{"id":341,"date":"2019-02-12T18:21:05","date_gmt":"2019-02-12T17:21:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www2.altenbergtrio.at\/?p=341"},"modified":"2019-02-12T18:21:46","modified_gmt":"2019-02-12T17:21:46","slug":"zemlinsky-trio-d-moll-op-3-pf-cl-vlc","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/zemlinsky-trio-d-moll-op-3-pf-cl-vlc\/","title":{"rendered":"Zemlinsky: Trio d-moll op.3 [pf\/cl\/vlc]"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Alexander Zemlinsky<\/h3>\n\n\n\n<p>* 14. Oktober 1871<br>\u2020 15. M\u00e4rz 1942<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Trio d-moll op.3 [pf\/cl\/vlc]<\/h3>\n\n\n\n<table class=\"wp-block-table\"><tbody><tr><td>Komponiert:<\/td><td>Wien, 1896<\/td><\/tr><tr><td>Widmung:<\/td><td>Johann Nepomuk Fuchs<\/td><\/tr><tr><td>Urauff\u00fchrung:<\/td><td>Wien, Festsaal des Wiener kaufm\u00e4nnischen Vereins<br>\n(I., Johannesgasse 4),11. Dezember 1896<br>\nHugo Reinhold (1854-1935), Klavier<br>\nFr. Bl\u00fcmel, Klarinette (1878-?), Klarinette<br>\nFriedrich Buxbaum (1869-1948), Violoncello <br>\n<\/td><\/tr><tr><td>Erstausgabe:<\/td><td>Simrock, Berlin, 1897<\/td><\/tr><\/tbody><\/table>\n\n\n\n<p><strong><em>Prosaisches Vorspiel: Brahms als Juror<\/em><\/strong><br> <br> Zemlinskys Jugendjahre fallen mit dem H\u00f6hepunkt des f\u00fcr die  Intrigenseligkeit des Wiener Kulturlebens so bezeichnenden Streites  zwischen \u201eWagnerianern\u201c und \u201eBrahmsianern\u201c zusammen. Wie tief und  nachhaltig der durch diese mit den abstrusesten Mitteln gef\u00fchrte  Auseinandersetzung war, kann man bei der Lekt\u00fcre von Karl Kraus\u00b4 \u201eDer  Fall Kalbeck\u201c (Die Fackel Nr.158, 30. M\u00e4rz 1904) erahnen. Obgleich  Zemlinsky durch Herkunft und Ausbildung zum Anh\u00e4nger der Brahms-Partei  bestimmt war und auch an den Aktivit\u00e4ten des \u201eWiener  Tonk\u00fcnstlervereins\u201c, der in diesem ebenso erbitterten wie eigentlich  sinnlosen Kampf das Bollwerk der Wagner-Gegner darstellte, regen Anteil  nahm, so hatte er sich doch einen gen\u00fcgend unabh\u00e4ngigen und freien Blick  auf die Dinge bewahrt und war alles andere als ein blinder Fanatiker.  Arnold Sch\u00f6nberg, der mit Zemlinsky 1895 im Dilettantenorchester  \u201ePolyhymnia\u201c zusammentraf, berichtet:<br> <br> \u201eAls ich Zemlinsky kennenlernte, war ich ausschlie\u00dflich Brahmsianer. Er  aber liebte Brahms und Wagner gleicherma\u00dfen, wodurch ich bald darauf  ebenfalls ein gl\u00fchender Anh\u00e4nger beider wurde&#8230;\u201c<br> (Arnold Sch\u00f6nberg: My evolution)<br> <br> Da\u00df der Brahms-Biograph Max Kalbeck Zemlinsky totschweigt, kann man auch als Strafe f\u00fcr diese undogmatische Haltung betrachten.<br> <br> Auch die \u201ePolyhymnia\u201c, deren Proben allw\u00f6chentlich im  Augustinerbr\u00e4ukeller \u201eZur Tabakspfeife\u201c (Am Graben 29) stattfanden, war  f\u00fcr die Animosit\u00e4t und Radikalit\u00e4t, mit der in diesen Jahren  musik\u00e4sthetische Fragen diskutiert wurden, anf\u00e4llig: Bald nachdem  Sch\u00f6nberg zu der Gruppe gesto\u00dfen war, bildete sich eine heftige  Opposition gegen ihn, und nur dem energischen Eingreifen Zemlinskys war  es zu danken, da\u00df sich die Wogen gl\u00e4tteten \u2013 Sch\u00f6nberg sollte von der  \u201ePolyhymnia\u201c wenig sp\u00e4ter f\u00fcr sein Schilflied (nach Nikolaus Lenau)  sogar den ersten Kompositionspreis seiner jungen Laufbahn erhalten.