{"id":403,"date":"2019-02-12T19:18:08","date_gmt":"2019-02-12T18:18:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www2.altenbergtrio.at\/?p=403"},"modified":"2019-02-12T19:18:18","modified_gmt":"2019-02-12T18:18:18","slug":"dvorak-trio-nr-2-g-moll-op-26-b-56","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/dvorak-trio-nr-2-g-moll-op-26-b-56\/","title":{"rendered":"Dvo\u0159\u00e1k: Trio Nr.2, g-moll, op.26 [B 56]"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Anton\u00edn Dvo\u0159\u00e1k<\/h3>\n\n\n\n<p>* 08. September 1841<br>\u2020 01. Mai 1904<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Trio Nr.2, g-moll,  op.26 [B 56]<\/h3>\n\n\n\n<table class=\"wp-block-table\"><tbody><tr><td>Komponiert:<\/td><td>Prag, 4.-20. J\u00e4nner 1876<\/td><\/tr><tr><td>Urauff\u00fchrung:<\/td><td>Turnov (Turnau an der Iser, Nordb\u00f6hmen), 29. Juni 1879 <br>\nAnton\u00edn Dvor\u00e1k, Klavier <br>\nFerdinand Lachner (1856-1910), Violine <br>\nAlois Neruda (1837-1899), Violoncello <br>\n<\/td><\/tr><tr><td>Erstausgabe:<\/td><td>Bote &amp; Bock, Berlin, 1879<\/td><\/tr><\/tbody><\/table>\n\n\n\n<p>Knappe acht Monate trennen die ersten beiden erhaltenen Klaviertrios  Dvor\u00e1ks voneinander. Nach der Triade der kammermusikalischen Werke des  Fr\u00fchlings 1875 (Klaviertrio Nr.1, Streicherserenade, Klavierquartett  Nr.1, B 51 &#8211; B 53) hatte der Rest des Jahres ganz den \u201egro\u00dfen&#8221; Genres  geh\u00f6rt: Die V. Symphonie (F-Dur, op.76, B 54), die fr\u00fcheste der zu  Dvor\u00e1ks Lebzeiten erschienenen f\u00fcnf Symphonien, war nach nur f\u00fcnf Wochen  am 23. Juli beendet worden &#8211; sie mu\u00dfte dann allerdings ganze zw\u00f6lf  Jahre auf ihre Ver\u00f6ffentlichung warten. Viel schlimmer noch erging es  der Oper, auf die Dvor\u00e1k die zweite Jahresh\u00e4lfte verwendete: Die  vielleicht als ein Gegenst\u00fcck zu Smetanas Libussa konzipierte tragische  Oper Vanda (op.25, B 55) verschwand schon bald nach ihrer Prager  Urauff\u00fchrung (17. April 1876) endg\u00fcltig vom Spielplan &#8211; ein Schicksal,  das wohl zum Gro\u00dfteil auf das an allzu vielen Stellen unfreiwillig  komische Libretto zur\u00fcckzuf\u00fchren ist, an dem aber die durch das Sujet  nahegelegten Meyerbeer- und Wagner-Reminiszenzen der Vertonung sicher  nicht schuldlos sind. <br> <br> Dvor\u00e1ks R\u00fcckkehr zur Kammermusik zu Beginn des Jahres 1876 war daher  gewisserma\u00dfen auch eine R\u00fcckkehr zu sich selbst und stand vielleicht  schon deshalb unter einem weit besseren Stern: Die beiden Werke, mit  denen er das neue Jahr er\u00f6ffnet, unser Klaviertrio und das  Streichquartett E-Dur (op.80, B 57) geh\u00f6ren ganz ohne Zweifel schon zum  Kanon der Dvor\u00e1kschen Meisterwerke &#8211; auch wenn sie in der heutigen  Konzertpraxis zu sehr im Schatten ihrer j\u00fcngeren Schwestern stehen. <br> <br> Ein tragischer Grundton, der im G-moll-Trio un\u00fcberh\u00f6rbar vorherrscht,  wirft seine Schatten auch auf das E-Dur-Quartett, dessen Komposition  gleich am Tage der Vollendung des Trios begonnen wurde. Der Umstand, da\u00df  unmittelbar nach diesen beiden Kammermusikwerken das ergreifende Stabat  Mater (op.58, B 71, vollendet 1877) skizziert wurde, hat dazu