{"id":295,"date":"2019-02-12T14:26:11","date_gmt":"2019-02-12T13:26:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www2.altenbergtrio.at\/?p=295"},"modified":"2019-02-12T14:27:01","modified_gmt":"2019-02-12T13:27:01","slug":"beethoven-trio-nr-3-c-moll-op-1-nr-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/beethoven-trio-nr-3-c-moll-op-1-nr-3\/","title":{"rendered":"Beethoven: Trio Nr. 3, c-moll, op. 1 Nr. 3"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ludwig van Beethoven<\/h3>\n\n\n\n<p>* 16. Dezember 1770<br>\u2020 26. M\u00e4rz 1827<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Trio Nr. 3, c-moll, op. 1 Nr. 3<\/h3>\n\n\n\n<table class=\"wp-block-table\"><tbody><tr><td>Komponiert:<\/td><td>Wien, etwa 1793<\/td><\/tr><tr><td>Widmung:<\/td><td>F\u00fcrst Carl von Lichnowsky (1761-1814)<\/td><\/tr><tr><td>Urauff\u00fchrung:<\/td><td>Wien, bei F\u00fcrst Carl von Lichnowsky (Schauflergasse 6), vor dem 19. J\u00e4nner 1794 (wahrscheinlich Ende 1793)<br>\nLudwig van Beethoven, Klavier<br>\n(?) Ignaz Schuppanzigh (1776-1830), Violine<br>\n(?) Anton Kraft (1749-1820), Violoncello<br>\n<\/td><\/tr><tr><td>Erstausgabe:<\/td><td>Artaria, Wien, Oktober 1795<\/td><\/tr><\/tbody><\/table>\n\n\n\n<p>Von  den drei Trios des emblematischen Opus 1, mit dem Beethoven in  beispielloser Selbstsicherheit die B\u00fchne der Musikgeschichte betritt,  ist das dritte wahrscheinlich das popul\u00e4rste und zweifellos das am  meisten gespielte. Beethoven selbst hielt es f\u00fcr das beste St\u00fcck der  Reihe und war daher \u00fcber die Skepsis, mit der Haydn bei der Urauff\u00fchrung  gerade diesem Werk begegnete, gekr\u00e4nkt. Es ist nicht zu leugnen, da\u00df  dieses Trio sich von seinen beiden Schwesterwerken auf ganz bezeichnende  Weise unterscheidet: Es ist noch reicher an einpr\u00e4gsamen motivischen  Details und instrumentatorischen Effekten, klanglich noch raffinierter  und noch dichter \u00fcbers\u00e4t mit \u00dcberraschungen aller Art. Gerade diese  qualitativen Unterschiede k\u00f6nnten aber vielleicht Haydns Reaktion  verst\u00e4ndlich machen ( \u2013 Haydns in diesem Zusammenhang oft ins Spiel  gebrachte \u201eEifersucht\u201c ist ein so abstruses Motiv, da\u00df es sich gar nicht  erst lohnt, darauf n\u00e4her einzugehen). Beethoven hat mit diesem Werk  n\u00e4mlich ganz offensichtlich ein Ziel verfolgt, das weit au\u00dferhalb der  Lebens- und Erfahrungssph\u00e4re Haydns lag: W\u00e4hrend die beiden  vorausgehenden Trios der musikalischen Naturpoesie Haydns mit ihrem  organischen Ablauf gar nicht ferne stehen, ist dieses abschlie\u00dfende \u2013  und nach Beethovens unmi\u00dfverst\u00e4ndlicher Absicht auch kr\u00f6nende \u2013 Werk ein  zutiefst subjektives, von ersch\u00fctternder Tragik gepr\u00e4gtes  Bekenntniswerk, in dem der Tondichter r\u00fcckhalt- und schonungslos bis an  die Grenzen des Mitteilbaren vordringt. Das lebensspendende  Gottvertrauen, unter dessen mildem Klima der ganze \u00fcberreiche Kosmos der  Haydnschen Kammermusik gedeiht und einen so unersch\u00f6pflichen Reichtum  an originellen Organismen hervorbingt, hier scheint es in einem  