins  Interesse auf die ostasiatische Musik und den Jazz lenkt. <br> <br> Eines Tages macht Frank Martin in Paris die Bekanntschaft eines reichen  Amerikaners irischer Abstammung. In der Folge bestellt dieser bei Martin  ein Klaviertrio \u00fcber irische Volksweisen. Vielleicht wei\u00df der  Auftraggeber vom ausgepr\u00e4gten Interesse des Komponisten f\u00fcr die  Volksmusik &#8211; schon eines der ersten Werke Martins, die w\u00e4hrend seines  Kriegsdienstes im Berner Jura niedergeschrieben Symphonie burlesque sur  des th\u00e8mes savoyards (1915; W 6), ist ein Zeugnis dieser Vorliebe, und  auch das Klavierquintett von 1919 (W 9), das bis dahin bedeutendste  Kammermusikwerk Martins, verarbeitet im letzten Satz ein Volkslied aus  Savoyen. Sicher hegt der gute Mann aber die naive Hoffnung, von Martin  ein leicht spielbares Potpourri beliebter &#8220;folkloristischer&#8221; Melodien zu  erhalten. Doch das ist nun eben nicht Martins Art, an eine solche  Aufgabenstellung heranzugehen: wochenlang recherchiert er in der  Biblioth\u00e8que Nationale, wo er schlie\u00dflich auf eine reichhaltige Sammlung  irischer Volkslieder und -t\u00e4nze st\u00f6\u00dft. (Seitdem man zu Beginn des XIX.  Jahrhunderts mit der Erforschung der bretonischen Folklore begonnen  hatte, war in Frankreich auch das Interesse an der Volksmusik der  keltischen V\u00f6lker Irlands und Gro\u00dfbritanniens gewachsen.) Durch seine  Besch\u00e4ftigung mit byzantinischer und fern\u00f6stlicher Musik war Frank  Martin ein musikalischer Gourmet mit einer dezidierten Vorliebe f\u00fcr das  Ungew\u00f6hnliche, Asymmetrische und Archaische geworden. Das in seinem  Nachla\u00df aufgefundene Notenheft, in dem er die in der Biblioth\u00e8que  Nationale entdeckten Melodien mit genauer Quellenangabe und gro\u00dfer  Akribie aufzeichnete, zeigt, mit welcher Treffsicherheit er das  Spezifische und Originelle aus der F\u00fclle des Materials auszuw\u00e4hlen  verstand. Gleichzeitig kann man an diesem einzigartigen Dokument  nachvollziehen, wie der Komponist sich schrittweise von der getreuen  Wiedergabe seiner Vorlage zu eigenen skizzenhaften Kombinationsversuchen  und fragmentarischen Entw\u00fcrfen der endg\u00fcltigen Textur in Particellform  vortastet. Von den siebzehn Melodien, die der Komponist in die engere  Wahl zieht und in sein Skizzenheft \u00fcbertr\u00e4gt, finden vierzehn  schlie\u00dflich Eingang in das Trio. W\u00e4hrend eines Sommeraufenthaltes, den  Martin 1925 mit der Familie Berge im atlantischen Badeort Capbreton  verbringt, eine knappe Autostunde n\u00f6rdlich von Saint-Jean-de-Luz, wo  Ravel elf Jahre zuvor sein Trio niedergeschrieben hat, formt er aus  diesem Stoff ein Klaviertrio in drei kurzen S\u00e4tzen. Seine Vorgangsweise  hat er selbst einige Jahre sp\u00e4ter so erl\u00e4utert: <br> <br> &#8220;Bei der Verwendung des reichen musikalischen Gedankengutes der irischen  Folklore habe ich versucht, mich so weit wie m\u00f6glich ihrem spezifischen  Charakter zu unterwerfen; ich habe jede Verformung der gew\u00e4hlten  Melodien vermieden und sie immer in ihrer Integrit\u00e4t bewahrt, ohne sie  mit sinnver\u00e4ndernden Harmonien zu \u00fcberlasten. Das hei\u00dft, man wird in  diesem Trio keinerlei Entwicklung im klassischen Sinne des Wortes  finden. Im Rhythmus habe ich das Prinzip meiner musikalischen Form  gesucht und in den rhythmischen Kombinationen das Mittel, meine Sprache  zu bereichern. Der erste Satz basiert zur G\u00e4nze auf einer rhythmischen  Progression, die durch ein stufenweises Accelerando erreicht wird, indem  der Eintritt jedes neuen musikalischen Gedankens ein etwas rascheres  Tempo nach sich zieht. In diesem Satz spielt die Wiederkehr der Themen  kaum eine Rolle &#8211; es ist die rhythmische Wechselbeziehung zwischen den  verschiedenen vorgestellten Melodien, die f\u00fcr die Einheit des Satzes  sorgt. <br> <br> Im zweiten Satz wird man dank der Wiederkehr einer dem Violoncello  anvertrauten Melodie eine gr\u00f6\u00dfere thematische Einheit feststellen; diese  Melodie erscheint vor einem sich st\u00e4ndig ver\u00e4ndernden melodischen und  rhythmischen Hintergrund immer in der selben Form, dem selben Register  und der selben Tonart. <br> <br> Der Motor des dritten Satzes, Gigue, ist nicht mehr ein