{"id":361,"date":"2019-02-12T18:49:57","date_gmt":"2019-02-12T17:49:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www2.altenbergtrio.at\/?p=361"},"modified":"2019-02-12T18:50:04","modified_gmt":"2019-02-12T17:50:04","slug":"bernstein-trio-op-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/bernstein-trio-op-2\/","title":{"rendered":"Bernstein: Trio op.2"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Leonard Bernstein<\/h3>\n\n\n\n<p>* 25. August 1918<br>\u2020 14. Oktober 1990<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Trio op.2<\/h3>\n\n\n\n<table class=\"wp-block-table\"><tbody><tr><td>Komponiert:<\/td><td>Cambridge, Massachusetts (Harvard University), April 1937<\/td><\/tr><tr><td>Widmung:<\/td><td>Madison Trio (Boston)<\/td><\/tr><tr><td>Urauff\u00fchrung:<\/td><td>Cambridge, Massachusetts (Harvard University), 1937 <br>\nMildred Spiegel [Zucker], Klavier (*1916) <br>\nDorothy Rosenberg [Alpert], Violine (*1916) <br>\nSarah Kruskall, Violoncello (1916-1996) <br>\n<\/td><\/tr><tr><td>Erstausgabe:<\/td><td>Selbstverlag 1979<\/td><\/tr><\/tbody><\/table>\n\n\n\n<p>Im Herbst 1935 st\u00f6rte ein Neuank\u00f6mmling die beschauliche Ruhe des  Wigglesworth Dormitory der altehrw\u00fcrdigen Harvard University: er hatte  ein Pianino mitgebracht. Der Freshman Leonard Bernstein wollte daf\u00fcr  sorgen, da\u00df man in Harvard von der Musik, \u00fcber die man sprach, auch  etwas h\u00f6ren konnte. Eben siebzehn Jahre alt geworden, hatte er die  traditionelle Eliteuniversit\u00e4t seiner Heimatstadt Boston wohl nur auf  Dr\u00e4ngen seines Vaters bezogen &#8211; er selbst w\u00e4re sehr viel lieber an das  Curtis Institute in Philadelphia gegangen. Nicht, da\u00df die Musik in  Harvard keinen Platz gehabt h\u00e4tte &#8211; mit Walter Piston (1894-1976)  geh\u00f6rte sogar einer der prominenteren amerikanischen Komponisten der  Zeit dem Lehrk\u00f6rper an; aber f\u00fcr einen als Wunderkind bestaunten  Pianisten war es doch ein eher ungew\u00f6hnlicher Studienort. <br> <br> Samuel Bernstein h\u00e4tte in seinem erstgeborenen Sohn am liebsten den  k\u00fcnftigen Leiter der von ihm mit so viel M\u00fche und Gl\u00fcck aus dem Nichts  aufgebauten &#8220;Samuel Bernstein Hair Company&#8221;, einer in ganz Neuengland  und dar\u00fcber hinaus geachteten Vertriebsfirma f\u00fcr den Friseur- und  Kosmetikbedarf, gesehen. Sp\u00e4ter sollte er nicht ohne bittere Koketterie  sagen: <br> <br> &#8220;You know, every genius had a handicap. Beethoven was deaf. Chopin had  tuberculosis. Well, some day I suppose the books will say, \u00bbLenny  Bernstein had a father\u00ab&#8230;&#8221; <br> <br>  Samuel Bernstein, geboren als Yiroel Yosef ben Yehuda in der N\u00e4he von  Berezdiv in der Ukraine, war erst zehn Jahre vor der Geburt seines  ber\u00fchmten Sohnes als sechzehnj\u00e4hriger Habenichts in Ellis Island  angekommen, wo ihm ein Einwanderungsbeamter den neuen Namen verpa\u00dft  hatte. Die ersten Dollar hatte er sich als Hilfsarbeiter auf einem New  Yorker Fischmarkt verdienen m\u00fcssen; 1912 war er zu seinem Onkel nach  Hartford in Massachusetts \u00fcbersiedelt, der ihn als Friseurgehilfen  angestellt hatte. Bis zu seiner Heirat, 1917, hatte er sich dann in  einer Friseurbedarfsfirma Schritt um Schritt emporgedient. Jennie  Resnick, seine Braut, stammte aus seiner engsten Heimat. Die Ehe war von  Anfang an ungl\u00fccklich: Schon in den ersten Ehejahren zog Jennie zweimal  f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit zu ihren Eltern zur\u00fcck. Auch die Geburt von Louis, der  schon bald nach der Geburt nur &#8220;Lenny&#8221; gerufen wurde (und 1934 auch  offiziell den Namen &#8220;Leonard&#8221; annahm), trug nur wenig zur Festigung der  Beziehung bei. 1923 gab es einen ersten Wendepunkt im Lennys Leben:  seine Schwester Shirley wurde geboren, sein Vater gr\u00fcndete eine eigene  Firma, und die Familie \u00fcbersiedelte in ein recht komfortables Haus am  Stadtrand von Boston. Samuel Bernstein hatte einen gl\u00fccklichen  Gesch\u00e4ftsinstinkt, und das Gesch\u00e4ft mit der Dauerwelle trug ihn  triumphal \u00fcber alle F\u00e4hrnisse der Krisenzeit. <br> <br> 1928 wurde das von Bernstein sp\u00e4ter oft beschworene Klavier Tante Claras ins Haus gebracht: <br> <br> &#8220;And I remember touching it&#8230; and that was it. That was my contract with life, with God.