{"id":399,"date":"2019-02-12T19:16:20","date_gmt":"2019-02-12T18:16:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www2.altenbergtrio.at\/?p=399"},"modified":"2019-02-12T19:16:29","modified_gmt":"2019-02-12T18:16:29","slug":"debussy-trio-g-moll-l-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/debussy-trio-g-moll-l-3\/","title":{"rendered":"Debussy: Trio g-moll L.3"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Claude Debussy<\/h3>\n\n\n\n<p>* 22. August 1862<br>\u2020 25. M\u00e4rz 1918<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Trio g-moll L.3<\/h3>\n\n\n\n<table class=\"wp-block-table\"><tbody><tr><td>Komponiert:<\/td><td>Fiesole, Oktober 1880<\/td><\/tr><tr><td>Widmung:<\/td><td>Emile Durand<\/td><\/tr><tr><td>Urauff\u00fchrung:<\/td><td>Fiesole, Villa Oppenheim, Oktober 1880 (privat) <br>\nClaude Debussy, Klavier <br>\nVladislav Pachulskij, Violine <br>\nP\u00ebtr Daniltschenko, Violoncello <br>\n<\/td><\/tr><tr><td>Erstausgabe:<\/td><td>Henle, M\u00fcnchen, 1986<\/td><\/tr><\/tbody><\/table>\n\n\n\n<p>Wer immer ein unreifes Jugendwerk eines gro\u00dfen Komponisten nach  Jahrzehnten der vom Autor selbst gew\u00fcnschten Vergessenheit ans  Tageslicht zerrt, darf sich nicht nur des Beifalls novit\u00e4tenhungriger  Gourmets sicher sein (deren Hunger nach Neuem sich aber nur in den  seltensten F\u00e4llen auf die zeitgen\u00f6ssische Musik erstreckt), sondern er  mu\u00df sich auch gegen den nicht leicht zu entkr\u00e4ftenden Vorwurf der  Piet\u00e4tlosigkeit wehren. Selten aber ist beides, Neugier und Skepsis,  gleicherma\u00dfen so plausibel wie im Falle des 1986 ver\u00f6ffentlichten  Klaviertrios des achtzehnj\u00e4hrigen Debussy. <br> <br> Die Neugier beruht zun\u00e4chst auf dem Umstand, da\u00df es sich hier um die  fr\u00fcheste erhaltene Instrumentalkomposition Debussys handelt, wird aber  sicher noch gesch\u00fcrt durch die verwickelte und abenteuerliche Geschichte  der Wiederauffindung des Autographs; einige Jahre hindurch war nur der  1. Satz des Werkes zug\u00e4nglich, bis dann v\u00f6llig unerwartet eine zweite  Quelle erschlossen werden konnte, die die Wiederherstellung des gesamten  Textes erm\u00f6glichte. Das Wiener Schubert Trio brachte gleichzeitig mit  dem Erscheinen der Erstausgabe die erste Einspielung des ganzen Trios  heraus. Der Vorwurf der Leichensch\u00e4ndung hinwiederum, begangen am  Komponisten des &#8220;P\u00e9ll\u00e9as&#8221;, kann angesichts eines Werkes, das trotz aller  musikologisch belegbaren Querverbindungen zu Schumann und C\u00e9sar Franck  dennoch die meisten Anleihen bei Massenet (und manchmal wohl auch noch  eine Etage tiefer) macht, nicht ausbleiben. <br> <br> Gerade diese offen zutage liegenden M\u00e4ngel des Werkes aber scheinen eine  Besch\u00e4ftigung oder zumindest eine Bekanntschaft mit ihm zu  rechtfertigen. Denn f\u00fcr das tiefere Verst\u00e4ndnis der Eigenheiten der  Sprache Debussys kann es nun einmal nicht einerlei sein, &#8220;auf welchem  Mist&#8221; sie gewachsen ist, und aus welchen heterogenen Elementen sie  allm\u00e4hlich zu sich selbst gefunden hat. Bei Debussy, der seine ersten  vollg\u00fcltigen Werke in einem Alter