{"id":511,"date":"2019-02-13T17:12:00","date_gmt":"2019-02-13T16:12:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www2.altenbergtrio.at\/?p=511"},"modified":"2019-02-13T17:12:09","modified_gmt":"2019-02-13T16:12:09","slug":"kubelik-trio-concertante-1988","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/kubelik-trio-concertante-1988\/","title":{"rendered":"Kubelik: Trio concertante (1988)"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Rafael Kubelik<\/h3>\n\n\n\n<p>* 29. Juni 1914<br>\u2020 11. August 1996<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Trio concertante (1988)<\/h3>\n\n\n\n<table class=\"wp-block-table\"><tbody><tr><td>Komponiert:<\/td><td>La Quinta (Kalifornien), beendet am 21. Februar 1988<\/td><\/tr><tr><td>Urauff\u00fchrung:<\/td><td>K\u00f6ln, Philharmonie, 2. Juni 1989<br>\nAndr\u00e1s Schiff (*1953), Klavier<br>\nYuuko Shiokawa, Violine<br>\nBoris Pergamenschikow (*1948), Violoncello<\/td><\/tr><tr><td>Erstausgabe:<\/td><td>Manuskript<\/td><\/tr><\/tbody><\/table>\n\n\n\n<p>Rafael Jeron\u00fdm Kubel\u00edk wurde als sechstes von acht Kindern des  tschechischen Violinvirtuosen und Komponisten Jan Kubel\u00edk (1880-1940)  und der ungarischen Gr\u00e4fin Marianne Szell geboren. Sein Vater war als  Wunderkind 1892 Sch\u00fcler des damals eben aus Kiev nach Prag  zur\u00fcckgekehrten Otakar Sevcik geworden, hatte 1898 in Wien deb\u00fctiert und  sich anschlie\u00dfend f\u00fcr einige Jahre hier niedergelassen. Ausgedehnte  Tourneen f\u00fchrten ihn ab 1902 durch die ganze Welt; etwa zur Zeit von  Rafaels Geburt begann er noch ein Kompositionsstudium bei Josef Bohuslav  Foerster (1859-1951). Der kleine Rafael empfing schon im Prager  Elternhaus vielf\u00e4ltige Anregungen: Seine Mutter f\u00f6rderte seine  Empf\u00e4nglichkeit f\u00fcr die bildende Kunst und die Literatur, sein Vater  \u00fcberwachte die musikalische Ausbildung. Ein wesentlicher Teil dieser  Ausbildung war das gemeinsame Musizieren: Der Vater, die f\u00fcnf \u00e4lteren  Schwestern (von denen die \u00e4ltesten, die Zwillinge Anita und Mary, sp\u00e4ter  eine professionelle Karriere als Geigenduo machten) und Rafael bildeten  ein respektables Familienensemble. Diese Praxis verschaffte Rafael  schon als Kind eine intime Kenntnis der Kammermusikliteratur &#8211; und zwar  gleicherma\u00dfen als Pianist und Geiger. Der Kammermusik sollte sp\u00e4ter auch  die ganz besondere Liebe des Komponisten Rafael Kubel\u00edk gelten. Da\u00df  aber dar\u00fcber auch die symphonische Literatur nicht vernachl\u00e4ssigt wurde,  daf\u00fcr sorgte Onkel Frantisek, der mit seinem Neffen stundenlang die  vierh\u00e4ndigen Klavierausz\u00fcge aller bedeutenden Symphonien durchackerte  und so den Boden f\u00fcr Rafaels k\u00fcnftige Berufslaufbahn bereitete. <br> <br> Am Prager Tschechischen Konservatorium studierte Rafael Kubel\u00edk zwischen  1928 und 1934 Violine, Klavier, Komposition und Dirigieren. Sein  Kompositionslehrer war dort der Nov\u00e1k-Sch\u00fcler Otakar S\u00edn (1881-1943),  dessen eigenes Schaffen ebenfalls in der Kammermusik seinen Schwerpunkt  hatte. <br> <br> W\u00e4hrend seiner Studienjahre begleitete Rafael Kubel\u00edk immer h\u00e4ufiger  auch seinen Vater als Pianist auf dessen Konzertreisen durch ganz  Europa, aber auch nach Amerika und Australien. Noch vor Abschlu\u00df seines  Studiums debutierte er 1933 mit gro\u00dfem Erfolg als Dirigent; zwischen  1936 und 1939 leitete er die Tschechische Philharmonie als st\u00e4ndiger  Gastdirigent. Besonders erfolgreich war die Tournee, auf der er das  Orchester in der Saison 1937\/38 nach Gro\u00dfbritannien und Belgien f\u00fchrte.  Zu Beginn des 2. Weltkrieges wechselte er an das Br\u00fcnner  Nationaltheater, war aber daneben weiterhin als Klavierpartner seines  Vaters aktiv: In dessen letztem Lebensjahr absolvierte er mit ihm in  Prag noch einen monumentalen Konzertzyklus, in dem &#8211; nach dem Vorbild  der legend\u00e4ren Rubinsteinschen \u201eHistorischen Konzerte&#8221; &#8211; ein \u00dcberblick  \u00fcber die Entwicklung der Violinmusik von den alten Italienern bis hin  zur Moderne geboten wurde. Nach dem Tode des Vaters, dessen er in seinem  ersten gro\u00dfangelegten Chor-Orchesterwerk ( Requiem pro memoria patris)  gedachte, kehrte er 1941, jetzt aber als Chefdirigent, wieder zur  Tschechischen Philharmonie nach Prag zur\u00fcck. Im darauffolgenden Jahr  heiratete er die Geigerin Ludmila Bertlov\u00e1. Nach der Befreiung seiner  Heimat f\u00fchrte er das Orchester 1946\/47 mit triumphalem Erfolg nach  Paris, Genf und Z\u00fcrich. Diese Zeit war auch in seiner kompositorischen  Entwicklung besonders fruchtbar: 1945 hatte er seine gro\u00dfz\u00fcgig  konzipierte II. Symphonie (Pejte p\u00edsen novou, f\u00fcr Soli, Chor und  Orchester) beendet, und 1946 entstanden die beiden Opern Cisarovy nov\u00e9  saty (Des Kaisers neue Kleider) und Kvetinky mal\u00e9 Idy (Die Bl\u00fcmchen der  kleinen Ida) sowie das zweite und dritte Streichquartett. 1947 wurde in  Br\u00fcnn die schon 1943\/44 entstandene Oper Veronika (\u00fcber das biblische  Sujet) uraufgef\u00fchrt. Doch der kommunistische Putsch vom Februar 1948  zerst\u00f6rte Kubel\u00edks Hoffnungen auf eine freie und gedeihliche  Weiterentwicklung; seine tiefverwurzelte Aversion gegen jede Art des  Totalitarismus verbot ihm jene abwartende Haltung, die viele seiner  Schicksalsgenossen in diesen Jahren einnahmen &#8211; noch im Jahr des  Umsturzes n\u00fctzte er eine Konzertverpflichtung in Edinburgh, um sich mit  seiner Familie ins Ausland abzusetzen. Als gefragter Gastdirigent, vor  allem des BBC Orchesters, konzertierte er in der Folgezeit unter anderem  auch bei den Musikfestspielen von Venedig und Luzern, wo er nicht lange  danach seine zweite Heimat finden sollte, und unternahm Tourneen bis  nach Australien, Nord- und S\u00fcdamerika und sogar in die Sowjetunion. 