<br> <br> Etwa zur gleichen Zeit, als Zemlinsky seinen zuk\u00fcnftigen Schwager  Sch\u00f6nberg kennenlernte, kam es auch zu einer ersten \u201eoffiziellen\u201c  Begegnung mit Brahms. Da\u00df dieses Zusammentreffen im Musikverein  stattfand, ist alles andere als ein Zufall \u2013 schon immer kreuzten sich  die Wege der \u00f6sterreichischen Musikgeschichte an dieser Stelle. Am 18.  M\u00e4rz 1895 veranstaltete das damals noch im Musikvereinsgeb\u00e4ude  untergebrachte Konservatorium im Gro\u00dfen Musikvereinssaal ein Festkonzert  zur Erinnerung an die Er\u00f6ffnung des neuen Hauses vor f\u00fcnfundzwanzig  Jahren. Brahms dirigierte dabei seine Akademische Festouverture op.80 \u2013  es sollte sein letzter Wiener Auftritt als Dirigent sein.  Dem  dreiundzwanzigj\u00e4hrigen Zemlinsky fiel bei diesem Konzert die ehrenvolle  Aufgabe zu, die Urauff\u00fchrung seiner Orchestersuite zu dirigieren. Diese  Auszeichnung war nicht willk\u00fcrlich: Zemlinsky hatte, nachdem er schon  1890 die Klasse des Brahms-Intimus Anton Door als bester Pianist des  Jahrganges absolviert hatte, im Sommer 1892 auch sein  Kompositionsstudium bei Hofkapellmeister Johann Nepomuk Fuchs mit  ausgezeichnetem Erfolg abgeschlossen und konnte sp\u00e4testens seit der  Urauff\u00fchrung seiner d-moll-Symphonie (10. Februar 1893) als die  herausragende Erscheinung unter den jungen Konservatoriumsabsolventen  gelten. Der gl\u00e4nzende Festakt bot aber nicht das richtige Ambiente, zu  einer wirklichen Begegnung. Dazu kam es erst im folgenden Jahr. Am 5.  M\u00e4rz 1896<br> <br> \u201ewurden ein Streichquintett und eine Violin-Klaviersuite vom Quartett  Hellmesberger aufgef\u00fchrt. Bei dieser Gelegenheit wurde ich Brahms  vorgestellt, und von dieser Zeit an war ich in n\u00e4herem Verkehr mit  ihm&#8230;\u201c<br> (Brief an Emil Hertzka, November 1910)<br> <br> Richard Heuberger berichtet in seinen Erinnerungen an Johannes Brahms,  da\u00df Brahms Zemlinskys Quintett gut gefallen habe: \u201eEr \u00e4u\u00dferte sich ein  ums andere Mal: \u00bbSieht \u00fcberall Talent heraus.\u00ab Als ich meinte, es sei  vieles Anderes auch sehr h\u00fcbsch gemacht, sagte er halb traurig und halb  grantig: \u00bbAch Gott, wer kann denn heute etwas Ordentliches  schreiben?!\u00ab&#8230;\u201c<br> <br> Der n\u00e4here Verkehr bestand unter anderem, wie sich Zemlinsky 1922  erinnerte, in einer Besprechung von Zemlinskys Streichquintett, zu der  Brahms den jungen Komponisten \u201emit der kurz und etwas ironisch  hingeworfenen Bemerkung: \u00bbNat\u00fcrlich, falls es Sie interessiert, mit mir  dar\u00fcber zu sprechen!\u00ab\u201c einlud.<br> <br> \u201eMit Brahms zu reden war keine so einfache Sache. Frage und Antwort war  kurz, schroff, scheinbar kalt und oft sehr ironisch. Am Klavier nahm er  mit mir mein Quintett durch. Anfangs schonungsvoll, korrigierend, die  eine oder andere Stelle sorgf\u00e4ltiger betrachtend, niemals eigentlich  lobend oder nur aufmunternd, schlie\u00dflich immer heftiger werdend. Und als  ich eine Stelle der Durchf\u00fchrung, die mir in Brahmsischem Sinne als  ziemlich gelungen erschien, sch\u00fcchtern zu verteidigen suchte, schlug er  das Mozartsche Streichquintett auf, erkl\u00e4rte mir die Vollendung dieser  \u00bbnoch nicht \u00fcbertroffenen Formengestaltung\u00ab, und es klang ganz sachlich  und selbstverst\u00e4ndlich, als er dazu sagte: \u00bbSo macht man\u00b4s von Bach bis  zu mir!