{"id":503,"date":"2019-02-13T16:41:32","date_gmt":"2019-02-13T15:41:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www2.altenbergtrio.at\/?p=503"},"modified":"2019-02-13T16:41:39","modified_gmt":"2019-02-13T15:41:39","slug":"juon-litaniae-tondichtung-trio-nr-4-cis-moll-op-70","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/juon-litaniae-tondichtung-trio-nr-4-cis-moll-op-70\/","title":{"rendered":"Juon: Litaniae. Tondichtung [Trio Nr.4], cis-moll, op.70"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Paul Juon<\/h3>\n\n\n\n<p>* 23. Februar 1872<br>\u2020 21. August 1940<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Litaniae. Tondichtung [Trio Nr.4], cis-moll, op.70<\/h3>\n\n\n\n<table class=\"wp-block-table\"><tbody><tr><td>Komponiert:<\/td><td>Berlin, 1918, Neufassung 1929<\/td><\/tr><tr><td>Widmung:<\/td><td>Fr\u00e4ulein Ida Schwarz-Schlumberger<\/td><\/tr><tr><td>Urauff\u00fchrung:<\/td><td>1. (verschollene) Fassung:  Berlin, Saal der Sing-Akademie, 31. Mai 1919 <br>\nGeorg Schumann (1866-1952), Klavier <br>\nWilly Hess (1859-1939), Violine <br>\nHugo Dechert (1860-1923), Violoncello <br>\n2. Fassung:  Dresden, Festsaal der Harmonie, 18. November 1929 <br>\nAnny von Lange, Klavier <br>\nGottfried Hofmann-Stirl, Violine <br>\nArthur Zenker, Violoncello <br>\n<\/td><\/tr><tr><td>Erstausgabe:<\/td><td>F. E. C. Leuckart, Leipzig, 1929<\/td><\/tr><\/tbody><\/table>\n\n\n\n<p>Paul Juon wurde als Sohn eines nach Ru\u00dfland ausgewanderten  schweizerischen Versicherungsbeamten in Moskau geboren. Die Familie des  Vaters stammt aus Masein in Graub\u00fcnden und hat eine ganze Reihe von  Musikern und Malern hervorgebracht; Pauls j\u00fcngerer Bruder Konstantin  (1875-1958) war einer der popul\u00e4rsten Maler Ru\u00dflands im 20. Jahrhundert.  Mit siebzehn Jahren wurde Paul Juon Sch\u00fcler des Moskauer  Konservatoriums, wo er zun\u00e4chst bei Jan Hrimaly (1844-1915) Geige  studierte ( &#8211; der geb\u00fcrtige Tscheche war der Hauptrepr\u00e4sentant der  Moskauer Geigenschule der Jahrhundertwende und als solcher der  angesehenste Konkurrent des in St. Petersburg wirkenden Leopold Auer &#8211;  ). Etwas sp\u00e4ter begann Juon bei Anton Arenskij und Sergej Taneev sein  Kompositionsstudium, das er schlie\u00dflich als Sch\u00fcler Woldemar Bargiels  (des Halbbruders von Clara Schumann) an der Berliner Musikhochschule  abschlo\u00df. In dieser ersten Berliner Zeit (1894\/95) wurde Juon mit dem  begehrten Mendelssohn-Preis ausgezeichnet. Nach einem kurzen  Zwischenspiel als Violin- und Theorielehrer am Konservatorium in Baku  (Aserbeidschan) kehrte er 1897 wieder nach Berlin zur\u00fcck, das bis kurz  nach der nationalsozialistischen Machtergreifung seine Heimat bleiben  sollte. Von 1901 bis 1903 war er Franz-Liszt-Stipendiat der Stadt  Berlin. Joseph Joachim holte ihn 1905 als Lehrer an die Berliner  Musikhochschule; 1911 wurde er dort Professor f\u00fcr Komposition, eine  Stellung, die er erst 1934 aufgab. In den Jahren der Weimarer Republik  geh\u00f6rte er zu den angesehensten Kompositionslehrern Deutschlands. Zu  