{"id":352,"date":"2019-02-12T18:45:28","date_gmt":"2019-02-12T17:45:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www2.altenbergtrio.at\/?p=352"},"modified":"2019-02-12T18:46:48","modified_gmt":"2019-02-12T17:46:48","slug":"beethoven-trio-d-dur-op-70-nr-1-geister-trio","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/beethoven-trio-d-dur-op-70-nr-1-geister-trio\/","title":{"rendered":"Beethoven: Trio D-Dur op.70 Nr.1 (&#8220;Geister Trio&#8221;)"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ludwig van Beethoven<\/h3>\n\n\n\n<p>* 16. Dezember 1770<br>\u2020 26. M\u00e4rz 1827<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Trio D-Dur op.70 Nr.1 (&#8220;Geister Trio&#8221;)<\/h3>\n\n\n\n<table class=\"wp-block-table\"><tbody><tr><td>Komponiert:<\/td><td>Wien, etwa Juni bis September 1808<\/td><\/tr><tr><td>Widmung:<\/td><td>Anna Maria von Erd\u00f6dy, geb. Niczky (1779-1837)<\/td><\/tr><tr><td>Urauff\u00fchrung:<\/td><td>privat:\tWien, Krugerstra\u00dfe 10 (bei Gr\u00e4fin Erd\u00f6dy), vor dem 10.Dezember 1808<br>\nLudwig van Beethoven, Klavier<br>\nIgnaz Schuppanzigh (1776-1830), Violine<br>\nJoseph Linke (1783-1837), Violoncello<br>\n<\/td><\/tr><tr><td>Erstausgabe:<\/td><td>Breitkopf &amp; H\u00e4rtel, Leipzig, August 1809<\/td><\/tr><\/tbody><\/table>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/resmedia\/img\/up200708\/beeth06_600x793.jpg\" data-rel=\"lightbox-gallery-G5pItcjb\" data-rl_title=\"\" data-rl_caption=\"\" title=\"\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/resmedia\/img\/up200708\/beeth06_200x264.jpg\" alt=\"\"\/><\/a><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>In  Beethovens Kammermusik ist die Dreis\u00e4tzigkeit die Ausnahme: Schon in  seinem Opus 1 wendet er sich von diesem bis dahin vorherrschenden Schema  ab, und nach dem Klaviertrio op.11 (\u201eGassenhauer-Trio\u201c), den drei  Sonaten f\u00fcr Klavier und Violine op.12 und der Hornsonate op.17 \u2013 alle  diese Werke entstanden zwischen 1797 und 1800 \u2013 werden wir nur noch  viermal dreis\u00e4tzigen Kammermusikwerken begegnen: der Sonate f\u00fcr Klavier  und Violine op.30 Nr.3 (G-Dur), der \u201eKreutzer-Sonate\u201c (op.47), dem  vorliegenden Trio und zuletzt der Sonate f\u00fcr Klavier und Violoncello  op.102 Nr.2, die mit dem \u201eGeister-Trio\u201c auch in Grundtonart und  Tonartenfolge \u00fcbereinstimmt. (Es ist vielleicht erw\u00e4hnenswert, da\u00df auch  Beethovens beide D-Dur-Klaviersonaten, op.10 Nr.3 und op.28, dreis\u00e4tzige  Werke mit einem Mittelsatz in D-moll sind.) <br> Offenbar wurde die Arbeit an diesem Trio w\u00e4hrend eines  Sommeraufenthaltes in Heiligenstadt begonnen, und zwar allem Anschein zu  einem Zeitpunkt, als das Schwesterwerk schon recht weit gediehen war;  trotzdem war das Werk (laut Beethovens Zeugnis) bereits Mitte September,  also fr\u00fcher als das Es-Dur-Trio, vollendet.