schrieb, das etwa Schubert gar nicht  mehr erlebte, ist dieser Entwicklungsgang \u00e4u\u00dferst langdauernd und alles  andere als geradlinig. Unter diesem Aspekt ist das wiederaufgefundene  Klaviertrio Debussys als verbl\u00fcffende Markierung des Ausgangspunktes  eines einzigartigen Werdeganges sicher von Interesse und h\u00f6renswert. <br> <br> Debussy war am Ende des Studienjahres 1879\/80 in den Augen seiner Eltern  und Lehrer kaum mehr als ein Versager, ein &#8220;verpatztes Wunderkind&#8221;, das  sich f\u00fcr die angestrebte Laufbahn als Klaviervirtuose eben als  ungeeignet erwiesen hatte. Umso erstaunlicher, da\u00df gerade Debussys  Klavierlehrer Marmontel, der aus seiner Sicht allen Grund hatte, mit  seinem Sch\u00fcler \u00e4u\u00dferst unzufrieden zu sein, ihm eine \u00fcberaus verlockende  Einladung zukommen lie\u00df: die russische Million\u00e4rin Nadeschda  Filaretovna von Meck, die M\u00e4zenin Tschaikovskijs, suchte f\u00fcr ihre  allj\u00e4hrliche Europatour einen &#8220;Hauspianisten&#8221; und Klavierlehrer f\u00fcr ihre  Kinder. Debsussys erste &#8220;Saison&#8221; bei der Familie Meck dauerte vom 8.  Juli bis zum 14. November 1880. Zun\u00e4chst reist er der Familie nach  Interlaken entgegen. Von dort f\u00e4hrt man nach kurzem Aufenthalt \u00fcber  Paris an die franz\u00f6sische Atlantikk\u00fcste, nach Arcachon, wo man f\u00fcr die  Badesaison bleibt. Frau von Meck, die in diesem Sommer mit f\u00fcnf von  ihren elf Kindern unterwegs ist, wird nicht nur von einer beachtlichen  Anzahl Bediensteter begleitet; neben Debussy geh\u00f6ren auch der Geiger  Vladislav Pachulskij und der Cellist P\u00ebtr Daniltschenko zum Meckschen  Hofstaat; dieses &#8220;Von-Meck-Trio&#8221; mu\u00df zur Erbauung der Familie in  n\u00e4chtelangen S\u00e9ancen die gesamte verf\u00fcgbare Klaviertrioliteratur, meist  prima vista, zum besten geben. Daneben steht Debussy Frau von Meck als  Partner f\u00fcr das Vierh\u00e4ndigspiel zur Verf\u00fcgung &#8211; seine Fertigkeit im  Blattlesen, etwa der IV. Symphonie von Tschaikovskij, wird allseits  bewundert. Anfang Oktober trifft der Tro\u00df in Florenz ein und nimmt kurz  darauf in der Villa Oppenheim in Fiesole Quartier. Auch hier werden,  neben dem t\u00e4glichen Klavierunterricht f\u00fcr die Kinder, die Trioabende  fortgesetzt. Und so ist es gleicherma\u00dfen verst\u00e4ndlich und verzeihlich,  da\u00df Debussy der Versuchung erliegt, sich in diesem Genre auch als  Komponist zu versuchen. Frau von Meck ist von den Triounterhaltungen so  entz\u00fcckt, da\u00df sie bei Tschaikovskij brieflich anfragt, ob er nicht auch  so ein St\u00fcck schreiben wolle. Mit der ablehnenden Antwort Tschaikovskijs  und ihrer nachfolgenden Revision werden wir im letzten Abend unseres  Zyklus zu tun haben. Debussy jedenfalls scheint sich in Fiesole wohl  gef\u00fchlt zu haben, denn am Tag nach seiner Abreise schreibt Frau von Meck  an Tschaikovskij: <br> <br> &#8220;Mein kleiner Franzose ist abgereist. Denken Sie nur, P\u00ebtr Iljitsch, der  Junge hat geweint, als er uns verlie\u00df. Das hat mich tief ger\u00fchrt; er  hat ein so liebevolles Herz. Er h\u00e4tte uns \u00fcberhaupt