seinen Sch\u00fclern z\u00e4hlen Philipp Jarnach, Heinrich Kaminski, Pantscho  Wladigeroff, Stephan Wolpe u. v. a. 1919 wurde er Mitglied der Berliner  Akademie der K\u00fcnste, 1929 erhielt er f\u00fcr sein Gesamtwerk den  Beethoven-Preis. <br> <br> \u00a0\u00a0\u00a0Schon seit 1925 hatte er die Sommermonate meist in der Heimat seiner  zweiten Frau, Marie Hegner-G\u00fcnthert, in Vevey am Genfer See, verbracht  (Juons erste Frau, Ekaterina Schachalova, war 1911 gestorben). Die  politische Entwicklung in Deutschland bewog ihn 1934 dazu, endg\u00fcltig  nach Vevey zu \u00fcbersiedeln, wo er 1940 starb. <br> <br> \u00a0Im ersten Drittel unseres Jahrhunderts ist Juons Name sehr h\u00e4ufig auf  den Konzertprogrammen zu finden. Eine z\u00e4hlebige Sorte von  Musikkritikern, die selten ein falsches Schlagwort verfehlen, brachte  f\u00fcr ihn das Etikett vom \u201erussischen Brahms&#8221; auf, und zu einer Zeit, als  das f\u00fcr viele noch einer Beschimpfung gleichkam, verstiegen sich etliche  von ihnen bei der Besprechung seiner Werke zu Vergleichen mit  Stravinskij. Aber weder diese marktschreierischen Fehlgriffe der  Kritiker noch auch die unbestreitbaren Qualit\u00e4ten der Juonschen Musik  konnten das \u00dcberleben seines Werkes sichern: Juon geh\u00f6rt heute sicher zu  den unbekanntesten unter den relevanten Komponisten seiner Zeit. \u00dcber  sein Werk f\u00e4llt wie \u00fcber sein Leben der Schatten der Unbehaustheit: kein  Schweizer, kein Russe, kein Deutscher; kein Romantiker, kein Neut\u00f6ner,  kein Folklorist &#8211; aber doch ein klein wenig von all dem, und jenseits  davon noch eine auf gewinnende Weise aufrichtige und menschlich  beeindruckende Pers\u00f6nlichkeit. Ein geistreicher Kommentator hat Juon  unl\u00e4ngst humorvoll \u201edas missing link zwischen Tschaikovskij und  Stravinskij&#8221; genannt. Obwohl Charakterisierungen dieser Art durchaus  geeignet sind, das Interesse der \u201eMusikpal\u00e4ontologie&#8221; an Juon zu wecken,  haben sich ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod seine Spuren fast  v\u00f6llig verwischt &#8211; au\u00dfer kurzen Werkbesprechungen und knappen  enzyklop\u00e4dischen Verweisen gibt es keinerlei Literatur \u00fcber sein Leben  und Werk. Da\u00df das Altenberg Trio vor kurzem erstmals Juons s\u00e4mtliche  Klaviertrios auf zwei CDs vorgelegt hat, ist aber trotzdem mehr als ein  Akt musealer Piet\u00e4t: Wir meinen, da\u00df Juons Musik einige ganz eigene  Zwischent\u00f6ne bewahrt, die f\u00fcr das Erscheinungsbild seiner Epoche nicht  \u00fcberfl\u00fcssig sind. <br> <br> Das Erlebnis des Infernos des Weltkrieges und des Zusammenbruches der  \u201ealten Welt&#8221; teilt auch das Werk Juons deutlich in ein \u201eVorher&#8221; und  \u201eNachher&#8221; &#8211; auch wenn die Spannung zwischen diesen beiden H\u00e4lften seines  Schaffens bei weitem nicht so gro\u00df ist wie etwa bei dem nur wenig  j\u00fcngeren Frank Bridge. Die nach dem Krieg geschriebenen letzten beiden  gro\u00dfen Triokompositionen des Meisters, Litaniae, op. 70, und Legende,  op. 83 ( &#8211; die Suite op.89 darf man von diesem Standpunkt aus ohne  weiteres als ein au\u00dferhalb dieser Entwicklungslinie stehendes  abschlie\u00dfendes Satyrspiel betrachten &#8211; ), tragen tiefe Spuren dieser  Erfahrung. Juon hat f\u00fcr diese beiden Werke deshalb auch eine Gestalt  gew\u00e4hlt, die sich deutlich von der seiner bisherigen Triokompositionen  unterscheidet. Er fand sie in einem seit der Jahrhundertwende zunehmend  in Gebrauch gekommenen formalen Konzept, in dem die traditionellen Teile  einer viers\u00e4tzigen symphonischen Form in einen einzigen Satz  zusammengefa\u00dft werden, dessen Architektur durch weitr\u00e4umige thematische  und motivische Querverbindungen zusammengehalten wird. Da\u00df diese Form  den Weg von der symphonischen in die Kammermusik gefunden hat, ist nicht  zuletzt auf das propagandistische Wirken des englischen M\u00e4zens Walter  Willson Cobbett (1847-1937) zur\u00fcckzuf\u00fchren. Die von ihm initiierten  Kompositionswettbewerbe veranla\u00dften n\u00e4mlich die Entstehung einer ganzen  Reihe von \u201ePhantasie-Quartetten&#8221; und \u201ePhantasie-Trios&#8221;, die diesem  Gestaltungsschema folgen. Juon hat diese vorhandene Form in seinen  beiden gro\u00dfen Kammermusikdichtungen mit einem beeindruckend pers\u00f6nlichen  Inhalt erf\u00fcllt. Sie stellen ohne Zweifel den H\u00f6hepunkt seines  kammermusikalischen Schaffens dar. <br> <br> Litaniae entstand (laut Juons eigenh\u00e4ndigem Werkverzeichnis) 1918 und  wurde im darauffolgenden Jahr in Berlin uraufgef\u00fchrt; 1929 unterzog der  Komponist das Werk einer wahrscheinlich weitgehenden Revision &#8211; da die  urspr\u00fcngliche Fassung, wie \u00fcbrigens der Gro\u00dfteil von Juons  handschriftlichem Nachla\u00df, als verschollen gelten mu\u00df, l\u00e4\u00dft sich Ausma\u00df  und Art dieser Umarbeitung nicht mehr rekonstruieren. F\u00fcr die zweite  Urauff\u00fchrung von Litaniae in ihrer neuen Gestalt hat der Komponist  folgende kurze Einf\u00fchrung geschrieben: <br> <br> \u201eVor vielen Jahren trat ich einmal in die Frauenkirche in M\u00fcnchen. Es  waren nur wenige Leute drin. Vor einem Seitenaltar sah ich einen Mann  knien &#8211; und blieb wie gebannt stehen; in seinem Antlitz spiegelte sich  ein so unendlicher Schmerz wieder! Die angsterf\u00fcllten Augen waren starr  nach oben gerichtet, die bebenden Lippen murmelten leidenschaftliche  Gebete. Er sah und h\u00f6rte nichts von dem, was um ihn war. Immer wieder  reckte er die gefalteten H\u00e4nde empor, immer wieder w\u00e4lzte er sich im  Staube. Wieviel Schmerz, wieviel Bitternis mu\u00df diese arme Menschenseele  erfahren haben! Schon stundenlang mochte er so auf den Knien gelegen  haben, mit hei\u00dfen Worten seinen Gott um Gnade anflehend, als er  pl\u00f6tzlich ermattet den Kopf senkte, die Augen schlo\u00df und wehm\u00fctig  l\u00e4chelte. War ein lichterer Moment seines Lebens in seiner Erinnerung  aufgetaucht? Durchzuckte ein Hoffnungsstrahl sein Herz? &#8211; Da hob der  Gottesdienst an. Die Stimmen der Priester sprachen psalmodierend ihre  Gebete, k\u00fchl