\u00ab&#8230;\u201c<br> <br> Im M\u00e4rz 1896, als diese Szene sich h\u00f6chstwahrscheinlich zutrug, mu\u00df  Zemlinsky mitten in der Arbeit an einer neuen Komposition gewesen sein,  die wie das Streichquintett in d-moll stand, und die der junge Komponist  dem gro\u00dfen Meister nicht pers\u00f6nlich, sondern anonym zur Beurteilung  \u00fcbergeben wollte: Zemlinsky schrieb an einem Klarinettentrio, mit dem er  am Wettbewerb des Tonk\u00fcnstlervereines teilnehmen wollte.<br> <br> Wenn Industrie und Handwerk, Handel und Gewerbe sich auf  Weltausstellungen, Mustermessen und Leistungsschauen pr\u00e4sentierten, so  durfte auch die Kunst nicht beiseite stehen: Preisausschreiben und  Wettbewerbe aller Art hatten Hochkonjunktur. Brahms, der gleich im  Gr\u00fcndungsjahr 1885 Mitglied des Wiener Tonk\u00fcnstlervereins geworden war,  wurde schon 1886  bei der Ausrichtung des ersten Kompositionswettbewerbs  in Anspruch genommen. (Noch im selben Jahr wurde er dann auf Antrag  Theodor Leschetitzkys zum Ehrenpr\u00e4sidenten auf Lebenszeit ernannt.) Die  Wettbewerbe des Tonk\u00fcnstlervereins wurden schon bald zu einer vertrauten  Einrichtung des Wiener Musiklebens. Und wenn wir auch versucht sind,  mit der allwissenden Arroganz der Nachgeborenen dar\u00fcber zu l\u00e4cheln, da\u00df  die Preistr\u00e4ger nicht Hugo Wolf, Gustav Mahler und Arnold Sch\u00f6nberg,  sondern Julius Zellner, Hans K\u00f6ssler und Walter Rabl hie\u00dfen, so kann  doch nicht geleugnet werden, da\u00df von diesen Veranstaltungen recht  wertvolle Impulse f\u00fcr die j\u00fcngere Komponistengeneration ausgingen. <br> <br> Der Zielsetzung des Vereins entsprechend wurden vor allem jene Genres  gef\u00f6rdert, die den Bestrebungen der \u201eNeudeutschen\u201c und der \u201eWagnerianer\u201c   ferne lagen oder geradewegs zuwiderliefen (Kammermusik,  A-capella-Komposition etc.). <br> <br> Auch 1896 trug die Aufgabenstellung des Wettbewerbs deutlich  \u201eideologische\u201c Z\u00fcge: Diesmal ging es um die Komposition eines  Kammermusikwerkes mit einem Blasinstrument \u2013 eine Werkkategorie, zu der  Brahms selbst gerade erst mit seinen Opera 114 (Klarinettentrio, 1891),  115 (Klarinettenquintett, 1891) und 120 (zwei Klarinettensonaten, 1894)  Meisterwerke beigesteuert hatte. Im J\u00e4nner 1896 erschien also folgende  Ausschreibung:<br> <br> \u201eDer Wiener Tonk\u00fcnstlerverein schreibt zur F\u00f6rderung der  Kammermusik-Literatur f\u00fcr Blasinstrumente zwei Preise aus f\u00fcr die besten  Kammermusikst\u00fccke, bei denen mindestens ein Blasinstrument verwendet  wird. Die Zusammenstellung der \u00fcbrigen Instrumente bleibt den  Componisten \u00fcberlassen.<br> Die Preise betragen 300 und 200 Kronen.<br> Zur Einsendung concurrirender Arbeiten sind berechtigt:<br> 1. alle in \u00d6sterreich-Ungarn lebenden Componisten<br> 2. alle \u00f6sterreichisch-ungarischen Staatsangeh\u00f6rigen ohne R\u00fccksicht auf ihren Wohnort&#8230;\u201c<br> <br> In den Tagen nach dieser Ver\u00f6ffentlichung trug sich auch ein Sch\u00fcler  Zemlinskys mit Pl\u00e4nen f\u00fcr ein Klarinettentrio, das er allerdings nach 16  Takten liegenlie\u00df \u2013 das von Arnold Sch\u00f6nberg am 9. Februar 1896 zu  Papier gebrachte Fragment folgt ganz offensichtlich den Spuren seines  Lehrers.