gef\u00fchrt,  da\u00df man alle drei Werke mit dem Tod von Dvor\u00e1ks erster Tochter Josefina  in Zusammenhang gebracht hat. Es dr\u00e4ngt sich aber der Verdacht auf, da\u00df  zumindest im Falle des Klaviertrios hier nur ein simpler Analogieschlu\u00df  vorliegt: Tonart und einige thematische Details des Werkes erinnern  n\u00e4mlich an Smetanas Klaviertrio op.15 (1855\/57), das ein Epitaph f\u00fcr des  Komponisten Tochter Bedriska (1853-1855) ist. Dvor\u00e1ks Tochter Josefina  war schon am 21. September 1875, zwei Tage nach ihrer Geburt, gestorben &#8211;  ein Schicksalsschlag, der bis vor wenigen Generationen auch in  Mitteleuropa nur wenigen Familien erspart blieb. (Dvor\u00e1k hatte zu diesem  Zeitpunkt gerade den ersten der f\u00fcnf Akte seiner ungl\u00fccklichen Vanda  beendet.) Fast auf den Tag genau ein Jahr sp\u00e4ter, am 18. September 1876,  wurde die zweite Tochter, Ruzena, geboren &#8211; deren fr\u00fcher Tod, dicht  gefolgt von dem des erstgeborenen Sohnes Otakar (1874-1877), dann sicher  der unmittelbare Anla\u00df f\u00fcr die Vollendung des Stabat Mater war. Obwohl  es sehr leicht m\u00f6glich ist, da\u00df ein engerer Zusammenhang zwischen dem  Tod Josefinas und der \u00fcberwiegend dunklen, verhaltenen Stimmung der  ersten Werke des Jahres 1876 besteht, sollte man sich jedenfalls davor  h\u00fcten, unser Klaviertrio nur aus diesem Blickwinkel betrachten zu  wollen. Vielleicht w\u00e4re, abseits der sich hier stellenden konkreten  Frage, auch einmal das Ph\u00e4nomen zu untersuchen, da\u00df &#8211; nicht nur bei  Komponisten, die dem Publikum schon a priori als \u201ena\u00efv-musikantisch&#8221;  gelten &#8211; fast jeder schmerzliche Unterton in der Musik auf biographisch  belegbare Schicksalsschl\u00e4ge zur\u00fcckgef\u00fchrt wird, w\u00e4hrend sich kaum jemand  bem\u00fc\u00dfigt f\u00fchlt, den unmittelbaren \u201eAnla\u00df&#8221; musikalischer  Freudenausbr\u00fcche ergr\u00fcnden zu wollen. Am Schlu\u00df aller \u00dcberlegungen, die  durch solche Fragen ausgel\u00f6st werden k\u00f6nnten, steht dann wohl meist die  Einsicht, da\u00df wie jedes andere so auch das musikalische Kunstwerk  letztlich nur einer in ihm selbst gr\u00fcndenden Logik gehorcht &#8211; zu deren  Verst\u00e4ndnis oder teilweisen Entschl\u00fcsselung historische, soziologische,  biographische und sogar anekdotische Fakten freilich oft genug beitragen  m\u00f6gen. <br> <br> Im vorangegangenen Klaviertrio (B-Dur, op. 21, B 51) haben wir Dvor\u00e1k  auf der Suche nach dramaturgischer Stringenz und handwerklicher \u00d6konomie  gesehen. Das G-moll-Trio zeigt in beeindruckender Weise, wie rasch er  auf diesem Wege vorankam &#8211; oder besser: in welch kurzer Zeit er sein  hochgestecktes Ziel erreicht hatte. Denn obwohl die Musikwissenschaft  diesem Werk ihre (freilich durchaus verzichtbare) Anerkennung beharrlich  verweigert, ist es in des Wortes urspr\u00fcnglichster Bedeutung ein  Meisterst\u00fcck. In seiner Textur ist bis in die Ornamentik der letzten  Nebenstimme hinein alles mit motivischer Bedeutung durchwirkt. Die Form  erscheint auf allen Ebenen &#8211; vom Periodenbau \u00fcber die Satztektonik bis  hin zur Gesamtarchitektur &#8211; als Ausdruck einer organischen