{"id":487,"date":"2019-02-13T16:34:47","date_gmt":"2019-02-13T15:34:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www2.altenbergtrio.at\/?p=487"},"modified":"2019-02-13T16:34:52","modified_gmt":"2019-02-13T15:34:52","slug":"haydn-trio-es-moll-hob-xv31-jakobs-traum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/haydn-trio-es-moll-hob-xv31-jakobs-traum\/","title":{"rendered":"Haydn: Trio es-moll Hob.XV:31 (&#8220;Jakobs Traum&#8221;)"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Joseph Haydn<\/h3>\n\n\n\n<p>* 31. M\u00e4rz 1732<br>\u2020 31. Mai 1809<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Trio es-moll Hob.XV:31 (&#8220;Jakobs Traum&#8221;)<\/h3>\n\n\n\n<table class=\"wp-block-table\"><tbody><tr><td>Komponiert:<\/td><td>London, 1794\/95<\/td><\/tr><tr><td>Widmung:<\/td><td>(Theresa Jansen)<\/td><\/tr><tr><td>Urauff\u00fchrung:<\/td><td>nicht dokumentiert<\/td><\/tr><tr><td>Erstausgabe:<\/td><td>Artaria, Wien, 1803<\/td><\/tr><\/tbody><\/table>\n\n\n\n<p>In seinem ersten Londoner Notizbuch von 1791 erw\u00e4hnt Haydn unter den  hervorragenden Musikern der Stadt eine damals einundzwanzigj\u00e4hrige, aus  Aachen stammende Pianistin: Theresa Jansen (1770-1843). Sie war  Sch\u00fclerin von Muzio Clementi und scheint Haydn mit ihrem Spiel so  beeindruckt zu haben, da\u00df er ihr den anspruchsvollsten Teil seines  klavieristischen Sp\u00e4twerkes widmete: die letzten drei Klaviersonaten  (Hob.XVI:50-52) und die letzte Dreiergruppe von Klaviertrios  (Hob:XV:27-29). Wahrscheinlich sind alle sechs Werke w\u00e4hrend Haydns  zweitem Londoner Aufenthalt (4. Februar 1794 bis 15. August 1795)  entstanden. Die Klaviersonaten sind noch Miss Jansen gewidmet, sind also  jedenfalls vor ihrer Hochzeit mit dem Kunsth\u00e4ndler Gaetano Bartolozzi  (16. Mai 1795) geschrieben, bei der Haydn Trauzeuge war. Aus eben dieser  Zeit stammt auch unser es-moll-Trio, dessen Entstehung Gegenstand einer  uns von dem Maler und Haydn-Biographen Albert Christoph Dies  \u00fcberlieferten Anekdote ist: <br> <br> &#8220;&#8230;(Haydn) stand in London in genauer Bekanntschaft mit einem deutschen  Musikliebhaber, der sich auf der Geige eine an Virtuosit\u00e4t gr\u00e4nzende  Fertigkeit erworben, aber die \u00fcble Gewohnheit hatte, sich immer in den  h\u00f6chsten T\u00f6nen, in der N\u00e4he des Steges zu versteigen. Haydn nahm sich  vor, einen Versuch zu machen, ob es nicht m\u00f6glich w\u00e4re, dem Dilettanten  seine Gewohnheit zu verleiden und ihm Gef\u00fchl f\u00fcr ein solides Spiel  beyzubringen. <br> Der Dilettant besuchte oft eine Demoiselle J(ansen,) die mit gro\u00dfer  Fertigkeit das Pianoforte spielte, wozu er gew\u00f6hnlich akkompagnirte.  Haydn schrieb ganz in der Stille eine Sonate f\u00fcr das Pianoforte mit  Begleitung einer Violine, betitelte die Sonate Jakobs Traum und lie\u00df sie  versiegelt, ohne Nahmensunterschrift durch sichere H\u00e4nde, der  Demoiselle J(ansen) \u00fcberliefern, die auch nicht weilte, die dem Anschein  nach leichte Sonate, in Gesellschaft des Dilettanten zu probiren. Was  Haydn vorher gesehen hatte, traf richtig ein; der Dilettant blieb immer  in den h\u00f6chsten T\u00f6nen, wo die Passagen \u00fcberh\u00e4uft