<br> <br> Wenn das erkl\u00e4rte Wettbewerbsziel der \u201eProduktionsf\u00f6rderung\u201c schon  vollkommen dem unternehmerischen Geist einer zukunftsgl\u00e4ubigen  Industriegesellschaft entspricht, f\u00fcr die eben auch die Kunst ein  umsichtig zu entwickelnder Produktionszweig ist, so findet man in der  Abwicklung des Wettbewerbes selbst ein getreues Miniaturbild der  damaligen politischen Realit\u00e4t:  Ganz wie in der konstitutionellen  Monarchie erscheinen auch hier \u201eautorit\u00e4re\u201c und \u201edemokratische\u201c Z\u00fcge in  engster Nachbarschaft. Die anonym eingesendeten Werke, die durch ein  frei gew\u00e4hltes Motto gekennzeichnet waren, sollten von einem Comit\u00e9  gesichtet und beurteilt werden; \u00fcber die einer Auff\u00fchrung f\u00fcr w\u00fcrdig  befundenen Werke durften dann alle ordentlichen Vereinsmitglieder  abstimmen.<br> <br> In der Zusammensetzung der Jury dokumentiert sich die enge Bindung des  Tonk\u00fcnstlervereins an die Gesellschaft der Musikfreunde, in deren  Geb\u00e4ude ja auch die Vereinsabende stattfanden. Neben Johannes Brahms  geh\u00f6rten Eusebius Mandyczewski und Richard von Perger diesem Gremium an.  Richard von Perger (1854-1911) war erst 1895 aus Rotterdam in seine  Heimatstadt zur\u00fcckgekehrt, um hier die Direktion des Musikvereins zu  \u00fcbernehmen; sein erstes Saisonprogramm hatte er sogleich seinem  mittelbaren Amtsvorg\u00e4nger Brahms (artistischer Direktor 1872-1875) zur  Korrektur vorgelegt. Auch Eusebius Mandyczewski (1857-1929), der seit  1879 zum allerengsten Brahmskreis geh\u00f6rte, war Amtsnachfolger des  Meisters:  Er war 1881 zum Leiter der Wiener Singakademie ernannt  worden, der ja auch Brahms in seiner ersten Wiener Zeit (1863\/64)  vorgestanden hatte. Seit 1887 leitete Mandyczewski das Archiv der  Gesellschaft der Musikfreunde.<br> <br> Nach Ablauf der Einsendefrist am 31. Juli 1896 lagen dem Comit\u00e9 achtzehn  Kompositionen vor. Die Entscheidung der Jury tr\u00e4gt ganz unverkennbar  die Handschrift des alternden Meisters: Nicht weniger als zw\u00f6lf der  eingesandten Werke wurden zur Auff\u00fchrung empfohlen, und \u201edieses  verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig g\u00fcnstige Ergebnis bewog einen ungenannt sein wollenden  G\u00f6nner des Vereins \u2013 zur Spende von 400 Kronen, wodurch der Verein in  den Stand gesetzt wurde, die Preise zu 400, 300 und 200 Kronen f\u00fcr  diesmal festzusetzen.\u201c Keinem Kenner der Brahms-Biographie d\u00fcrfte es  schwerfallen, das Incognito dieses M\u00e4zens zu l\u00fcften. (F\u00fcr Steuerfahnder,  Skeptiker und andere kritische Geister: Ein Londoner Verehrer hatte  kurz zuvor Brahms eine gr\u00f6\u00dfere Summe vermacht, und Brahms konnte seinem  Verleger Fritz Simrock daher am 3. Dezember 1896 schreiben: \u201eFalls in  Berlin Geld f\u00fcr mich liegt, kann es in den Reichskeller kommen, die  englische Erbschaft reicht noch \u2013 trotzdem ich die Preisarbeiten  k\u00f6niglich protegiere.\u201c) <br> <br> Wenn man aber wei\u00df, wie kritisch Brahms auch (und vor allem) gegen\u00fcber  seinen eigenen Werken war, und wie selten er sich zu wirklichem Lob oder  ehrlicher Anerkennung hinrei\u00dfen lie\u00df, dann wird man in dem  \u201everh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig g\u00fcnstigen Ergebnis\u201c des Wettbewerbs weniger  zukunftsgl\u00e4ubigen Enthusiasmus, sondern vielmehr resignative Milde  widerspiegelt sehen. Brahmsens Unbehagen an der Situation des  Wettbewerbes dr\u00fcckte sich diesmal nicht in b\u00e4rbei\u00dfiger Grobheit, sondern  in gro\u00dfv\u00e4terlicher Nachsicht aus. Das beweist auch seine Antwort an  Fritz Simrock, der sich anl\u00e4\u00dflich eines Kurzbesuches in Wien f\u00fcr die  Wettbewerbsst\u00fccke sehr interessiert hatte:<br> <br> \u201e&#8230;Die Konkurrenzarbeiten sind Eigentum der Komponisten; ich werde  schon in Deinem Interesse Deiner nicht vergessen, Du brauchst Dich um  gar nichts zu bek\u00fcmmern. Ich mu\u00df mich nur h\u00fcten, weil ich zu geneigt  bin, passable Werke zu \u00fcbersch\u00e4tzen (im ersten Augenblick) \u2013 man sehnt  sich gar so sehr nach etwas Erfreulichem!