{"id":481,"date":"2019-02-13T16:32:33","date_gmt":"2019-02-13T15:32:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www2.altenbergtrio.at\/?p=481"},"modified":"2019-02-13T16:32:38","modified_gmt":"2019-02-13T15:32:38","slug":"haydn-trio-d-dur-hob-xv24-op-73-nr-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/haydn-trio-d-dur-hob-xv24-op-73-nr-1\/","title":{"rendered":"Haydn: Trio D-Dur Hob.XV:24 (op.73 Nr.1)"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Joseph Haydn<\/h3>\n\n\n\n<p>* 31. M\u00e4rz 1732<br>\u2020 31. Mai 1809<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Trio D-Dur Hob.XV:24 (op.73 Nr.1)<\/h3>\n\n\n\n<table class=\"wp-block-table\"><tbody><tr><td>Komponiert:<\/td><td>London, 1795<\/td><\/tr><tr><td>Widmung:<\/td><td>Rebecca Schroeter<\/td><\/tr><tr><td>Urauff\u00fchrung:<\/td><td>nicht dokumentiert<\/td><\/tr><tr><td>Erstausgabe:<\/td><td>Longman &amp; Broderip, London, Oktober 1795<\/td><\/tr><\/tbody><\/table>\n\n\n\n<p>Unter den vier Triob\u00e4nden, die Haydn zwischen November 1794 und April  1797 in London erscheinen lie\u00df, ist der dritte, der am 9. Oktober 1795  angek\u00fcndigt und kurz darauf unter dem Titel &#8220;Trois Sonates pour le Piano  Forte avec accompagnement de Violon &amp; Violoncelle&#8230; op.73&#8221;  ver\u00f6ffentlicht wurde, wahrscheinlich der intimste und pers\u00f6nlichste. Das  hat seinen guten Grund: keine der anderen Adressatinnen stand Haydn so  nahe, wie die Widmungstr\u00e4gerin dieser Werke. <br> <br> Rebecca Schroeter war die Witwe des deutschen Pianisten Johann Samuel  Schr\u00f6ter (1752-1788), der als origineller Komponist das Interesse  Mozarts erweckt hatte. Schr\u00f6ter (dessen Schwester Corona \u00fcbrigens als  Goethes erste Iphigenie unsterblich wurde) war mit zwanzig Jahren nach  London gekommen, wo er in den Bach-Abel-Konzerten re\u00fcssiert hatte und  schlie\u00dflich 1782 Johann Christian Bachs Nachfolger als Music Master der  K\u00f6nigin Charlotte geworden war. Die heimliche Heirat Schr\u00f6ters mit  seiner Sch\u00fclerin Rebecca &#8211; ganz stilgerecht in Schottland &#8211; zog einen  Skandal nach sich, der die \u00f6ffentliche Karriere des jungen Komponisten  j\u00e4h beendete. Die letzten Jahre seines Lebens lebte er mit seiner Frau  zur\u00fcckgezogen in seinem Haus in Pimlico, wo er nach wie vor  unterrichtete (der allen Klaviereleven bestens vertraute Johann Baptist  Cramer war sein ber\u00fchmtester Sch\u00fcler), geno\u00df aber nach wie vor die  Protektion des Prince of Wales (des sp\u00e4teren George IV.), der als  Amateurcellist ihn immer wieder zu musikalischen Privatunterhaltungen  beizog. Schr\u00f6ter starb mit sechsunddrei\u00dfig Jahren an Kehlkopfkrebs.  