&#8221; <br> <br> Das neuerworbene Klavier wurde bald zum nat\u00fcrlichen Mittelpunkt von  Leonards Leben. Obwohl er zumeist katastrophale Klavierlehrer hatte,  machte er rasche und un\u00fcberh\u00f6rbare Fortschritte. Sein Repertoire waren  meist popul\u00e4re T\u00e4nze und seichte Salonst\u00fccke. 1929 kam er als Sch\u00fcler an  die Boston Public Latin School (die 1635 gegr\u00fcndete gymnasiale  Schwester der Harvard University), wo schon Benjamin Franklin und Ralph  Waldo Emerson die Schulbank gedr\u00fcckt hatten (und nach Bernstein auch  John F. Kennedy Sch\u00fcler sein sollte). Im Herbst 1932 fand er dann  endlich auch eine ad\u00e4quate Klavierlehrerin: Helen Coates, gerade sieben  Jahre \u00e4lter als ihr neuer Sch\u00fcler, wurde seine phantasievolle und  inspirierende F\u00f6rderin und Freundin. Neben seiner Mutter wurde sie zur  ersten Bewunderin von Lennies Improvisations- und Kompositionstalent. <br> <br> Im Vollgef\u00fchl seiner Berufung und von der Anerkennung seines weiblichen  Publikums getragen, tyrannisiert der angehende Star das Haus: mitten in  der Nacht wirft er sich ans Klavier und h\u00e4mmert die ganze Familie  (einschlie\u00dflich seines wenige Monate alten j\u00fcngsten Bruders Burton) aus  dem Bett. Auf die hilflosen Vorw\u00fcrfe des genervten Vaters antwortet er  entr\u00fcstet: <br> <br> &#8220;But papa, I have to do this, it&#8217;s in my head now and I got to put it down!&#8221; <br> <br> Man kann sich also denken, da\u00df Eltern und Geschwister keinen gro\u00dfen  Widerstand leisteten, als Leonard nach brillantem Abschlu\u00df des  Gymnasiums sein Quartier gleich in der Universit\u00e4t aufschlug, statt die  kurze Strecke vom Elternhaus t\u00e4glich hin- und herzufahren. Er war ein  eigenwilliger und undisziplinierter Student. Obwohl sein Hauptfach Musik  war, zeigte er sich nur unregelm\u00e4\u00dfig in den Kompositions- und  Theoriestunden, und oft endeten seine Gastspiele dort damit, da\u00df er  seine Professoren zu endlosen Diskussionen herausforderte. Flei\u00dfiger als  die Musikvorlesungen besuchte er die Philosophie- und  Philologieklassen, die er als Nebenf\u00e4cher belegt hatte. <br> <br> Die meiste Zeit aber verbrachte der junge Student in der  Musikalienhandlung Briggs &amp; Briggs, wo er immer neue Schallplatten  entdeckte. Der an der Harvard University herrschende Geschmack war  eindeutig: <br> <br> &#8220;Tchaikovsky was located one pigeonhole beneath Contempt at the time, as  was Verdi. The fashion dictated pre-Beethoven and post-Wagner.&#8221; <br> <br> So ist es nicht verwunderlich, da\u00df Bernstein bei Briggs &amp; Briggs vor  allem Aufnahmen von Stravinskij und Prokofiev, Malipiero und Casella,  Hindemith und Copland erstand. Vor allem der letztgenannte wurde bald zu  seinem kompositorischen Idol. <br> <br> Madison Trio<br> Zu Bernsteins engsten Freunden geh\u00f6rte in dieser Zeit die zwei Jahre  \u00e4ltere Mildred Spiegel, die er schon 1932 als Gymnasiast kennengelernt  hatte. Mildred war eine solide ausgebildete Pianistin und Lenny  handwerklich weit \u00fcberlegen, was er auch neidlos anerkannte. Sie hatte  mit ihren gleichaltrigen Freundinnen Dorothy Rosenberg und Sarah  Kruskall ein Trio gegr\u00fcndet, das in Anspielung an die Initialen der  Namen seiner Mitglieder (M. D. S.) als &#8220;Madison Trio&#8221; firmierte. Die  drei M\u00e4dchen waren h\u00e4ufige G\u00e4ste im Sommerhaus der Bernsteins in der  Lake Avenue in Sharon, wo immer eifrig musiziert wurde. Leonards  besondere Sympathie f\u00fcr Mildred dr\u00fcckte sich unter anderem in einer  Reihe von Kompositionen aus, dier er f\u00fcr sie