waren, stecken, und  sobald Demoiselle J(ansen) dem Gedanken auf die Spur kam, da\u00df der  unbekannte Verfasser die Himmelsleiter, die Jakob im Traum sah, habe  vorstellen wollen, und sie dann bemerkte, wie der Dilettant auf dieser  Leiter bald schwerf\u00e4llig, unsicher, stolpernd, bald taumelnd, h\u00fcpfend  auf und abstieg: so schien ihr die Sache so kurzweilig, da\u00df sie das  Lachen nicht verbergen konnte, w\u00e4hrend der Dilettant auf den unbekannten  Compositor schimpfte, und dreist behauptete: derselbe wisse nicht f\u00fcr  die Violine zu setzen. Nach f\u00fcnf oder sechs Monathen entdeckte es sich  erst, da\u00df die Sonate Haydn zum Author habe, der nun daf\u00fcr von der  Demoiselle J(ansen) ein Geschenk erhielt.&#8221; <br> <br> <br> (Albert Christoph Dies, Biographische Nachrichten von Joseph Haydn, Wien 1810)<br> <br> H\u00e4lt man sich die hier beschriebene Entstehungsgeschichte des  Finalsatzes unseres Trios vor Augen, wird man wohl zun\u00e4chst ein durch  und durch humoristisches Werk zu finden erwarten. Doch der  es-moll-Kopfsatz, den Haydn Anfang 1795 nachkomponierte, um aus &#8220;Jakobs  Traum&#8221; ein zweis\u00e4tziges Trio zu machen, geh\u00f6rt zu seinen tiefsinnigsten  und ernsthaftesten Sch\u00f6pfungen. Als ob Haydn besorgt gewesen w\u00e4re, da\u00df  man die tiefere Bedeutung seines Werkes verkennen k\u00f6nnte, tilgte er im  Autograph nicht nur den auf den Entstehungsanla\u00df bez\u00fcglichen Titel des  Finales, sondern setzte auch die Worte &#8220;In Nomine Dei&#8221; an den Anfang und  &#8220;Laus Deo&#8221; an das Ende des Werkes. Aber auch ohne diese Hinweise wird  wohl keinem aufmerksamen H\u00f6rer verborgen bleiben, da\u00df Haydn hier,  freilich ohne alle gesuchte Gr\u00fcbelei und mit der ihm eigenen  Nat\u00fcrlichkeit und Glaubenseinfalt, von letzten Dingen spricht. <br> <br> Haydn war offenbar selbst von dem Werk, dem man seine  Pasticcio-Abstammung nicht im mindesten ansah, so angetan, da\u00df er der  Versuchung nicht widerstehen mochte, es &#8211; 1803, im Jahre der Drucklegung  der Trioversion &#8211; gleich noch einmal an den Mann, richtiger: an die  Frau zu bringen. Als F\u00fcrst Nikolaus II Esterhazy ihn um ein Werk f\u00fcr Mme  Moreau, die Gattin eines napoleonischen Marschalls, bat, schickte der  Meister eine Fassung f\u00fcr Klavier und Violine nach Paris und gab sie als  eigens und neu komponiertes Werk aus &#8211; ein manchen Moralisten vielleicht  irritierender Zug im Wesen Haydns, der \u00fcbrigens nicht vereinzelt  dasteht (man denke etwa an die sattsam bekannte Pleyel-Affaire). <br> <br> Wie seltsam auch immer die Begleitumst\u00e4nde der Komposition gewesen sein  m\u00f6gen: uns bleibt die Freude \u00fcber ein h\u00f6chst originelles und  faszinierendes Klaviertrio. Mit der gr\u00f6\u00dften Selbstverst\u00e4ndlichkeit  gelingt es Haydn, die beiden S\u00e4tze in all ihrer Verschiedenheit in den  Dienst eines einheitlichen und eindrucksvollen dramaturgischen Konzeptes  zu stellen. Besonders bemerkenswert ist etwa, wie er eine sehr  charakteristische und an zentraler Stelle plazierte, aber f\u00fcr den  Verlauf des Es-Dur-Finales nicht weiter folgenreiche Modulation zum  Ausgangspunkt der tonartlichen