{"id":411,"date":"2019-02-12T19:21:35","date_gmt":"2019-02-12T18:21:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www2.altenbergtrio.at\/?p=411"},"modified":"2019-02-12T19:21:42","modified_gmt":"2019-02-12T18:21:42","slug":"foerster-trio-nr-2-b-dur-op-38","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/foerster-trio-nr-2-b-dur-op-38\/","title":{"rendered":"Foerster: Trio Nr. 2, B-Dur, op. 38"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Josef Bohuslav Foerster<\/h3>\n\n\n\n<p>* 30. Dezember 1859<br>\u2020 29. Mai 1951<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Trio Nr. 2, B-Dur, op. 38<\/h3>\n\n\n\n<table class=\"wp-block-table\"><tbody><tr><td>Komponiert:<\/td><td>Hamburg, 1894<\/td><\/tr><tr><td>Erstausgabe:<\/td><td>Universal Edition, Wien, 1918<\/td><\/tr><\/tbody><\/table>\n\n\n\n<p>Der au\u00dferhalb seiner tschechischen Heimat nur sporadisch gew\u00fcrdigte  Josef Bohuslav Foerster, von dessen drei Klaviertrios wir die ersten  beiden in das Programm unserer diesj\u00e4hrigen Konzertreihe aufgenommen  haben, entstammt einer \u00fcberaus produktiven Musikerfamilie. Schon der  Gro\u00dfvater, Josef (I) Foerster (1804-1892) wirkte f\u00fcnf Jahrzehnte lang  als Regens chori und Lehrer in Osenice; seine sechs Kinder schlugen alle  die musikalische Laufbahn ein \u2013 zwei der f\u00fcnf S\u00f6hne, Josef (II) und  Anton\u00edn,  wurden bedeutende Organisten und Komponisten: Josef  (1833-1907), den man einen  \u201etschechischen Bruckner\u201c genannt hat, wurde  1892 als vierter Musiker (nach Dvo\u00f8\u00e1k, Bendl und Fibich)  au\u00dferordentliches Mitglied der Tschechischen Akademie der Wissenschaften  und K\u00fcnste. Sein Bruder Anton\u00edn (1837-1926) wurde 1865 als  Kathedralorganist nach Senj (Kroatien) berufen; ab 1867 wirkte er dann  in Ljubljana und wurde neben Benjamin Ipavec (1829-1909) und Fran Gerbi\u00e8  (1840-1917) einer der F\u00fchrer der slowenischen romantischen Schule und  Komponist der ersten slowenischen Oper (1870\/71). \u2013 Josef (II) kam 1857  als Organist nach Prag und heiratete hier am 9. J\u00e4nner 1859 seine  Sch\u00fclerin Marie Hlad\u00edkov\u00e1 (1838-1878). Josef Bohuslav war das erste von  f\u00fcnf Kindern dieser Verbindung und sollte der bei weitem prominenteste  Vertreter der Dynastie werden. Schon fr\u00fchzeitig trat er mit den Gr\u00f6\u00dfen  des tschechischen Musiklebens in pers\u00f6nlichen Kontakt \u2013 Smetana, Dvo\u00f8\u00e1k,  aber auch der junge Jana\u00e8ek geh\u00f6rten zum Freundes- und Bekanntenkreis  der Familie. Der vielseitig begabte Josef Bohuslav \u2013 neben dem  Orgelspiel betrieb er Gesang, Schauspiel und Malerei \u2013 brach schlie\u00dflich  sein Studium an der Prager Technischen Hochschule ab, um sich ganz der  Musik widmen zu k\u00f6nnen. Ab 1882 wirkte er als Organist an verschiedenen  Prager Kirchen; 1888 heiratete er die Sopranistin Berta Lautererov\u00e1  (1869-1936). Als sie 1893 an die Hamburger Oper engagiert wurde, folgte  er ihr dorthin. Mit dem dort wirkenden Gustav Mahler verband ihn bald  eine enge Freundschaft.<br> <br> Noch vor seinem Abschied von Prag hatte Foerster seine II. Symphonie  (F-Dur, op. 29) beendet, die er dem Andenken seiner Schwester Marie  (1863-1889) geweiht hatte. Die Erinnerung an den Augenblick, als er mit  seinem Bruder und seinem Vater in Olm\u00fctz die Tote vorgefunden hatte, war  nicht verbla\u00dft:<br> <br> \u201eEs war in einem alten, \u00e4rmlichen Hause. \u00dcber einen schmutzigen und  dunklen Torgang kamen wir in einen gro\u00dfen Hof mit Wohnungen zu ebener  Erde. Im Hof stand ein zweites Haus; es war der Nachbarstra\u00dfe zugekehrt,  in den Hof hinein, und durch gro\u00dfe offene G\u00e4nge in jedem Stockwerk  verbunden. Hier, dicht an der Nebentreppe, in dem unfreundlichen Hof,  stand ein offener Sarg, und in ihm lag im wei\u00dfen Hochzeitskleid der  entseelte