{"id":275,"date":"2019-02-12T10:00:57","date_gmt":"2019-02-12T09:00:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www2.altenbergtrio.at\/?p=275"},"modified":"2019-02-12T10:01:03","modified_gmt":"2019-02-12T09:01:03","slug":"aarne-trio-fuer-violine-violoncello-und-klavier-a-moll-op-6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.altenbergtrio.at\/en\/aarne-trio-fuer-violine-violoncello-und-klavier-a-moll-op-6\/","title":{"rendered":"Aarne: Trio f\u00fcr Violine, Violoncello und Klavier (a-moll), op. 6"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Els Aarne<\/h3>\n\n\n\n<p>* 30. M\u00e4rz 1917<br>\u2020 14. Juni 1995<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Trio f\u00fcr Violine, Violoncello und Klavier (a-moll), op. 6<\/h3>\n\n\n\n<table class=\"wp-block-table\"><tbody><tr><td>Komponiert&nbsp;:<\/td><td>Tallinn, 1945\/46<\/td><\/tr><tr><td>Urauff\u00fchrung&nbsp;:<\/td><td>Tallinn, Estnischer Komponistenverband, M\u00e4rz 1946<br>\nEls Aarne (Else Aarmann), Klavier<br>\nHerbert Laan (1907-1988), Violine<br>\nMart Pa\u00ebmurru (Martin Otto, 1908-1972), Violoncello<br>\n<\/td><\/tr><tr><td>Erstausgabe&nbsp;:<\/td><td>Manuskript<\/td><\/tr><\/tbody><\/table>\n\n\n\n<p>Das Klaviertrio op. 6 entstand ein Jahr nach dem Klavierkonzert op. 5\n und diente Els Aarne zusammen mit jenem als Diplomarbeit zum Abschlu\u00df \nihres Kompositionsstudiums. Mit der Pr\u00e4sentation dieser beiden Werke \ngraduierte sie 1946 cum laude. Im Klavierkonzert trat sie bei der \nUrauff\u00fchrung am 8. M\u00e4rz 1946 selbst als Solistin auf (Dirigent: L. \nSaul); das Trio wurde gleich nach seiner ersten Auff\u00fchrung als \n\u201eformalistisch\u201c, \u201ezu modern\u201c und \u201ewestlich\u201c kritisiert und blieb danach \nungedruckt und ungespielt liegen. Anfang der Siebzigerjahre zeigte es \ndie Komponistin einmal ganz nebenbei ihrem Sohn, dem diese Kritik v\u00f6llig\n unverst\u00e4ndlich blieb: Was er da sah, war eine sehr schlichte und \nungek\u00fcnstelte Liebeserkl\u00e4rung an das estnische Volkslied, das im \ngesamten thematischen Material des Werkes allgegenw\u00e4rtig ist, sich aber \nnur im Mittelsatz (\u00fcber das Lied \u201eTarga rehealune\u201c) zu einem echten \nZitat kristallisiert.<br>\n<br>\nDie Sto\u00dfrichtung der ideologisch motivierten Einw\u00e4nde gegen Aarnes \n\u201efolkloristische\u201c Diplomarbeit ist in der Tat nur aus der konkreten \nhistorischen Situation der Entstehungszeit zu begreifen. Obwohl die Rote\n Armee zwischen J\u00e4nner und September 1944 die nationalsozialistischen \nBesatzer vertrieben und Estland zum zweiten Mal okkupiert hatte, war die\n Sowjetmacht n\u00e4mlich durchaus nicht unangefochten, und wie auch in den \nbeiden s\u00fcdlichen baltischen Republiken sollte der Widerstand nahezu ein \nJahrzehnt hindurch ungebrochen bleiben. Liest man die linientreue \nsowjetische Kritik der estnischen Musik dieser ersten Nachkriegsjahre, \nso st\u00f6\u00dft man daher immer wieder auf ein peinliches Lavieren zwischen der\n enthusiastischen Bejahung alles \u201eVolkst\u00fcmlichen\u201c (im Gegensatz zum \n\u201eElit\u00e4ren\u201c) als Ausdruck der Verbundenheit mit den \u201eWerkt\u00e4tigen\u201c und \neinem krankhaften Mi\u00dftrauen gegen\u00fcber \u201enationalistischen\u201c Motiven, \nhinter denen man separatistische und antikommunistische Tendenzen \nvermutete. Der reiche Fundus der estnischen Volksmusik erwies sich in \ndiesem Moment als ein sehr zweischneidiger Schatz: Je nach der \nDisposition des Beurteilers konnte man f\u00fcr die Verwendung estnischer \nVolksweisen gepriesen oder verd\u00e4chtigt werden. Els Aarnes Entscheidung, \ndas folkloristische Ausgangsmaterial ihres Trios in betont schmucklosem,\n linear-polyphonen Gewand darzubieten, brachte sie in einen \u2013 wenn auch \nnicht eklatanten, so doch deutlich vernehmbaren \u2013 Gegensatz zu dem \npathetisch-dekorativen Stil, der den Traditionen der Sankt-Petersburger \nSchule entsprochen h\u00e4tte.