\u201c<br> (Brief vom 30. Oktober 1896)<br> <br> Ist es zu spekulativ, hier die Sehnsucht nach einem \u00e4hnlichen Erlebnis  mitschwingen zu h\u00f6ren, wie es Brahms selbst 1853 Schumann in D\u00fcsseldorf  bereitet hatte?<br> <br> Die Nachsicht des Meisters bescherte den Vereinsmitgliedern immerhin  eine ganze Reihe interessanter Konzerte: an f\u00fcnf Abenden wurden die von  der Jury ausgew\u00e4hlten Werke aufgef\u00fchrt. Da die sonst benutzten R\u00e4ume im  Musikvereinsgeb\u00e4ude gerade neu adaptiert werden mu\u00dften, wich man in den  Festsaal des Wiener kaufm\u00e4nnischen Vereins aus (Johannesgasse 4, heute  Ballettabteilung des Konservatoriums der Stadt Wien) \u2013 diese erzwungene  Symbiose von Kaufmannschaft und K\u00fcnstlertum mu\u00df den Hanseaten Brahms  heimatlich angemutet haben.<br> <br> Gleich am ersten dieser Abende (20. November 1896) konnten die Zuh\u00f6rer  Zemlinsky als Pianisten erleben \u2013 er wirkte an der Auff\u00fchrung einer  unter dem Motto \u201ePer aspera ad astra\u201c eingereichten Hornsonate mit.  Einen Tag sp\u00e4ter konnte er \u00fcbrigens abseits des Wettbewerbs einen  kleinen Triumph feiern: die junge Pianistin Hedwig Ulmann hatte auf das  Programm ihres Konzertes im B\u00f6sendorfersaal zwei der L\u00e4ndlichen T\u00e4nze  op.1 \u201edes jungen begabten Wiener Componisten\u201c gesetzt, \u201evon denen eines  st\u00fcrmisch zur Wiederholung begehrt wurde.\u201c (Neue musikalische Presse,  13. Dezember 1896).<br> <br> Drei Wochen sp\u00e4ter, im vierten Konzert der Reihe (11. Dezember 1896),  stand dann Zemlinskys Opus 3 auf dem Programm, das er unter dem Motto  \u201eBeethoven\u201c eingereicht hatte. (Dieses lakonische Motto, dem nur  b\u00f6swillige Deutung einen megalomanen Nebensinn h\u00e4tte geben k\u00f6nnen, stand  jedenfalls in wohltuendem Gegensatz zu den poetischen Erg\u00fcssen einiger  Mitkonkurrenten. Zwischen den Mottos zweier der ausgeschiedenen  Kompositionen ergab sich etwa folgender ideologischer Disput:  Bl\u00e4seroktett, Motto: \u201eVon des Lebens G\u00fctern allen bleibt der Ruhm das  h\u00f6chste doch!\u201c \u2013 Andante f\u00fcr Klarinette und Streichquartett, Motto:  \u201eNicht Ehr und Ruhm will ich erringen \/ Ein einfach herzlich Lied nur  singen!\u201c)<br> <br> Der letzte Abend (22. Dezember 1896) wurde mit dem Septett Z m\u00e9ho zivota  (Aus meinem Leben) von Josef Miroslaw Weber (Prag 1854\u20131906 M\u00fcnchen)  beendet. Ein unvoreingenommener Betrachter w\u00e4re versucht, an eine  vorausgeplante Dramaturgie denken; jedenfalls scheint dieses Werk auf  den von der Jury ver\u00f6ffentlichten Werklisten immer an erster Stelle auf.  