{"id":483,"date":"2019-02-13T16:33:21","date_gmt":"2019-02-13T15:33:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www2.altenbergtrio.at\/?p=483"},"modified":"2019-02-13T16:33:27","modified_gmt":"2019-02-13T15:33:27","slug":"haydn-trio-es-dur-hob-xv29-op-75-nr-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/haydn-trio-es-dur-hob-xv29-op-75-nr-3\/","title":{"rendered":"Haydn: Trio Es-Dur Hob.XV:29 (op.75 Nr.3)"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Joseph Haydn<\/h3>\n\n\n\n<p>* 31. M\u00e4rz 1732<br>\u2020 31. Mai 1809<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Trio Es-Dur Hob.XV:29 (op.75 Nr.3)<\/h3>\n\n\n\n<table class=\"wp-block-table\"><tbody><tr><td>Komponiert:<\/td><td>London, 1795 (oder Wien, 1795\/96?)<\/td><\/tr><tr><td>Widmung:<\/td><td>Theresa Bartolozzi, geb. Jansen<\/td><\/tr><tr><td>Urauff\u00fchrung:<\/td><td>nicht dokumentiert<\/td><\/tr><tr><td>Erstausgabe:<\/td><td>Longman &amp; Broderip, London, April 1797<\/td><\/tr><\/tbody><\/table>\n\n\n\n<p>In seinem ersten Londoner Notizbuch von 1791 erw\u00e4hnt Haydn unter den  hervorragenden Musikern der Stadt eine damals 21j\u00e4hrige, aus Aachen  stammende Pianistin: Theresa Jansen. Sie war Sch\u00fclerin von Muzio  Clementi und scheint Haydn mit ihrem Spiel so beeindruckt zu haben, da\u00df  er ihr den anspruchsvollsten Teil seines klavieristischen Sp\u00e4twerkes  widmete: die letzten drei Klaviersonaten (Hob.XVI:50-52) und die letzte  Dreiergruppe von Klaviertrios (Hob:XV:27-29). Wahrscheinlich sind alle  sechs Werke w\u00e4hrend Haydns zweitem Londoner Aufenthalt (4. Februar 1794  bis 15. August 1795) entstanden. Die Klaviersonaten sind noch Miss  Jansen gewidmet, sind also jedenfalls vor ihrer Hochzeit mit dem  Kunsth\u00e4ndler Gaetano Bartolozzi (16. Mai 1795) geschrieben, bei der  Haydn Trauzeuge war. Es w\u00e4re denkbar, da\u00df die Trios Haydns  Hochzeitsgeschenk waren, aber da die Widmungstr\u00e4gerin sie erst Anfang  1797 zum Druck gab, ist auch ein sp\u00e4teres Entstehungsdatum und Wien als  Entstehungsort nicht unm\u00f6glich. <br> <br> Wenn man die musikalischen und pianistischen F\u00e4higkeiten der so reich  Beschenkten nach der Eigenart dieser Werke beurteilen darf, so mu\u00df sie  wirklich eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Erscheinung gewesen sein. Selbst in dem  an genialischen \u00dcberraschungen wahrlich nicht armen Oeuvre Haydns  verbl\u00fcffen sie sowohl durch instrumental ungew\u00f6hnliche Formulierungen  als auch durch harmonische K\u00fchnheit und metrischen Einfallsreichtum.  Auff\u00e4llig ist die Vorliebe f\u00fcr &#8220;romantische&#8221;, &#8220;irrationale&#8221; Tonarten der  Mittels\u00e4tze: In der Es-Dur-Sonate (Hob.XVI:52) nimmt das E-Dur-Adagio  schon etwas von dem Zauber vorweg, den Brahms fast ein ganzes  Jahrhundert sp\u00e4ter in seiner zweiten Sonate f\u00fcr Klavier und Violoncello  op.99 einer analogen Tonartenbeziehung entlocken wird; im ersten der  drei Trios (C-Dur, Hob.XV:27) \u00fcberrascht Haydn uns mit einem  A-Dur-Andante, das innerhalb der Triade gleichsam die Br\u00fccke zum  nachfolgenden E-Dur-Trio (Hob.XV:28) schl\u00e4gt; und in unserem Es-Dur-Trio  steht der Mittelsatz in der weit entfernten Tonart H-Dur, die sich auf  wunderbare Weise schon in der zentralen es-moll-Episode des Kopfsatzes  angek\u00fcndigt hat (hier freilich in der enharmonischen Verkleidung von  Ces-Dur). <br> <br> Eigenwillig sind auch die Proportionen des Werkes: Das er\u00f6ffnende Poco  allegretto (Es-Dur) ist f\u00fcr sich allein erheblich l\u00e4nger als die beiden  folgenden S\u00e4tze. Es ist vielleicht der tiefsinnigste und genialste  Triosatz, den Haydn geschrieben hat. \u00dcber all die offen daliegenden und  versteckten Sch\u00f6nheiten des Satzes lie\u00dfe sich wohl endlos fabulieren,  ohne da\u00df man seinem Geheimnis auch nur einen wesentlichen Schritt  n\u00e4herk\u00e4me: Da k\u00f6nnte man sich zum Beispiel in das erstaunliche Spiel mit  vierzehntaktigen Gruppen (die Haydn zun\u00e4chst aus einer sequenzierenden  Erweiterung einer &#8220;normalen&#8221; Achttaktgruppe gewinnt) versenken und  feststellen, da\u00df die verborgene Allgegenwart dieser Baueinheit nicht nur  den auff\u00e4lligen &#8211; eben