K\u00f6rper meiner teuren geliebten Schwester. Das Gesicht war mit  einem durchsichtigen Schleier verh\u00fcllt, und unter dem Schleier sah ich  sie \u2013 schlummernd, wei\u00df, still, sch\u00f6n und gleichsam schon von dem Licht  der Auserw\u00e4hlten durchstrahlt, die am Tage des Gerichts zur Rechten  Gottes sitzen werden. In der Hand hielt sie ein Bild des Gekreuzigten  und ein B\u00fcschel Blumen, das wir gebracht hatten; zu ihren F\u00fc\u00dfen lagen  Bildlein, von Kindern aus der Nachbarschaft dargebracht&#8230;\u201c<br> (J. B. Foerster: Poutn\u00edk (Der Pilger), in der \u00dcbersetzung von Pavel Elsner)<br> <br> Auch bei dem 1894 in Hamburg niedergeschriebenen zweiten Klaviertrio  stand dieses Bild, das der Ausgangspunkt f\u00fcr die im Vorjahr beendete  Symphonie gewesen war, vor den Augen des Komponisten. Aber ein anderes  Bild trat mit suggestiver Kraft hinzu: Bei seinem Lieblingskomponisten  Edvard Grieg (dem er schon 1890 das 1883 entstandene erste Klaviertrio  op. 8 gewidmet hatte) war er auf die Vertonung eines Gedichtes gesto\u00dfen,  das ihn tief ber\u00fchrte und der Erinnerung an die Schwester eine ganz  neue Dimension gab:<br> <br> Ausfahrt<br> <br> Es war eine d\u00e4mmernde Sommernacht,<br> ein Schiff am Ufer lag,<br> schon f\u00e4rbte sich der Himmel heller sacht,<br> es graute der junge Tag.<br> <br> Und frischer nun wehte die Morgenluft,<br> zerteilend der Nebel Flor,<br> und leuchtend stieg jetzt aus ros\u00b4gem Duft<br> die Sonne in Pracht empor!<br> <br> Das Schiff auch erwachte von n\u00e4cht\u00b4ger Rast<br> und machte zur Fahrt sich bereit,<br> bald wehten die bunten Wimpel hoch am Mast,<br> und bl\u00e4hten die Segel sich weit.<br> <br> Fr\u00fch schon sollte es, ein stolzer Schwan,<br> verlassen den heimischen Port,<br> ziehn \u00fcber die gl\u00e4nzende Wasserbahn,<br> zur duftigen Ferne hin fort.<br> <br> Und sieh! das Deck nun im Sonnengold<br> mein junges Weib betrat:<br> so freudestrahlend, so jugendhold,<br> wie die G\u00f6ttin des Gl\u00fccks wohl naht.<br> <br> Ihr Auge, die Wimper regend kaum,<br> schien offen den Himmel zu sehn,<br> zur Wahrheit wurde ihr sel\u00b4ger Traum,<br> wir sollten zusammen gehn<br> <br> weit \u00fcber\u00b4s Meer, in Liebe vereint,<br> zum fernen, herrlichen S\u00fcd,<br> wo ew\u00b4ge Sonne dem Wand\u00b4rer scheint,<br> und ewiger Fr\u00fchling ihm bl\u00fcht.<br> <br> Erf\u00fcllung nun ward ihrem h\u00f6chsten Begehr,<br> sie sollte die Sch\u00f6nheit erschaun,<br> so zog sie dahin \u00fcber\u00b4s blauende Meer,<br> die gl\u00fccklichste aller Fraun.<br> <br> Gelobt sei Gott, da\u00df nicht weiter sah<br> ihr Blick in Zukunft Land!<br> Gar bald, ach gar bald lag still sie da<br> unterm Rasen am fremden Strand.<br> <br> (Andreas Munch, Udfarten, <br> aus dem Norwegischen \u00fcbertragen von Hans Schmidt)<br> <br> Edvard Grieg hatte dieses Gedicht 1866 vertont und es an den Schlu\u00df  einer Gruppe von vier Liedern auf Texte seines Landsmannes Andreas Munch  (1811-1884) gestellt, die im Dezember 1866 als Opus 9 ver\u00f6ffentlicht  worden war. Die Stimmung dieser Verse und ihr musikalischer Widerhall  verwoben sich nun bei Foerster mit dem Bild Mariens zu einem ganz  eigent\u00fcmlichen Akkord, einer komplexen poetischen Chiffre, aus der nach  und nach das Trio erwuchs.<br> <br> Die Kontur der lyrischen Anregung schimmert zwar durch das ganze Werk  hindurch, aber \u2013 und das ist es wohl auch, was den Komponisten dazu  bewog, die Quelle schlie\u00dflich doch unzitiert zu lassen \u2013 wir haben es  durchaus nicht mit \u201eProgramm-Musik\u201c im illustrativen Sinne des Wortes zu  tun. <br> <br> Der erste Satz (Allegro energico) ist ganz durchpulst von dem Motiv des  sich in unbestimmte Fernen verlierenden \u201eAufbruchs\u201c, ein Motiv, dem sich  eine sehnsuchtsvoll-leidenschaftliche Geste als Seitenthema beigesellt;  mit diesen beiden Grundelementen gestaltet Foerster einen knappen, aber  sehr rhapsodisch konzipierten Sonatensatz.