1950  wurde er als musikalischer Leiter des Symphonieorchesters nach Chicago  berufen, blieb aber daneben weiterhin auch st\u00e4ndiger Gast bei den  wichtigsten europ\u00e4ischen Orchestern. Eine besondere Beziehung verband  ihn dem Amsterdamer Concertgebouw-Orchester. Ein Konzert mit den Wiener  Philharmonikern in der Z\u00fcricher Tonhalle im Herbst 1953 bedeutete ihm  die Erf\u00fcllung eines Jugendtraumes. Aus famili\u00e4ren Gr\u00fcnden entschlo\u00df er  sich in diesem Jahr, seine amerikanische Stellung aufzugeben, und sich  ganz auf das europ\u00e4ische Musikleben zu konzentrieren. In den folgenden  Jahren teilte er seine Zeit zwischen Luzern, wo er seinen Wohnsitz  genommen hatte, und London, wo er seit 1953 als Gastdirigent und von  1955 bis 1958 als musikalischer Direktor der Covent Garden Opera wirkte.  In diese Zeit f\u00e4llt auch die Intensivierung seiner Zusammenarbeit mit  den Wiener Philharmonikern. Es waren die Jahre, in denen allm\u00e4hlich der  \u201eMythos Kubel\u00edk&#8221; entstand: Aufgrund einiger \u00e4u\u00dferer \u00c4hnlichkeiten  (hochgewachsene, leicht vorn\u00fcber geneigte Gestalt, Gesichtsschnitt,  unorthodoxe Schlagtechnik), aber vor allem wegen seiner mitrei\u00dfenden  Impulsivit\u00e4t und Gef\u00fchlsbetontheit sahen in ihm viele eine Art  \u201eReinkarnation&#8221; Wilhelm Furtw\u00e4nglers. <br> <br> F\u00fcr mediales Aufsehen sorgte 1961 Kubel\u00edks Solidarisierung mit Otto  Klemperer in dessen Streit mit dem Z\u00fcricher Tonhalleorchester &#8211; Kubel\u00edk  hat dieses Orchester danach nie wieder dirigiert. \u00dcberschattet war f\u00fcr  ihn dieses Jahr durch den Tod seiner Frau, deren Andenken er das  ber\u00fchrende Requiem pro memoria uxoris widmete. Im November des selben  Jahres wurde er als Nachfolger Eugen Jochums Chefdirigent des  Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks in M\u00fcnchen. In dieser  Stellung verblieb er nicht weniger als 22 Jahre. Wie kein anderer hat er  die Eigenart des unter seiner Leitung zu einem weltweit anerkannten  Eliteorchester gereiften Klangk\u00f6rpers gepr\u00e4gt. Auch in dieser Stellung  zeichnete sich Kubel\u00edk aber nicht nur als feinf\u00fchliger K\u00fcnstler, sondern  ebenso als politisch wacher und unbestechlicher B\u00fcrger aus: Als die  CSU-Mehrheit in Bayern 1972 ein demokratiepolitisch \u00fcberaus bedenkliches  Rundfunkgesetz durchsetzte, machte er mit einer spektakul\u00e4ren  R\u00fccktrittsdrohung auf die Gefahr aufmerksam, da\u00df die Anwendung dieses  Gesetzes den Bayerischen Rundfunk binnen kurzem zur \u201eServicewelle der  CSU&#8221; degradieren w\u00fcrde. Ebenso kritisch und kompromi\u00dflos erwies er sich  in k\u00fcnstlerischen und organisatorischen Fragen: Die f\u00fcr ihn gewi\u00df  ehrenvolle Berufung zum k\u00fcnstlerischen Leiter der Metropolitan Opera in  New York lehnte er nach kurzer T\u00e4tigkeit (1973\/74) wieder ab, weil die  dortigen budget\u00e4ren Verh\u00e4ltnisse seine Zielvorstellungen unerf\u00fcllbar  erscheinen lie\u00dfen; gesundheitliche Gr\u00fcnde &#8211; er laborierte seit l\u00e4ngerem  an Gicht und einer ihn zunehmend qu\u00e4lenden Arthritis &#8211; m\u00f6gen an