Seine Witwe ist f\u00fcr Musikwissenschaftler und allzu wi\u00dfbegierige  Haydnverehrer so etwas wie eine Sphinx. Haydn selbst hat seinen  Biographen A. C. Dies auf seine Beziehung zu Rebecca Schroeter  hingewiesen. Bei einem von dessen Besuchen im Juni 1806 zeigte Haydn ihm  sein zweites Londoner Notizbuch, in das er zweiundzwanzig an ihn  gerichtete Briefe Rebeccas aus den Jahren 1791\/92 \u00fcbertragen hatte: <br> <br> &#8220;&#8230;Haydn l\u00e4chelte und sagte: \u00bbBriefe von einer englischen Wittwe in  London, die mich liebte; aber sie war, ob sie gleich schon 60 Jahre  z\u00e4hlte, noch eine sch\u00f6ne und liebensw\u00fcrdige Frau, die ich, wenn ich  damahls ledig gewesen w\u00e4re, sehr leicht geheirathet h\u00e4tte.\u00ab<br> &#8230;Haydn geno\u00df in der Gesellschaft der Wittwe sehr angenehme Stunden;  wenn er sonst nirgends eingeladen war, speiste er gew\u00f6hnlich bey ihr.&#8221; <br> <br> Wenn Dies korrekt berichtet, dann m\u00fc\u00dfte Rebecca rund zwanzig Jahre \u00e4lter  als ihr Lehrer und sp\u00e4terer Ehemann gewesen sein, der sie zur Heirat  nach Schottland entf\u00fchrte&#8230; Wie wahrscheinlich das ist, bleibe  dahingestellt: Jedenfalls wei\u00df die 1819\/20 erschienene Cyclopedia von  Rees \u00fcber Schr\u00f6ter zu berichten, er habe eine junge und reiche Sch\u00fclerin  geheiratet. M\u00f6glich w\u00e4re wohl, da\u00df Dies eine Angabe, die sich auf  Haydns eigenes Alter bezog, mi\u00dfverstanden und bei der sp\u00e4teren  Niederschrift des Gespr\u00e4ches den Satz in die zitierte Form gebracht  h\u00e4tte. <br> <br> Wie viel diese Beziehung f\u00fcr Haydn selbst bedeutete, k\u00f6nnen wir aus dem  Umstand erahnen, da\u00df diese Liebesbriefe die einzigen sind, die er in  seinem langen und an Liebesaffairen nicht armen Leben f\u00fcr  aufbewahrenswert hielt. Die \u00fcberlieferte Korrespondenz (Haydns Briefe an  Rebecca Schroeter sind verschollen) ist auf den ersten Londonbesuch des  Meisters beschr\u00e4nkt; wahrscheinlich hat Rebecca selbst f\u00fcr Haydns  zweiten Londoner Aufenthalt das Domizil ausgesucht &#8211; Bury Street, wo  Haydn von Februar 1794 bis August 1795 hauste, war nahe genug an Mrs  Schroeters Wohnung, um brieflichen Verkehr \u00fcberfl\u00fcssig zu machen. <br> <br> Wenn es erlaubt ist, aus der Anrede Schl\u00fcsse \u00fcber die Angesprochene zu  ziehen, dann mu\u00df Rebecca Schroeter eine sehr bemerkenswerte Frau gewesen  sein: Die Trios, die Haydn ihr zugedacht hat, wenden sich  offensichtlich an einen besonders feinsinnigen und verst\u00e4ndigen  Empf\u00e4nger. <br> <br> Der ungew\u00f6hnlich intime Charakter des ganzen Zyklus l\u00e4\u00dft sich schon an  einigen \u00e4u\u00dferen Details ablesen. In den anderen drei Werkgruppen sind  die jeweils ersten Trios ausgesprochen lichte, affirmative,  vereinfachend gesagt: &#8220;unproblematische&#8221; St\u00fccke, sie beginnen den Zyklus  ganz so, wie etwa ein helles und lebendiges Allegro eine Sonate  er\u00f6ffnet. Bei den Trios f\u00fcr Rebecca Schroeter ist das Er\u00f6ffnungswerk,  eben unser D-Dur-Trio Hob.XV:24, hingegen buchst\u00e4blich \u00fcbers\u00e4t mit  Fragezeichen. Am n\u00e4chsten kommt unserem Werk wohl noch das A-Dur-Trio  Hob.XV:18 (erschienen als op.70 Nr.1). Auch dort wirft der erste Satz  eine Reihe von tiefsinnigen und schwierigen Fragen auf. W\u00e4hrend dort  aber die vitale Verve des Schlu\u00dfsatzes sich dreist und unbek\u00fcmmert \u00fcber  alle Probleme hinwegsetzt, l\u00e4\u00dft das Finale unseres Trios mit seiner fast  scheuen und versonnenen Gestik, gegen die sich auch die dramatische  Metamorphose des Minore-Teiles nicht durchzusetzen vermag, alles offen.  