{"id":365,"date":"2019-02-12T18:51:42","date_gmt":"2019-02-12T17:51:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www2.altenbergtrio.at\/?p=365"},"modified":"2019-02-12T18:51:47","modified_gmt":"2019-02-12T17:51:47","slug":"bloch-three-nocturnes-1924","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/bloch-three-nocturnes-1924\/","title":{"rendered":"Bloch: Three Nocturnes (1924)"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ernest Bloch<\/h3>\n\n\n\n<p>* 24. August 1880<br>\u2020 15. Juli 1959<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Three Nocturnes (1924)<\/h3>\n\n\n\n<table class=\"wp-block-table\"><tbody><tr><td>Komponiert:<\/td><td>Cleveland, Ohio, 1924<\/td><\/tr><tr><td>Widmung:<\/td><td>New York Trio<\/td><\/tr><tr><td>Urauff\u00fchrung:<\/td><td>New York Trio <br>\nClarence Adler, Klavier <br>\nLouis Edlin, Violine <br>\nCornelius van Vliet, Violoncello <br>\n<\/td><\/tr><tr><td>Erstausgabe:<\/td><td>C. Fischer, New York, und Universal Edition, Wien, 1925<\/td><\/tr><\/tbody><\/table>\n\n\n\n<p>Obwohl einige seiner Werke es zu unbestreitbarer Popularit\u00e4t gebracht  haben (allen voran wohl Nigun und Schelomo), z\u00e4hlt Ernest Bloch zu den  am wenigsten gew\u00fcrdigten und erforschten unter den gro\u00dfen Komponisten  unseres Jahrhunderts. Das in der englischsprachigen Literatur f\u00fcr Bloch  zuweilen gebrauchte Etikett \u201eHebrew Prophet&#8221; trifft auf jeden Fall  zumindest insofern zu, als ja der Prophet bekanntlich im eigenen Land  nichts gilt &#8211; und welches Land nun das Bloch eigene sei, ist eine Frage,  die der Komponist selbst nie definitiv beantworten wollte: In drei  gro\u00dfen Orchesterwerken huldigte er jenen drei L\u00e4ndern, die das meiste  Anrecht auf ihn geltend machen k\u00f6nnten: Israel (1912\/16), America &#8211; An  Epic Rhapsody (1926) und Helvetia &#8211; A Symphonic Fresco (1928). Sein  Lebensweg l\u00e4\u00dft ihn als Weltb\u00fcrger par excellence erscheinen: In eine aus  dem Aargau stammende j\u00fcdische Familie in der franz\u00f6sischen Schweiz  geboren, kehrt er nach Studienjahren in Br\u00fcssel, Frankfurt, M\u00fcnchen und  Paris nach Genf zur\u00fcck. 1916 geht er in die USA, wo er nach anf\u00e4nglichen  Schwierigkeiten gro\u00dfe k\u00fcnstlerische Erfolge erringen kann, sich aber  nicht heimisch f\u00fchlt und auch noch nach dem Erwerb der amerikanischen  Staatsb\u00fcrgerschaft (1924) daran denkt, nach Pal\u00e4stina auszuwandern.  Zwischen 1930 und 1938 lebt er wieder in Europa (im Tessin und in  Savoyen), von wo ihn die aufziehenden Gewitterwolken gerade rechtzeitig  fliehen lassen; erst die letzten beiden Lebensdekaden beenden sein  Wanderleben &#8211; in Agate Beach an der noch immer fast naturbelassenen  Pazifikk\u00fcste von Oregon findet er, was er sich immer ertr\u00e4umt hat, die  Erf\u00fcllung einer Vision seines Lieblingsdichters: <br> <br> Give me the splendid silent sun with all his beams full-dazzling,<br> Give me the juicy autumnal fruit ripe and red from the orchard,<br> Give me a field where the unmow&#8217;d grass grows,<br> Give me an arbor, give me the trellis&#8217;d grape,<br> Give me fresh corn and wheat, give me serene moving animals teaching content.. <br> <br> Give me to warble spontaneous songs recluse by myself, for my own ears only,<br> Give me solitude, give me Nature, give me again O Nature your primal sanities!