Auch der Kritiker der Neuen musikalischen Presse scheint von dieser  sehr bekenntnishaften und eigenwilligen Komposition ganz besonders  angetan \u2013 nat\u00fcrlich ist ihm auch die bewu\u00dfte Anlehnung an Smetana nicht  entgangen. <br> <br> In Wahrheit war freilich \u2013 wie es bei Wettbewerben eben schon vor  hundert Jahren zu gehen pflegte \u2013 alles schon lange vor diesem Abend so  gut wie entschieden. Auch mit der \u201eAnonymit\u00e4t\u201c der Bewerber war es nicht  sehr weit her, denn bereits am 3. Dezember hatte Brahms seinem Verleger  (in dem schon oben zitierten Schreiben) mitteilen k\u00f6nnen:<br> <br> \u201e&#8230;Das Beste ist jedenfalls ein Pianofortequartett mit Klarinette. Es  soll von Rabl, einem Sch\u00fcler Nawratils, sein. Ich kenne den jungen Mann  und seine Sachen wenig, da er mir pers\u00f6nlich nicht sympathisch war.  Nat\u00fcrlich behalte ich ihn und sein St\u00fcck jetzt im Auge&#8230;\u201c<br> <br> Wenige Tage sp\u00e4ter war dann die Sache noch klarer:<br> <br> \u201e&#8230;\u00dcber unsern Preiskomponisten Walter Rabl werde ich immer  Erfreulicheres melden. Ein ganzer Sto\u00df Sachen von ihm liegt bei mir. Er  selbst kommt der Tage zum Fest, ist im Begriff, in Prag seinen Doktor zu  machen. Die Abstimmung ist am 22sten; ich glaube, da\u00df er den ersten  Preis kriegt \u2013 das ist aber ganz Nebensache. Alles wird bestens besorgt  von Deinem J. Br.\u201c<br> (An Fritz Simrock, 17. Dezember 1896)<br> <br> So konnte also an jenem 22. Dezember 1896 nach der programmgem\u00e4\u00df  verlaufenen Abstimmung durch die anwesenden Vereinsmitglieder Walter  Rabl (1873-1940) den ersten Preis in Empfang nehmen, w\u00e4hrend das Septett  Miroslaw Webers auf dem zweiten Platz landete; der dritte Preis ging an  Zemlinskys Klarinettentrio \u2013 und so gesehen hat Zemlinsky diesen Erfolg  allein dem \u201eungenannt sein wollenden G\u00f6nner\u201c zu verdanken, der ja mit  seiner Spende die Vergabe von drei Preisen erst erm\u00f6glicht hatte. <br> <br> Seinem Simrock gegebenen Versprechen blieb Brahms treu \u2013 am letzten  Silvesterabend seines Lebens konnte er seinem Freunde melden:<br> <br> \u201e&#8230;Das Quartett von Rabl und das Trio von Zemlinsky geh\u00f6ren Dir. Bei  beiden kann ich eben auch den Menschen und das Talent empfehlen. Wenn  Rabl z\u00f6gert, Dir das Quartett zu schicken, so ist das wohl meine Schuld,  er meint warten zu sollen, bis er Gleichwertiges beilegen oder gleich  folgen lassen kann&#8230;\u201c<br> <br> In eben diesem Sinne hatte 1853 Schumann den jungen Brahms instruiert.  Rabl z\u00f6gerte nicht lange: Simrock druckte gleich nach dem  Klarinettenquartett noch ein Klaviertrio und Lieder;  Zemlinsky  konnte  bei Simrock zus\u00e4tzlich zu dem Trio op.3 noch sein Streichquartett op.4  unterbringen. Brahms erlebte die Drucklegung der von ihm protegierten  Werke nicht mehr.<br> <br> <br> <strong>Das Werk<\/strong><br> <br> Nur zwei der beim Kompositionswettbewerb des Tonk\u00fcnstlervereins  eingereichten Kompositionen bedienten sich der von Brahms verwendeten  Instrumentenkombinationen: ein nicht zur Auff\u00fchrung zugelassenes Andante  f\u00fcr Klarinette und Streichquartett und Zemlinskys Trio. Obwohl manches  darauf hindeutet, da\u00df Zemlinsky schon w\u00e4hrend der Komposition die  Herstellung einer Alternativfassung f\u00fcr die &#8220;klassische&#8221;  Klaviertrioformation miterwog, so ist die Wahl gerade dieser  instrumentalen Gestalt durchaus emblematisch zu verstehen. <br> <br> Das Genre &#8220;Klarinettentrio&#8221; in der Kombination Klavier &#8211; Klarinette &#8211;  Violoncello zeichnet sich unter den &#8220;Nebenformen&#8221; der Kammermusik  dadurch aus, da\u00df es Instrumente aus drei wesensverschiedenen Familien  verbindet, denen allen ein besonders gro\u00dfer Stimmumfang gemeinsam ist.  