{"id":367,"date":"2019-02-12T18:52:34","date_gmt":"2019-02-12T17:52:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www2.altenbergtrio.at\/?p=367"},"modified":"2019-02-12T18:52:41","modified_gmt":"2019-02-12T17:52:41","slug":"boulanger-deux-pieces-en-trio-1918","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/boulanger-deux-pieces-en-trio-1918\/","title":{"rendered":"Boulanger: Deux pi\u00e8ces en trio (1918)"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Lili Boulanger<\/h3>\n\n\n\n<p>* 21. August 1893<br>\u2020 15. M\u00e4rz 1918<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Deux pi\u00e8ces en trio (1918)<\/h3>\n\n\n\n<table class=\"wp-block-table\"><tbody><tr><td>Komponiert:<\/td><td>Paris, 1917\/18<\/td><\/tr><\/tbody><\/table>\n\n\n\n<p>Lili Boulanger entstammt einer traditionsreichen und bemerkenswert  vitalen Pariser Musikerfamilie: ihre Gro\u00dfmutter, Marie-Julie Hallinger,  war eine gefeierte S\u00e4ngerin an der Op\u00e9ra-Comique, wo sie lange genug  wirkte, um noch das Erstlingswerk ihres Sohnes aus der Taufe heben zu  k\u00f6nnen; ihr Gro\u00dfvater, der in Dresden geborene Fr\u00e9d\u00e9ric Boulanger,  lehrte als Cello-Professor am Pariser Conservatoire und versuchte sich  auch als Gesangsp\u00e4dagoge und Komponist. Der Sohn der beiden, Ernest  Boulanger, Lilis Vater \u2013 der bei der Geburt seiner j\u00fcngsten Tochter  immerhin schon 78 Jahre alt war \u2013 begann seine Karriere triumphal, indem  er als Zwanzigj\u00e4hriger 1835 mit dem Rompreis ausgezeichnet wurde. Nach  einer langen und recht erfolgreichen Laufbahn als Opernkomponist wurde  auch er Gesangsprofessor am Conservatoire. Dort hatte er als Sch\u00fclerin  eine achtzehnj\u00e4hrige russische Prinzessin, Ra\u00efsa Mytschetskaja, die sich  Hals \u00fcber Kopf in ihren um 43 Jahre \u00e4lteren Lehrer verliebte und ihn am  16. September 1877 in St. Petersburg heiratete. <br> <br> Zum Pariser Freundeskreis des ungleichen Paares geh\u00f6rten unter anderem  Gounod, Massenet und Saint-Sa\u00ebns. Genau am zehnten Hochzeitstag von  Ernest und Ra\u00efsa kam Juliette-Nadia auf die Welt.  Nadia sollte ihre  j\u00fcngere Schwester um 61 Jahre \u00fcberleben und die erfolgreichste  Kompositionslehrerin unseres Jahrhunderts werden.<br> <br> Am 21. August 1893 wurde Marie-Juliette geboren, die seit ihrer  fr\u00fchesten Kindheit nur Lili gerufen wurde. Mit drei Jahren begann sie  Klavier zu spielen, sp\u00e4ter lernte sie Geige, Cello und Harfe. Da sie  ihre um sechs Jahre \u00e4ltere Schwester \u00fcberallhin begleiten durfte, wurde  ihre ohnedies ausgepr\u00e4gte Fr\u00fchreife noch unterst\u00fctzt: Als Begleiterin  Nadias bekam sie schon mit f\u00fcnf Jahren ihren ersten Unterricht in  Harmonielehre, und zwar gleich am Conservatoire, von dem Komponisten und  Organisten Auguste Chapuis. Ein Jahr sp\u00e4ter finden wir sie als j\u00fcngste  Sch\u00fclerin in der Orgelklasse von Louis Vierne und gemeinsam mit Nadia in  der Klasse f\u00fcr Instrumentalbegleitung des Rompreistr\u00e4gers Paul Vidal,  ihres sp\u00e4teren Kompositionslehrers. Dort freundeten sich die Geschwister  mit dem jungen Komponisten Andr\u00e9 Caplet an. Die fragile Gesundheit  Lilis und die Vorzeichen ihrer Todeskrankheit Tuberkulose machten immer  wieder l\u00e4ngere Unterbrechungen des Unterrichts n\u00f6tig; an einen  geregelten Schulbesuch war \u00fcberhaupt nicht zu denken. Die Ferien  verbrachte man meist in Trouville an der Seinem\u00fcndung, wo sich auch der  Dichter Tristan Bernard mit