<br> <br> <br> (Walt Whitman, Leaves of Grass, Drum-taps) <br> <br> Blochs erste amerikanische Periode, zu deren Ernte die Three Nocturnes  z\u00e4hlen, begann nicht eben verhei\u00dfungsvoll. Sein Landsmann Alfred Pochon,  der Gr\u00fcnder des Flonzaley-Quartetts, hatte Bloch eine Einladung als  Dirigent f\u00fcr eine ausgedehnte Tournee der T\u00e4nzerin Maud Allan  vermittelt. Da eine Schiffsreise \u00fcber den Atlantik in jenen Monaten eine  lebensgef\u00e4hrliche Unternehmung war &#8211; drei Monate vor Blochs Abreise war  Enrique Granados beim Untergang der \u201eSussex&#8221; nach einem deutschen  U-Boot-\u00dcberfall ertrunken &#8211; hatte Bloch wohlweislich seine Frau und die  drei kleinen Kinder in der Schweiz zur\u00fcckgelassen. Die \u00dcberfahrt verlief  ohne Zwischenf\u00e4lle, aber die schlecht vorbereitete Tournee versandete  nach nur sechs Wochen, und Bloch fand sich, nachdem man ihm im New  Yorker Astor Hotel seinen einzigen Wintermantel gestohlen hatte, Ende  November 1916 frierend und mittellos auf der Stra\u00dfe wieder. Um die  Hotelrechnung bezahlen zu k\u00f6nnen, mu\u00dfte er seine Geige versetzen; f\u00fcr  die Heimkehr konnte er kein Geld auftreiben. Doch am letzten Tag dieses  abenteuerlichen Jahres erstritten seine Freunde vom Flonzaley- Quartett  einen wichtigen Etappensieg f\u00fcr den Komponisten: die Urauff\u00fchrung des  monumentalen Ersten Streichquartetts in New York wurde zu einem  sensationellen Erfolg. Obwohl dieser Durchbruch Blochs prek\u00e4re Lage  nicht beendete, lie\u00df er mit seinem vielbeachteten Protest gegen die  Internierung Carl Mucks &#8211; der als deutscher Staatsangeh\u00f6riger seines  Amtes als Chefdirigent des Boston Symphony Orchestra enthoben worden war  &#8211; gleich von Anfang an keinen Zweifel daran aufkommen, da\u00df er nicht  gewillt war, in den USA nur ein braver Zaungast zu sein. Der Mut und die  Integrit\u00e4t Blochs, die ihn in Europa zum Freund Romain Rollands gemacht  hatten, brachten ihm bald auch die Anerkennung der amerikanischen Elite  ein: Max Eastman, John Haynes Holmes, Samuel Eliot Morison und Upton  Sinclair z\u00e4hlten bald zu seinem Freundes- und Bekanntenkreis. David  Mannes (1866 &#8211; 1959), der ehemalige Konzertmeister des New York Symphony  Orchestra und Initiator des \u201eMusic School Settlement for Colored  People&#8221; (1912), holte Bloch als Leiter der Abteilung f\u00fcr Musiktheorie  und Komposition an sein neugegr\u00fcndetes College. Bald schon steht Bloch  am Dirigentenpult der bedeutendsten amerikanischen Orchester &#8211; und immer  stehen auch seine eigenen Werke auf dem Programm: mit der Boston  Symphony (26. M\u00e4rz 1917), dem Philadelphia Orchestra (25.\/26. J\u00e4nner  1918) und schlie\u00dflich mit der New Yok Philharmony (8. Mai 1918, mit der  amerikanischen Erstauff\u00fchrung der Symphonie in cis-moll) erk\u00e4mpft er  sich so in k\u00fcrzester Zeit einen sicheren und ruhmvollen Platz in der  amerikanischen Musikwelt. Hans Kindler, den wir etwas sp\u00e4ter als  musikalischen Berater von Elizabeth Sprague Coolidge wiederfinden  werden, hatte schon am 3. Mai 1917 in New York die Urauff\u00fchrung von  Blochs wahrscheinlich popul\u00e4rstem Werk, Schelomo, gespielt. 1919 gewinnt  die Suite f\u00fcr Viola und Klavier den mit eintausend Dollar dotierten  Coolidge-Prize beim Berkshire Music Festival in Pittsfield,  Massachusetts. Die Urauff\u00fchrung dieses Werkes (am 25. September 1919)  brachte Bloch die Begegnung mit dem englischen Pianisten Harold Bauer  (1873-1951), der einer der wichtigsten Interpreten der Kammermusik des  Komponisten werden sollte. <br> <br> Trotz aller pers\u00f6nlichen Erfolge steht Bloch dem Kulturleben der  Vereinigten Staaten sehr kritisch gegen\u00fcber. Als er 1920 gebeten wird,  in Cleveland die Leitung eines neuzugr\u00fcndenden Musikinstituts zu  \u00fcbernehmen, ist er skeptisch: \u201eIch soll ein Konservatorium gr\u00fcnden in  einer W\u00fcste von 800.000 Menschen&#8230;&#8221; Trotzdem nimmt er die  Herausforderung an. Zun\u00e4chst versucht er, seine Zeit zwischen New York  und Cleveland gleichm\u00e4\u00dfig aufzuteilen, doch bald sieht er, da\u00df seine  dauernde Anwesenheit in Cleveland erforderlich sein wird. Die  \u00dcbersiedlung f\u00e4llt ihm umso leichter, als er an seiner neuen  Wirkungsst\u00e4tte einen genial begabten Sch\u00fcler hat: ihn, den gerade  f\u00fcnfundzwanzig Jahre alten Roger Sessions, nennt er \u201ea spiritual son,  closer to me than my own son.&#8221; Lehrer und Sch\u00fcler begeistern sich  gemeinsam f\u00fcr die afroamerikanische Musik. Wenn Sessions jungenhaft  schw\u00e4rmt: \u201eOh, how I would like to be a Negro!&#8221;, kann Bloch nicht umhin  beipflichtend festzustellen: \u201eThey possess the only original talent in  this land.&#8221; So wie Dvor\u00e1k vor ihm ist er aber auch von den \u00dcberresten  der indianischen Musikkultur fasziniert. Ende 1924 besucht er w\u00e4hrend  eines Aufenthaltes in Santa Fe das Indianerdorf Tesuque &#8211; die Eindr\u00fccke,  die er dort empf\u00e4ngt, haben in der zwei Jahre sp\u00e4ter vollendeten  Orchesterrhapsodie America ihre Spuren hinterlassen. <br> <br> 1922 wird Carl Engel Leiter der Musikabteilung an der Washingtoner  Library of Congress. Im Juni kommt Bloch zu einem Antrittsbesuch nach  Washington. Man spricht franz\u00f6sisch und deutsch &#8211; Engel ist als Sohn  deutscher Eltern in Paris geboren -, und Bloch klagt \u00fcber die  Kulturlosigkeit Amerikas. Engel f\u00fchrt den Komponisten durch die Sch\u00e4tze  der Musiksammlung und zuletzt in die im obersten Stock gelegene  Direktoriumskantine, von der aus man die die stolze Reihe der Museen an  der sonnen\u00fcberfluteten Mall bis hin zum Lincoln Memorial \u00fcberblickt.  Noch Jahre sp\u00e4ter erinnert sich Bloch an diesen Augenblick wie an eine  \u201eBekehrung&#8221; zu Amerika: <br> <br> \u201e&#8230;it impresses upon me once more the idea of America of the past and  America of the future, and makes me indulgent with America of the  present&#8230;&#8221; <br> <br> (an Carl Engel, San Francisco, 19. Dezember 1925) <br> <br> Wenige Tage sp\u00e4ter bewirbt Bloch sich um die amerikanische Staatsb\u00fcrgerschaft, die ihm am 8. November 1924 verliehen wird. <br> <br> Blochs Ruf als Lehrer hatte eine ganze Plejade junger Komponisten nach  Cleveland gezogen &#8211; neben Roger Sessions finden wir etwa Bernard Rogers,  Mark Brunswick, Quincy Porter und Theodore Chanler in seiner Klasse.  Die Freude an diesen Talenten konnte aber nicht \u00fcber die stetig  zunehmenden Spannungen mit der administrativen Schulleitung  hinwegt\u00e4uschen. Der unmittelbar nach der Verleihung der  Staatsb\u00fcrgerschaft unternommene Ausflug nach New Mexico hatte wohl auch  den Zweck verfolgt, Alternativen zu Cleveland zu sondieren. Mit Ende des  Schuljahres 1924\/25 tritt Bloch von seinem Direktorsposten in Cleveland  zur\u00fcck und folgt einem Ruf der Gr\u00fcnderinnen des San Francisco  Conservatory, Ada Clement und Lillian Hodghead, nach Kalifornien, wo er  die Jahre bis zu seiner vorl\u00e4ufigen R\u00fcckkehr nach Europa verbringen  wird. <br> <br> Von allem Anfang an spielt die Kammermusik eine zentrale Rolle in Blochs  Leben. Es ist ein &#8211; sp\u00e4ter zur\u00fcckgezogenes &#8211; Streichquartett, das der  Sechzehnj\u00e4hrige in Genf dem durchreisenden Eug\u00e8ne Ysaye vorlegt. In  Br\u00fcssel wohnt er dann als Sch\u00fcler Ysayes im Hause des deutschen  Kammermusikers Franz Sch\u00f6rg; hier entstehen zwischen 1897 