Accelerando,  sondern die Bereicherung der rhythmischen Textur durch die \u00dcberlagerung  verschiedener Motive. Hier wird man die metrische Unabh\u00e4ngigkeit der  einzelnen Stimmen des Trios noch besser verfolgen k\u00f6nnen als in den  vorangegangenen S\u00e4tzen. <br> <br> Um es zusammenzufassen: dieses Trio stellt sehr wenig Anspr\u00fcche an die  Harmonie und an das polyphone Prinzip der Imitation und verlangt alles  von Rhythmus und Melodie, die die Grundlage des irischen Gesanges und  Tanzes bilden. <br> <br> <br> (nach: Schweizerische Musikzeitung 1930\/11, S.427f.,<br> mit autorisierten Retouchen)<br> <br> Der nostalgische Auftraggeber des Werkes freilich sah sich in seinen  Hoffnungen getrogen: keine einzige seiner &#8220;popul\u00e4ren&#8221; Lieblingsmelodien  hatte dem kritischen Anspruch des Komponisten gen\u00fcgt. Er verweigerte die  Annahme des Werkes und die Auszahlung des vereinbarten Honorars. Frank  Martin ertrug sein Mi\u00dfgeschick mit Noblesse: Er antwortete dem  entt\u00e4uschten Amerikaner, er selbst habe bei der Komposition viel  Vergn\u00fcgen gehabt und w\u00e4re ohne den Auftrag wohl schwerlich auf dieses  Sujet verfallen, deshalb gebe es keine Schuld zu begleichen. Tats\u00e4chlich  hatte die Arbeit am Trio den Komponisten so fasziniert, da\u00df er  beschlo\u00df, die von Andr\u00e9 Berge empfangenen Anregungen und die w\u00e4hrend der  Arbeit am Trio gewonnenen Einsichten gleich im folgenden Werk vom  Kammermusikalischen ins Orchestrale zu \u00fcbertragen: der Titel, Rythmes  (1926, W 21), ist Programm. <br> <br> Bei seiner Heimkehr nach Genf, 1926, trifft Martin auf einen  bemerkenswerten Mann, der dieses Programm besser versteht, als irgendein  anderer: Der in Wien geborene \u00c9mile Jaques-Dalcroze (1865-1950),  Sch\u00fcler von Faur\u00e9 in Paris und von Bruckner in Wien, hatte ein  p\u00e4dagogisches Konzept entwickelt, das auf der Umsetzung rhythmischer  Strukturen in gestische Impulse beruht. Sein 1910 in Dresden-Hellerau  gegr\u00fcndetes Lehrinstitut mu\u00dfte w\u00e4hrend des ersten Weltkrieges seine  T\u00e4tigkeit einstellen und fand gerade im Jahre von Martins R\u00fcckkehr in  Genf eine neue Heimst\u00e4tte. Eine Begegnung der beiden Komponisten konnte  nicht ausbleiben: 1928 berief Jaques-Dalcroze Frank Martin als Lehrer an  sein Institut. Der manchmal ge\u00e4u\u00dferten Vermutung, die rhythmischen  Experimente der Pariser Werke Martins seien durch die Ideen von  Jaques-Dalcroze angeregt worden, entgegnete Martin also zu Recht: <br> <br> &#8220;Es war nicht der Einflu\u00df von Dalcroze, der meine Untersuchungen auf dem  Gebiet der Rhythmik veranla\u00dft hat, sondern vielmehr das  leidenschaftliche Interesse, mit dem ich diese Untersuchungen betrieb,  das mich in sein Institut gef\u00fchrt hat.&#8221; <br> <br> Das Trio und die Rythmes bilden den H\u00f6hepunkt und Abschlu\u00df von Frank  Martins erster Schaffensperiode. Die hier gemachten Erfahrungen und  erworbenen F\u00e4higkeiten sind, \u00fcber alle stilistischen Wandlungen hinweg &#8211;  die ihn wenige Jahre sp\u00e4ter auch zu Experimenten mit der Dodekaphonie  f\u00fchren sollten &#8211; f\u00fcr sein gesamtes Oeuvre relevant: die r\u00e4umliche  Gliederung durch Orgelpunkte, die Verwendung statischer Klangfl\u00e4chen und  charakteristischer Ostinati, die agogische Strukturierung ganzer S\u00e4tze (  &#8211; das formbildende Accelerando des ersten Satzes unseres Trios findet  sich etwa im Cembalokonzert von 1952 wieder &#8211; ), vor allem aber die  bemerkenswerte Freiheit und Erfindungsgabe im Umgang mit der Rhythmik  bleiben Grundz\u00fcge seiner unverwechselbaren musikalischen Sprache. Noch  in einem seiner letzten Werke, in der f\u00fcr Paul Badura-Skoda und auf  dessen Anregung geschriebenen Phantasie sur des rythmes flamenco (1973, W  139), wendet er diese seltene Gabe noch einmal auf folkloristisches  Material an und best\u00e4tigt damit die Konsequenz seines k\u00fcnstlerischen  Weges durch ein halbes Jahrhundert Musikgeschichte. <br><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\">\u00a9 by Claus-Christian Schuster<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frank Martin * 15. September 1890\u2020 21. 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