aussichtslosen \u00dcberlebenskampf verdunkelt, ja verloren \u2013 und die beiden  Momente, wo dieses kindliche und bedingungslose Vertrauen als ferne  Ahnung oder wehm\u00fctige Erinnerung wieder auftauchen m\u00f6chte, wirken vor  der Folie dieses existenziellen Kampfes als idyllische, ephemere  Selbstt\u00e4uschung (der zweite Satz) oder gar als dadaistischer Ulk (das  Trio des Menuetts), der die schicksalhafte Ausweglosigkeit nur noch  schmerzlicher hervortreten l\u00e4\u00dft. Da\u00df ein Werk von so kompromi\u00dfloser  Radikalit\u00e4t und best\u00fcrzender Gedr\u00e4ngtheit Fassungslosigkeit, ja  Entsetzen hervorrufen mu\u00dfte, erscheint ganz unausweichlich. Weit  erstaunlicher und bedenklicher d\u00fcnkt mich, da\u00df heute dieses Grauen im  Regelfall genie\u00dferischem Fu\u00dfwippen und einer allwissenden Kennermiene  gewichen ist; jedenfalls scheint die Popularit\u00e4t des Werkes zu einem  nicht geringen Teil auf einem fundamentalen und verharmlosenden  Mi\u00dfverst\u00e4ndnis zu beruhen.  Denn wenn man erst einmal die tragische  Heterogenit\u00e4t und die dramatische Spannung der hier verarbeiteten Ideen  und Klangbilder erkennt, wird man nicht so sehr die Sicherheit und  K\u00fchnheit, mit der Beethoven alle diese widerspr\u00fcchlichen Elemente zu  einem zwingenden und \u00fcberzeugenden (wenn auch best\u00fcrzenden) Ganzen zu  einen wei\u00df, bewundernd bestaunen, sondern viel eher vor der  Ersch\u00fctterung, die ein so schonungsloses Bekenntnis hervorruft, jede  wertende und \u201ewissende\u201c Attitude aufgeben. <br> <br>Schon die Exposition des ersten Satzes (Allegro con brio, c-moll) bietet  uns ein Schauspiel widerspr\u00fcchlichster Gef\u00fchle und Regungen: Verirrung  und banges Z\u00f6gern, atemloses Dr\u00e4ngen und zorniges Zupacken, seliges  Schweben und frenetisches St\u00fcrmen &#8211; alles ist hier zu finden und auf die  originellste Weise miteinander verwoben. So verwandelt sich etwa der  beklemmt fragende Doppelschlag des Kopfmotivs unvermutet zu einem nervig  dahinst\u00fcrmenden Motiv, w\u00e4hrend andererseits das nerv\u00f6se Agitato des  Hauptthemas bei seiner \u00fcberraschenden Wiederaufnahme in der Coda  pl\u00f6tzlich als gutgelauntes Scherzando erscheint. Gerade dieser Kontrast  bildet den Kern der Durchf\u00fchrung, die durch eine Reihe frappanter  Modulationen eingeleitet wird. H\u00f6chst beeindruckend ist auch der  dramatische Umgang mit dem traditionellen Orgelpunkt auf der Dominante  vor der Reprise: zweimal versucht das Cello allein die Erstarrung zu  durchbrechen und wird jedesmal mit einer herrischen Geste  zur\u00fcckgedr\u00e4ngt. Die Reprise ist gegen\u00fcber der Exposition tiefgreifend  ver\u00e4ndert, auff\u00e4lligstes Detail ist eine auf den Beginn der Durchf\u00fchrung  zur\u00fcckgreifende harmonische Ausweitung, die das Kopfthema f\u00fcr wenige  Augenblicke in Durbeleuchtung erscheinen l\u00e4\u00dft; der Schlu\u00df nimmt noch  einmal das wirkungsvolle Szenario der Reprisenvorbereitung auf und  entl\u00e4\u00dft uns in mit grimmigen Dissonanzen durchsetzten c-moll. <br> <br>In gr\u00f6\u00dftem Kontrast zu diesem Satz