Entwicklung. <br> <br> Der Eindruck organischer, man ist versucht zu sagen: vegetativer  Entfaltung der musikalischen Ideen wird im ersten Satz (Allegro  moderato) noch durch eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Flexibilit\u00e4t des rhythmischen  und agogischen Verlaufes verst\u00e4rkt. So wird etwa das f\u00fcr Begleitfiguren  konstitutive \u201emotorische&#8221; Element st\u00e4ndig relativiert und modifiziert &#8211;  das hier immer wiederkehrende Changieren zwischen Sechzehntel- und  Achteltriolenbewegung, die einander abwechseln und \u00fcberlagern, hat fast  schon den Charakter eines rhythmischen Leitmotivs, ist aber gleichzeitig  auch eine \u00fcberaus raffinierte und wirkungsvolle Art,  \u201eimprovisatorische&#8221; Rubatoeffekte auszuschreiben. Au\u00dferdem verwendet  Dvor\u00e1k in diesem Satz zwei nicht eben kontrastierende, aber doch  deutlich unterschiedene Grundtempi, die einerseits auf subtile Weise die  Klarheit des formalen Ablaufes erh\u00f6hen, andererseits aber auch  interpretatorische Ungezwungenheit suggerieren. Das Zusammenwirken all  dieser Elemente gibt dem Ganzen jene atmende Freiheit, vor deren  Hintergrund die strenge motivische Arbeit und die pr\u00e4zis gezeichnete  formale Kontur des Satzes umso wirkungsvoller zur Geltung kommen k\u00f6nnen.  <br> <br> Melodische Keimzelle des Satzes ist eine diatonisch (in nat\u00fcrlichem  Moll) fallende Linie, in der zun\u00e4chst die Sext ausgespart bleibt. Ihr  Fehlen erzeugt eine dynamische und emotionelle Bruchlinie zwischen den  beiden entschlossenen Akkorden, die den Satz er\u00f6ffnen, und der  melismatisch klagenden Fortsetzung, die &#8211; nach beklemmend langem  Verweilen auf der Dominante &#8211; zum Ausgangspunkt des \u201eeigentlichen&#8221;  Hauptthemas wird. Hier schlie\u00dft sich dann die Kluft zwischen den beiden  Themenh\u00e4lften: der das Incipit beherrschende Konflikt scheint  aufgehoben, und die fehlende Sext darf jetzt erscheinen. Die Hierarchie  zwischen den beiden Erscheinungsformen des Themas, der reliefhaft  skulpierten Satzer\u00f6ffnung und seiner elegisch schw\u00e4rmerischen  Fortsetzung, wird zwar an den beiden tektonisch entscheidenden  Nahtstellen des Satzes (R\u00fcckkehr zur Wiederholung der Exposition und  R\u00fcckf\u00fchrung zur Reprise) eindeutig festgelegt, trotzdem sind beide  Varianten f\u00fcr Verlauf und Physiognomie des Satzes gleich wichtig. Der  Seitensatz (Poco pi\u00f9 mosso) steht in keinem Kontrast zu der  vorangegangenen Entwicklung, sondern ist ihr nat\u00fcrliches Resultat.  Gerade deshalb ist die hier vorgenommene Tempor\u00fcckung dramaturgisch ein  sehr gl\u00fccklicher Einfall. (Au\u00dferdem l\u00e4\u00dft die R\u00fccknahme dieses Schrittes  am Beginn der Wiederholung das Hauptthema in seiner Funktion noch  deutlicher hervortreten.) <br> <br> Die geschwisterliche N\u00e4he von Haupt- und Seitenthema kommt auch in der  Durchf\u00fchrung zur Geltung: So verwendet etwa der diesen Abschnitt  er\u00f6ffnende chromatische Modulationszug (fis-moll &#8211; g-moll \/ As-Dur &amp;  as-moll &#8211; a-moll) nacheinander ein Seitenthemen- und ein  Hauptthemen-Modell; auch hier erfolgt die Konturierung mit agogischen  Mitteln (Wiedereintritt