dieser  Entscheidung auch ihren Anteil gehabt haben. Diese medizinischen  R\u00fccksichten waren es auch, die ihn dazu bewogen, die Wintermonate von  nun an im hei\u00dfen, trockenen Klima der kalifornischen Colorado-W\u00fcste zu  verbringen, wo er sich in La Quinta, wenige Kilometer s\u00fcd\u00f6stlich des  (\u00f6sterreichischen Musikfreunden als Emigrationsdomizil Ernst Kreneks  vertrauten) Ortes Palm Springs, niederlie\u00df. Seinen europ\u00e4ischen Wohnsitz  hatte Kubel\u00edk, der 1963 in zweiter Ehe die australische Sopranistin  Elsie Morison geheiratet und 1967 die schweizerische Staatsb\u00fcrgerschaft  angenommen hatte, nach wie vor in Kastanienbaum bei Luzern. 1979 legte  er mit Erreichen des Pensionsalters die Leitung des Orchesters offiziell  zur\u00fcck. Wegen des \u00fcberraschenden Todes seines designierten Nachfolgers  Kiril Kondrashin (1914-1981) verblieb er aber noch bis zur Amts\u00fcbernahme  durch Sir Colin Davis im September 1983 in seiner bisherigen Stellung.  In einem festlichen Abschiedskonzert, das seine Dirigentenlaufbahn  beschlie\u00dfen sollte, dirigierte er am 30. Mai 1986 in M\u00fcnchen noch einmal  Mahlers IX. Symphonie. Infolge der politischen Ereignisse des Jahres  1989 lie\u00df er sich dann aber doch bewegen, anl\u00e4\u00dflich des \u201ePrager  Fr\u00fchlings&#8221; 1990 das erste Mal seit seiner Emigration in der alten  Heimatstadt aufzutreten. Die Tschechische Philharmonie, f\u00fcr die diese  triumphale Heimkehr ihres ehemaligen Chefdirigenten einen Markstein  bedeutete, konnte ihn dann in den Jahren 1990 und 1991 noch f\u00fcr eine  Reihe von Konzerten in Prag sowie auf einer Japantournee des Orchesters  gewinnen. Allen tschechischen Musikfreunden unverge\u00dflich ist die  denkw\u00fcrdige Auff\u00fchrung von Smetanas M\u00e1 vlast am Tage der ersten freien  Wahlen nach dem Sturz des kommunistischen Regimes geblieben, bei der  Kubel\u00edk auch die mit der Tschechischen Philharmonie vereinigten  Philharmonischen Orchester von Br\u00fcnn und Pre\u00dfburg leitete. Mit diesen  Konzerten an der Spitze der Tschechischen Philharmonie beschlo\u00df Kubel\u00edk  seine Dirigentenlaufbahn am selben Pult, an dem er sie begonnen hatte. <br> <br> Obwohl das kompositorische Schaffen Kubel\u00edks im Ged\u00e4chtnis des Publikums  bei weitem nicht so pr\u00e4sent ist wie seine Leistungen als Dirigent, war  er alles andere als einer jener Sonntagskomponisten und komponierenden  Kapellmeister, an denen unser zu Ende gehendes Jahrhundert wirklich  keinen Mangel gelitten hat. Schon ein Blick auf die zug\u00e4nglichen  bibliographischen Daten zu seinem kompositorischen Schaffen (- leider  gibt es bisher noch kein vollst\u00e4ndiges Werkverzeichnis -) zeigt, welch  zentrale Bedeutung das Eigensch\u00f6pferische in seinem k\u00fcnstlerischen  Selbstverst\u00e4ndnis gehabt haben mu\u00df; die Entstehung eines so  umfangreichen und vielgestaltigen \u0152uvres w\u00e4re sonst neben einer so  \u00fcberaus erfolgreichen Dirigentenkarriere gar nicht denkbar gewesen. Die  kompositorischen Anf\u00e4nge stehen, wie nicht anders zu erwarten, in enger  Verbindung mit der Zusammenarbeit zwischen Jan und Rafael Kubel\u00edk: F\u00fcr  den Vater, der selbst zwischen 1916 und 1932 nicht weniger als sieben  Violinkonzerte geschrieben hatte, verfa\u00dft er eine Violinsonate  (1931\/32), eine Phantasie f\u00fcr Violine und Orchester (1932\/33) und das 1.  