Dieses dramaturgische Detail wirkt so stark, da\u00df die Vielzahl weiterer  Parallelen zwischen den beiden Werken (Satz-, Tempo-, Metren- und  Tonartenfolge) aufgehoben erscheint: kraft der Eigenart dieses St\u00fcckes  nimmt der ganze Zyklus einen v\u00f6llig anderen Verlauf. <br> <br> Auch das Schlu\u00dfst\u00fcck der Gruppe (fis-moll, Hob.XV:26) unterscheidet sich  ganz wesentlich von den analogen Werken der anderen Zyklen: es ist das  einzige Mal, da\u00df Haydn eine Gruppe von Kammermusikwerken mit einem  &#8220;echten&#8221; Mollst\u00fcck enden l\u00e4\u00dft. Da\u00df es sich dabei um eines von nur zwei  &#8220;konsequenten&#8221; Molltrios im Gesamtwerk Haydns (das andere ist das fr\u00fche  Trio in g-moll, Hob.XV:1), und zudem noch um das einzige Trio handelt,  das zur G\u00e4nze in einer &#8220;problematischen&#8221; Tonart steht, unterstreicht die  Relevanz dieses Details. (In seinen Klaviersonaten hat Haydn allerdings  zweimal eine \u00e4hnliche Schlu\u00dfwirkung gesucht: die Sechs Sonaten von 1776  [Hob.XVI:27-32) schlie\u00dfen mit einem unvers\u00f6hnlichen h-moll-St\u00fcck, und  an das Ende der 1780 erschienen &#8220;Auenbrugger&#8221;-Sonaten [Hob.XVI:35-39]  setzte er wie einen r\u00e4tselhaften Findling die einzigartige c-moll-Sonate  [Hob.XVI:20].) <br> <br> Das Zusammenwirken dieser dramaturgischen Akzente bewirkt, da\u00df den  &#8220;Schroeter&#8221;-Trios insgesamt ein herbstlicheres, ged\u00e4mpfteres Licht eigen  ist, als den anderen Zyklen. Hierin nur die Folge des aus praktischen  Gr\u00fcnden weniger brillanten und virtuosen Klaviersatzes sehen zu wollen,  griffe wohl allzu kurz. Nat\u00fcrlich l\u00e4\u00dft sich nicht bestreiten, da\u00df  Rebecca Schroeter als Pianistin weit unter dem Niveau Therese Jansens  stand, und es liegt auf der Hand, da\u00df Haydn auf diesen Umstand R\u00fccksicht  nehmen wollte und mu\u00dfte. Er hat aber, etwa im Finale des zweiten der  &#8220;Schroeter&#8221;-Trios, des zu gef\u00e4hrlicher Popularit\u00e4t gelangten  &#8220;Zigeunertrios&#8221; (G-Dur, Hob.XV:25), eindrucksvoll gezeigt, wie man  virtuose pianistische Effekte ganz ohne gro\u00dfe technische Anforderungen  erzielen kann. Andererseits sind auch die beiden &#8220;Esterh\u00e1zy&#8221;-Zyklen  manuell nicht wesentlich schwieriger zu meistern und realisieren doch  ein &#8220;konzertanteres&#8221;, weniger intimes Gesamtkonzept. Man wird daher die  Gr\u00fcnde f\u00fcr die Eigenart der &#8220;Schroeter&#8221;-Trios auf einer anderen Ebene  suchen m\u00fcssen, und die oben kurz skizzierte Beziehung Haydns zu Rebecca  