des Tempo I gleichzeitig mit der R\u00fcckkehr des  Hauptthemas, unterstrichen durch die eingef\u00fcgte Durvariante). Der  gleiche Vorgang wiederholt sich am Ende der Durchf\u00fchrung, wobei die  Halbierung des Tonraumes (Reduktion auf den Modulationsschritt  Ges-Dur\/fis-moll &#8211; g-moll) durch die melodische Vergr\u00f6\u00dferung des  Incipits aufgewogen wird. <br> <br> Die Reprise stellt eine ungew\u00f6hnlich weitgehende Reinterpretation des  Expositionsablaufes dar. Auf dem jetzt viel beschwerlicheren Weg vom  Haupt- zum Seitenthema begegnet uns wieder der die Durchf\u00fchrung  begrenzende emblematische Modulationsschritt (fis-moll &#8211; g-moll). Auch  das Seitenthema selbst hat seinen unbefangenen Flu\u00df verloren und  erscheint vielfach gebrochen, wie eine bange und nur halb ausgesprochene  Frage. Die immer unabweislicher wiederkehrenden Anfangsakkorde  verdichten sich zuletzt zu einer ingrimmig verzweifelten Forderung &#8211; ein  siebenmal wiederholter Es-moll-Akkord evoziert eine in ohnm\u00e4chtigem  Schmerz geballte Faust. In die elegische Resignation der diesem Ausbruch  folgenden Coda klingt ein Unterton wehm\u00fctiger Erinnerung; mit bitterem  Entschlu\u00df beendet dann das &#8211; erst hier unverh\u00fcllt auftretende &#8211; Urmotiv  des diatonischen Oktavfalls den Satz. <br> <br> Das Largo (Es-Dur) geht in der Vereinfachung des Materials noch einen  Schritt weiter &#8211; Dvor\u00e1k begn\u00fcgt sich hier mit einem einzigen Thema. Auch  der formale Aufbau ist von lapidarer Knappheit: Auf die Exposition des  Themas in Gestalt einer asymmetrischen Periode (10 + 16 Takte) folgt ein  die Stelle des Vordersatzes einnehmender Durchf\u00fchrungsabschnitt von  dramatischer Intensit\u00e4t, an den sich die Reprise des Nachsatzes  anschlie\u00dft. Eine in ihrer Ausdehnung genau der Expositionsperiode  entsprechende Coda beschlie\u00dft diesen ungew\u00f6hnlich lakonischen Satz. Die  augenscheinliche Sparsamkeit in Form und Material wird allerdings durch  die Dichte und das Gewicht des Inhaltes mehr als aufgewogen. An keiner  anderen Stelle des Trios zeigt sich die tragische Gr\u00f6\u00dfe der ideellen  Konzeption unmittelbarer und best\u00fcrzender als hier. Die  Mediantausweichungen im zweiten und vierten Takt des Themas  (G-Dur\/Ces-Dur) umgrenzen das enge Terrain, das mit schwerem Herzen und  schleppenden Schritten mehrmals durchmessen wird. Erst die Coda er\u00f6ffnet  mit ihren bang hoffenden Synkopen den Blick auf eine ferne Region  friedlicher Zuversicht. <br> <br> An eben diese Geste kn\u00fcpft nun das folgende Scherzo (Presto, g-moll) an;  es ist bei all seiner motorischen Energie kein selbstsicher  vorw\u00e4rtsst\u00fcrmendes St\u00fcck, sondern l\u00e4\u00dft immer wieder die N\u00e4he einer  schwerlastenden Frage sp\u00fcren, die unter der t\u00e4nzerischen Eleganz seiner  Oberfl\u00e4che auf Antwort harrt. An einer Stelle &#8211; vor der Reprise des  Hauptteiles &#8211; wird sie dann auch ausgesprochen: Die nervige Bewegung des  Dreivierteltaktes wird zur bed\u00e4chtigen Gangart eines an das  vorangehende Largo erinnernden Zweivierteltaktes gedehnt, und in dieser  Vergr\u00f6\u00dferung erscheint das Scherzothema pl\u00f6tzlich als Teil