seiner Familie aufhielt. (Einer von Lilis  Kindheitsfreunden, Tristan Bernards Sohn Etienne, sollte sp\u00e4ter eine  Kapazit\u00e4t in der Tuberkulosebehandlung werden.) <br> <br> Im April 1900 starb Lilis Vater. Noch am Tag vor seinem Tod hatte er  seinen Freund Th\u00e9odore Dubois, den Direktor des Conservatoires, zu sich  gerufen, um ihm die Obsorge f\u00fcr seine Kinder anzuvertrauen. Doch der  trockene und pedantische Dubois war wohl nicht der geeignete Mentor f\u00fcr  die M\u00e4dchen \u2013 die f\u00fchlten sich vielmehr zu Dubois sp\u00e4terem Nachfolger  Gabriel Faur\u00e9 hingezogen.<br> <br> Mit neun Jahren fing Lili zu komponieren an, wobei sie zun\u00e4chst von  Nadia unterwiesen wurde. Da Nadia schon zu dieser Zeit  Kompositionsunterricht von  Faur\u00e9 bekam, durfte auch Lili in dessen  Klasse zuh\u00f6ren. Faur\u00e9 delektierte sich mit besonderer Vorliebe an Lilis  ungew\u00f6hnlichen Blattlesek\u00fcnsten. Der Lieblingssch\u00fcler des Meisters,  Roger Ducasse, wurde ein \u201eWahlbruder\u201c der beiden Schwestern, aber auch  mit den anderen Sch\u00fclern dieser bemerkenswerten Klasse freundeten sich  die M\u00e4dchen bald an: Alfredo Casella, Charles Koechlin, Georges Enescu,  Florent Schmitt, Raoul Laparra und Maurice Ravel. <br> <br> Es ist unm\u00f6glich, den ganzen Reichtum an Beziehungen, Freundschaften und  Anregungen, der Lili und Nadia in diesen Jahren zufiel, zu skizzieren.  Eine ganz besondere Bedeutung sollte die Beziehung zu dem Pianisten und  Komponisten Raoul Pugno (1852-1914) gewinnen, den Nadia und Lili 1904  kennenlernten. Nadia wurde eine der bevorzugten Duopartnerinnen Pugnos  (der auch oft mit Eug\u00e8ne Ysaye oder Claude Debussy konzertierte). Die  Freundschaft mit ihm war es auch, die den Ausschlag f\u00fcr eine \u00c4nderung  des Sommerquartiers gab: von nun an verbrachten die Boulangers ihre  Ferien im nahen Gargenville (Yvelines, damals Seine-et-Oise), wo Raoul  Pugno seit 1904 B\u00fcrgermeister war. Er selbst wohnte in dem zu  Gargenville geh\u00f6renden Weiler Hanneucourt, und Ra\u00efsa, Nadia und Lili  Boulanger erwarben in unmittelbarer N\u00e4he drei kleine H\u00e4user (\u201eLes  Maisonnettes\u201c), die von nun an ihr Lieblingsdomizil wurden. So l\u00e4ndlich  auch die Gegend war, so kosmopolitisch war die sich hier einfindende  Gesellschaft: Paul Val\u00e9ry \u2013 wie Pugno selbst Italofranzose \u2013 wohnte  einige Kilometer weiter in Le Mesnil (Val\u00e9rys Frau war Raouls  Privatsch\u00fclerin), und als G\u00e4ste sah man in diesen Jahren in Gargenville  auch Gabriele d\u00b4Annunzio, Emile Verhaeren, Eug\u00e8ne Ysaye, Jacques Thibaud  und Wilhelm Mengelberg.<br> 1904 hatte die Familie Boulanger auch eine neue Stadtwohnung bezogen:  36, rue Ballu \u2013 die Entstehungsst\u00e4tte nahezu des ganzen schmalen \u0152uvres  von Lili, und praktischerweise gleichzeitig auch das Wohnhaus ihrer  beiden wichtigsten Lehrer, Georges Caussade (Kontrapunkt) und Paul Vidal  (Komposition).<br> <br> Im Jahre 1908 wurde Nadia Boulanger als erste Frau zum Finale des  Wettbewerbs um den Rompreis zugelassen und erhielt den zweiten Preis.  Dieser Erfolg der Schwester gab Lili gro\u00dfen Auftrieb. Trotz ihrer  gesundheitlichen Probleme, die immer wieder Arbeitspausen erzwangen,  intensivierte sie ihre Studien in den folgenden Jahren bis an und \u00fcber  die Grenzen ihrer physischen Leistungsf\u00e4higkeit. Ihr erkl\u00e4rtes Ziel war  es, \u201eden Rompreis in die Familie zur\u00fcckzuholen\u201c. Im ersten Anlauf  scheiterte sie 1912  \u2013 wahrscheinlich an einer durch \u00dcberanstrengung  ausgel\u00f6sten Krise. Aber im Mai 1913 war ihre Stunde gekommen: Als erste  Frau in der 110j\u00e4hrigen Geschichte des Prix de Rome errang sie diese  begehrteste Troph\u00e4e des franz\u00f6sischen Musiklebens.