schrieb: zu ihren  Geburtstagen 1937 und 1938 widmete er ihr zwei Klavierst\u00fccke mit dem  Titel Music for the Dance, und im Sommer 1938 sollte er mit ihr zusammen  seine Music for two pianos No.1 aus der Taufe heben. <br> <br>  Das Madison Trio gab w\u00f6chentliche Konzerte in der lokalen Radiostation  WHTH, war sich aber auch durchaus nicht zu schade, um bei Parties,  Hochzeiten und Festen aufzuspielen. Bernstein mochte die direkte, offene  und unkomplizierte Art des Ensembles. Man darf wohl annehmen, da\u00df er  bei der Komposition des Klaviertrios, das er im April 1937, gegen Ende  seines Sophomore-Jahres, f\u00fcr die drei jungen Damen schrieb, auch die  Charaktere der Widmungstr\u00e4gerinnen mitkomponierte. Jedenfalls weht durch  das ganze St\u00fcck ein frischer, manchmal frecher, immer aber jugendlich  unbek\u00fcmmerter Atem. Mit Brillanz und Melancholie gibt uns Bernstein eine  stimmungsvolle und farbenfrohe Skizze, in der der ganze Zauber des  Studentenlebens eingefangen ist; da\u00df dabei auch die akademische W\u00fcrde  der geehrten Herren Professoren Anla\u00df zu einigen  kontrapunktisch-parodistischen Seitenhieben gibt, kommt bei einem  Studenten wie Bernstein nicht ganz unerwartet. <br> <br> Der erste Satz (Adagio non troppo &#8211; Pi\u00f9 mosso) ist eine polyphone  Phantasie, deren von einem fanfarenartigen Septimsprung  charakterisiertes Fugatothema (die &#8220;id\u00e9e fixe&#8221; des ganzen Werkes) von  zwei lyrischen Nebenthemen eingeleitet und begleitet wird. Zwischen die  fugierten Teile schieben sich \u00fcberm\u00fctig-geschw\u00e4tzige homophone Partien,  die dem Satz einen zur Melancholie der Nebenthemen und zur Heroik des  Hauptthemas in auff\u00e4lligem Kontrast stehenden burlesken Ton geben. <br> <br> Dieser burleske Ton kommt im darauffolgenden Scherzo (Tempo di marcia)  dann auch zur vollen Entfaltung. Die mutwillige Verschmelzung  amerikanischer, spanischer, preu\u00dfischer und wei\u00df Gott welcher Wendungen  zu einer grotesken Marschparodie l\u00e4\u00dft an die musikalischen Frechheiten  der Zwanziger Jahre \u00e0 la Schostakowitsch, Prokofjew und Casella denken.  Die moderne Gro\u00dfstadt scheint sich in kosmopolitischer und nonchalanter  Clownerie hier selbst zu bespiegeln. <br> <br> Der Schlu\u00dfsatz (Largo &#8211; Allegro vivo e molto ritmico) wird mit einer  langsamen Einleitung er\u00f6ffnet, in der uns das Fugatothema des ersten  Satzes wiederbegegnet. Im Hauptteil wird der koloristische Eklektizismus  des zweiten Satzes wiederaufgenommen und weitergef\u00fchrt: an  prominentester Stelle erscheint hier ein &#8220;russisches&#8221; Chorliedthema mit  den charakteristischen ungeraden Takten. Auch die iberische Maske aus  dem Marsch erscheint wieder, diesmal nicht mehr rhapsodisch wie dort,  sondern mit dem t\u00e4nzerisch betonten, archetypischen Spiel von  Dreiviertel- und Sechsachteltakten. Zwei Nebenthemen erg\u00e4nzen das  Personal dieses figurenreichen Satzes, in dem der Exposition sofort und  ganz ohne verarbeitende oder vertiefende Umwege eine verk\u00fcrzte Reprise  mit neuer Themenreihung folgt. In der Coda bleibt nur mehr der  &#8220;spanische&#8221; Ostinato-Rhythmus z\u00fcr\u00fcck, \u00fcber den das Cello in herrischer  Einsamkeit die Fugatofanfare zum Sieg f\u00fchren m\u00f6chte. Die Spanier  weichen, verstummen&#8230; Da st\u00fcrzt der vermeintliche Triumphator vom Pferd  &#8211; und die frechen T\u00e4nzer haben das letzte Lachen. <br> <br> Vor allem die kom\u00f6diantischen Qualit\u00e4ten dieses kleinen Werkes lassen es  als eine erste Talentprobe des k\u00fcnftigen Theatergenies erscheinen, das  auch die Kunst der Selbstinszenierung auf eben so gewinnende wie  meisterhafte Art zu beherrschen lernen sollte. <br>  <\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\">\u00a9 by Claus-Christian Schuster<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leonard Bernstein * 25. August 1918\u2020 14. 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