steht das folgende Andante cantabile  con Variazioni (Es-Dur). Rein \u00e4u\u00dferlich entspricht es einem bei  Beethovens Vorg\u00e4ngern sehr beliebten Muster (Thema, f\u00fcnf Variationen,  Coda). Das Thema selbst ist von gr\u00f6\u00dfter Schlichtheit; es besteht aus  zwei Achttaktern, die zuerst jeweils vom Klavier alleine und dann unter  F\u00fchrung der Geige von allen drei Instrumenten vorgestellt werden. Da in  den Klaviersoli die Ba\u00dflinie zun\u00e4chst ausgespart bleibt, entsteht der  Eindruck, als sei die erste Variation gewisserma\u00dfen schon im Thema  selbst enthalten. In der Folge wechselt immer eine vom Klavier und eine  von den Streichern dominierte Variation ab, so da\u00df der ganze Satz von  gro\u00dfer Klangfarbenausgewogenheit ist. Das sukzessive Fortschreiten zu  immer kleineren Notenwerten (Variationen I-III) hat Beethoven bis hin zu  den sp\u00e4ten Klaviersonaten beibehalten und weiterentwickelt; die Technik  erscheint aber schon hier mit gro\u00dfem Raffinement angewendet, da  Beethoven \u2013 im Unterschied zu seinen Vorg\u00e4ngern \u2013 die Beschleunigung der  Bewegungsart nicht mit den Anf\u00e4ngen der Variationen zusammen fallen  l\u00e4\u00dft, sondern mit gleitenden \u00dcberg\u00e4ngen und Vorwegnahmen arbeitet. Das  Hauptaugenmerk gilt jedoch der metrischen Interpretation des Themas &#8211;  das Spiel mit abwechselnd betonten und fallengelassenen, vorgezogenen  und versp\u00e4teten Auftakten ist nicht nur \u00fcberaus kunstreich, es steht  auch in einer sehr aparten Spannung zu der scheinbaren Simplizit\u00e4t des  Themas. Erst die innige Minore-Variation (IV) rekapituliert die  metrische Urgestalt des Themas, die dann in der letzten Variation (Un  poco pi\u00f9 Andante) von zierlicher Chromatik umspielt wird. Das Ende  dieser Variation und die Coda sind vielleicht der ber\u00fchrendste Moment  des Satzes: viermal m\u00fcndet die Kadenz in einen Trugschlu\u00df, um  schlie\u00dflich den Weg zu einer wundervoll ausgekosteten R\u00fcckkehr in das  heimatliche Es-Dur freizugeben. (Die allerletzten Takte dieser Coda hat  Beethoven \u00fcbrigens in seiner Bagatelle C-Dur op. 119 Nr. 2 zu einem  eigenen kleinen St\u00fcck ausgeweitet.) <br> <br>Wer gemeint h\u00e4tte, da\u00df Beethoven mit zwei so antithetischen S\u00e4tzen seine  M\u00f6glichkeiten zu dramaturgischen \u00dcberraschungen ersch\u00f6pft habe, wird in  den folgenden beiden S\u00e4tzen eines Besseren belehrt: der dritte Satz  erstaunt zun\u00e4chst schon einmal durch seine Bezeichnung (Menuetto. Quasi  allegro, c-moll). Die beiden Schwesterwerke bringen an dieser Stelle ein  Scherzo \u2013 und der kulturgeschichtliche Hintersinn der Verdr\u00e4ngung des  Menuetts durch das Scherzo wird ja gemeinhin als konstitutiv f\u00fcr die  \u201enachrevolution\u00e4re\u201c Musik angesehen. Warum finden wir also gerade in  diesem Werk, das den Zeitgenossen so besonders revolution\u00e4r erschien,  einen solchen R\u00fcckgriff? Nun, schon die relativierende Tempobezeichnung  macht klar, da\u00df der R\u00fcckgriff nur ein scheinbarer ist. Vom b\u00e4rbei\u00dfigen  Humor der Haydnschen oder der