Anlage des nachkomponierten Kopfsatzes  (Andante, es-moll) macht: Den dort ber\u00fchrten Tonarten es-moll und H-Dur  (die \u00fcbrigens auch in dem wohl in enger zeitlicher Nachbarschaft  entstandenen Trio Hob.XV:29 zusammen mit Es-Dur eine Art Triumvirat  bilden) werden hier eigenst\u00e4ndige Bezirke von formtragender Bedeutung  einger\u00e4umt: Der formalen Anlage ABACA entspricht n\u00e4mlich der  Tonartenplan es-Es-es-H-es. Doch der Satz hat nicht nur mit einem  extravaganten tonalen Bauplan aufzuwarten, er birgt &#8211; trotz der auf den  ersten Blick &#8220;schulm\u00e4\u00dfigen&#8221; Rondogestalt &#8211; auch formal einiges an  \u00dcberraschungen. Die erste Episode (Es-Dur) beginnt mit einer Umkehrung  des Rondothemas. Im Zusammenspiel mit dem liedartigen Bau beider  Abschnitte (A und B) wird dadurch im Zuh\u00f6rer die Erwartung geweckt, man  st\u00fcnde am Beginn einer Doppelvariationsreihe. Erst mit der unver\u00e4nderten  Wiederkehr des Ritornells erscheint diese Erwartung get\u00e4uscht. Doch  nachdem uns Haydn mit der zweiten Episode (H-Dur), die auf neuem  thematischen Material basiert, in der Sicherheit eines &#8220;normalen&#8221;  Rondoablaufs wiegt, greift das abschlie\u00dfende Ritornell doch noch den  immanenten Variationsgedanken auf. Auch unter diesem Aspekt ist die  Verwandtschaft unseres Satzes zum Kopfsatz von Hob.XV:29 auff\u00e4llig. <br> <br> Das folgende Allegro (Es-Dur), also der 1794, einige Monate vor dem  Andante als &#8220;Jakobs Traum&#8221; geschriebene Schlu\u00dfsatz, ist zwar formal und  harmonisch von weit schlichterem Zuschnitt, demonstriert aber Haydns  unersch\u00f6pfliche Variationskunst in ebenso brillanter Weise. Die  traditionelle dreiteilige Liedform, die dem Satz zugrunde liegt, ist  durch assoziative und variierende Gestaltungselemente so aufgelockert,  da\u00df sie gleichsam nur noch wie von ferne durchzuschimmern scheint. Alle  Aufmerksamkeit ist auf das geistvolle Passagenspiel gerichtet, in dem  Klavier und Geige einander in immer neuen, mitunter halsbrecherischen  Wendungen zu \u00fcberbieten suchen. Genau in der Mitte des Mittelteils  erklimmt dann die Geige mit gis3 die h\u00f6chste Sprosse der Jakobsleiter  und entr\u00fcckt uns f\u00fcr einige kurze Augenblicke in jenes verkl\u00e4rte H-Dur,  das ja, wie wir gesehen haben, auch schon die Zentralepisode des  Andantes \u00fcberstrahlt hat. In der Reprise \u00fcberwuchern immer \u00fcppiger  werdende Figurationen die urspr\u00fcngliche Gestalt des Hauptteils, bis eine  fanfarenartige Coda das Werk festlich beschlie\u00dft. <br><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\">\u00a9 by Claus-Christian Schuster<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Joseph Haydn * 31. M\u00e4rz 1732\u2020 31. Mai 1809 Trio es-moll Hob.XV:31 (&#8220;Jakobs Traum&#8221;) Komponiert: London, 1794\/95 Widmung: (Theresa Jansen) Urauff\u00fchrung: nicht dokumentiert Erstausgabe: Artaria, Wien, 1803 In seinem ersten Londoner Notizbuch von 1791 erw\u00e4hnt Haydn unter den hervorragenden Musikern der Stadt eine damals einundzwanzigj\u00e4hrige, aus Aachen stammende Pianistin: Theresa Jansen (1770-1843). 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