<br> <br> Das er\u00f6ffnende Allegro vivace e con brio \u00fcberf\u00e4llt den Zuh\u00f6rer mit einem  lapidaren Incipit, dessen gedr\u00e4ngter Ansturm keinen Raum f\u00fcr metrische  Ordnung l\u00e4\u00dft &#8211; erst dahinter er\u00f6ffnet sich nach einer ebenso j\u00e4hen wie  scheinbar folgenlosen Wendung in die Submediante der schw\u00e4rmerische  Reichtum eines begeisterten Dreivierteltaktes. Der hymnische Flu\u00df dieser  wohl gerafftesten aller gro\u00dfen Beethoven-Expositionen vereint auf  engstem Raum \u201ebildhauerische\u201c und \u201emalerische\u201c Elemente. In der  Durchf\u00fchrung, die der Exposition an Pr\u00e4gnanz um nichts nachsteht, treten  die einzelnen motivischen Elemente in einen ebenso brillanten wie  subtilen kontrapunktischen Wettstreit. Erst in der Reprise wird in  verdoppeltem Anlauf die am Satzbeginn angedeutete Submediantr\u00fcckung beim  Wort genommen: Dieser B-Dur-Exkurs mutet wie ein tr\u00e4umerischer Vorgriff  auf die Welt des \u201eErzherzog-Trios\u201c an. Trotz dieser lyrischen  Erweiterung bleibt aber auch hier die ungew\u00f6hnliche Gedr\u00e4ngtheit der  Darstellung bewahrt, so da\u00df die von Beethoven geforderte (und von den  meisten Interpreten kaltbl\u00fctig verweigerte) Wiederholung von  Durchf\u00fchrung und Reprise gewisserma\u00dfen eine architektonische  Notwendigkeit darstellt. Erst danach, zum Beginn der Coda, darf sich der  unaufhaltsame Flu\u00df eine kurze Wegstrecke lang in die (bis dahin kaum  ber\u00fchrte und jetzt umso zauberischer wirkende) Subdominante G-Dur  weiten. Mit einer Crescendo- Stromschnelle kommt der Satz dann zu einem  das Incipit ein letztes Mal energisch res\u00fcmierenden Abschlu\u00df. <br>    <br> Da\u00df der Mittelsatz (Largo assai ed espressivo, d-moll) das Herzst\u00fcck des  Werkes sei, dar\u00fcber herrscht zwischen H\u00f6rern, Interpreten und  Musikwissenschaftlern seltene Einm\u00fctigkeit. Der Einzigartigkeit dieser  tondichterischen Vision ist Stefan Kunze (1933-1992) in einer  bemerkenswerten Studie (\u201eBeethovens \u00bbBesonnenheit\u00ab und das Poetische\u201c)  nachgegangen. Hier wird auch eine ebenso differenzierte wie klare  Antwort auf die seit den verungl\u00fcckten literarischen Deutungsversuchen  von Arnold Schering (1934) nicht mehr verstummen wollende Frage nach der  Beziehung zwischen (nicht unwahrscheinlichen) au\u00dfermusikalischen  Anregungen und dem Beethovenschen Werk gegeben: \u201eDie B\u00fcndigkeit, mit der  [&#8230;] Empfindung und Konstruktion sich gegenseitig bedingen, spricht  daf\u00fcr, da\u00df zwischen dem m\u00f6glichen Ausgangspunkt und dem Resultat (dem  vollendeten Werk) kein relevantes Verh\u00e4ltnis mehr besteht, kein Rest von  \u00bbAbbildlichkeit\u00ab bleibt. Die Sprachf\u00e4higkeit von Beethovens Musik hat  Erg\u00e4nzung oder St\u00fctzung nicht n\u00f6tig. Die Wirklichkeit, die aus  Beethovens T\u00f6nen spricht, ist eine in keiner Hinsicht erborgte &#8211; weder  aus dem Reich romantischer Welterfahrung, noch aus Shakespeares  nachtschwarzen albtraumhaften Visionen, die ihrerseits un\u00fcbertragbar  sind. Seine Musik bedarf keines \u00bbSchl\u00fcssels\u00ab, der au\u00dferhalb ihrer selbst  zu suchen w\u00e4re. (Dies soll nicht hei\u00dfen, es sei nicht wissenswert,  wodurch Beethovens Phantasie im einen oder anderen Fall in Gang gesetzt,  vielleicht befl\u00fcgelt wurde.)