Violinkonzert (1939\/40). Gleichzeitig mit seinem Studienabschlu\u00df  beendet Rafael Kubel\u00edk 1934 die Komposition seiner I. Symphonie (der bis  1971 noch zwei weitere folgen werden), 1938 schreibt er das erste  seiner insgesamt sechs Streichquartette. In den Jahren vor der  Emigration entstehen neben den oben schon erw\u00e4hnten Werken unter anderem  ein Konzert f\u00fcr Fl\u00f6te und Kammerorchester (1943), ein Cellokonzert  (1944), eine ganze Reihe von Klavier- und Kammermusikwerken sowie eine  gro\u00dfe Anzahl von Liedern. Unter den Hauptwerken der F\u00fcnfzigerjahre  finden sich ein Klavierkonzert (1950), ein zweites Violinkonzert (1951),  zwei Messen (1955 und 1957) und die Oper Tagesanbruch (1958). In der  M\u00fcnchener Zeit setzt Kubel\u00edk dann die musikdramatische Arbeit, die ihn  in seinen letzten tschechischen Jahren so intensiv besch\u00e4ftigt hatte,  mit einem Werk \u00fcber das Leben Tizians fort (Tiziano [1966], in einer  sp\u00e4teren Fassung unter dem Titel Cornelia Faroli (1966) anl\u00e4\u00dflich der  Olympischen Spiele in M\u00fcnchen 1972 uraufgef\u00fchrt.) Neben dem Genre der  Kammermusik, das ihn ein Leben lang fesselte, hatte Kubel\u00edk eine ganz  besondere Vorliebe f\u00fcr den Kinderchor, den er unter anderem in zwei  bedeutenden religi\u00f6sen Werken der Sechzigerjahre (dem schon oben  erw\u00e4hnten Requiem pro memoria uxoris und einem 1963 komponierten Libera  nos), aber auch in seinem Alterswerk, so etwa in der 1988 in Luzern  uraufgef\u00fchrten Invocation, \u00fcberaus wirkungsvoll einsetzte. <br> <br> Kubel\u00edks Kompositionsstil l\u00e4\u00dft sich wohl am ehesten als  sp\u00e4texpressionistisch beschreiben: Die pr\u00e4genden Eindr\u00fccke seiner Prager  Jugend &#8211; Janacek, Mahler und Zemlinsky &#8211; haben in seinem Idiom  un\u00fcberh\u00f6rbare Spuren hinterlassen. Obwohl er sich den Anregungen und  Errungenschaften der Zweiten Wiener Schule nicht prinzipiell verschlo\u00df,  blieb seine Musik doch immer der Tonalit\u00e4t verhaftet. Diese Tonalit\u00e4t  wird aber sehr frei und assoziativ gehandhabt, sie ist vieldeutig und  schwankend &#8211; also kein fester Bezugsrahmen, sondern ein komplexes  Geflecht tonaler Erinnerungen, die sich uns in stets wechselnder  Perspektive darbieten. Das Trio Concertante entstand auf Initiative  Franz-Xaver Ohnesorgs als Auftragswerk der K\u00f6lner Philharmonie und ist  ein eindrucksvolles Beispiel f\u00fcr Kubel\u00edks Sp\u00e4tstil. Es ist &#8211; in  Fortf\u00fchrung eines in der Sp\u00e4tromantik gepr\u00e4gten Formkonzeptes &#8211; als  eins\u00e4tziges Werk von zyklischer Mehrgliedrigkeit gestaltet: Die mit  Preludio &#8211; Allegro &#8211; Interludio &#8211; Cantilena &#8211; Cadenza &#8211; Contradanza und  Postludio bezeichneten Teile sind auf vielf\u00e4ltige Weise aufeinander  bezogen und miteinander verkettet, vor allem durch eine Art Leitmotiv,  das in verschiedensten Gestalten erscheint. F\u00fcr die Sprache des Trios  ist ein unvers\u00f6hnlich rauher, oft archaisch anmutender Ton bezeichnend.  