<br> <br> Der Mittelsatz (Allegro molto, g-moll) mit seinem breit ausgef\u00fchrten  Trio (Meno mosso, G-Dur) entspricht weit mehr den Regeln des  traditionellen Formenkanons. Ein fernes Echo der Mendelssohnschen  F\u00e9erien ist hier nicht zu \u00fcberh\u00f6ren; und es ist sehr bezeichnend f\u00fcr  Foersters Art, wie er \u2013 gleichzeitig mit dem Verlassen des f\u00fcr diesen  Topos so charakeristischen G-moll-Terrains \u2013 die spielerische Verve des  Anfangs schon nach wenigen Takten verebben l\u00e4\u00dft, und sich die Szenerie  in \u201eB\u00f6hmens Hain und Flur\u201c verwandelt.<br> <br> Ganz rezitativisch ist der Schlu\u00dfsatz (Adagio, d-moll) angelegt, in dem  schon die Wahl der Tonart Teil der Aussage ist: Ein mehrs\u00e4tziges Werk  mit einem langsamen Satz in der destabilisierenden Molldominante zu  beenden, ist jedenfalls eine Entscheidung, die sehr weitreichende  hermeneutische Konsequenzen hat. Jeder einigerma\u00dfen aufmerksame Zuh\u00f6rer  wird \u2013 sofern er nicht etwa durch willk\u00fcrliche Extravaganzen schon  g\u00e4nzlich abgebr\u00fcht ist \u2013 das Ende des Werkes (trotz des scheinbar  vers\u00f6hnlichen Durakkordes am Schlu\u00df des Satzes) als vorl\u00e4ufig betrachten  und in Erwartung eines \u201erichtigen\u201c Finalsatzes verharren. Dem Trio wird  dadurch r\u00fcckblickend die Aura des \u201eUnvollendeten\u201c verliehen, und auch  hierin manifestiert sich \u2013 jenseits des offensichtlichen Bezuges auf die  Schlu\u00dfstrophe des Munchschen Gedichtes \u2013 die symbolische Ebene des  musikalischen Geschehens, das den unterbrochenen, unvollendeten  Lebesnweg der Schwester evoziert.<br> <br> Da\u00df es trotz intensiver Recherchen nicht m\u00f6glich war, die  Urauff\u00fchrungsdaten des Werkes zu eruieren, ist ebenso symptomatisch wie  der Umstand, da\u00df das Trio \u2013 genau wie Smetanas op. 15 \u2013 ein  Vierteljahrhundert lang ungedruckt blieb. Mahler, der 1895 Foersters  III. Symphonie in Hamburg uraufgef\u00fchrt hatte, wirkte seit 1897 in Wien;  Berta Lautererov\u00e1-Foerstrov\u00e1, die er vor allem als beeindruckende  Wagner-S\u00e4ngerin sch\u00e4tzte, geh\u00f6rte hier seit 1901 dem Ensemble der  Hofoper an. Ihr Mann folgte ihr 1903 nach und wirkte bis zum  Zusammenbruch der Donaumonarchie in Wien als angesehener Lehrer und  Kritiker. Die Verbindung zur jungen Universal Edition, der die  Drucklegung einer ganzen Reihe von Werken Foersters, darunter auch des  Trios op. 38, zu danken ist, geht auf diese Wiener Jahre zur\u00fcck. Ab 1919  wirkte Foerster dann am Prager Konservatorium als Professor f\u00fcr  Komposition, mehrere Jahre hindurch auch als Direktor dieser Anstalt,  seit 1931 zus\u00e4tzlich auch als Pr\u00e4sident der Tschechischen Akademie der  Wissenschaften und K\u00fcnste. Nach Bertas Tod (1936) lebte er mit seiner  zweiten Frau zur\u00fcckgezogen in Star\u00e9 Stra\u0161nice und w\u00e4hrend der  Sommermonate in seinem Landhaus in Vestec bei Star\u00e1 Boleslav, wo er in  seinem 92. Lebensjahr starb. Der letzte Teil seines ungew\u00f6hnlich  umfangreichen und nur teilweise erschlossenen Nachlasses, der neben  Foersters Kompositionen auch 670 Gem\u00e4lde und Zeichnungen sowie  zahlreiche literarische Werke von seiner Hand umfa\u00dft, wurde erst vor  kurzem vom \u00c8esk\u00e9 Muzeum Hudby (Tschechischen Musikmuseum) erworben, das  dem Komponisten 2004 in Zusammenhang mit der Er\u00f6ffnung des  neuadaptierten Museumsgeb\u00e4udes in der Karmelitsk\u00e1 eine Sonderausstellung  widmen will.<br><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\">\u00a9 by Claus-Christian Schuster<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Josef Bohuslav Foerster * 30. Dezember 1859\u2020 29. 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