t\u00e4nzerischen Eleganz der Mozartschen  Menuette ist keine Spur mehr zu finden, die Stimmung ist unruhig,  verunsichert, mit j\u00e4hen Stimmungsbr\u00fcchen, die sich auch in der  zerkl\u00fcfteten Dynamik des Satzes widerspiegeln: j\u00e4he Fortissimoschl\u00e4ge  durchzucken das verhaltene Piano, das zwischen nerv\u00f6ser Beklemmung und  scheinbarem Frohsinn irisiert. Nur das Trio entl\u00e4\u00dft uns auf einige Takte  in eine verspielte C-Dur-Rokokowelt \u2013 es tut dies aber mit soviel Witz,  da\u00df der ironische (oder bitter-wehm\u00fctige?) Unterton gar nicht zu  \u00fcberh\u00f6ren ist. <br> <br>Der Beethoven-Liebhaber, der beim Erscheinen der Tonart c-moll sofort an  die Path\u00e9tique und die V. Symphonie denkt, kann im letzten Satz  (Finale. Prestissimo, c-moll) in Assoziationen schwelgen. Ein  \u201etypischerer\u201c Beethoven-Satz l\u00e4\u00dft sich auch wirklich schwer denken. Die  Metamorphose, die das Ausgangsmaterial dieses Satzes durchgemacht hat &#8211;  das Thema erscheint zuerst in einer Skizze zum Menuett des Bl\u00e4seroktetts  op. 103 (1792) &#8211; ist, wie so oft bei Beethoven, von unglaublicher  Radikalit\u00e4t. Der zupackende Elan, die leidenschaftliche Unruhe und das  hymnische Feuer \u2013 alle zentralen Topoi der Beethovenschen Musik sind in  diesem Satz vereint. Die Sonatenhauptsatzform ist hier etwas  regelm\u00e4\u00dfiger, doch um nichts weniger phantasievoll behandelt als im  ersten Satz. Wirklich ersch\u00fctternd ist die ausgedehnte Coda, die alle  Finalerwartungen entt\u00e4uscht: das Thema wird seiner Motorik beraubt,  stockt, f\u00e4llt kraftlos um einen Halbton nach h-moll und m\u00fcndet  schlie\u00dflich in den wie in tiefer Bet\u00e4ubung endlos wiederholten Vorhalt  des-c. Das abschlie\u00dfende C-Dur ist fahl und ersch\u00f6pft \u2013 von  konventioneller Vers\u00f6hnlichkeit findet sich auch nicht die leiseste  Spur. Es gibt in der ganzen Musikliteratur nur ganz wenige Molls\u00e4tze,  die auf so hoffnungslos tragische Weise in Dur schlie\u00dfen, und den  wenigen F\u00e4llen scheint oft gerade dieser paradigmatische Satz Modell  gestanden zu haben (so etwa im Finalsatz des dritten Klavierquartetts,  op. 60, c-moll, von Johannes Brahms).<br> <br>Wie hoch Beethoven selbst dieses Trio sch\u00e4tzte, l\u00e4\u00dft sich daran ersehen,  da\u00df er noch im August 1817 eine &#8211; \u00fcbrigens sehr gelungene &#8211; Bearbeitung  des Werkes f\u00fcr Streichquintett vornahm und diese zwei Jahre sp\u00e4ter als  op.104 ver\u00f6ffentlichen lie\u00df.<br> <\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\">\u00a9 by Claus-Christian Schuster<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ludwig van Beethoven * 16. Dezember 1770\u2020 26. M\u00e4rz 1827 Trio Nr. 3, c-moll, op. 1 Nr. 3 Komponiert: Wien, etwa 1793 Widmung: F\u00fcrst Carl von Lichnowsky (1761-1814) Urauff\u00fchrung: Wien, bei F\u00fcrst Carl von Lichnowsky (Schauflergasse 6), vor dem 19. J\u00e4nner 1794 (wahrscheinlich Ende 1793) Ludwig van Beethoven, Klavier (?) Ignaz Schuppanzigh (1776-1830), Violine (?) 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