Die klangfarblichen und kontrapunktischen M\u00f6glichkeiten, die sich  dadurch ergeben, sind besonders reizvoll. Es erstaunt daher nicht, da\u00df  diese Gattung vor allem im Umfeld von Beethoven und Brahms anzutreffen  ist. Im Gegensatz zur nahe verwandten Form des Trios Klavier &#8211; Violine &#8211;  Klarinette, die einen noch &#8220;folkloristischeren&#8221; (und von Komponisten  wie Bart\u00f3k, Stravinskij und vielen anderen auch mit gro\u00dfem Effekt  eingesetzten) Unterton provoziert, l\u00e4\u00dft die von Beethoven und Brahms  gew\u00e4hlte Kombination ein reicheres Feld an M\u00f6glichkeiten offen. Zwar  zeigt Beethovens ber\u00fchmtes &#8220;Gassenhauer-Trio&#8221; (B-Dur, op.11), der  paradigmatische Ursprung der gesamten Gattung, da\u00df sich auch diese  Zusammenstellung f\u00fcr explizit &#8220;volkst\u00fcmliches&#8221; Material hervorragend  eignet (und Brahms schlie\u00dft sich mit dem Mittelteil des dritten Satzes  seines Klarinettentrios diesem Beweis an), aber die Festlegung ist viel  weniger eindeutig. Beethovens unmittelbare Nachfolger, Anton Eberl  (op.36 und op.44), Heinrich Eduard Josef von Lannoy (op.15) und  Ferdinand Ries (op.28), schenken diesen folkloristischen M\u00f6glichkeiten  auch kaum Beachtung. <br> <br> Das einzige &#8220;prominentere&#8221; Beispiel einer Komposition f\u00fcr unsere  Besetzung zwischen Beethoven und Brahms ist das Klarinettentrio op.29  von Vincent d&#8217;Indy (1887). Unter den unmittelbar von Brahms angeregten  Werken ist Zemlinskys Trio op.3 wohl das fr\u00fcheste &#8211; in den Folgejahren  erscheinen dann Kompositionen der Brahmsianer Wilhelm Berger (der ab  1893 als Leiter der Meininger Hofkapelle wohl auch von Richard M\u00fchlfelds  beseeltem Klarinettenspiel inspiriert wurde), Robert Kahn und Carl  Fr\u00fchling. <br> <br> Das von Zemlinsky gew\u00e4hlte Motto &#8220;Beethoven&#8221; bezieht sich vor dem  Hintergrund der hier kurz skizzierten Entwicklung des Genres nat\u00fcrlich  vor allem auf den Stammvater der Gattung &#8211; eine bewu\u00dfte stilistische  Anlehnung konnte eigentlich nur ein Kritiker erwarten. Anton Krtsm\u00e1ry,  Rezensent f\u00fcr die &#8220;Neue musikalische Presse&#8221; und selbst Mitglied des  Tonk\u00fcnstlervereins, macht denn auch prompt das Motto zum Ausgangspunkt  seiner betont k\u00fchlen Kritik: <br> <br> &#8220;Das mit dem dritten Preis gekr\u00f6nte Trio (in D-moll) von Alex.  Zemlinszky scheint trotz des Mottos &#8220;Beethoven&#8221; von Brahms abh\u00e4ngig zu  sein. Der erste Satz, wenngleich wenig selbst\u00e4ndig, ist doch recht  interessant gearbeitet. Am besten gefiel mir der zweite Satz (D-Dur),  Andante quasi Adagio.&#8221; <br> <br> Da\u00df das Werk wirklich von Brahms abh\u00e4ngig ist, bedarf wohl weder einer  Rechtfertigung noch einer Begr\u00fcndung. Wie weit diese Abh\u00e4ngigkeit im  einzelnen geht, oder vielmehr: mit wie wachen Sinnen Zemlinsky das  Brahmssche Vorbild aufgenommen und analytisch verwertet hat, ist in der  Sekund\u00e4rliteratur schon eingehend besprochen worden (zuletzt von Werner  Loll, Kassel 1990). <br> <br> Der erste Satz <em>(Allegro ma non troppo)<\/em> ist &#8211; wie so oft bei  Jugendwerken &#8211; der kompositorisch bei weitem anspuchsvollste und  ambitionierteste Teil des Werkes. In der \u00d6konomie der thematischen  Arbeit an Brahms, in der Art des melodischen Materials ein wenig an  Dvor\u00e1k orientiert, entbehrt der Satz durchaus nicht pers\u00f6nlicher Z\u00fcge,  so zum Beispiel in der eigenwilligen Kombination der