nicht verlassen  sollen, aber der Direktor des Konservatoriums war schon sehr \u00e4rgerlich,  weil er seine R\u00fcckkehr um vierzehn Tage verschoben hatte&#8230;&#8221; <br> <br> (15.11.1880)<br> <br> Was das &#8220;liebevolle Herz&#8221; Debussys anlangt, sollte Frau von Meck recht  behalten: ihre Tochter Sonja, die 1880 gerade 13 Jahre alt gworden war,  wurde f\u00fcr den &#8220;kleinen Franzosen&#8221; im Laufe der folgenden zwei Sommer,  die er mit den Mecks auf Reisen verbrachte (1881 Moskau, Rom, Venedig;  1882 Moskau, Wien) immer anziehender, soda\u00df er sich 1882 in Wien &#8211; man  hatte kurz zuvor an der Staatsoper den &#8220;Tristan&#8221; unter Hans Richter  geh\u00f6rt &#8211; dazu verstieg, um Sonjas Hand anzuhalten. Dieser Fauxpas  beendete Debussys Gastspiel im Hause Meck. <br> <br> Ob schon in diesem ersten Sommer etwas von diesen Leiden angeklungen  sein mag? Wenn man das fl\u00fcchtige &#8220;Tristan&#8221;-Zitat im letzten Satz des  Trios h\u00f6rt, ist man fast versucht, daran zu glauben&#8230; <br> <br> Das Manuskript seines Klaviertrios nahm Debussy bei seiner R\u00fcckreise  nach Paris mit, um es dort &#8211; Wunder \u00fcber Wunder &#8211; ausgerechnet seinem  verha\u00dften Harmonielehrer Emile Durand zu verehren: <br> <br> &#8220;Beaucoup de notes accompagn\u00e9es de beaucoup d&#8217;amiti\u00e9, offert par l&#8217;auteur \u00e0 Son professeur Monsieur Emile Durand&#8221; <br> <br> lautete die blumige Widmung. Angesichts dieser Zeilen darf man sich  fragen, ob &#8211; neben manchem zweifellos aufrichtig Unbeholfenen &#8211; nicht  auch einige bewu\u00dfte (Selbst-)Ironie in dieses erste &#8220;gro\u00dfe&#8221; Werk des  beginnenden Komponisten eingeflossen ist. <br> <br> Schon die Tempobezeichnungen k\u00f6nnten einem Dogmatiker einiges  Kopfzerbrechen verursachen: &#8220;Andantino con moto allegro&#8221; (G-Dur) ist der  Beginn des ersten Satzes \u00fcberschrieben; aber das anschlie\u00dfende Allegro  appassionato f\u00fcr das zweite Thema r\u00fcckt die Dinge ganz von selbst ins  rechte (Beziehungs-)Lot. Ein drittes, lyrisches Thema schlie\u00dft sich an &#8211;  und wenn erst das ganze Material ausgebreitet ist, pflichtet man gerne  dem Komponisten bei, der meint, da\u00df man bei einer solchen F\u00fclle von  Themen billigerweise die Durchf\u00fchrung unter den Tisch fallen lassen  kann. Die Reprise bringt die drei Themen in neuen Tonarten, um den Satz  mit einer nochmaligen Reexposition des ersten Themas anstelle einer Coda  zu beschlie\u00dfen. <br> <br> Der zweite Satz tr\u00e4gt die noch kryptischere \u00dcberschrift: &#8220;Scherzo.  Intermezzo. Moderato con allegro&#8221; (h-moll). Debussy scheint also in  Fiesole mit seinen russischen Kollegen franz\u00f6sisch gesprochen zu haben,  wodurch auch sein Italienisch einen unverkennbar russischen Anstrich  erhielt. Aber jenseits dieser sprachlichen F\u00e4hrnisse ist dieser Satz in  seiner schlichten dreiteiligen Form ein sehr h\u00fcbsches St\u00fcck Musik (und  ganz offensichtlich ein Pendant zu dem gleichzeitig entstandenen  Klavierst\u00fcck &#8220;Danse boh\u00e9mienne&#8221;). <br> <br> Das folgende Andante espressivo (G-Dur) gibt sich keine M\u00fche, nobler  auszusehen als es ist &#8211; es ist ein herrlich sentimentales Salonst\u00fcck,  dem man gerade wegen dieses Mangels an Raffinement einiges verzeiht, was  in den H\u00e4nden eines Routiniers wohl unverzeihlich w\u00e4re. <br> <br> Im Finale. Appassionato (g-moll) klaffen Absicht und Ausf\u00fchrung wohl am  weitesten auseinander; die Instrumentation wird der offenbar  angestrebten &#8220;schumannschen&#8221; Dramatik nur sehr unvollkommen gerecht; die  Rondoform ist zwar durchaus geschickt gehandhabt, krankt aber daran,  da\u00df der sprachliche Duktus der einzelnen Episoden sich nicht mit dem des  Ritornells vertr\u00e4gt &#8211; es ist ein wenig so, als ob Hochsprache und  Dialekt, Sakrales und Vulg\u00e4res willk\u00fcrlich vermischt w\u00fcrden. <br> <br> Es ist erstaunlich, da\u00df das Werk trotz all dieser unleugbaren Schw\u00e4chen  in seiner Gesamtheit durchaus den Eindruck eines starken und  pers\u00f6nlichen Talents entstehen l\u00e4\u00dft. Seine wirklichen St\u00e4rken liegen in  einer Vielzahl von originellen Details, die zwar kaum je ein formales  Gef\u00fcge oder auch nur die Physiognomie eines ganzen Themas retten k\u00f6nnen,  sich in ihrer Summe aber dennoch durchsetzen: eine originelle  harmonische Nuance, eine elegante Melodiewendung, ein gegl\u00fcckter  \u00dcbergang, eine gut plazierte Gegenstimme, eine sympathische Geste. Nicht  viel, gemessen an dem \u00dcberreichtum und der makellosen Meisterschaft der  Trios von Ravel und Faur\u00e9 &#8211; doch wohl mehr als genug f\u00fcr einen ersten  mutigen Gehversuch. <br><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\">\u00a9 by Claus-Christian Schuster<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Claude Debussy * 22. August 1862\u2020 25. M\u00e4rz 1918 Trio g-moll L.3 Komponiert: Fiesole, Oktober 1880 Widmung: Emile Durand Urauff\u00fchrung: Fiesole, Villa Oppenheim, Oktober 1880 (privat) Claude Debussy, Klavier Vladislav Pachulskij, Violine P\u00ebtr Daniltschenko, Violoncello Erstausgabe: Henle, M\u00fcnchen, 1986 Wer immer ein unreifes Jugendwerk eines gro\u00dfen Komponisten nach Jahrzehnten der vom Autor selbst gew\u00fcnschten Vergessenheit [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":{"0":"post-399","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","6":"category-klaviertrios-klavier-violine-und-violoncello","7":"entry"},"translation":{"provider":"WPGlobus","version":"3.0.1","language":"en","enabled_languages":["de","en"],"languages":{"de":{"title":true,"content":true,"excerpt":false},"en":{"title":false,"content":false,"excerpt":false}}},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/399","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=399"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/399\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":400,"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/399\/revisions\/400"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=399"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=399"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=399"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}