Die Er\u00f6ffnung des Werkes tr\u00e4gt rituelle Z\u00fcge: Das Preludio beginnt mit  einer dreimal wiederholten Beschw\u00f6rungsformel, die sich in der Folge als  emblematisches Leitmotiv etabliert und hier zun\u00e4chst von gro\u00dfr\u00e4umig aus  Terzensequenzen geschichteten Akkorden signalhaft markiert wird. Die  Aufsplitterung dieser beiden Elemente &#8211; die Akkorde werden in nerv\u00f6se  Figurationen aufgebrochen, w\u00e4hrend die melodische Formel zu ausgedehnten  Klangfl\u00e4chen erstarrt &#8211; f\u00fchrt zu dem gewisserma\u00dfen das Hauptthema der  gro\u00dfzyklischen Form darstellenden Allegro risoluto, dessen barbarischer  Impetus die mystisch-feierliche Atmosph\u00e4re des Anfangs wildentschlossen  zerst\u00f6rt. Doch es dauert nicht lange, bis die hieratische Formel  ungeschlagen zur\u00fcckkehrt: Mit jeder Wiederkehr scheint sie an Macht zu  gewinnen, um schlie\u00dflich im Unisono aller Instrumente \u00fcber den rohen  Ansturm zu triumphieren. Das diesen Siegeszug abrupt abbrechende  Interludio verfremdet die Anfangsworte der leitmotivischen Formel zu  einem gespenstischen Ostinato, \u00fcber das sich blutleere (senza  espressivo) Glissandi legen. Wie schon im Preludio wird das Leitmotiv  kadenzartig durch weite Klangfl\u00e4chen gef\u00fchrt, bis es in die Cantilena  m\u00fcndet, welche die Funktion eines Seitensatzes \u00fcbernimmt. Ihr Thema, in  dem man eine radikale Umformung des Leitmotivs sehen kann, wird als  zun\u00e4chst drei-, dann sogar vierstimmiger Kanon durchgef\u00fchrt. Der  Glissando-Septimfall, der im Interludio ein schwereloses Gespinst war,  unterbricht &#8211; jetzt im Cello um zwei Oktaven auf imposante Gr\u00f6\u00dfe gedehnt  &#8211; mit machtvoll Einhalt gebietender Geste dieses Spiel. Im zweiten Teil  der Cantilena entwickelt Kubel\u00edk eine andere Metamorphose des  Leitmotivs als gemessen schreitenden zweistimmigen Kanon \u00fcber nur  langsam in Bewegung geratenden feierlichen Orgelpunkten. Das sich daran  anschlie\u00dfende (mit Agitato, tempestuoso bezeichnete) Zwischenglied  st\u00fcrzt dieses beherrschte Thema in Abgr\u00fcnde der Verzweiflung, in denen  die barbarischen Kr\u00e4fte des Allegro lauern. Das Erwachen aus der diesem  Sturze folgenden Besinnungslosigkeit ist mit Cadenza \u00fcberschrieben,  stellt in Wahrheit aber die schattenhafte Rekapitulation der ersten  beiden Abschnitte des Werkes (Preludio und Allegro) dar &#8211; ein Moment von  beklemmender Eindringlichkeit, in dem die Bilder antiker Todesmythen  heraufbeschworen werden. In mitleidloser Vervollst\u00e4ndigung