Schroeter bietet daf\u00fcr eine ganze Reihe von Anhaltspunkten. Abschied und  Entsagung, \u00fcberstrahlt von z\u00e4rtlicher Innigkeit: all diese so schwer in  Worte zu fassenden Empfindungen wird man an unz\u00e4hligen Stellen dieser  Trios in vollkommener Klarheit ausgedr\u00fcckt h\u00f6ren. Hierin liegt die  Einzigartigkeit und Besonderheit dieses Opus, das in der Konzertpraxis  leider nur auf das &#8220;Zigeunertrio&#8221; reduziert erscheint. Die st\u00e4ndig  praktizierte Losl\u00f6sung dieses Mittelst\u00fcckes aus dem Sinnzusammenhang des  Werkganzen ist letztlich auch dem dadurch &#8220;popularisierten&#8221; Werk  abtr\u00e4glich. Jedenfalls w\u00fcrde dieses vielgeliebte und vielgeschm\u00e4hte  St\u00fcck erheblich an Bedeutung gewinnen, wenn man sich seiner Stellung in  diesem Zyklus erinnerte. <br> <br> Unser D-Dur-Trio, das die Serie er\u00f6ffnet, zeigt ihre wesentliche  Charakteristika mit besonderer Deutlichkeit. Von der Verwandtschaft des  ersten Satzes, Allegro, mit dem entsprechenden Satz aus Hob.XV:18 haben  wir schon gesprochen. Wie fast immer, wenn Haydn im Begriffe ist,  besonders subtile Dinge zu sagen, verwendet er zur Er\u00f6ffnung einen noise  killer, einen lauten Akkord, der nichts anderes will, als die Ruhe im  Auditorium herzustellen. Der versonnen-fragende Hauptsatz wird gleich  einer Art angedeuteten Durchf\u00fchrung unterzogen, bevor er sich uns in  neuem Gewande als Seitensatz pr\u00e4sentieren darf. Die eigentliche  Durchf\u00fchrung mutet fast wie ein knappes Kompendium der Modulationskunst  an: Wie Haydn sich Tonr\u00e4ume er\u00f6ffnet, sie leichthin durchmi\u00dft und  unversehens wieder verl\u00e4\u00dft, ist zum Gl\u00fcck unbeschreibbar und mu\u00df h\u00f6rend  miterlebt werden. Wenn am Ende dieser romantischen Wanderschaft wieder  der Heimathafen der Reprise erreicht ist, finden wir unser geliebtes  Hauptthema um einiges \u00e4lter und reifer wieder: der nachdenkliche Zug,  der zu Beginn nur angedeutet war, darf sich jetzt deutlich aussprechen &#8211;  Haydn hat den melancholischen Schatten (II. Stufe: e-moll), der den  Beginn des Nachsatzes unterstreicht, hier tiefer gezeichnet und dazu den  Nachsatz auf das Zweieinhalbfache seiner urspr\u00fcnglichen L\u00e4nge  erweitert. Die antizipierte Durchf\u00fchrung, die uns in der Exposition so  unvorbereitet \u00fcberraschte, kann jetzt nat\u00fcrlich wegfallen: unser Fernweh  ist schon gestillt. <br> <br> Bei einem Satz von so wunderbarer lyrischer Weite ist, wie in der gro\u00dfen  Lyrik, kein Detail bedeutungslos, und daher d\u00fcrfen wir hier &#8211;  stellvertretend f\u00fcr viele \u00e4hnliche &#8211; eine interpretatorische  Gewissensfrage ber\u00fchren, die auf den ersten Blick sehr banal erscheinen  mag: Die Originalausgabe von Longman &amp; Broderip druckt am Beginn der  Durchf\u00fchrung Wiederholungszeichen, deren Entsprechung am Ende der  Reprise fehlt. An welcher der beiden Stellen der Fehler liegt, ist  &#8220;philologisch&#8221; nicht