und 1899 eine  (Ysaye gewidmete) Phantasie f\u00fcr Violine und Klavier und eine  (unver\u00f6ffentlichte) Cellosonate. Erst der \u00fcberm\u00e4chtige Einflu\u00df der  beiden deutschen Richards, dem Bloch in Frankfurt und M\u00fcnchen ausgesetzt  war, dr\u00e4ngt ihn vor\u00fcbergehend auf andere Gebiete der Musik. Aber auch  sein \u201ezweites Leben&#8221;, der Neubeginn in den USA, geht von der Kammermusik  aus: das erste Streichquartett ebnet ihm den Weg, und der Coolidge  Prize best\u00e4tigt seinen Ruf in der Welt der Kammermusik. Die Jahre in  Cleveland bringen dann die reichste Kammermusikernte in Blochs Leben:  hier entstehen die beiden Violinsonaten, Baal Shem, From Jewish Life,  M\u00e9ditation hebraique, Three Nocturnes und das Harold Bauer gewidmete  Erste Klavierquintett, das Tobias Matthay nicht eben zur\u00fcckhaltend the  greatest piece of chamber music since Beethoven&#8217;s death nannte. <br> <br> Unsere Three Nocturnes, gegen Ende der Clevelander Zeit entstanden, sind  Blochs einzige Komposition f\u00fcr Klaviertrio. Im Schaffen dieser Jahre,  das neben den gro\u00dfr\u00e4umigen Architekturen des Quintetts und der Sonaten  vor allem die \u201ehebr\u00e4ische&#8221; Sph\u00e4re von Blochs Genie entwickelt, ist das  Werk ein Sonderfall. Es mutet wie eine wehm\u00fctige R\u00fcckbesinnung auf das  verlorene Land der Kindheit an. Ein so nostalgisches Bild verf\u00fchrt zu  \u201eBeschreibungen&#8221;, wie sie die Jahrhundertwende liebte, und warum sollten  wir dieser Verf\u00fchrung widerstehen? <br> <br> Das erste St\u00fcck, Andante, das k\u00fcrzeste der Reihe, wirkt wie ein Pr\u00e9lude:  der Wind tr\u00e4gt uns ferne Glockenkl\u00e4ngezu, kaum erkennbare Bruchst\u00fccke  eines Liedes t\u00f6nen von irgendwogher dazwischen, zwischen Wolkenfetzen  und Nebelschwaden wirft die Sp\u00e4tnachmittagssonne ein geheimnisvolles und  fremdes Licht auf die vertrauten Bergmatten. <br> <br> Im darauffolgenden Andante quieto ist der Abendfriede eingekehrt, wie  wir ihn vielleicht aus den stillen Bildern Millets und den schlichten  Versen von Francis Jammes kennen, den aber Bloch in seinem Haus in den  Weinbergen von Satigny allabendlich und unmittelbar genie\u00dfen konnte.  Diese Erinnerung nimmt die Gestalt eines alten waadtl\u00e4ndischen  Volksliedes an, das f\u00fcr den Komponisten offenbar ganz besondere  Bedeutung hatte &#8211; es erweist sich nicht nur als das \u201eLeitmotiv&#8221; der  Three Nocturnes, sondern erscheint auch an prominenter Stelle in der  symphonischen Dichtung Helvetia. Die Nacht ist schon lange  hereingebrochen, wenn mit dem abschlie\u00dfenden Tempestoso ein kurzes, aber  heftiges Seegewitter \u00fcber der Traumlandschaft niedergeht. Melodiefetzen  treiben wie herrenlos hin- und hergeworfene Boote \u00fcber die  aufgepeitschten Wellen. Am H\u00f6hepunkt des Aufruhrs wirft die Sonne ihre  ersten Strahlen durch die Wolkenbank &#8211; und das geschieht, seliges  Angedenken an M\u00fcnchen und Richard Strauss, in strahlendem C-Dur, dem  Festtagskleid unseres Volksliedes. W\u00e4hrend sich die Sonne wieder in eine  dichte Wolkendecke h\u00fcllt, entfernt sich das Unwetter grollend im  Morgengrauen. <br><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\">\u00a9 by Claus-Christian Schuster<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ernest Bloch * 24. August 1880\u2020 15. Juli 1959 Three Nocturnes (1924) Komponiert: Cleveland, Ohio, 1924 Widmung: New York Trio Urauff\u00fchrung: New York Trio Clarence Adler, Klavier Louis Edlin, Violine Cornelius van Vliet, Violoncello Erstausgabe: C. 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