\u201c Im konkreten Fall wird eine solche  Wi\u00dfbegierde wenigstens zum Teil dadurch befriedigt, da\u00df sich auf einem  Skizzenblatt Entw\u00fcrfe zu einer geplanten Oper Macbeth und zu unserem  Largo unmittelbar nebeneinander (und auch durch die gleiche Tonart  aufeinander bezogen) finden. Den evokativen Reichtum dieser Musik aber  auf ein Shakespeare-\u201eProgramm\u201c festlegen zu wollen (worauf ja auch die  popul\u00e4re Bezeichnung \u201eGeister-Trio\u201c abzielt), hie\u00dfe, die Autonomie der  hier gewonnenen musikalischen Gestalt zu verkennen. Wer noch einen  Beweis f\u00fcr die Unzul\u00e4nglichkeit der \u201eProgramm\u201c-Theorie sucht, kann ihn  \u00fcbrigens im Autograph des Satzendes finden: Nicht weniger als f\u00fcnf  Anl\u00e4ufe ben\u00f6tigte Beethoven, um zur g\u00fcltigen Formulierung dieses  Schlusses zu gelangen &#8211; und die beiden vollst\u00e4ndig ausgef\u00fchrten  Varianten m\u00fcnden wahlweise in einen konzis affirmativen (die verworfene)  und einen ersch\u00f6pft verebbenden Schlu\u00df (die endg\u00fcltige Fassung); da\u00df  das bei Vorliegen eines konkreten au\u00dfermusikalischen dramaturgischen  Programms schwer denkbar w\u00e4re, d\u00fcrfte wohl einleuchten.<br> <br> Der Finalsatz (Presto) mutet wie eine spielerische, von allen  dramatischen und kontrapunktischen Komplikationen befreite  Widerspiegelung des Kopfsatzes an. Dieser Eindruck wird schon durch die  auff\u00e4llige, mit einer Fermate betonte Mediantwendung der ersten Phrase  hervorgerufen \u2013 das irrationale und folgenlose Fis-Dur entspricht  spiegelbildlich dem ebenso \u201eunerkl\u00e4rten\u201c B-Dur am Anfang des Werkes. Die  Fernbeziehung zwischen den beiden Wendungen wird am Ende des Satzes  (T.378 ff.), wo die \u201eAufl\u00f6sung\u201c in die Tonika den Umweg \u00fcber B-moll  nimmt, noch sinnf\u00e4lliger. (Nat\u00fcrlich l\u00e4\u00dft sich hier wie dort ganz bequem  eine rein funktionale Erkl\u00e4rung des Vorganges finden, aber mit der  unmittelbar erlebbaren Klangrealit\u00e4t haben solche Erkl\u00e4rungen recht  wenig zu tun.) Auf die generische Verwandtschaft dieses Finales mit dem  5. Satz aus dem Streichquartett op.131 ist schon verschiedentlich  hingewiesen worden \u2013 beiden S\u00e4tzen ist nicht nur die eben erw\u00e4hnte  harmonische Finesse, sondern auch Tempobezeichnung, Taktart und  metrisches Grundger\u00fcst gemeinsam. Die \u2013 vor allem nach dem  vorangegangenen Largo \u2013 verbl\u00fcffende Leichtgewichtigkeit des  Schlu\u00dfsatzes, seine geradezu clownesken (stellenweise w\u00e4re man sogar  versucht zu sagen: dadaistischen) Z\u00fcge wurden und werden von einigen  strengen Kunstrichtern mit kritischem Stirnrunzeln vermerkt; doch gerade  diese dramaturgische Eigenwilligkeit lie\u00dfe sich in konsequenter  Fortsetzung der im Largo geweckten Assoziationen mit \u00e4hnlich radikalen  Stimmungsbr\u00fcchen in den Shakespeareschen Trag\u00f6dien in Zusammenhang  bringen. Joseph Kerman nannte den Satz \u201eBeethoven\u00b4s Musikalischer Spa\u00df  without Mozart\u00b4s malice\u201c \u2013 und, wie immer man \u00fcber Mozarts Bosheit  denken mag, ein wirklicher Spa\u00df ist dieses Finale allemal. <br> <\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\">\u00a9 by Claus-Christian Schuster<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ludwig van Beethoven * 16. Dezember 1770\u2020 26. M\u00e4rz 1827 Trio D-Dur op.70 Nr.1 (&#8220;Geister Trio&#8221;) Komponiert: Wien, etwa Juni bis September 1808 Widmung: Anna Maria von Erd\u00f6dy, geb. 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