und leidenschaftslos. Der Mann aber h\u00f6rte es nicht und sah  es nicht. Von neuem packte ihn der Schmerz. Mit neuer Inbrunst schrie  seine zermarterte Seele ihre Gebete gen Himmel&#8230; Vielleicht ist das die  Geschichte meines St\u00fcckes, vielleicht ist es auch eine andere&#8230;&#8221; <br> <br> Der Schlu\u00dfsatz dieses Textes macht das Dilemma deutlich, in dem sich  fast alle Komponisten befinden, wenn sie sich gezwungen f\u00fchlen, die  Programme ihrer Werke offenzulegen. Der verst\u00e4ndliche Wunsch, vom  Zuh\u00f6rer \u201erichtig&#8221; verstanden zu werden, kollidiert mit der berechtigten  Sorge, das \u201eBenennen&#8221; k\u00f6nnte die Wahrnehmung einengen, und die Musik  f\u00e4nde sich zuletzt als eine Dinestmagd wieder, deren Leistung am  Buchstaben des Programms gemessen wird. Alle einschr\u00e4nkenden Warnungen,  die &#8211; sp\u00e4testens seit Beethovens vielzitiertem \u201eMehr Ausdruck der  Empfindung als Mahlerey&#8221; &#8211; solche musikalischen Programme  traditionsgem\u00e4\u00df begleiten, zielen deshalb auf die Wahrung der Autonomie  des musikalischen Ausdrucks und Empfindens. Denn obwohl das von Juon  angebotene Programm die Szenen (\u201eS\u00e4tze&#8221;) seines Werkes in einen (fast  zu) plausiblen dramaturgischen Zusammenhang bringt, zeigt die  Gegen\u00fcberstellung von anekdotischer Interpretation und unmittelbarer  musikalischer Erfahrung, wie sehr diese jener \u00fcberlegen ist. <br> <br> Wohl an keiner anderen Stelle seines Werkes hat Juon eine gleichzeitig  so dichte und so frei-assoziative Sprache gefunden. Das  Konstruktionsprinzip &#8211; alle Themen sind aus knapp einer Handvoll  archetypischer Kleinmotive gewonnen und auf komplizierte Weise  miteinander verkn\u00fcpft &#8211; ist so sehr vom stream of consciousness der  heraufbeschworenen Bilder \u00fcberflutet, da\u00df es sich der h\u00f6renden Erfahrung  nirgendwo aufdr\u00e4ngt, sondern nur wie die Logik des Traumes aus den  Fernen des Unterbewu\u00dften wirkt. Und wie im Traum erscheint hier alles  m\u00f6glich, gleichzeitig und vers\u00f6hnbar: In der synoptischen musikalischen  Sprache dieses Werkes scheint der Abstand zwischen Perotinus Magnus und  Gustav Mahler kaum gr\u00f6\u00dfer zu sein als der zwischen Rachmaninov und  Respighi. Der sich hierin manifestierende Eklektizismus Juons ist keine  Schw\u00e4che, sondern eine seinem k\u00fcnstlerischen Naturell ideal  entsprechende Ausdrucksweise. <br><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\">\u00a9 by Claus-Christian Schuster<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Paul Juon * 23. Februar 1872\u2020 21. August 1940 Litaniae. Tondichtung [Trio Nr.4], cis-moll, op.70 Komponiert: Berlin, 1918, Neufassung 1929 Widmung: Fr\u00e4ulein Ida Schwarz-Schlumberger Urauff\u00fchrung: 1. (verschollene) Fassung: Berlin, Saal der Sing-Akademie, 31. Mai 1919 Georg Schumann (1866-1952), Klavier Willy Hess (1859-1939), Violine Hugo Dechert (1860-1923), Violoncello 2. Fassung: Dresden, Festsaal der Harmonie, 18. 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