verschiedenen  rhythmischen Keimzellen oder in den ganz deutlich eine individuelle  Handschrift verratenden harmonischen Fortschreitungen (beides besonders  ausgepr\u00e4gt in der souver\u00e4n gestalteten Durchf\u00fchrung). <br> <br> Im zweiten Satz (<em>Andante<\/em>, D-Dur) lassen sich unschwer  Reminiszenzen an das Brahmssche Klarinettenquintett op.115 ausnehmen,  obwohl gerade das Hauptthema mit seiner fast s\u00fc\u00dflichen  Fin-de-si\u00e8cle-Koloristik in auff\u00e4lligem Gegensatz zur viel herberen  Tonsprache des Meisters steht. Aber auch an diesem Hauptthema ist das  vertiefte Brahms-Studium des jungen Zemlinsky nicht spurlos  vor\u00fcbergegangen &#8211; man beachte etwa, wie unaufdringlich und doch  konsequent der Themenkopf aus der Schlu\u00dfwendung des vorhergehenden  Satzes entwickelt wurde. <br> <br>Der letzte Satz <em>(Allegro)<\/em> scheint das so ernst und bekenntnishaft  begonnene Werk auf ganz andere Bahnen f\u00fchren und in einem sorglosen, ja  fast koketten Ton beschlie\u00dfen zu wollen. Am Schlu\u00df der Reprise aber  tritt als H\u00f6hepunkt einer fiebrigen Steigerung das rhapsodische  Hauptthema des ersten Satzes in all seiner schicksalshaften  Bedeutungsschwere noch einmal wie der steinerne Gast auf; doch schon ist  auch Puck zur Stelle, der den n\u00e4chtlichen Spuk mit einer \u00fcberm\u00fctigen  Kapriole verscheucht &#8211; offensichtlich sind wir mit diesem Schlu\u00dfsatz in  das Hofoperndepot geraten. <br> <br>Wenn dieses Finale und sein Verh\u00e4ltnis zu allem Vorhergehenden also auch  Anla\u00df zu einigem kritischen Stirnrunzeln geben mag (uns entlockt es  freilich viel eher ein beif\u00e4lliges Schmunzeln), so f\u00fchrt es den  Komponisten doch mit unbezwingbarer Logik in sein ureigenstes Gebiet,  auf das Theater, wo Zemlinsky sich als einer der bezauberndsten und  fesselndsten M\u00e4rchenerz\u00e4hler der Musikgeschichte bew\u00e4hren sollte. <br> <\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\">\u00a9 by Claus-Christian Schuster<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alexander Zemlinsky * 14. Oktober 1871\u2020 15. M\u00e4rz 1942 Trio d-moll op.3 [pf\/cl\/vlc] Komponiert: Wien, 1896 Widmung: Johann Nepomuk Fuchs Urauff\u00fchrung: Wien, Festsaal des Wiener kaufm\u00e4nnischen Vereins (I., Johannesgasse 4),11. Dezember 1896 Hugo Reinhold (1854-1935), Klavier Fr. Bl\u00fcmel, Klarinette (1878-?), Klarinette Friedrich Buxbaum (1869-1948), Violoncello Erstausgabe: Simrock, Berlin, 1897 Prosaisches Vorspiel: Brahms als Juror Zemlinskys [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":{"0":"post-341","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","6":"category-andere-klaviertrios","7":"entry"},"translation":{"provider":"WPGlobus","version":"3.0.1","language":"en","enabled_languages":["de","en"],"languages":{"de":{"title":true,"content":true,"excerpt":false},"en":{"title":false,"content":false,"excerpt":false}}},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/341","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=341"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/341\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":344,"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/341\/revisions\/344"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=341"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=341"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=341"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}