einer  schwerm\u00fctigen Volksliedmelodie. Das Trio (Poco meno mosso, G-Dur) will  von all diesen Komplikationen nichts wissen: Mit der vertrauensseligen  Einfalt und Zuversicht, die hier zu Wort kommt, scheint ein Kind, ohne  es selbst auch nur zu ahnen, Trost und Hoffnung zu schenken. <br> <br> Die Saat dieser Episode bricht im Finale (Allegro non tanto) endlich aus  der Erde. Das Incipit ist ganz un\u00fcberh\u00f6rbar eine Paraphrase des  Werkanfangs: Wie dort herrscht auch hier der schroffe Gegensatz zwischen  den ersten zupackenden Forteakkorden und einer fast scheuen, fallenden  Bewegung, die diesmal aber schon von Anfang an einen versteckten Anflug  von \u00dcbermut in sich birgt. Und, ganz wie im ersten Satz, m\u00fcndet auch  hier die Wiederholung dieses viertaktigen Modells in ein erstaunliche  acht Takte langes Innehalten auf der Dominante, von der aus schlie\u00dflich  das \u201eeigentliche&#8221; Hauptthema erreicht wird. Die z\u00f6gernd tastenden  Halbtonschritte dieses Themas suchen den befreienden Ausweg in einen  Tanz: Rhythmus und Metrum verraten uns schon, da\u00df es eine Polka werden  soll &#8211; aber der lange Weg dorthin l\u00e4\u00dft uns den glatten Modetanz  vergessen; vielmehr wird die Erinnerung an Smetanas poetische  Polkametamorphosen (etwa das Klavierst\u00fcck Erinnerung an B\u00f6hmen, oder den  zweiten Satz des Streichquartetts Aus meinem Leben) geweckt. Erst im  zweiten Anlauf &#8211; diesmal steht das Er\u00f6ffnungsmodell schon ganz in  vitalem Forte, und der Weg f\u00fchrt jetzt \u00fcber die Subdominante &#8211; wird das  erl\u00f6sende G-Dur und der befreiende Tanz (Poco pi\u00f9 mosso) erreicht. Doch  schon nach wenigen Takten verebbt der t\u00e4nzerische \u00dcbermut, und unter  seinen letzten Ausl\u00e4ufern meldet sich das Einleitungsthema in v\u00f6llig  neuem Gewande als Kontrapunkt. Es fungiert hier zuerst als Seitenthema,  aber die motivischen Verflechtungen, die durch sein Erscheinen ausgel\u00f6st  werden, f\u00fchren uns geraden Weges in eine Durchf\u00fchrung, in der seine  kontrapunktische Disposition bald epidemisch wird. Es bereitet dem  Komponisten un\u00fcberh\u00f6rbar Vergn\u00fcgen, unter den Motiven des Satzes  Verwirrung zu stiften &#8211; Humor und Poesie dieser ungezwungen originellen  Durchf\u00fchrung w\u00fcrden hervorragend in eine n\u00e4chtliche Intrigen- und  Verwechslungsszene einer komischen Oper passen. (Es ist an Stellen wie  diesen, da\u00df man besonders lebhaft bedauert, wie ungl\u00fccklich Dvor\u00e1k in  vielen F\u00e4llen bei der Wahl seiner Opernlibretti war.) <br> <br> Wie im Kopfsatz ist auch hier die Reprise von charakteristischen  Ver\u00e4nderungen und weitgehenden Umreihungen gegen\u00fcber der Exposition  gepr\u00e4gt. Schon das Er\u00f6ffnungsmodell wird uns jetzt in einer  dynamisch-artikulatorischen Variante pr\u00e4sentiert &#8211; die Antwort auf die  Er\u00f6ffnungsakkorde ist diesmal diminuendo\/legato, was der mittlerweile  erreichten, nonchalanten und gel\u00f6sten Stimmung weit besser entspricht  als die beiden Varianten der Exposition. An der Stelle der eigentlichen  Polka, die sich Dvor\u00e1k f\u00fcr die Coda aufspart, steht hier zwischen Haupt-  und Seitenthema eine Art zweiter Durchf\u00fchrung, in der sich das  sch\u00fcchterne Hauptthema gar zu einem veritablen Fugato verf\u00fchren l\u00e4\u00dft.  