zu entscheiden &#8211; die beiden ma\u00dfgeblichen  Urtextausgaben (Robbins Landon und Becker-Glauch) widersprechen daher  einander auch in diesem Punkte. Ob die zweite Wiederholung auszuf\u00fchren  ist oder nicht, bleibt daher (bis eine andere Quellenanlage eintritt)  allein dem Ermessen des Interpreten \u00fcberlassen. Nun nimmt zwar nach  unserem Empfinden die Wiederholbarkeit eines musikalischen Ablaufes in  dem selben Ma\u00dfe ab, wie seine Unvorhersehbarkeit zunimmt; dieses  Empfinden ist aber andererseits auch das Resultat einer  zweihundertj\u00e4hrigen musikgeschichtlichen Entwicklung, in der das Streben  nach gr\u00f6\u00dftm\u00f6glicher Originalit\u00e4t und Einmaligkeit die treibende und  dominante Kraft war, und es ist sicher kein Zufall, da\u00df  Wiederholungszeichen in den musikalischen Texten des sp\u00e4ten 19. und  fr\u00fchen 20. Jahrhunderts immer seltener anzutreffen sind. Die  Entscheidung in diesem strittigen Punkt mu\u00df wohl nach zwei Kriterien  gef\u00e4llt werden: Wie ist Haydn in vergleichbaren F\u00e4llen mit eindeutiger  Quellenlage verfahren? Und: Bin ich imstande, eine Wiederholung dieses  spezifischen Ablaufes mit Blick auf das Werkganze mit Sinn zu erf\u00fcllen? <br> <br> Die Beantwortung der ersten Frage bringt zutage, da\u00df in ausnahmslos  allen vor unserem D-Dur-Trio geschriebenen Klaviertrios bei den  Allegro-Kopfs\u00e4tzen die zweite Wiederholung obligat vorgeschrieben ist,  sie jedoch in zwei unmittelbar nach unserem Werk geschriebenen Trios  (Hob.XV: 27 und 28) in den analogen S\u00e4tzen fehlt. Es l\u00e4\u00dft sich also  hier, ganz in \u00dcbereinstimmung mit dem vorher Gesagten, der Beginn einer  Entwicklung erkennen, an deren Ende unwiederholte (weil unwiederholbare)  Durchf\u00fchrungen und Reprisen die Norm sein werden. Da wir die zweite  Frage verneinen mu\u00dften, haben wir, alle hier angedeuteten Argumente  res\u00fcmierend, uns schlie\u00dflich f\u00fcr die Weglassung der Wiederholung  entschieden. <br> <br> Zweiter und dritter Satz sind, wie auch in Hob.XV:18, miteinander  verbunden. Doch sind beide S\u00e4tze hier viel knapper fomuliert, und der  zweite Satz (Andante, d-moll) erscheint mit solcher Konsequenz verk\u00fcrzt,  da\u00df seine Wirkung, oberfl\u00e4chlich betrachtet, der einer Einleitung zum  Finalsatz nahekommt. Umso erstaunlicher ist es, welche Bedeutungstiefe  Haydn in diese wenigen Takte gebannt hat. Ich kenne kein anderes  Haydnsches Sechsachtel-Andante, das sich so radikal aller t\u00e4nzerischen  Gel\u00f6stheit verweigert wie dieses. Erdenschwere und M\u00fcdigkeit beherrschen  die Stimmung, die von kurzatmigen und fallenden melodischen Linien  gepr\u00e4gt ist. Marc Vignal hat diesen Satz mit dem in gleicher Ton- und  Taktart stehenden langsamen Satz (Largo e mesto) aus Beethovens  Klaviersonate op.10 Nr.3 verglichen &#8211; und wie immer man diesen Vergleich  bewertet, so sagt er jedenfalls etwas \u00fcber das Gewicht dieses scheinbar  