<br>\n<br>\nHinzu kommt, da\u00df das volksmusikalische Erbe der Esten und die Diskussion\n um seine Verwendung in der Kunstmusik das unangefochtene Hauptthema der\n estnischen Musikgeschichte sind \u2013 so sehr, da\u00df etwa der (nach langen \nExiljahren in Wien verstorbene) Nestor der estnischen Musikwissenschaft \nElmar Arro (1899-1985) in seiner \u201eGeschichte der estnischen Musik\u201c \n(Tartu 1933) sich ausschlie\u00dflich dem (Volks-)Liedschaffen widmet. Hier \nfindet man auch reiches Belegmaterial f\u00fcr die hitzigen Kontroversen rund\n um Niederschrift, Auswahl und Bearbeitung des estnischen \nVolksmusikschatzes. Lydia Koidulas Vater Johann Woldemar Jannsen, einer \nder Pioniere der estnischen Chormusik, notiert 1857:<br>\n<br>\n<em>\u201eAidu, raidu, traute Br\u00fcder\u201c, \u201eDorfes M\u00e4dchen, jugendsch\u00f6ne\u201c, \u201eGuten \nTag, lieb\u00b4 Schwiegermutter\u201c und anderes \u00c4hnliche bezeichnet man bei uns \nauch als Lieder, doch ist ihnen weder ein rechtes Versma\u00df noch Melodie \neigen, sondern es fehlt ihnen jedweder Sinn. Ein Wort von hier, eines \nvon da, all das zusammengesetzt wie ein geflickter Dudelsack \u2013 und das \nsoll ein Lied sein? Ein Jeglicher gebraucht seine Worte, seine eigene \nMelodie, einer gr\u00f6lt vor, der Andere gackelt nach, oft drei-, viermal \nein einziges Wort \u2013 solcher Art Lieder sind jetzt bei den Schenkent\u00fcren \nund Dorfschaukeln zu h\u00f6ren; aber sie machen die Ohren gellen und \nbewirken wie Rauchdunst Kopfschmerzen.<\/em><br>\n<br>\nDer hier beklagte ruin\u00f6se Zustand war eine Folge der Diskrepanz zwischen\n dem autochthonen estnischen Erbe und den es in vielen Schichten \n\u00fcberlagernden baltendeutschen, russischen und anderen Beimengungen. \nJannsens eigene, 1860\/62 erschienene Liedersammlung ist denn auch kaum \nmehr als eine \u201eBl\u00fctenlese deutscher kleinb\u00fcrgerlicher \nGesangvereinsliteratur\u201c (Elmar Arro). Von hier war es noch ein sehr \nweiter Weg zu bis hin zu den exemplarischen Leistungen der heutigen \nestnischen Volksmusikforschung (nachzuh\u00f6ren und zu \u2013lesen etwa in der \n2003 vom Estnischen Volksmusikarchiv und dem Estnischen Literaturmuseum \nherausgegebenen Anthologie estnischer Volksmusik). Els Aarnes \ndreis\u00e4tziges Jugendwerk ist mit seiner aufrichtigen Suche nach \nunverf\u00e4lschter Frische ein Zeugnis daf\u00fcr, mit welch unbek\u00fcmmerter \nZielstrebigkeit dieser Weg beschritten wurde \u2013 unbeirrt und unber\u00fchrt \nvon den Tendenzen der gleichzeitigen westeurop\u00e4ischen Musik. <br>\nW\u00e4hrend im ersten Satz (<strong>Allegro moderato<\/strong>, a-moll), einem \nmusterg\u00fcltigen Sonatenhauptsatz, dessen Exposition in dem schon vom \nSeitenthema aufgesuchten Es-Dur schlie\u00dft, von spielerischer \nKontrapunktik gepr\u00e4gt ist, wendet sich der Mittelsatz (<strong>Andante<\/strong>, C-Dur) mit seinen charakteristischen neuntaktigen Phrasen der Poesie des schlichten Volksliedes <em>&#8220;Targa rehealune&#8221;<\/em> zu, ohne allerdings dabei auf polyphone Kunstgriffe ganz zu verzichten. Den Kehraus macht ein \u00fcberm\u00fctig t\u00e4nzerisches <strong>Allegro vivace<\/strong>\n (E-Dur), mit dem das Werk kraftvoll und optimistisch endet. (Die \nTonartenbezeichnungen k\u00f6nnen hier, wie sich von selbst versteht, nur \nunter dem Vorbehalt ihrer folkloristisch-modalen Verwendung gebraucht \nwerden.)<br>\n<br>\nDie ungesuchte, bisweilen kindlich anmutende Schlichtheit, mit der hier \nVolksmelodien ausgebreitet werden, l\u00e4\u00dft den Vorwurf des \u201eWestlertums\u201c \nund \u201eModernismus\u201c so absurd erscheinen, da\u00df man auf unangenehmste Weise \nan die Hilf- und Beziehungslosigkeit des Wortes im Umgang mit Musik \nerinnert wird, an welcher Stelle auch der bestgemeinte Einf\u00fchrungstext \nsein Ende finden mu\u00df.<br>\n<br>\n<\/p>\n\n\n\n<p>\u00a9 by Claus-Christian Schuster\ufeff<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Els Aarne * 30. M\u00e4rz 1917\u2020 14. 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