dieses  schwarzen Spiegel- und Gegenbildes verh\u00f6hnt am Ende dieses Abschnittes  der dreimalige Einbruch einer sarkastisch vorgetragenen vulg\u00e4ren  Tanzwendung die feierliche Beschw\u00f6rungsformel des Anfangs. Doch eben  diese Wendung \u00f6ffnet den Weg zu der nun folgenden Contradanza, in der  die rohe Barbarei des Allegro t\u00e4nzerisch geb\u00e4ndigt erscheint. Zwar  klingen jetzt &#8211; wohl von volksmusikalischen Echos ausgel\u00f6st &#8211; mitunter  sogar fr\u00f6hliche T\u00f6ne an, aber diese Fr\u00f6hlichkeit ist doppelb\u00f6dig und  best\u00e4ndig durchsetzt mit finsterer H\u00e4me. Obwohl sich einzelne Wendungen  der Contradanza idiomatisch durchaus auf traditionelle tschechische  T\u00e4nze (wie Polka oder Furiant) beziehen lassen, sind wir hier meilenweit  von jeder folkloristischen Entspannung entfernt. Das metrische Gewand  dieses Tanzes sind h\u00e4ufig wechselnde asymmetrische Taktarten, unter  denen der archetypische 8\/8-Takt (aus 3+2+3 Achteln) eine dominante  Stellung einnimmt. (Es ist leicht m\u00f6glich, da\u00df sich der Kammermusiker  Kubel\u00edk beim Niederschrieben dieser metrischen Formel an ihre Verwendung  in Ravels Klaviertrio, das bei Kubel\u00edks Geburt gerade im Entstehen war,  erinnert hat &#8211; und da\u00df eben diese Reminiszenz daf\u00fcr verantwortlich ist,  wie kontr\u00e4r die hier damit erzielte Wirkung ist.) Der dreifache  Widerspruch &#8211; zur traditionell simplen und stabilen Metrik des  Kontertanzes, zum erwarteten folkloristischen Frohsinn und zur Klangwelt  des Trios von Ravel &#8211; k\u00f6nnte jedenfalls einen Schl\u00fcssel zu der  ansonsten etwas kryptisch anmutenden Bezeichnung \u201eContradanza&#8221; abgeben;  dann h\u00e4tte n\u00e4mlich die altehrw\u00fcrdige Verballhornung ( &#8211; das franz\u00f6sische  \u201eContredanse&#8221; basiert auf dem englischen \u201eCountry Dance&#8221; &#8211; ) hier nach  Jahrhunderten endlich doch noch einen Eigen-Sinn gefunden. Der immer  frenetischer werdende Tanz zerschellt schlie\u00dflich an einer herrischen  Formel, in der wir die Umkehrung des Leitmotivs erkennen k\u00f6nnen. Mit  einem ermatteten D-moll-Akkord setzt das Postludio, die Coda des Werkes,  ein: ein Klagegesang von so schmerzlicher Tiefe, da\u00df man meint, er  beschlie\u00dfe nicht nur ein Werk, sondern trage eine ganze Welt zu Grabe.  Der dreimaligen Anrufung des Beginns und ihrer dreimaligen Verspottung  in der Werkmitte stehen hier, am \u201eAusgang der grimmigen Einsicht&#8221;, zum  Schlu\u00df drei unerbittliche D-moll-Akkorde gegen\u00fcber, hinter denen nur  mehr die gro\u00dfe, ewige Stille liegen kann. <\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\">\u00a9 by Claus-Christian Schuster<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rafael Kubelik * 29. Juni 1914\u2020 11. August 1996 Trio concertante (1988) Komponiert: La Quinta (Kalifornien), beendet am 21. Februar 1988 Urauff\u00fchrung: K\u00f6ln, Philharmonie, 2. 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