miniaturhaften St\u00fcckes aus. Zentrales Ereignis ist eine von langer Hand  vorbereitete und dennoch abrupt wirkende Wendung nach e-moll in der  Satzmitte. Die unmittelbare darauffolgende R\u00fcckkehr zur fragmentarischen  Reprise wird durch einen Moment banger Intensit\u00e4t verz\u00f6gert, in dem die  Geige, ganz allein und mit mutlos fragender Geste, das fallende  Hauptmotiv umkehrt. Dieser ganze Passus erscheint in so auff\u00e4lliger  Beleuchtung, da\u00df sich sofort die Frage nach seinem tieferen Sinn stellt;  dabei erinnern wir uns des e-moll-Schattens im Hauptthema des ersten  Satzes und daran, wie Haydn seine Bedeutung in der Reprise gesteigert  hat. Aus der Perspektive des zweiten Satzes erscheinen diese Momente nun  als sich verdichtende Vorahnung einer erst jetzt Wirklichkeit  gewordenen Bedrohung, und dieses Ereignis k\u00f6nnte vielleicht der innerste  Kern der Dramaturgie des Werkes sein. <br> <br> Wenn das so ist, dann h\u00e4lt der Schlu\u00dfsatz (Allegro, ma dolce) f\u00fcr uns  weder siegreiche \u00dcberwindung noch l\u00e4chelnden Trost bereit. Wie sich  dieser Satz zu dem mit der gewaltsamen e-moll-Wendung des Andante  erreichten Tiefpunkt des Werkes in Beziehung setzt, l\u00e4\u00dft mich an den  Beginn eines Gedichtes von Emily Dickinson denken: <br> <br> While we were fearing it, it came &#8211;<br> But came with less of fear<br> Because that fearing it so long<br> Had almost made it fair &#8211;<br> <br> <br> Die Sch\u00f6nheit dieses Satzes ist nicht erl\u00f6st, sondern ergeben; und weil  die Erfahrung des Schrecklichen auch in der Sch\u00f6nheit der zweistimmigen  Invention, als welche dieser Satz beginnt, gegenw\u00e4rtig bleibt, bedarf  auch die R\u00fcckkehr zur Tonart des Andante im Minore keines neuen  thematischen Materials &#8211; eine f\u00fcr S\u00e4tze dieser Bauart \u00e4u\u00dferst  ungew\u00f6hnliche L\u00f6sung. Im Kontext der reifen Klaviertrios Haydns ist auch  der Schlu\u00df des Werkes unerh\u00f6rt: es ist eigentlich die Antithese eines  Schlusses, ein verebbendes Enden. Von den, in ihrer instrumentalen  Gestalt vergleichbaren, nicht konzertanten Schl\u00fcssen der Finalmenuette  in den fr\u00fchen Haydn-Trios sind wir hier meilenweit entfernt. Hier ist  eine Landschaft skizziert, in der sich das benachbarte &#8220;Zigeuner-Trio&#8221;  nicht mehr wie die Informationsbude eines r\u00fchrigen Tourismusverbandes  ausnehmen wird. <br><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\">\u00a9 by Claus-Christian Schuster<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Joseph Haydn * 31. M\u00e4rz 1732\u2020 31. Mai 1809 Trio D-Dur Hob.XV:24 (op.73 Nr.1) Komponiert: London, 1795 Widmung: Rebecca Schroeter Urauff\u00fchrung: nicht dokumentiert Erstausgabe: Longman &amp; Broderip, London, Oktober 1795 Unter den vier Triob\u00e4nden, die Haydn zwischen November 1794 und April 1797 in London erscheinen lie\u00df, ist der dritte, der am 9. 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