vierzehntaktigen &#8211; &#8220;Stillstand&#8221; in der Coda des  Satzes (also gerade in jenem Moment, in dem dieses Konstruktionsprinzip  aufgegeben zu sein scheint) &#8220;erkl\u00e4rt&#8221;, sondern sich \u00fcber alle Freiheiten  hinweg auch in den Gesamtdimensionen des Satzes manifestiert, der  n\u00e4mlich einschlie\u00dflich der selbstverst\u00e4ndlich v\u00f6llig unentbehrlichen  Wiederholungen (19 x 14 =) 266 Takte umfa\u00dft &#8211; aber wirklich erkl\u00e4rt w\u00e4re  damit freilich gar nichts. Obwohl es sich hier nicht im formalen Sinn  um einen Variationensatz handelt, ist doch die Variation das  Grundelement der musikalischen Organisation des Satzes. Haydn l\u00f6st  dabei, sozusagen en passant, ein gestalterisches Problem, \u00fcber das sich  sechzig Jahre sp\u00e4ter auch Brahms den Kopf zerbrach (mit welch herrlichen  Resultaten ist in den Haydn-Variationen nachzuh\u00f6ren): <br> <br> &#8220;Ich mache manchmal Betrachtungen \u00fcber die Variationenform und finde,  sie m\u00fc\u00dften strenger, reiner gehalten werden. Die Alten behielten  durchweg den Ba\u00df des Themas, ihr eigentliches Thema, streng bei. Bei  Beethoven ist die Melodie, Harmonie und der Rhythmus so sch\u00f6n variiert.  Ich mu\u00df aber manchmal finden, da\u00df Neuere (wir beide!) mehr (ich wei\u00df  nicht rechte Ausdr\u00fccke) \u00fcber das Thema w\u00fchlen. Wir behalten alle die  Melodie \u00e4ngstlich bei, aber behandeln sie nicht frei, schaffen  eigentlich nichts Neues daraus, sondern beladen sie nur&#8230;&#8221; <br> <br> <br> (an Joseph Joachim, D\u00fcsseldorf, Juni 1856)<br> <br> Hier nun gibt uns Haydn gleichsam als dialektische Erg\u00e4nzung zu der  Brahmsschen Selbstkritik ein Beispiel, wie man \u00fcber den Ba\u00df hinaus auch  die Melodie \u00fcber weite Strecken beibehalten darf &#8211; wenn man dabei eben  nur nicht \u00e4ngstlich ist. Die Variationselemente sind mehr angedeutet als  ausgef\u00fchrt, und schon ahnt man hinter diesen Andeutungen einen Ozean  unersch\u00f6pflicher M\u00f6glichkeiten. So gelingt es Haydn, einen ungew\u00f6hnlich  gro\u00dfz\u00fcgig dimensionierten Satz aus kleinr\u00e4umigen monothematischen  Einheiten aufzubauen, ohne die naheliegende Gefahr der Eint\u00f6nigkeit auch  nur zu streifen. <br> <br> In dem mit Andantino ed innocentemente (H-Dur) bezeichneten Mittelsatz  finden wir Haydn auf geradem Wege zu jenem unfa\u00dfbaren Wunderwerk, der  Fantasia (1797) aus dem Streichquartett in Es-Dur (op.76  Nr.6\/Hob.III:80): die selbe tonale Beziehung, der gleiche melodische  Duktus, wenn auch in v\u00f6llig anderer Bewegungsart. Hier hat das Thema den  Charakter eines Wiegenliedes, und der sehr knapp formulierte Satz  \u00f6ffnet sich in seinem Schlu\u00dfdrittel wieder zur Haupttonart des Trios,  mit der das Finale unmittelbar anschlie\u00dft. (Beethoven werden wir bei der  Verbindung der beiden analogen S\u00e4tze in seinem 5. Klavierkonzert (1809)  auf \u00e4hnlichen Wegen sehen.) <br> <br> In diesem Finale (Presto assai, Es-Dur), das in der englischen  Erstausgabe noch den Zusatz &#8220;in the German style&#8221; tr\u00e4gt, l\u00f6st sich die  verhaltene Innigkeit der vorhergehenden S\u00e4tze in pure Lebenslust auf. Es  ist, in leichter (aber nicht un\u00fcberbr\u00fcckbarer) Abweichung von den  ersten Assoziationen, die Tempo-bezeichnung und Untertitel wecken m\u00f6gen,  ein \u00f6sterreichischer L\u00e4ndler, in dem auch gen\u00fc\u00dflich hingeworfene  rhythmische Bosheiten nicht fehlen d\u00fcrfen; und damit die Beine der  weinbeseligten T\u00e4nzer auch wirklich ins Stolpern kommen, findet sich in  der Erstausgabe eine bieder-umst\u00e4ndliche Erkl\u00e4rung dieser  Komplikationen. So schlie\u00dft das Ganze mit der unbeschwerten Fr\u00f6hlichkeit  eines Erntedankfestes &#8211; und zu Dank f\u00fcr diese reiche Ernte besteht auch  wirklich jeder Grund. <br><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\">\u00a9 by Claus-Christian Schuster<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Joseph Haydn * 31. M\u00e4rz 1732\u2020 31. Mai 1809 Trio Es-Dur Hob.XV:29 (op.75 Nr.3) Komponiert: London, 1795 (oder Wien, 1795\/96?) Widmung: Theresa Bartolozzi, geb. 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