<br> <br> Drei Jahre sollten sich die Rompreistr\u00e4ger in der Villa Medici aufhalten  \u2013 aber mit Lili hatte das Schicksal anderes vor. Nicht einmal f\u00fcnf  Monate dauerte ihr r\u00f6misches Intermezzo: der Ausbruch des Ersten  Weltkrieges zwang sie schon in den ersten Augusttagen 1914 zur R\u00fcckkehr  nach Paris. Dort widmete sie sich von da an neben der Komposition in  erster Linie karitativen Aufgaben. 1916 konnte sie noch einmal f\u00fcr  wenige Monate nach Rom zur\u00fcckkehren. Aber wegen des fortgeschrittenen  Stadiums ihrer Krankheit konnte sie die Villa Medici nur selten  verlassen \u2013 eine fl\u00fcchtige Begegnung mit Paul Claudel und eine Audienz  bei Papst Benedikt XV. war die sp\u00e4rliche Ausbeute der Reise. Wieder nach  Paris zur\u00fcckgekehrt komponierte sie trotz ihres sich rapide  verschlimmernden Leidens bis zuletzt, wobei sie in ihren letzten  Lebensmonaten ihre Werke Nadia diktieren mu\u00dfte. Lili Boulanger starb im  f\u00fcnfundzwanzigsten Lebensjahr, elf Tage vor Claude Debussy.<br> <br> Das Diptychon, dessen Triofassung bis vor wenigen Jahren unbekannt war,  geh\u00f6rt zu den allerletzten Werken Lili Boulangers. Das erste der beiden  St\u00fccke, D&#8217; un soir triste, existiert auch in einer Orchesterfassung. Es  ist als letztes entstanden und zeigt die junge Komponistin an der  Schwelle zu einer ganz eigengepr\u00e4gten Tonsprache. Diese gro\u00dfangelegte  rhapsodische Klage ist in ihren Mitteln so kompromi\u00dflos und von einer so  jenseitigen Trauer erf\u00fcllt, da\u00df es schwer f\u00e4llt, in der franz\u00f6sischen  Musik eine Parallele daf\u00fcr zu finden. \u00c4hnlich wie die Gedichte Trakls  ist diese Musik die Antwort eines hypersensiblen Menschen auf die Zeit  einer als apokalyptisch empfundenen Menschheitsd\u00e4mmerung &#8211; von hier  f\u00fchrt ein direkter Weg zu Messiaens Quatuor pour la fin du temps. Wenn  es denn also unbedingt eines Etiketts bedarf, so w\u00e4re die Bezeichnung  \u201eExpressionismus\u201c f\u00fcr diese Musik weit mehr angebracht als  \u201eImpressionismus\u201c, als dessen Vertreterin Lili Boulanger, nicht zuletzt  wegen ihrer lebenslangen Verehrung f\u00fcr Claude Debussy, gemeinhin gilt.<br> <br> Vom zweiten St\u00fcck des Diptychons, D&#8217; un matin de printemps, gibt es eine  Alternativfassung f\u00fcr Fl\u00f6te oder Violine und Klavier. Es ist etwas  fr\u00fcher entstanden und in vieler Hinsicht \u201etraditioneller\u201c, doch auch in  einem durchaus pers\u00f6nlichen Idiom formuliert. Schon allein das Sujet,  das so viel mehr zu den Leitbildern luziden gallischen Musizierens pa\u00dft,  legt eine F\u00fclle von Assoziationen innerhalb der franz\u00f6sischen Musik der  Zeit nahe. Es verwundert nicht, da\u00df dieses St\u00fcck zumindest in der  Alternativfassung schon seit langem gedruckt vorliegt und relativ  bekannt wurde, w\u00e4hrend das herbe und kryptische erste St\u00fcck bis in die  j\u00fcngste Zeit v\u00f6llig unbeachtet geblieben ist. <\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\">\u00a9 by Claus-Christian Schuster<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lili Boulanger * 21. August 1893\u2020 15. 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