Die effektvoll erst nach einem Scheinschlu\u00df gegen Ende der Coda  placierte Polka verliert auch diesmal schon nach wenigen Takten ihre  Verve und will in Wehmut enden; aber die janusk\u00f6pfigen Halbtonschritte  des Hauptthemas, die ja den ganzen Satz zwischen Sehnsucht und \u00dcbermut  in zarter Schwebe gehalten haben, entscheiden sich zuletzt doch f\u00fcr das  letztere und bringen das Werk zu einem fr\u00f6hlich unbeschwerten  G-Dur-Ende. <br> <br> Der mit diesem Werk vollzogenen Entwicklungsschritt ist nicht weniger  als ein Durchbruch zur Meisterschaft. Die kleinen (und durch wie viele  Sch\u00f6nheiten aufgewogenen!) Schw\u00e4chen des B-Dur-Trios sind hier alle  souver\u00e4n vermieden. (Ein Vergleich der beiden Finals\u00e4tze und ihrer  ideellen Verbindung zum Vorangehenden l\u00e4\u00dft die entscheidenden Elemente  dieser Entwicklung besonders deutlich hervortreten.) \u00d6konomie der  thematischen Arbeit und Reichtum der dramaturgischen Konzeption machen  dieses Werk zu einem fr\u00fchen H\u00f6hepunkt in Dvor\u00e1ks \u0152uvre &#8211; nur unsere  Kenntnis der beiden nachfolgenden Meistertrios k\u00f6nnte die  Vernachl\u00e4ssigung dieses Werkes zur Not erkl\u00e4ren, wenn auch nicht  rechtfertigen. V\u00f6llig unverst\u00e4ndlich erscheinen jedenfalls die  schulmeisterlich herablassenden Zensuren, die dieses Trio (etwa von dem  englischen Dvor\u00e1k-\u201ePapst&#8221; John Clapham) erhalten hat. Symptomatisch f\u00fcr  diese &#8211; durchaus nicht auf die \u201ehohe&#8221; Musikwissenschaft beschr\u00e4nkte,  sondern von sehr vielen \u201ePraktikern&#8221; geteilte &#8211; Einsch\u00e4tzung des Werkes  ist Wilhelm Altmanns einschl\u00e4giger Artikel in seinem popul\u00e4ren Handbuch  f\u00fcr Klaviertriospieler (1934). Da kann man innerhalb weniger Zeilen (-  ich zitiere nicht aus stilistischer Beckmesserei -) lesen: <br> <br> \u201e&#8230;auf jeden Fall&#8230; das am wenigsten starke der Dvor\u00e1kschen Trios&#8230;  recht klangsch\u00f6n&#8230; recht h\u00fcbsch&#8230; recht anziehend&#8230; recht  wirkungsvoll&#8230;&#8221; <br> <br> Alles, was \u201erecht&#8221; ist: Aber vielleicht litt Dvor\u00e1k doch nicht an  getr\u00fcbtem Urteilsverm\u00f6gen, als er vor seiner Abreise nach Amerika f\u00fcr  seine Abschiedstournee durch B\u00f6hmen und M\u00e4hren (mit Ferdinand Lachner  und Hanus Wihan, J\u00e4nner &#8211; Mai 1892) auch dieses Trio w\u00e4hlte, obwohl es  immerhin schon das f\u00fcr ein novit\u00e4tenhungriges Publikum bedenkliche Alter  von sechzehn Jahren hatte. Ich jedenfalls z\u00f6ge es auch dann immer noch  vor, mit Dvor\u00e1k zu irren, als mit Clapham und Altmann \u201erecht&#8221; zu haben. <br><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\">\u00a9 by Claus-Christian Schuster<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anton\u00edn Dvo\u0159\u00e1k * 08. September 1841\u2020 01. Mai 1904 Trio Nr.2, g-moll, op.26 [B 56] Komponiert: Prag, 4.-20. J\u00e4nner 1876 Urauff\u00fchrung: Turnov (Turnau an der Iser, Nordb\u00f6hmen), 29. 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